Covid-19 und die Flacherdler

Miguel Calmon du Pin e Almeida
 

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Gegen den Strom all dessen, was uns umgibt, gibt es die, die sogar noch im 21. Jahrhundert glauben, die Erde sei eine flache Scheibe. Das sind die ‘Flacherdler’.
 
Sie weisen die Möglichkeit zurück, sich von abstrakten, digitalen Modellen verleiten zu lassen, weil diese Modelle zeigen, was man mit bloßem Auge nicht sehen kann, weil sie die Betrachter täuschen und dazu bringen können, an was auch immer zu glauben. Wenn das, was man sieht, wie eine flache Oberfläche erscheint, dann ist die Erde eine flache Scheibe.
 
Diese übermäßig vereinfachenden Narrative, welche Wissenschaft und Wissenschaftler ablehnen, bändigen die Komplexität der Welt, die in Zeiten der Unsicherheit zutage tritt, indem sie die eigene Meinung über alles stellen. Sie stützen sich dabei vorrangig auf persönliche Aussagen, die in den sozialen Netzwerken gepostet werden; diese verbreiten sich rasend schnell und behaupten, die umfassende Wahrheit darzustellen, wobei sie jegliche Argumente, die ihnen widersprechen, abwerten.
 
Jedes Element dieses Informationsnetzwerks stützt sich auf ‘fake news’. Doch in ihrem Zusammenspiel erzeugen diese Elemente ein geordnetes Ganzes, das innere Logik besitzt und eine von Gewissheiten gekennzeichnete Weltsicht darstellt. In diesem lügnerischem Ganzen, das einen absoluten Anspruch auf Kohärenz und Gewissheiten erhebt, gibt es weder Raum für Zweifel noch für Nachdenken. Die Akteure glauben, dass sie lediglich eine objektive Wahrheit aufzeigen.
 
Doch dieser Prozess erschöpft sich nicht in der Konstruktion einer Parallelwirklichkeit, er besitzt auch Methode. Seine bibliographische Quelle sind die sozialen Netzwerke.
 
Um nun die Art und Weise zu verstehen, in der Brasilien der vom neuen Corona-Virus hervorgerufenen Pandemie gegenübersteht, werden wir in ein Parallelbrasilien abtauchen müssen, in das Brasilien der Flacherdler. Für sie ist beispielsweise ‘die Gender-Ideologie eine Strategie, die unsere Kinder zu Homosexuellen machen will’[1]. Ein anderes Beispiel: Unser Außenminister sieht in der Ausrufung der Pandemie durch die WHO ‘eine vorgeschützte Maßnahme, die in Wirklichkeit dazu dient, den Kommunismus in der Welt zu verbreiten’[2], weil sie nämlich die Anwendung kollaborativer Praktiken nahelegt. Ebenso werden keinerlei neue Forschungen berücksichtigt, welche von der unterschiedslosen Anwendung von Chloroquin für die Behandlung von Covid-19 abraten. Weil es sich ja nur um eine ‘kleine Grippe’[3] handele – darauf beharren die Flacherdler –, stelle die Anzahl der Pandemie-Sterbefälle keine signifikante Erhöhung im Vergleich zur Anzahl der Sterbefälle der vorangegangenen Jahre dar. Immer noch wird argumentiert, dass eine Erhöhung, wenn es sie denn gäbe, dem Tun jener geschuldet sei, die ‘Kistenvoller Steine begraben’[4], da sie an einer Zunahme der Sterbefälle interessiert seien, um so die Bundesregierung in Misskredit zu bringen und zu stürzen. Nein, die Menschen stürben nicht an Covid-19, ja, sie stürben durchaus an anderen Krankheiten, aber... Ärzte, die die Zahlen angeblich aufblasen wollen, um die Arbeit der derzeitigen Regierung zu untergraben, würden ‘Totenscheine fälschen’[5].
 
Und sicher ist mir eine ironische Bemerkung gestattet: Brasilien wird lediglich aufgrund der Sabotage, die auf eine Destabilisierung der Bundesregierung abzielt, eine wirtschaftliche Krise mit einem heftigen Anstieg der Arbeitslosigkeit erleben. Daher wird der Präsident, eifrig im Dienste seines Amts und bestrebt, das brasilianische Volk zu schützen, nicht müde zu beteuern, dass er sich die Auswirkungen dieser Krise nicht zuschieben lassen wird. Ihm sei zu verdanken, dass das Land nicht stillsteht. Die Strategie des Abstandhaltens, die die WHO für die ganze Welt empfiehlt, sei zu nichts nütze, außer, um seine Regierung zu boykottieren und um eine schwere Wirtschaftskrise zu erzeugen.Da dies so ist, geht der brasilianische Präsident, gegen die Empfehlungen seines eigenen Gesundheitsministeriums, ohne Maske auf die Straße, animiert zu Menschenansammlungen und schüttelt all jenen, die ihm über den Weg laufen, die Hand.
 
Die Tatsache, dass ganz Europa stillstand, dass Nord- und Südamerika stillstanden, ebenso wie ein großer Teil Asiens – nichts davon wird erwähnt. Für die Flacherdler trifft sich die Parallelrealität Brasiliens nicht mit den anderen – ebenso parallelen – Welten.
 
Die Form, in der die Flacherdler auf Nachfragen reagieren, verursacht Verwirrung und Desorientierung. Besessen von Gewissheiten, lassen sie keinen Dialog zu. Für die Flacherdler handelt es sich um einen Krieg. Gegenargumente sind tödliche Waffen, weil es in dem polarisierten Universum, in dem sie leben, nötig ist, zu beweisen, dass es die Welt, von der ihre Gegner behaupten, es gäbe sie, gar nicht gibt. Es geht darum, dass man beweisen muss, dass die, die diese Argumente vorbringen, lügen. Sofort nimmt das ganze Gespräch Züge eines moralischen Streits an, in dem es um Leben und Tod geht.
 
Diese Woche, am 15. Mai, trat der zweite brasilianische Gesundheitsminister während der Pandemie-Monate zurück. Er besetzte seinen Posten 28 Tage lang.Das Motiv: der Präsident Brasiliens glaubt, dass Chloroquin das beste Mittel sei, um gegen Covid-19 vorzubeugen und leichte Krankheitsverläufe zu behandeln, was seiner laienhaften Ansicht nach ausreichen würde, um zu verhindern, dass sich die Pandemie – die er, dies sei nebenbei erwähnt, als ‘kleine Grippe’ bezeichnet – in unserem Land verbreitet. Der damalige Minister, ein ausgebildeter Arzt, weigerte sich, angesichts der jüngsten Forschungen, die der ‘These’ des Präsidenten widersprechen, ein Protokoll zu unterzeichnen, in dem er den unterschiedslosen Gebrauch des Chlorokins freigibt. Aus demselben Grund wurde auch der vorherige Minister abgesetzt.
 
So schreitet das parallele Land voran, das von den Flacherdlern erfunden wurde.
 
Die von der Pandemie ausgelöste Gesundheitskrise hat bereits äußerst schwerwiegende humanitäre, gesellschaftliche und wirtschaftliche Konsequenzen, die der Bevölkerung ungeheure Anstrengungen jeder Art abverlangen, doch fügt diese Situation, in der der gesellschaftliche Zusammenhalt zu zerreißen droht, noch mehr Angst, Unsicherheit und Ungewissheit hinzu zu dem, was von Angst, Unsicherheit und Ungewissheit geprägt ist.
 
Die Psychoanalyse erschütterte die Ordnung der Welt, behauptete sogar, der Mensch sei nicht Herr im eigenen Haus. Etwas vom eigenen inneren Geschehen entgehe dem Bewusstsein und bestimme das gesamte Tun und Fühlen. Freud gab dem 7. Kapitel der Traumdeutung den Titel ‘Zur Psychologie der Traumvorgänge’. Das bedeutet, dass die Traumvorgänge, auch wenn sie sich im Exil einer dem Bewusstsein entzogenen Welt abspielen, eine Psychologie besitzen.

Ein großer Teil des Umsturzes, den die Psychoanalyse ausgelöst hat, verdankt sich dem Umstand, mit einer langen Denktradition zu brechen, welche sich auf die Logik des Nicht-Widersprüchlichen stützt, wonach eine Sache nicht sie selbst und ihr Gegenteil sein kann: entweder sie ist oder sie ist nicht. Heute akzeptieren wir, dass diese Möglichkeit in unseren Träumen zur Wirklichkeit wird.

Aber nur in den Träumen oder in der Verrücktheit…

Wäre es eine Verrücktheit, zu glauben, dass jeder Verständnisprozess diesen Widerspruch zulässt? 
 
Das Hauptproblem, das sich angesichts der Tragik dieser Frage stellt, wird von Edgar Morin in seinem Buch Introdução ao Pensamento Complexo formuliert und (für uns Psychoanalytiker) von André Green in Os desafios da psicanálise na aurora do seculo XXI wieder aufgegriffen. Morin behauptet: ‘Es ist [nötig], sich der Zeitgenössischen Pathologie des Denkens bewusst zu werden’. Ja, der Philosoph besteht in seinem Text sogar darauf, dass ‘die moderne Pathologie des Geistes in der übermäßigen Vereinfachung liegt, die die Komplexität des Realen verbirgt. [...] […] Die Krankheit der Theorie liegt in der Indoktrinierung und im Dogmatismus, welche die Theorie in sich abkapseln und erstarren lassen’. 

Dies ist es, was uns betrifft. Uns Psychoanalytiker. Wenn wir uns die Kraft unserer Theorien bewahren wollen und so der Gefahr einer Erstarrung und Abkapselung unserer Praxis vorbeugen wollen, sind wir beständig aufgerufen, die Psychoanalyse der Psychoanalyse für die Psychoanalyse zu vollbringen.
 
[1] Aussage des Präsidenten am 19. September 2019.
[2] Blog des Ministers am 22. April 2020.
[3] Aussage des Präsidenten am 24. März 2020.
[4] Als ‘fake news’ gebrandmarkt am 30. April 2020.
[5] Als ‘fake news’ gebrandmarkt am 14. Mai 2020.
 

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