Die Angst vor der Dunkelheit

Shreya Varma
 

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Es fällt nicht leicht, sich mit der Dunkelheit in unseren eigenen Gedanken sowie auch außerhalb von uns anzufreunden. Doch für den Fall, dass es uns gelingt sie anzunehmen und uns ihr vertrauensvoll zu überlassen, könnte sich dies in einem positiven Sinne strukturverändernd auf unsere Psyche auswirken und uns dadurch Zugang zu neuen Erfahrungsmöglichkeiten in unserem Leben gewähren. In dem hier folgenden Diskussionsbeitrag möchte ich diesen Gedanken ausführlicher erläutern und hierfür einige meiner eigenen Erfahrungen heranziehen und sie miteinander in Verbindung bringen.

Obwohl ich mich nie wirklich vor der Nacht und der damit einhergehenden Dunkelheit gefürchtet habe, kommt es an Tagen, an denen ich mich besonders verloren und ängstlich fühle, dennoch hin und wieder vor, dass ich mich in ihrem Spinnennetz verfange und mich dann verzweifelt daraus zu befreien versuche, um den damit verbundenen Schmerz möglichst schnell zu überstehen. Mit der hereinbrechenden nächtlichen Dunkelheit beschleicht mich dann bisweilen ein unheimliches Gefühl der Furcht, was sich anfühlt, als könnte ich in der beängstigenden Dunkelheit nicht länger atmen, beihnahe so, als ob mich dieser sich machtvoll über mich ausbreitende dunkle nächtliche Schatten langsam ersticken wollte. Wenn alle anderen schlafen, dann verbreitet sich eine beklemmende Stille im Raum und dringt in meine Gehörgänge ein, sodass es mir schwer fällt, mich der Nacht und all dem, was sie mit sich bringt, vertrauensvoll zu überlassen.

In einer dieser Nächte legte ich mich schlafen, nur um mich anschließend ruhelos im Bett hin und her zu wälzen, bis ich endlich doch eingeschlafen sein musste und irgendwann aus einem furchteinflößenden Traum aufschreckte:

In meinem Traum befand ich mich in einem Krankenhaus mit blauen Wänden um mich herum und lauter mir vollkommen unbekannten Menschen. Die einzige Person, die ich kannte, war eine Freundin aus meiner Klasse, die ich sehr mochte. All die anderen, mir völlig unbekannten Gesichter befremdeten mich. Inmitten all dieser befremdlichen Gesichter saßen meine Freundin und ich in einer Vorlesung in dem Krankenhaus.

Irgendwie machte mir mein Praktikum im Krankenhaus so überhaupt keinen Spaß, weswegen meine Freundin und ich schließlich den Entschluss fassten, die Vorlesung einfach sausen zu lassen und uns davonzumachen. Danach war nochmals eine weitere Vorlesung anberaumt, die wir dann auch wieder sausen ließen. Und da wurde ich mir im Traum mit einmal gewahr, dass ich ja nun schon zwei Vorlesungen nacheinander geschwänzt hatte, ohne mich auch nur im Geringsten dafür schuldig zu fühlen. Im Traum fühlte es sich dann so an, als würde eine drohende Gefahr über mir schweben. Das Praktikum kam mir so unsäglich schlecht und dürftig vor, dass es mir schlichtweg egal war, dass wir eine Vorlesung nach der anderen sausen ließen und verpassten.

In jener Nacht erwachte ich mit eben diesem Gedanken in meinem Kopf und zudem war alles so derart dunkel und furchterregend um mich herum, dass ich unversehens von dem unabweislichen Gefühl ergriffen wurde, dass dicht hinter mir jemand steht und mir weh tun will. Ich versuchte mich umzuschauen, doch ich vermochte nichts zu sehen. Ich konnte einfach nicht still sitzen und mit einmal fiel mir das Atmen immer schwerer, sodass ich das Licht anzumachen versuchte. Und dennoch - auch als das Licht schließlich an war - hatte ich das unabweisliche Gefühl, dass sich irgend etwas, das mir gefährlich werden könnte, unter meinem Bett und hinter meinem Rücken befindet. Aber ich konnte mich einfach nicht von der Stelle rühren.

Ich nahm allen Mut zusammen und durchquerte schließlich den Raum, um nach dem erstbesten Buch aus meinem Bücherregal zu greifen, welches mir in den Sinn kam. Und während ich noch schwer atmete und hyperventilierte, nahm ich zum ersten Mal Thomas Ogdens ‘The Primitive Edge of Experience’ in die Hand und öffnete den Band auf der Seite mit dem Kapitel ‘The Schizoid Position’, dem folgendes Motto von T. S. Eliot vorangestellt ist:

… oder Musik, die so innig gehört wird, / dass du sie nicht mehr hörst, weil du selbst die Musik bist, / solange sie forttönt ... 

T. S. Eliot 

Ich las diese Zeilen, und wenngleich sie mich seltsamerweise unmittelbar ansprachen, wäre ich dennoch nicht in der Lage gewesen zu sagen, was deren tiefere Bedeutung war. Ich machte mich sogleich daran, an einige meiner Freunde eine SMS-Nachricht zu schreiben, worin ich ihnen etwas von meinem Traum erzählen wollte.

Als ich dann also dabei war, meinen Traum niederzuschreiben, um meinen Freunden davon zu berichten, konnte ich mich einfach nicht des Gefühls erwehren, dass da noch ein Anderer mit mir hier im Zimmer war, der danach trachtete mir zu schaden und weh zu tun. Ich war überzeugt davon, wenn ich meinen Freunden über meine Angst vor diesem Anderen, der mir weh tun wollte, per SMS etwas mitgeteilt hätte, dann hätte dies seine Absicht, mir Schmerz zuzufügen, nur noch verstärkt.

Doch sobald ich die SMS-Textnachricht fertiggeschrieben und abgeschickt hatte, saß ich einfach nur niedergeschlagen da und starrte auf die Textnachricht, woraufhin mir schließlich mit einmal der Gedanke kam, dass es die Ungewissheit und die möglichen bevorstehenden unbekannten Risiken der Zukunft waren, die mir so große Angst einflößten.

Seltsam genug, dass ich - nachdem ich aus diesem furchterregenden Traum erwacht war - wie von ungefähr nach dem Buch mit dem Kapitel über die von Thomas Ogden erörterte ‘schizoide Position’ (1992) gegriffen hatte.
Ogden (1992) erläutert, dass wir uns in der schizoiden Position in einer ganz spezifischen Beziehung mit uns selbst befinden, was einen Zustand darstellt, in dem wir - selbst wenn wir uns an andere zu wenden versuchen - innerlich so sehr mit unserer eigenen Vorstellung von der Welt beschäftigt sind, dass wir tatsächlich unfähig sind, eine unvoreingenommene und objektive Haltung der äußeren Welt gegenüber einzunehmen.

Nancy McWilliams (1994) ist der Auffassung, dass man sich eine schizoide Person als jemanden vorzustellen hat, die sich vollkommen in ihre eigene Vorstellungswelt zurückgezogen hat. Dabei ist das Lustvollste und Aufregendste für einen schizoiden Charakter seine eigene Kreativität. Die Etymologie des Begriffs geht auf das deutsche Wort 'schizien' zurück, was soviel  bedeutet wie 'gespalten'. McWilliams (1994) erläutert, dass die in der Etymologie des Wortes implizierte Spaltung in zwei Bereichen zum Tragen kommt: zum einen zwischen dem Selbst und der äußeren Welt und zum anderern zwischen dem erlebten Selbst und dem Begehren. Diese Spaltung manifestiert sich je nachdem in einem Gefühl der Entfremdung von bestimmten Selbstanteilen oder von bestimmten Aspekten unseres Lebens.

Möglicherweise sind es eben diese schizoiden Räume in uns, die zum Leben erwachen, wenn sich Träume in Alpträume verwandeln, die uns dann angsterfüllt aus dem Schlaf aufschrecken lassen.  

Klein (1946) vertieft diesen Gedanken in ihrer Theorie und macht deutlich, wie in der paranoid-schizoiden Position all die von uns gemachten Erfahrungen in gut und schlecht, schwarz und weiß, Tag und Nacht aufgespalten werden … eine innere Strategie der Polarisierung, die keine neutralen Grauabstufungen zulässt. Aufgrund dieser Polarisierung lässt die Schlechtigkeit der Welt ein unterschwelliges Gefühl von Paranoia in uns entstehen hinsichtlich der Böswilligkeit der Welt, die uns Schaden zuzufügen beabsichtigt.

Demzufolge kann es geschehen, dass unsere insgeheimen Befürchtungen angesichts einer ungewissen Zukunft, uns in Form eines Gespenstes heimsuchen und uns auf Schritt und Tritt verfolgen, um uns - wann immer wir 'Tag' und 'Nacht' voneinander abspalten - in Angst und Schrecken zu versetzen. Der helle, sonnige Tag ist der Gegenpol zur dunklen, geheimnisumwobenenen Nacht, in der wir zu versinken und unterzugehen drohen. In diesen ‘schizoiden Räumen’ werden möglicherweise unsere ureigensten Ängste virulent, wo wir dann nurmehr mit unserer inneren Welt befasst sind, sodass die Welt in ihrer Objektivität sich mehr und mehr unserer Wahrnehmung entzieht.

Als ich in jener Nacht den oben geschilderten Traum träumte – und in einem besonders angsterfüllten Zustand kann mir dies auch heute bisweilen noch passieren - fürchtete ich mich mit einmal vor der Dunkelheit, geradezu so, als ob in dieser Dunkelheit eine Wahrheit unter meinem Bett oder in irgendwelchen dubiosen Ecken lauern würde, die sich meiner gewaltsam bemächtigen und mir den Atem rauben wollte.

Es geschieht in solchen dunklen Räumen, dass wir nicht sehen können, was uns als nächstes erwartet. Und manchmal ist es gerade die Dunkelheit, die uns die Bereitschaft abverlangt, uns den Ungewissheiten vertrauensvoll zu überlassen, wobei wir uns dann notgedrungen auch mit den unbestimmten, nebulösen, schwer fassbaren Grenzen unseres Bewusstseins auseinandersetzen müssen.

Vielleicht ist es ja gerade dies, was wir nicht anzuerkennen in der Lage sind, wenn wir verunsichert und verstört in unserer eigenen inneren Dunkelheit zu versinken drohen. Demzufolge wäre der eigentliche Grund, weswegen wir uns bisweilen vor der Dunkelheit fürchten, darin zu suchen, dass wir unsere inneren Ängste und Konflikte nicht akzeptieren und auf uns nehmen können. Die Furcht vor der Dunkelheit könnte also auch eine Furcht vor der unsicheren Zukunft symbolisieren, die wir nicht auszuhalten in der Lage sind, was wiederum einen angsterregenden Zustand in uns hervorruft, der uns dann alles um uns herum als Bedrohung und Gefahr erscheinen lässt.

In einem für einen indischen Film von Swanand Kirkire komponierten Lied wird eben diese besondere Dunkelheit evoziert, wobei der Liedtext den zaghaften Versuch bekundet, zur Nacht zu sprechen und sich mit ihr anzufreunden. Der Liedttext lautet ungefähr übersetzt etwa folgendermaßen:

... Zu meinem größten Entzücken
uss ich zu der Dunkelheit sprechen ...
Diese Dunkelheit ist verrückt
Sie ist so dicht und begriffsstutzig
Sie sticht mich, sie beißt mich
Aber noch gehört sie mir
In ihrem Schoß
Muss ich meinen Kopf zur Ruhe betten und schlafen
An ihren Schultern
Werde ich verschämt und ängstlich weinen ...

Die trübe verschwommenen Bilder der Nacht bescheren uns eine neue, subtilere und einfühlsamere Sicht auf die Welt. Wenn wir dann den Versuch unternehmen, uns mit dieser Dunkelheit anzufreunden und uns ihr vertrauensvoll zu überlassen, dann kann es vorkommen, dass uns die Dinge mit einmal in einem ganz neuen Licht erscheinen ...  
 
Literatur

Klein, M. (1946). Bemerkungen über einige schizoide Mechanismen. In: M. K. - Gesammelte Schriften/Bd. III: Schriften 1946-1963. Bad-Canstatt: frommann-holzboog, 2000.
McWilliams, N. (1994). Schizoid Personality, in Psychoanalytic Diagnosis: Understanding Personality Structure in the Clinical Process, pp. 185-204, New York: The Guilford Press.
Ogden, T. (1989). Die schizoide Position. In: Th. O. - Frühe Formen des Erlebens. Gießen: Psychosozial, 2006.
 
Aus dem Englischen übersetzt von M.A. Luitgard Feiks und Jürgen Muck.
 

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