Das erste Mal… Erfahrung und Zeitlichkeiten

Bernardo Tanis
 

Sich an eine Sache zu erinnern bedeutet, sie – erst jetzt – zum ersten Mal zu sehen. - Cesare Pavese

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Die Herausgeber der ersten Nummer des E-Journals fordern uns dazu auf, den Gestus der Eröffnung wieder aufzunehmen, rufen dazu auf, den Austausch zwischen Analytikern weltweit zu erneuern und setzen einen Dialog zwischen der psychoanalytischen Gemeinschaft und der Gesellschaft in Gang. Ist dies einfach eine Veröffentlichung mehr auf dem weiten Feld der psychoanalytischen Veröffentlichungen? Vielleicht finden wir beim Literaturkritiker Edward Said (1978) eine mögliche Antwort auf diese Frage. Wir stimmen mit ihm darin überein, dass jeder Beginn eine einzigartige Situation schafft, dass er aber auch eng mit dem Bestehenden, dem Bekannten, dem sprachlichen Erbe verbindet, parallel zu seinem eigenen individuellen und fruchtbaren Abstand. Jeder Anfang ist eine Interaktion zwischen Vertrautem und Neuem. Viele Veränderungen nahmen in den letzten Jahrzehnten Besitz von der Welt und gestalteten das subjektive Sein um; Dimensionen von Zeit und Raum verkürzten sich; ein Schwindel erregender Rhythmus des Wandels setzte ein, dessen Auswirkungen wir gerade erst zu ermessen beginnen: die Zerstückelung von Traditionen, neue Modalitäten von Erfahrung, Bindungen und Affektzuständen, neue Landkarten einer in Veränderung begriffenen politischen Geografie, die Kulturen in den Vordergrund stellt, die bisher von den großen Zentren der Wissensproduktion marginalisiert wurden. Eine neue Zeitschrift – eine Initiative der IPA gemeinsam mit den regionalen Föderationen – gibt der Energie der Psychoanalyse neuen Schwung, indem sie die Unterschiedlichkeit und die Komplexität des psychoanalytischen Tuns in diesen verschiedenen Kontexten kraftvoller in sich zu fassen vermag. Ich möchte hier gern den Philosophen Giorgio Agamben (2004) erwähnen. In seinem Essay Kindheit und Geschichte vertritt er die Ansicht, dass jede Kultur eine bestimmte Zeiterfahrung in sich trägt und dass eine neue Kultur nicht möglich ist ohne Umwandlung dieser Erfahrung. Wenn wir also in einer Epoche leben, in der sich die Zeiterfahrung verändert, dann verändert sich auch in unserer Kultur etwas radikal und als Psychoanalytiker möchten wir wissen, wie psychoanalytische Kultur, klinische Arbeit und Theorienbildung sich wandeln. Vielleicht kann diese unsere neue Publikation das bereits Bestehende mit dem neu Entstehenden verbinden; vielleicht ist dieser Ursprungs- und Gründungsakt Ausdruck dieses Wandels.

Der herausragende israelische Schriftsteller Amos Oz analysiert in der Einleitung zu seinem kleinen, aber faszinierenden Buch So fangen die Geschichten an (1997) zehn Anfänge von Geschichten und Romanen anerkannter Autoren der Weltliteratur: unter anderem Kafka, Gogol, García Márquez, Tschechow und Agnon. Ausgehend von der Vielfalt der Stile und der anregenden und komplexen Erzählstrategien fragt er sich, was eigentlich ein Anfang ist und ob es theoretisch einen Anfang geben kann, der zu jeder beliebigen Geschichte passt. Gibt es nicht immer, ohne Ausnahme, einen versteckten „Beginn vor dem Beginn“? Ein Ereignis vor der Genesis. Die kulturelle Vorstellungswelt ist bevölkert von Mythen, Sagen und Geschichten, die sich alle um den Ursprung drehen: den Ursprung der Welt, den Ursprung der Kultur, den Ursprung des Menschen, den Ursprung der Geschlechter. Die Phantasie rund um Ursprung und Anfänge bezieht sich auf die Handlung, die Menschheit und Kultur begründete, so wie sie Freud in Totem und Tabu und in der Idee der „Urphantasien“ zu beschreiben versuchte. Wie dieser mythische Rückgriff bezeugt, wurde seit den Anfängen der Menschheit die Notwendigkeit empfunden, ein individuelles und kollektives Narrativ rund um das Geheimnis des Ursprungs zu entwickeln. Der Schwindel erregende Fortschritt der Wissenschaft, die Quantentheorie, die Untersuchungen des „Big Bang“ und des Kosmos reichen nicht aus, um die imaginäre und kompromisslose Dimension des subjektiven Seins der Menschen zu besänftigen, die feinfühlige Seele des Dichters, des Künstlers, den kreativen Gestus, der in uns allen wohnt.

Zweifellos spielt das erste Mal immerhin auf eine zeitliche Anordnung an, auf ein Davor und ein Danach, und gehorcht einer Chronologie. Kronos: die kreisförmige Zeit des antiken Griechenland und der jüdisch-christlichen Kultur, die uns von einem mythischen Anfang (Ursprung) und einem Schicksal spricht; mit Beginn der Moderne jedoch verwandelt sich die Zeit in die vom Fortschritt bemessene Zeit, in die Zeit der Maschine, der Uhr, der quantifizierten Arbeit. Wir wissen jedoch, dass dieses zeitliche Register nichts aussagt über das psychische Geschehen, konfrontierte uns Freuds Entdeckung doch mit der Zeitlosigkeit des Unbewussten und mit der Nachträglichkeit. Wer von uns Analytikern hätte noch nie Gelegenheit gehabt, über die Potenz nachzudenken, die in dem Erstgespräch mit einem Analysanden enthalten ist? Ein Fenster, das sich öffnet und durch das wir ein pochendes subjektives Sein erahnen, auch einen Ausdruck von Leiden und Schmerz, einen Kampf von Sexualkräften und Lebenskräften, die in Symptome oder Konfigurationen gepresst sind, welche das Dasein ersticken und unterjochen, ein Fenster, das aber auch wie ein erster Funke eines künftigen Projekts aufleuchtet: es birgt die Hoffnung, dass dieses neue analytische Szenario vielleicht ein Wandlungspotential in sich zu fassen vermag. Das erste Mal verdichtet die Raum-Zeit des Erlebens. Es bildet den Kern einer Ausdehnung, die in vielfältige Richtungen und Dimensionen ausstrahlt und die die Frage stellt nach Wert und Wirkung der Spur, des grundlegenden und begründenden Zeichens. Dies ist die Zeit des Äon, die Zeit der Öffnung für das Unbekannte. In sie fügt sich unauslöschlich der Aufprall des Anderen, der die Möglichkeiten für die Alterität und das Schöpferische öffnet, der aber auch Ursprung von Entfremdung, von masochistischer Unterwerfung unter einen zerstörerischen Narzissmus sein kann.

Wie also diese unterschiedlichen Modalitäten existieren, in deren Rahmen sich Subjekt und Zeit einfügen, so existiert auch eine andere Kategorie des ersten Mals. Wir denken hier an die Übergangsrituale, die in Stammesgesellschaften, in Religionen und in vielen Institutionen einen so hohen Stellenwert besitzen. In gewisser Weise stehen sie außerhalb des Individuums, prägen sich ihm jedoch als symbolische Spuren ein, die das Individuum mit einer Gruppe verbinden, sei es mit einer spezifischen und privaten Gruppe, sei es mit einem größeren Kollektiv. Diese Riten gewannen obwohl sie häufig mit gewissen Prüfungen verbunden waren, die grausame Handlungen mit sich brachten, bei denen das Individuum sich mit sich selbst und mit der Einsamkeit konfrontieren und seine Fähigkeiten erproben musste – immer mehr Symbolwert in der westlichen Welt, ohne jedoch viel von der mit ihnen einhergehenden Gruppenphantasie zu verlieren. Doch im Übergang von den traditionellen Gesellschaften zur modernen und post-modernen Gesellschaft wurde die Verbindung zwischen dem Wert der Erfahrung und dem Kollektiv zerrissen. Der Individualismus überlagerte die kollektive Bedeutung des Übergangsrituals, das damit auf einige Gruppen und/oder spezifische Institutionen beschränkt wurde. Es geht häufig einher mit einer Rückkehr zu konkreteren Formen, in welchen der Symbolwert reduziert wird und die Tat stärker hervortritt eine Tat, die oft die physische Integrität des Individuums oder des als Objekt für die Ausführung des Rituals notwendigen Anderen gefährdet. Ich spreche hier von Gangs, Studentenverbindungen, einigen Unternehmen, bestimmten religiösen Sekten oder radikalen Gruppen.
Auf die unterschiedlichen Zeitdimensionen hinzuweisen, die im ersten Mal enthalten sind, lässt den potentiellen Reichtum, den es in sich birgt, und die vielfältigen Wege, die daraus weiterführen, erkennen. Es gibt eine Unterscheidung, über die unbedingt gesprochen werden muss, und die auf ein anderes Feld von Beziehungen und Bedeutungen, das mit dem ersten Mal in Verbindung steht, anspielt. Es handelt sich, wie wir sehen werden, um den Unterschied zwischen Erlebnis und Erfahrung. Ich behalte diese deutschen Begriffe bei, da sie auf die Freud'sche Verwendung verweisen und auch auf eine treffende Beschreibung Walter Benjamins (1977), die ich für sehr bedeutsam für unser Gebiet halte. Das deutsche Wort „Erfahrung“ enthält den Stamm „fahr“, was eine Anspielung auf ein Überqueren, Reisen, Unterwegssein ist. Bereits die lateinische Wurzel des heute in den romanischen Sprachen verwendeten Wortes für „Erfahrung' enthält den Stamm „per“ = „um“, was auf „Umfang“ anspielt, also etwas, wie man es außerhalb des Umfangs erfährt. Wir befinden uns hier auf dem Gebiet der narrativen Ablagerung auf Basis einer zeiten- und generationenübergreifenden Ansammlung von Traditionen, die in Mythen, Sagen und Sprichwörtern aktualisiert werden und die die Generationen untereinander verbinden. Sie besitzen eine imaginäre Dimension, doch diese dient als Kontext und Stütze für eine symbolische Dimension. Der Begriff „Erlebnis“ jedoch bezieht sich mehr auf den Augenblick, auf das einzigartige, individuelle Erlebnis, das weniger stark mit der menschlichen Gemeinschaft verbunden ist. Wir können den Gegensatz zwischen diesen beiden Dimensionen menschlichen Geschehens betonen, obgleich wir auch Übergänge zwischen ihnen wahrnehmen. Walter Benjamin, einer der schärfsten Denker des vergangenen Jahrhunderts und der Zwischenkriegszeit, bemerkt äußerst hellsichtig den spannungsvollen Gegensatz zwischen ihnen. Er nimmt in der Moderne einen gewissen Verfall der Erzähltradition wahr, einen Rückgang der Möglichkeiten und Orte der Erfahrung in der modernen Gesellschaft. Dies thematisiert er besonders in seiner Untersuchung über den urbanen Wandel (Paris), ein Wandel, der bereits vorwegnahm, was unsere Metropolen mittlerweile geworden sind. Für den neuen Diskurs der Moderne bestätigen sich, wie Benjamin anmerkt, Moderne und Fortschritt als Gegensätze zur als rückständig angesehenen Vergangenheit. So erscheint das Neue als etwas, das den Raum öffnet für das Erlebnis, für das sinnliche und intime Erleben des Einzelnen, der mit der Tradition bricht. Doch dieses Erlebnis des Massenmenschen lässt sich, wie es später Foucault tun wird, immer stärker in Verbindung bringen mit einer Sorge um sich selbst, um den Körper, um die Lust, um Ernährungsformen und individuelles Wohlgefühl, lauter Anliegen, die vom Kollektiv losgelöst sind und den Weg ebnen zur Entfremdung und zu einer Pathologie der Zeit einer Zeit, die von kollektiver Erfahrung entleert wurde, um vom Konsum ausgefüllt zu werden.

Nach dieser kleinen, notwendigen Abschweifung wollen wir nun zum ersten Mal zurückkehren: welchen Platz sollte man ihm in aktueller psychoanalytischer Perspektive in dieser Dialektik von Erlebnis und Erfahrung einräumen? Viele von unseren Analysanden suchen uns, ohne es zu wissen, in der Perspektive des Erlebnisses, sie idealisieren die Begegnung mit dem Analytiker als ein weiteres Werkzeug unserer der Sorge um sich selbst zugewandten Kultur, sie wenden sich vom Kollektiv und damit von den Wandlungsmöglichkeiten ab, die in der Begegnung mit den Mitmenschen liegen. Als ob das erste Mal sich auf flüchtige und kurzlebige Weise eröffnen und erschöpfen würde im Potential des Lebendigen und uns dazu bewegen würde, im Wiederholungszwang ständig nach neuen ersten Malen zu suchen, um die Langeweile (die Traurigkeit) zu lindern, die die existentielle Leere mit Melancholie erfüllt. Als ob jede Sitzung ein Warten auf eine neue Nachricht, ein neues Posting auf Facebook wäre. Auf der anderen Seite besitzt die Analyse das Potential, das Individuum mit seiner Geschichte und mit der Geschichte der Generationen, die ihm vorangegangen sind, mit der Kultur, der es angehört, in Verbindung zu bringen, indem das Feld des Erlebnisses erweitert und neu gedeutet wird und eine kollektive, symbolische Zeit wieder eingesetzt oder neu eingeführt wird, in der das Neue und das Alte nicht einer Logik der Unterwerfung oder der Unterordnung gehorchen, sondern einer kritischen Bewegung. Dies wird sich einer dritten Wahrnehmungsweise der Zeit im Kontext der Analyse verdanken können: Kairos, die rechte Zeit, die Zeit der Neudeutung, einer schwindeligen Zeit, in der aber das subjektive Sein neu geordnet und so der Status geteilter Erfahrung erlangt wird.

Diese Dialektik zwischen den vielfältigen Zeiten, Narrativ und Erfahrung kommt nicht erst im Feld der individuellen Subjektivität vor; sie schließt die historischen Schicksale auf nationaler und internationaler Ebene und auch die Schicksale unserer psychoanalytischen Institutionen ein. Die traumatischen Erlebnisse einer Gesellschaft zu bewältigen ist die notwendige Bedingung dafür, dass das Neue auftauchen kann, da es sonst immer vom Geist der unbegrabenen Vergangenheit heimgesucht werden wird.

Nun nähere ich mich bereits dem Ende dieses kurzen Texts und würde für die Leser gern den großen brasilianischen Schriftsteller João Guimarães Rosa (2001) sprechen lassen. In „Campo geral“ ist eine der markantesten Figuren der kleine Miguilim, der die Bestürzung der Kindheit angesichts der Missgeschicke der Erwachsenenwelt verkörpert, ein Junge auf der Suche nach der Schaffung von Bedeutung. Eines Tages kam ein Herr zu Pferd in Miguilims Heimatort. Als er bemerkte, wieviel Mühe Miguilim das Sehen machte, bot er ihm eine Brille an.
 
Miguilim schaute. Er konnte es einfach nicht fassen! Alles war klar, alles war neu und schön und anders, die Dinge, die Bäume, die Gesichter der Menschen. Er sah die Sandkörnchen, die Erdkruste, die Kieselsteine... Hier, dort, mein Gott, so vieles, alles... (S. 149)
 
Ein Augenblick der Eröffnung, der symbolisch die Tore zu einer neuen Welt aufschließt. Das kurzsichtige Kind, Metapher für eine eingeschränkte Wahrnehmung, entdeckt eine neue Wirklichkeit, wie beim Übergang von der Kindheit zur Adoleszenz; unendliche Perspektiven eröffnen sich und prägen den Verlauf seines weiteren Lebens. Wie Freud halb im Scherz seinem Freund Fließ schreibt: „Hier wurde Dr. Sigmund Freud am 24. Juli 1895 das Geheimnis der Träume enthüllt.“

Wir alle sind Miguilim, wir alle sind Sigmund, wir alle sind diejenigen, die nach einer Gelegenheit für ein erstes Mal suchen, in dem uns etwas enthüllt wird, um so die Gelegenheit zu haben, uns neue Wege zu bahnen. Die Psychoanalyse befindet sich heute an einem Scheideweg; Wir müssen uns entscheiden, ob wir kurzsichtige Analytiker bleiben oder uns zum schöpferischen Gestus und zu Freuds Kühnheit bekennen wollen: ausprobieren, neue Gefilde durchqueren, auf den unbekannten Wegen kulturellen und sozialen Wandels reisen und uns dann wer weiß wie der kleine Miguilim und unser Gründungsvater beim Anblick des Neuen von lustvoller Bestürzung erfassen lassen. Ich wünsche mir, dass das neue E-Journal die Flamme des Gründungsgestus nähren wird!
 
 
Bibliografie
 Agamben, Giorgio (2004), Kindheit und Geschichte. Zerstörung der Erfahrung und Ursprung der Geschichte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2004.
Benjamin, Walter (1977): „Erfahrung und Armut“ (1933) und „Der Erzähler" (1936), in: Benjamin, Walter (1972–1999), Gesammelte Schriften. Hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser (in 17 Bänden), Suhrkamp, Frankfurt am Main 1972–1999, S. 213 – 218 und S. 438 464.
Oz, Amos (1997), So fangen die Geschichten an. Suhrkamp, Frankfurt am Main.
Rosa, João Guimarães (2001). Campo geral. In. J. G. Rosa, Manuelzão e Miguilim (S. 27-152). Rio de Janeiro: Nova Fronteira
 Said, Edward (1978). Beginnings:  intention and method. Baltimore; London: Johns Hopkins University Press.
 
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Bernardo Tanis
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