Intergenerationelle Transmission von Hoffnung: Die Erbschaft des Traumas angesichts von Covid-19

Galit Atlas
 

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Im Laufe des letzten Monats haben sämtliche meiner Patienten, die Nachfahren in der zweiten oder dritten Generation von Holocaust-Überlebenden sind, vermehrt intensive Träume und eindrückliche Assoziationen mit in die Analyse gebracht, die allesamt auf die ein oder andere Weise auf das von ihrer Familie in der Vergangenheit erlittene Trauma verweisen. Bemerkenswert ist, dass bei meinen Patienten derzeit mehr denn je viele Erinnerungen an die Geschichten ihrer Vorfahren von deren Überleben der traumatischen Katastrophe wach gerufen werden, wobei sich ihnen jetzt vor allem deren Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit sowie die unwiederbringlichen Verluste, die jene zu erleiden hatten, ins Bewusstsein drängen und wovon sie nun im Rahmen der Therapie erzählen, und wobei sich natürlich ein unübersehbarer Zusammenhang mit der aktuellen Krisensituation erkennen lässt.

Doch manchen von uns wird gerade jetzt in der gegenwärtigen Krisensituation auch bewusst, dass ein von den Vorfahren weitervererbtes Trauma nicht unbedingt nur eine psychische Belastung sein muss, sondern unter bestimmten Bedingungen sogar zu einer Inspirations- oder Hilfsquelle werden kann, die der psychischen Weiterentwicklung bzw. Stabilisierung dient.

Unmittelbar nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs begann die Psychoanalyse sich intensiv damit zu beschäftigen, wie und auf welche Weise ein Trauma unbewusst von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird, sozusagen als ein emotionales Erbe. Viele der damaligen Analytiker, die sich ganz besonders dafür interessierten, waren Juden, die zuvor selbst aus Europa geflohen waren. Die Patienten, die sie in analytischer Behandlung hatten, waren zunächst überwiegend Holocaust-Überlebende, und später behandelten sie dann auch die Nachkommen jener Traumaopfer, die als die Kinder der Holocaust-Überlebenden in ihrem Unbewussten deutliche Spuren des Schmerzes ihrer Eltern mit sich herumtrugen.

Es war vor allem Maria Torok, eine in Ungarn geborene Analytikerin, die dann nach Kriegsende nach Paris übersiedelte, und die für ihre Arbeit mit Holocaust-Überlebenden bekannt wurde.  Ausgehend von Ferenczis Traumatheorie entdeckten Maria Torok und Nicholas Abraham, mit dem sie später zusammenarbeitete, das Phänomen der transgenerationellen Transmission von Traumata, woraufhin sie schließlich die Theorie des Phantoms entwickelten und in den psychoanalytischen Diskurs einführten.

Was uns heimsucht ist nicht das Tote und Abgelebte, sondern die Lücken, die die Geheimnisse der Anderen in uns hinterlassen haben’ (p. 171), schrieben Torok und Abraham im Jahr 1978, womit sie auf von Generation zu Generation weitergegebene Familiengeheimnisse sowie unverarbeitete Erfahrungen verwiesen, die häufig weder zur Sprache gebracht noch mit irgend einem Bild assoziiert werden konnten und sich dennoch in unserer Psyche als etwas Bedrohliches festsetzen und dort dauerhaft ihre Wirkung tun. Torok und Abraham haben deutlich gemacht, wie wir das ursprünglich unseren Eltern und Großeltern zugehörige emotionale Material in und mit uns herumtragen und somit die einst von unseren Vorfahren erlittenen Verluste, die sie nie wirklich zum Ausdruck und zur Sprache bringen konnten, immer noch in uns tragen und so quasi unverändert in uns beherbergen. Diese Traumata türmen sich in uns auf und wir spüren sie vage und undeutlich als etwas Bedrohliches, selbst wenn wir bewusst nichts von ihnen wissen. Alte Familiengeheimnisse leben hartnäckig in uns weiter.

Seit Beginn der 1970er Jahre wurden erstmals empirische Untersuchungen über genetische Veränderungen bei Nachkommen von Holocaust-Überlebenden durchgeführt. Diese epigenetische Forschung hat sich zum Ziel gesetzt, die nicht-genetischen Einflüsse und die möglichen Veränderungen der Genexpression bei dieser Zielgruppe zu untersuchen, wobei insbesondere der Frage nachgegangen wurde, ob und wie bestimmte Umwelteinflüsse, und spezifisch traumatische Erfahrungen, einen Prozess der chemischen Veränderung der Gene bei einer Person initiieren und bewirken können, was dann auch, wie man festgestellt hat, auf die nächste Generation weitervererbt wird. Die Forschungsergebnisse lieferten Evidenz dafür, dass gesunde Kinder von Holocaust-Überlebenden, Kriegsveteranen und von denjenigen Eltern, die in der Vergangenheit schwere Traumata erlitten hatten, weitaus häufiger stark belastende PTSD Symptome entwickelten, nachdem sie selbst entweder einer traumatischen Erfahrung ausgesetzt waren, oder aber auch nur dann, wenn sie einen gewaltsamen Zwischenfall mitansehen bzw. miterleben mussten (siehe dazu die Untersuchungen der Icahn School of Medicine at Mount Sinai unter der Leitung von Rachel Yehuda und ihrem Team). 

Aus entwicklungsgeschichtlicher Sicht betrachtet, könnte man diese weitervererbten biologischen Veränderungen nun allerdings nicht nur als ein Indiz für eine traumabedingte körperliche Schädigung auffassen, sondern eben möglicherweise auch als die Voraussetzung für eine in die Zukunft gerichtete, vorausplanende Strategie, um das Überleben der nächsten Generation bestmöglich zu gewährleisten. So ist es durchaus denkbar, dass epigenetische Veränderungen dazu beitragen, die eigenen Kinder auf eine Umwelt vorzubereiten, die derjenigen, in die auch die Eltern hineingeboren wurden, nicht unähnlich ist. Dadurch soll möglicherweise an die nächste Generation auf direktem Wege eine dementsprechende günstigere Überlebensstrategie weitergegeben bzw. weitervererbt werden, um auf die vor ihr liegenden Herausforderungen bestmöglich vorbereitet zu sein.

Da es in der Psychoanalyse im Wesentlichen um die Beschäftigung mit dem Unbewussten geht, ist die Psychoanalyse geradezu prädestiniert dafür, den unbewussten Prozess zu erforschen, wie und auf welche Weise die traumatischen Erfahrungen von einer Generation in die Psyche der nächsten Generation invadieren bzw. sich Zugang verschaffen können (siehe dazu Harris, Klebanoff & Kalb und insbesondere ihre Arbeit über Gespenster [Ghosts]). Die Menschen, die uns nahe stehen und die wir lieben, und die uns auch großgezogen haben, leben in uns weiter; wir erleben und fühlen mit ihnen ihren emotionalen Schmerz, und wir träumen ihre Erinnerungen; implizit wissen und kennen wir auch dasjenige, was uns nicht explizit übermittelt worden ist, und so kann man sagen, dass sich all diese Dinge auf die ein oder andere, wenngleich häufig nicht klar für uns erkennbare Weise, auf unser Leben prägend auswirken. In der Analyse versuchen wir insbesondere diejenigen Selbstanteile zu ergründen, die sich hinter lang gehüteten bzw. tief vergrabenen Familiengeheimnissen verbergen. Übrigens ist es interessant und bedeutsam festzustellen, dass intergenerationelle Traumata bisweilen auch als Ausgangspunkt und Quelle für Resilienz dienen. 

Tatsächlich haben viele Therapeuten die Beobachtung gemacht, dass diejenigen Patienten mit dem zuvor größten Angstpotential mit der gegenwärtigen Krise oftmals besser zurechtkommen können, als diejenigen Patienten, die sich bis dahin noch nie “über den Weltuntergang” irgendwelche Gedanken oder Sorgen gemacht hatten. Die ängstlichen Patienten erleben es offensichtlich eher so, dass die äußere Realität nunmehr ihre innere Realität eingeholt hat. Sie lebten immer schon mit der Angst vor einer möglichen Katastrophe, so dass sie paradoxerweise jetzt, wo der Katastrophenfall eingetreten ist, mit einmal viel weniger Angst verspüren. In ihrem untergründigen Erleben stand die Krise immer schon unmittelbar bevor, und so fällt es diesen Patienten in gewisser Hinsicht offenbar leichter mit der aktuellen Krise zurechtzukommen als, wie zuvor, die nahe bevorstehende Krise permanent befürchten zu müssen.  

Was nun allerdings die intergenerationelle Weitergabe von Trauma betrifft, so gilt es noch weitere zusätzliche Faktoren zu berücksichtigen.

Durch die Identifizierung mit den vorangegangenen Generationen gelingt es uns Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu integrieren, wodurch wohlgemerkt eben nicht nur die Weitergabe von Traumata, sondern auch die Weitergabe der damit in Verbindung stehenden Überlebensstrategien ermöglicht wird. Die Erinnerung an die Vergangenheit wird immer wieder aufs Neue in unseren täglichen Handlungen und in unseren Gefühlen zur Darstellung und zum Ausdruck gebracht. Zum Beispiel stellt für viele Nachfahren von Holocaust-Überlebenden die Tatsache, sich in Quarantäne begeben zu müssen, eine in Szene gesetzte Erinnerung an die dramatischen Erlebnisse ihrer Eltern dar, wo diese einst, um den Holocaust zu überleben, untertauchen und sich versteckt halten mussten. Einige meiner Patienten erzählten mir, wie der Anblick der leeren Regale im Supermarkt ihnen unmittelbar die drastischen Erlebnisse ihrer Vorfahren zu Bewusstsein brachte, und wie sehr sie sich doch offenbar immer noch mit deren Erfahrungen während des Krieges identifizieren, etwa dem Gefühl, sich verzweifelt zu bemühen, um des bloßen Überlebens willen ein kleines bisschen Nahrung zu besorgen. Hierin manifestiert sich meiner Ansicht nach, wie jemand die Geschichte seiner Vorfahren nacherlebt, nur diesmal mit dem entscheidenden Unterschied zu wissen, dass die reale Möglichkeit des Überlebens besteht.  

Die intergenerationelle Transmission erstreckt sich demnach nicht nur auf die Möglichkeit der Weitergabe von Trauma und Verzweiflung, sondern auch auf die mögliche Weitergabe von Resilienz und Hoffnung, zumal doch die bloße Tatsache der Existenz des Patienten der schlagendste Beweis dafür ist, dass seine Familie überlebt hat und dass es immer eine mögliche Zukunft gibt. Und somit verweist die transgenerationelle Transmission in zwei Richtungen: zum einen bietet sie die Möglichkeit der Befreiung von der Vergangenheit, indem diese erinnert und verarbeitet wird; und zum andereren bietet sie durch ein realistisches, vorwärtsgewandtes In-die-Zukunft-Schauen die Chance zur Wiedergutmachung. Durch das Wiedererleben der leidvollen Erfahrungen unserer Vorfahren ist uns also ein Mittel an die Hand gegeben, auf die traumatische Vergangenheit zu rekurrieren, um uns dadurch gleichzeitig davon abzusetzen und uns eine bessere Möglichkeit von Zukunft zu imaginieren. Hiermit bietet sich uns womöglich ein gangbarer Weg, der aus dem Chaos in die Ordnung führt, aus dem Zustand der Hilflosigkeit in einen Zustand der Handlungsfähigkeit, aus der Zerstörung in die Neugestaltung und Wiedergutmachung.

Literatur
Harris, A., Klebanoff, S., & Kalb, M. (Eds.). (2016). Ghosts in the Consulting Room: Echoes of Trauma in Psychoanalysis. London: Routledge.
Harris, A., Klebanoff, S., & Kalb, M. (2017). Demons in the Consulting Room: Echoes of Genocide, Slavery and Extreme Trauma in Psychoanalytic Practice. London: Routledge.
Torok, M. & Abraham, N. (1978). The Shell and the Kernel: Renewals of Psychoanalysis. Chicago: University of Chicago Press. 
Yehuda , R., Schmeidler, J., Wainberg, M., Binder-Brynes, K. & Duvdevani, T. (1998). Vulnerability to posttraumatic stress disorder in adult offspring of holocaust survivors. Amer. J. Psychiat. 155:1163-1171.

Aus dem Englischen übersetzt von M.A. Luitgard Feiks und Jürgen Muck.
 

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