Über die Wirksamkeit der Psychoanalyse

Dr. Héctor A. Krakov
 

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Die Überlegung, die den Anstoß zum Schreiben dieser Arbeit gab, war die Frage, die A. Green in der Konferenz nach dem 42. Kongress der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) in Milán formulierte: „Worum geht es?“ (Green, A., 2002).

Damit griff er eine Reflexion Lacans auf, die dieser am Ende seines Werkes, im Seminar 24 (Lacan, J., 1977), formuliert hatte: „Ich möchte noch darüber nachdenken, wie die Psychoanalyse funktioniert. Wie bildet sie eine Praxis heraus, die bisweilen sogar wirksam ist?“ 

Sicher ist jedoch, dass die Frage der klinischen Wirksamkeit der Psychoanalyse bereits Freud selbst in einer sehr frühen Phase beschäftigt hat.

In diesem Zusammenhang ist der Satz von Bedeutung, den James Strachey in seiner Einleitung zu Die endliche und die unendliche Analyse zitiert und den Freud im 133. Brief seines Briefwechsels an Wilhelm Fließ schrieb (Freud, S., 1950 [1895])[1]: „Der asymptotische Abschluß der Kur, mir im Wesen gleichgiltig, ist immerhin eine Enttäuschung mehr für die Außenstehenden.“ 

Diese Position in Hinblick auf die psychoanalytische Kur brachte Freud auch in Arbeiten über die Technik und in den letzten Schriften seines Werks zum Ausdruck, wo er wiederholt eine gewisse Skepsis über die klinische Wirksamkeit der Psychoanalyse anklingen ließ. 

In Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten (Freud, S., 1914) formulierte er es beispielsweise so:

Der Arzt hat dabei nichts anderes zu tun, als zuzuwarten und einen Ablauf zuzulassen, der nicht vermieden, auch nicht immer beschleunigt werden kann. […]Dieses Durcharbeiten der Widerstände mag in der Praxis zu einer beschwerlichen Aufgabe für den Analysierten und zu einer Geduldsprobe für den Arzt werden. (In der spanischen Ausgabe des Werks S. 157, in GW X: S. 135f.; die Unterstreichungen stammen von H. Krakov.)

Nachdem ich diese kurze Zusammenfassung von Freuds Position in Hinblick auf die analytische Behandlung präsentiert habe, ist es mir wichtig darauf hinzuweisen, dass die Fragestellung auch heute noch ohne Antwort ist.

Weiterhin bin ich der Ansicht, dass es zum jetzigen Stand der Problemstellung und mit den zitierten Autoren - einschließlich Freud - keine einfache Aufgabe ist, eine „mögliche Antwort“ auf diese Fragestellung zu geben. Dies zu versuchen setzt großen Mut voraus, wozu ich bereit bin. 

Im Prinzip schlage ich - im Unterschied zu dem in Freuds und Lacans Theorien verwurzelten, mit dem Sexualtrieb verbundenen Konzept des Unbewussten - einen anderen Begriff vor, den ich „unbewusstes Subjekt“ nenne. Ich behaupte, dass in uns ein „im Werden begriffenes Subjekt“ wohnt, das in seiner Entfaltung behindert wird. Ich betrachte es als Spaltung der psychischen Persönlichkeit, im Sinne von Freuds Konzept der Spaltung und auch von Winnicotts Konzept des wahren Selbst.

So, wie ich es in der zweiten Hälfte der Online-Schriftenserie „Mismidad y otredad“ (Krakov, H. 2005) erläuterte, schließt unsere geistige Welt nicht nur - wie es die allgemeine psychoanalytische Theorie vorschlägt - Objekte ein, sondern die Anderen schreiben sich, in Erweiterung der klassischen Metapsychologie, auch als Andere ins Seelenleben ein. So gesehen wird der Inhalt des Geistigen auch von Szenen geformt, in welchen das Subjekt und die Anderen natürliche Bewohner und eigenständige Protagonisten des Psychischen sind.

Das unbewusste Subjekt ist immer aktiv und neigt dazu, sich in den zwischenmenschlichen Beziehungen anzusiedeln. Wenn ein Patient eine Analyse beginnt, wird sich das unbewusste Subjekt im „analytischen Prozess“ vergegenwärtigen, aus dem heraus es mit dem, was es in den Sitzungen sagt und tut, zu uns „sprechen“ wird. Dies wird nicht in statischer, sondern in dynamischer Form geschehen, im Stil eines Karussells. Ich nehme an, dass die Psychoanalyse genau auf diese Weise „arbeitet“, da sich manchmal in den Vorschlägen, welche uns die Patienten machen, eine oder einer der bedeutsamen Anderen, die nicht das eigentliche Subjekt sind, verkörpern. 

Ich denke, dass die seelische Bearbeitung in zwei Phasen erfolgt. Zunächst geschieht sie durch Übertragungshandlungen auf den Analytiker. Und in einer zweiten Phase wird sie dann das in Handlung Umgesetzte neu in reflektierendem Denken erfassen können.

Da die Szenen, die sich in der Übertragung wiederholen, Plot und Figuren haben, wird sich die Vorbedingung für die psychische Veränderung ereignen, wenn die Patienten beim Verkörpern des „Anderen“ uns „an dessen Stelle“ orten. Die psychische Veränderung wird die Auswirkung des Umstands sein, dass sich der Patient in dem Augenblick, in dem sich im Erleben die Wiederholungsszene einstellte, ein unterschiedliches Tun des Analytikers subjektiv aneignen konnte. Die Aneignung dieses „unterschiedlichen Tuns“ wird mit dem damit verbundenen Aufbruch und Wandel ermöglichen, dass sich die Szene auflöst und ihre Gültigkeit einbüßt. Ich bemerke, dass diese Aneignung keine neue Identifikation – diesmal mit dem Analytiker – ist. Unter der Übertragungswirkung geht es darum, dass der Patient sich zunehmend von jenem Ort löst, von dem aus er an der Szene beteiligt war. 

Ich unterstreiche einen wesentlichen Aspekt, der zu bedenken ist. Die Patienten sind nicht in der Lage, einen subjektiven Wandel selbständig herbeizuführen. Das „Tun des Anderen“ besitzt fundamentalen Wert, um die Wiederholung außer Kraft zu setzen und den subjektiven Wandel zu befördern. 

Abschließend postuliere ich, dass der psychische Wandel mittels eines bestimmten „Tuns“ des Analytikers in der Übertragung realisiert werden wird. Und dass der Patient in der Lage sein muss, sich dieses unterschiedliche Handeln anzueignen, das „im Wesentlichen im Dienste des subjektiven Wandels“ steht.

Ich bin überzeugt, dass es genau darum geht!

 
[1]Das deutsche Zitat wurde entnommen aus: Sigmund Freud, Aus den Anfängen der Psychoanalyse. BRIEFE AN WILHELM FLIESS, ABHANDLUNGEN UND NOTIZEN AUS DEN JAHREN 1887-1902. 1962, Fischer: Frankfurt a. Main.

Literatur
Freud, S. (1950 [1892-99]), Fragmentos de la correspondencia con Fliess. (1950 [1892-99]) Obras Completas, Volumen I. Buenos Aires: Amorrortu editores. 
-- (1914), Recordar, repetir y reelaborar. Obras Completas, Volumen XII.  Buenos Aires: Amorrortu editores. [Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten. Weitere Ratschläge zur Technik der Psychoanalyse II. GW X, 126-136].
-- (1937), Análisis terminable e interminable (1937). Obras Completas, Volumen XXIII.  Buenos Aires: Amorrortu editores. [Die endliche und die unendliche Analyse. GW XVI, 59-99].
Green, A. (2002), ¿De qué se trata? Revista de Psicoanálisis. Tomo LIX. N°2. 2002. Buenos Aires
-- (2007), 'Repetition compulsion and the pleasure principle'. Special lecture for the IPA Congress. (2007). Berlín.
Krakov, H. Mismidad y Otredad. Categorías teóricas de una metapsicología ampliada. Secuencia gráfica on line. (www.hectorkrakov.com)
-- (2018), ¿De qué se trata? Una respuesta posible. Buenos Aires: Waldhuter editores. Buenos Aires.
Lacan, J. (1977), Hacia un significante nuevo. Seminario 24. Biblioteca J. Lacan. Clase 13. Buenos Aires.

Übersetzung: Susanne Buchner-Sabathy
 

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