Skizze einer Psychoanalyse mit gemeinschaftsorientierter Perspektive

Lic. Genaro Velarde Bernal
 

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Die psychoanalytische Praxis in ihrer Verbindung mit dem weiten und komplexen Feld der „Gemeinschaftsorientierung“ zu denken, ist heute eine notwendige und unvermeidbare Aufgabe. Sie profitiert davon, dass wir unseren Blick auf Freuds Vorschlag einer für die breite Öffentlichkeit zugänglichen Psychoanalyse, einer Psychoanalyse als Instrument gesellschaftlicher Verständigung und Umwandlung richten: „Wenn die Psychoanalyse neben ihrer wissenschaftlichen Bedeutung  einen Wert als therapeutische Methode besitzt, wenn sie imstande ist, 

leidenden Menschen im Kampf um die Erfüllung der kulturellen 
Forderungen beizustehen, so soll diese Hilfeleistung auch der großen 
Menge jener zuteil werden, die zu arm sind, um den Analytiker für 
seine mühevolle Arbeit selbst zu entlohnen. (GW, Bd. 13, S. 441)

Obwohl Begriffe wie „Gemeinschaft“ und „gemeinschaftsorientiert“ im psychoanalytischen Theoriekorpus nicht verwurzelt sind (was auch auf sozial ausgerichtete Konzepte wie „gesellschaftliche Vulnerabilität“, „gesellschaftliche Exklusion“, „gesellschaftliche Ungleichheit“ usw. zugrifft), kann sich der Umstand, dass wir plötzlich immer häufiger die Formulierung „Psychoanalytiker in der Gemeinschaft“ hören, nur positiv auswirken.


Im Versuch, den Überschneidungsbereich der psychoanalytischen Praxis mit „gemeinschaftsorientiertem Handeln“ [1] abzustecken, erwies es sich für mich als hilfreich, die Bezeichnungen „gemeinschaftsorientierte Psychoanalyse / Psychoanalyse mit gemeinschaftsorientierter Perspektive oder mit gesellschaftlich-gemeinschaftsorientierter Perspektive“ dem Feld unserer Disziplin vorzubehalten (der Praxis und den Interventionen von Psychoanalytikern sowie der Metapsychologie und der Technik, welche sich davon ableiten), wenn sie sich an Subjekten ausrichtet, die in Armut (oder extremer Armut), Ungleichheit und gesellschaftlicher Exklusion leben, an jenen, die in mannigfacher Weise vulnerabel sind, an jenen, die in Bedürftigkeit leben, auf der Straße, und an jenen, deren Lebenssituation als seelische und soziale Notlage bezeichnet werden kann – all dies Wurzeln unerträglichen Leidens und vieler komplexer, psychosozialer Problemlagen, die einen bedeutenden Teil der in unserem Land wohnenden Menschen quälen.

Aber ist es denn notwendig, dass wir von einer Psychoanalyse mit gemeinschaftsorientierter Perspektive sprechen? Wenn der Psychoanalytiker Psychoanalyse betreibt, warum sollte man dies dann nicht einfach Psychoanalyse nennen? 

Die Praxis, die sich im Feld [2] und mit Bevölkerungsgruppen, wie ich sie beschrieben habe, entwickelt, verpflichtet einerseits zu einem spezifischen Zuhören (wie auch in Interventionen bei Jugendlichen, bei psychotischen Menschen, im virtuellen Bereich und mit Gender-Perspektive) und andererseits dazu, dass der Analytiker bestimmte Überlegungen einbezieht, die eine ethisch-therapeutische Orientierung bieten (Velarde Bernal, 2020), welche für jegliche Intervention unter diesen Bedingungen und in sozialen Kontexten von grundlegender Bedeutung ist: 

  1. Die Analyse der Vorannahmen/Vorurteile des Analytikers oder die Analyse des Analytikers als soziales Subjekt (als potentiell stigmatisierendes Subjekt)
  2. Das notwendige, hyperkomplexe [3] Konzept der menschlichen Subjektivität, welches nicht nur biologische, psychische und soziale Dimensionen einschließt, sondern auch Kultur, Wirtschaft, die Stellung innerhalb der Gemeinschaft und die Politik [4]
  3. Die Flexibilität des Behandlungsraums und das analytische Instrument: Es ist möglich, dort psychoanalytische Erfahrung zu erzeugen, wo sich ein analysebereiter Psychoanalytiker mit einem oder mehreren psychisch und gesellschaftlich leidenden Subjekten trifft, die bereit sind, sich in eine Behandlung zu wagen, was im Behandlungszimmer geschehen kann oder auch nicht.
Zusätzlich zu dem oben Gesagten darf der Analytiker, der mit vulnerablen Gruppen und in komplexen, sozialen Kontexten arbeitet, nicht aus den Augen verlieren – daraus leitet sich ein erheblicher Teil der analytischen Positionierung ab –, dass sich seine Intervention in den Kontext eines beständigen Nachdenkens über das Begriffspaar Assistenz/Assistenzialismus einschreiben: Die analytische Praxis ist nur im Bereich der Assistenz fruchtbar, nicht in jenem des Assistenzialismus; dennoch wohnt dem gemeinschaftsorientierten Ansatz diese Spannung inne.

Die Psychoanalyse als gemeinschaftsorientierte Praxis bewahrt voll und ganz ihre Einzigartigkeit: die Arbeit mit der Subjektivität, mit unbewussten Prozessen und den vielfältigen, daraus entstammenden Leiden; den Kompromiss mit der gemeinsamen Konstruktion eines Raumes, in dem sich In-Frage-Stellen, Sprechen, Wunsch und Affekte bewegen, immer auf der Grundlage einer von Vertrauen getragenen Übertragungsbeziehung auf Augenhöhe; die Unterstützung des vollen Respekts für die radikale Einzigartigkeit des Anderen und für seine Rechte.

Ausgehend von unserer Position und mit voller Überzeugung dessen, was sie unserem Instrument bringt, intervenieren wir Psychoanalytiker in Zusammenhängen, in denen wir viele Menschen erreichen, als Agenten, die mit den tiefsten Auswirkungen der Armut in Kontakt treten, mit gesellschaftlicher Exklusion und Marginalität; mit dem Leid, das aus der gewaltsamen, desubjektivierenden Leugnung des Andersseins und des gesellschaftlichen Anderen entsteht, und aus dessen Wirkung auf die Konstituierung von Subjektivitäten, auf die Konstruktion der eigenen subjektivierenden Kreisläufe (Velarde Bernal, 2019), auf die Modalitäten von Bindungen und Lust. Wir intervenieren, indem wir Raum bieten [5] für das Unbehagen, das mit verweigerter Würde, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung einhergeht, die jene Formen des (Über-)Lebens hervorbringen, auf die diese Subjekte zurückgeworfen sind. Raum zu bieten bedeutet dabei auch, dem, was diese Subjekte sagen, ihren Affekten und ihrem seelischen, gesellschaftlichen und körperlichen Unbehagen Wert beizumessen.

Armut, Ungleichheit, gesellschaftliche Exklusion und eine große Anzahl damit verbundener, komplexer, psychosozialer Problemlagen drängen sich als Notsituationen auf, die von Staat, Institutionen und ganz allgemein der Zivilgesellschaft gelöst werden müssen.

Menschen, die im Bereich psychischer Gesundheit tätig sind (ganz besonders Psychoanalytiker) tragen in diesem Bestreben große Verantwortung. Ich denke, unsere Disziplin kommt vom Kurs ab, wenn die Kenntnisse, die sie hervorbringt, nicht der ungeheuren Menge von Personen, die keinen Zugang zu hochqualitativen Dienstleistungen im Bereich der (psychischen) Gesundheit haben und in ihren Rechten in vielfältiger Weise verletzt sind, zur Verfügung gestellt werden.
 
[1] Einige der folgenden Gedanken wurden in einer unveröffentlichten Arbeit entwickelt, die folgenden Titel trägt: „Zu einer Psychoanalyse mi t gemeinschaftsorientierter Perspektive: von der unerlässlichen, psychoanalytischen Intervention in alltagsnahen Bereichen“.
[2] Die territoriale Arbeit ist eine der Säulen jeder Intervention, die sich mit Gemeinschaftsorientierung brüstet; sie setzt voraus, dass eine aktive Position eingenommen und das Instrument den Beteiligten nähergebracht wird.
[3] Diese Vielfalt an Dimensionen erfordert vernetztes Arbeiten: mit Institutionen, Expert_innen und mit Vertreter_innen aus den Stadtvierteln und den Communities. Es ist ein Arbeiten, das verschiedene Bereiche miteinander verbindet: Der Psychoanalytiker vernetzt sich mit anderen.
[4] „Psychische Gesundheit ist nicht denkbar, wenn das Subjekt aus seiner Verfasstheit als politisches Wesen ausgeschlossen ist […]“ (Viñar, 2009, S. 42).
[5] Wie Weigandt et al. (2017) behaupten, bedeutet „Raum zu bieten“, psychoanalytisch gesprochen, zumindest, einen möglichen Wunsch, gefragt zu werden, ins Spiel zu bringen; also ein Angebot.
 
Literatur
Freud, S. (1923) „Vorwort zu Max Eitingon, Bericht über die Berliner psychoanalytische Poliklinik“, in GW, Bd. 13, S. 441.
Velarde Bernal, G. (2019). „El ‘pibe chorro’ y su escena delictiva“, in Psicoanálisis, Bd. 41, Nr. 1 und 2, 2019, S. 191-206.
Velarde Bernal, G. (2020). „¿Psicoanálisis y comunidad o psicoanálisis comunitario? Pensando la intervención psicoanalítica en contextos de vulnerabilidad psicosocial“, in Psicoanálisis Bd. XLII, Nr. 1 und 2, 2020, S. 315-333. 
Viñar, M. (2009). Mundos Adolescentes y vértigo civilizatorio. Montevideo: Ediciones Trilce.
Weigandt, P.; Pavelka, G; La Veccia, M. (2017). „Universidad, psicoanálisis y posicionamiento comunitario“, in Revista El Hormiguero: Psicoanálisis: Infancia/s y Adolescencia/s; Bd. 21, 1, 2017. Erneut abgedruckt im Dezember 2019, auf:
http://revele.uncoma.edu.ar/htdoc/revele/index.php/psicohormiguero/article/view/1960/58362

Aus dem argentinischen Spanisch übersetzt von Susanne Buchner-Sabathy
 

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