Die Relevanz von Rassismus in der psychoanalytischen Ausbildung

Dionne R. Powell, M.D.
 

Wie die amerikanische Psychoanalyse ihre Haltung und ihren Umgang mit rassistischen. Traumata, Diskriminierung und Vorurteilen überprüfen muss.

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Rassistisches Trauma, Diskriminierung und Vorurteile sind nicht zuletzt auch auf das Schweigen all derjenigen Weißen angewiesen, die von sich behaupten liberal zu sein, weil sie nämlich mit ihrem Schweigen jenen in die Hände arbeiten, die sich ganz offen und explizit zu Rassismus und Rassendiskriminierung bekennen. Dieses Schweigen ist eine zwingende Voraussetzung dafür, dass der Rassismus unsere Gesellschaft immer noch so fest und unerschütterlich im Würgegriff hält. Nicht anders verhält es sich mit der dissoziativen Verharmlosung des Rassentraumas. Im Hinblick auf die psychoanalytische Ausbildung, die ich in diesem Aufsatz eingehender erörtern werde, möchte ich mich gleich zu Beginn dafür aussprechen, dass wir uns an dem, uns von John Lewis vorgelebten, „Good Trouble“ ein Beispiel nehmen und mithilfe der uns als Analytiker zur Verfügung stehenden  psychodynamischen Methode den Mut zur Überwindung des Widerstands gegen Veränderung aufbringen sollten. Das heißt, wann immer sich während eines psychotherapeutischen Dialogs Themen wie Rasse und Rassismus in den Vordergrund drängen, sollten wir uns dazu aufgerufen fühlen, den anfänglichen Widerstand zu überwinden und über Fragen wie Rassenvorurteile, Rasse und Rassismus offen und widerstandlos zu sprechen. Allein die Tatsache sich bereit zu erklären, an einer öffentlichen Diskussion über Vorurteile und Diskriminierung teilzunehmen, wirkt sich in gewisser Weise konterkarierend auf die Perpetuierung des Rassentraumas aus – ebenso wie das Reflektieren und Sprechen über andere Formen von Traumata, da dies einen Anstoß dazu geben könnte, den festzementierten seelischen Raum, den ein solches Trauma bislang für sich in Anspruch genommen hat, brüchig werden zu lassen und allmählich zum Zerbröckeln zu bringen.  

Nun stellt sich die Frage: Steht die Psychoanalyse derzeit im Begriff, an ihrer „whiteness“ zugrunde zu gehen, anders ausgedrückt, an ihrem Widerstand, sich der gesamten vielgestaltigen Gesellschaft mit ihrer multikulturellen Vielfalt bereitwillig anzunehmen, was für die nächste Generation von Analytikern eher ein Grund dafür wäre, sich von der Psychoanalyse ab- anstatt sich ihr zuzuwenden (Metzl, 2019)? Ob nun im Fall von Rassenzughörigkeit, Religion, Gender, Sexualitäten, Klassenzugehörigkeit oder Behindertendiskriminierung – es ist generell zu konstatieren, dass die amerikanische Psychoanalyse ihrem Auftrag nicht gerecht geworden ist, für die Gesamtheit der Gesellschaft repräsentativ zu sein, und zwar sowohl, was die Forschung anbelangt als auch die Ausbildung des psychoanalytischen Nachwuchses, der künftig in der Klinik tätig sein wird.

Die im letzen Jahr um sich greifende Pandemie von Rassismus und Covid-19 hat die empörten Rufe nach sozialer Gerechtigkeit schlagartig lauter werden lassen. Während Menschen mit schwarzer und brauner Hautfarbe von einem unsichtbaren Virus in exponentiell steigender Anzahl dahingerafft wurden, wurden sie gleichzeitig auch noch öffentlich erschossen, getötet oder mit Knien auf Nacken und Hals erstickt/gelyncht. Nun versucht eine Rekordzahl von farbigen und schwarzen Menschen schon seit geraumer Zeit verzweifelt psychologische Behandlung zu erhalten. Doch wie im Fall von Covid-19, so sind wir als praktizierende Psychoanalytiker derzeit auch nicht auf die sich uns hier stellenden Herausforderungen vorbereitet. Denn wir haben uns als Analytiker nun schon zu lange in einer Art von Isolation fern von der Wirklichkeit der Gesellschaft eingerichtet, sodass wir jetzt nicht fähig sind, der sozio-kulturellen Diversität furchtlos und unvoreingenommen ins Auge zu blicken und die mit der Übermacht von „whiteness“ einhergehenden Herausforderungen offensiv anzugehen (Powell 2018) [1].

Sklaverei, Rassenunterschiede und Rassendiskriminierung haben unauslöschliche Spuren im kollektiven Unbewussten der Amerikaner hinterlassen, das nunmehr fortan auf der Suche nach einer narrativen Plattform ist, um die Forderung nach Rassenhierarchie und rassischer Überlegenheit immer wieder aufs Neue geltend zu machen. Dies manifestiert sich auch im psychoanalytischen Setting, obschon diese Tatsache zumeist verleugnet und verharmlost wird - und zwar unabhängig davon, aus welchen Individuen hinsichtlich ethnischer und kultureller Herkunft das analytische Paar sich zusammensetzt. Für den praktizierenden Psychoanalytiker ist es von entscheidender Bedeutung zu verstehen, auf welche Weise „Rassenunterschiede“ in seinem Denken und Bewusstsein konnotiert sind, um davon ausgehend die bestmöglichen Voraussetzungen für seine Tätigkeit als Kliniker, Supervisor und Lehrender im Rahmen der psychoanalytischen Ausbildung zu schaffen.

Rassenunterschiede werden oftmals während der Entwicklung in der Kindheit als ein traumatisierender und verstörender Augenblick im Bewusstsein registriert. Zur Verdeutlichung möchte ich exemplarisch eine aus der Kindheit stammende Begebenheit einer jüngeren Kollegin schildern, wozu sie mir freundlicherweise die Erlaubnis erteilt hat:

Anlässlich eines Besuchs bei ihrer geliebten Großmutter in Georgia, was für meine damals sechsjährige spätere Kollegin so etwas wie eine lange zuvor herbeigesehnte alljährliche Wallfahrt gemeinsam mit ihrer Mutter war, machte sie auf dem Fußweg zu ihrer Großmutter erstaunt die Beobachtung, dass die ihnen entgegenkommenden Menschen vom Gehsteig herunter und zur Seite traten, um ihnen Platz zu machen. Als sie von ihrer Mutter wissen wollte, weswegen die Leute das taten, brachte diese sie beschämt zum Schweigen. Als sie zuhause angekommen waren, sagte die Mutter sichtlich verzweifelt: „Es war eine schreckliche, schreckliche Sache, diese sogenannte Sklaverei“. Meine zukünfige Kollegin, die weiß ist, war vollkommen irritiert und verstört. Sie wurde dann einfach sich selbst überlassen und musste sich auf dieses für sie furchteinflößende Vorkommnis selbst einen Reim machen, ohne dass ihr dabei durch irgendwelche erklärenden oder sonstwie beruhigenden Worte geholfen worden wäre. Als sie in späteren Jahren weitere rassistische Vorfälle ganz im Stillen für sich registrierte, legte sie sich das Ganze folgendermaßen zurecht: „Da weiße Menschen den schwarzen Menschen einst diese schreckliche Sache angetan hatten, müssen diese die weißen Menschen dafür hassen – weswegen nun auch sie selbst sich vor den Schwarzen in Acht nehmen und Angst haben muss.“

Dies ist ein Beispiel dafür, wie rassenbezogene und ethnisch-kulturelle Stereotypisierungen entstehen und von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden. Wen wir fürchten und aus welchen Gründen wir fürchten – dies prägt sich uns bereits in einem frühen Lebensalter durch das spezifische Verhalten unserer Fürsorgepersonen tief und nachhaltig in unser Bewusstsein ein - und eben üblicherweise nicht durch eine selbst gemachte negative Erfahrung mit dem Anderen. Insofern ist es durchaus menschlich, als primäre Form des Selbstschutzes gewisse Voreingenommenheiten zu entwickeln, selbst wenn das, was man schützt, letztlich nichts anderes als Gespenster und Illusionen sein mögen. Sandler beschreibt, wie das kleine Kind sich einen intrapsychischen Hintergrund von Sicherheit aufbaut, beruhend auf den frühesten Interaktionen mit den Fürsorgepersonen - was es dem Kind allererst möglich macht, eine Selbstidentität herauszubilden, aber auch die Objektrepräsentationen, die dann im Laufe ihres weiteren Entstehungsprozesses in ständiger Wechselwirkung mit den affektiven Erfahrungen stehen, um sich immer wieder neu daran zu orientieren und gegebenenfalls anzupassen. (Sandler, 1960; Sandler & Rosenblatt, 1962). Auch in Amerika ist es so, dass die Vorstellung von Rasse im Denken und Bewusstsein entsteht. Wenn man sich etwa kleine Kinder anschaut, wie sie arglos miteinander spielen, ungeachtet von Rassenzugehörigkeit oder Religion, nur um dann in späteren Jahren immer mehr zu Fremden zu werden, bis sie schließlich irgendwann nicht mehr anders können, als einander bei jeder Begegnung zu fürchten und falsch zu verstehen. Somit ist ein rassenbezogener Sicherheitstonus gewissermaßen ein Nebenprodukt des Aufwachsens in einer rassistischen Gesellschaft. Rassismus und andere Formen von Vorurteil und Diskriminierung haben allesamt die Merkmale von dem, was wir als psychische Abwehrstrategienbezeichnen: die Verzerrung von Erfahrung, um sich vor mentaler oder emotionaler Bedrohung zu schützen, wobei dann die Wirklichkeit der Erfahrung so verbogen wird, dass sie dem entspricht, was erträglich und aushaltbar erscheint.

Eine alternative Möglichkeit, sich dem Rasssenkonflikt gedanklich anzunähern, wird uns von der Dichterin Claudia Rankine angeboten, die es folgendermaßen auf den Punkt gebracht hat: „Das Schwarzsein in der Vorstellungswelt der Weißen ist in Wahrheit grundverschieden von der Wirklichkeit schwarzer Menschen“(Kellaway, 2015). Bei genauerer Analyse wird nämlich deutlich, dass es sich dabei lediglich um eine intrapsychische Fiktion bzw. Erfindung weißer Menschen handelt. Die empirische Kluft zu schließen zwischen dem, was der weiße Kliniker sich vorstellt, und der tatsächlichen Erfahrungswirklichkeit der betreffenden schwarzen Person, die in die therapeutische Behandlung kommt, dies sollte das vorrangige Anliegen eines jeden Klinikers und einer jeden Ausbildungseinrichtung sein. Worin nämlich die Spuren und Verwerfungen der Vergangenheit der Sklaverei und des institutionalisierten Rassismus' vor allem auch evident werden, ist der Irrglaube, dass sich schwarze Menschen viel zu sehr mit den alltäglichen Belangen herumschlagen müssten, als dass sie dann noch zu psychischen Einsichten fähig sein könnten, weswegen sie folglich für die auf psychodynamischen Prozessen beruhenden Behandlungsmethoden prinzipiell ungeeignet seien.

Was den Ausbildungskandidaten während ihrer Ausbildung vermittelt und beigebracht wird und wie sie in ihrer Arbeit mit Patienten supervisiert werden, das sind zwei entscheidende Faktoren, die für die weitere Entwicklung der künftigen Psychoanalytiker und Psychotherapeuten richtungweisend sein werden. Es steht außer Frage, dass die in der unmittelbaren Begegnung mit dem Patienten gemachten Erfahrungen uns als Kliniker prägen, und dennoch darf dabei nicht außer Acht gelassen werden, dass das, was wir dann tatsächlich aus dieser Erfahrung lernen, in beträchtlichem Maße auch von unserer spezifischen pädagogischen Konzeption abhängig ist, die wiederum zutiefst auf unserer biopsychosozialen Orientierung beruht. Daher sollte nichts, was den Patienten betrifft, einfach stillschweigend übergangen oder ausgeklammert werden. Insofern muss die rassische und ethnische Zugehörigkeit des Patienten stets mitbedacht und mitberücksichtigt werden, um wirklich zu verstehen, aus welchen Einflussfaktoren sich das Selbst des betreffenden Patienten zusammensetzt. Mein Hauptanliegen besteht darin, die hegemonialen Vorstellungen und Ideen von „whiteness“ in Frage zu stellen und damit einhergehend gleichzeitig eben auch unser bisheriges Verständnis vom „Anderen“, um endlich von der auf der Theorie von der Überlegenheit einer einzigen Gruppe von Menschen, d.h. der Weißen, beruhenden unbewussten Vorstellungsweise abzurücken, bei der alles andere, was es auch noch gibt, als „anders“ oder stillschweigend inbegriffen, oder aber als zweitrangig und untergeordnet angesehen wird. Diese subtilen unbewussten, internalisierten Tendenzen von „whiteness“, wie sie immer noch typisch und geradezu mustergülting sind für unser der Psychoanalyse zugrundeliegendes Arbeitsmodell, wirkt sich besonders nachteilig auf die farbigen Ausbildungskandidaten aus, obschon wohlgemerkt nicht ausschließlich auf sie. Sämtliche für die psychoanalytische Ausbildung verantwortlichen Fakultätsmitglieder, d.h. Supervisoren sowie Dozierende, sollten sich zunächst selbst mit ihrer eigenen unbewussten Vorliebe für einen „weißen“ kulturellen Monolithen auseinandersetzen. Außerdem sollten sie sich ein reales Bild davon machen, wie sich die multi-kulturelle Gesellschaft von heute auf die zeitgenössische psychotherapeutische Praxis verändernd auswirkt, nicht zuletzt deswegen, um wirklich motiviert zu sein, ihre eigenen verinnerlichten rassistisch-diskriminierenden Voreingenommenheiten, d.h. ihren „inneren Rassisten“ aktiv und nicht defensiv zu hinterfragen und zu überdenken, damit ihre therapeutischen Bemühungen nicht länger unbemerkt davon unterminiert und sabotiert werden (Davids, 2011; Keval, 2016; DiAngelo, 2018; Blechner, 2020).

Als Psychoanalytiker und Psychotherapeuten interessieren wir uns natürlich ganz besonders für die kulturellen und ethnischen Eckdaten einer Person, da diese sich auf die Entwicklung des Selbst zutiefst prägend auswirken, aber auch darauf, womit diese Person später als potentieller Patient in einer therapeutischen Behandlung in erster Linie zu kämpfen haben wird – eine Gegebenheit, die im analytischen Dialog entsprechend berücksichtigt werden muss. Deswegen ist es so wichtig, dass sämtliche an der psychoanalytischen Ausbildung beteiligten Lehrkräfte und Supervisoren ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie wesentlich und relevant es ist, Rasse und Ethnizität betreffende Fragestellungen anzusprechen und gemeinsam mit den Ausbildungskandidaten zu diskutieren. Offenheit und eine nicht-defensive, respektvolle Neugierde sind unbedingt erforderlich, da dies den bestmöglichen Nährboden für die Entstehung einer als ausreichend sicher erlebten therapeutischen Arbeitsatmosphäre bietet, wo dann überhaupt erst neue, zuvor ungekannte Lernerfahrungen gemacht werden können  [2]. Zu den im Rahmen des Erstinterviews relevanten Fragen, um den potentiell künftigen Patienten so gut wie möglich kennenzulernen, gehören auch diejenigen Fragen nach der Ethnizität und den spezifischen Identifizierungen des Patienten sowie nach der Gemeinschaft oder Bevölkerungsgruppe, in welcher der Patient aufgewachsen ist und die ihn geprägt hat. Sich ausschließlich mit der elementaren Bestimmung von weiß, schwarz, asiatisch oder Latino zufrieden zu geben, ist in jedem Falle ungenügend.

Die Ausbildungseinrichtungen sollten tatsächlich ernsthaft erwägen, sich Unterstützung von externen Beratern zum Thema Rasse und Ethnizität zu holen, um sämtliche an der Ausbildung beteiligten Fakultätsmitglieder und Supervisoren bestmöglich auf ihre Aufgaben vorzubereiten, und zwar gegebenenfalls in Verbindung mit weiterer externer Unterstützung – wie etwa in Form von Workshops oder aber auch in Form von laufenden Peer Supervisionsgruppen, wo Fallmaterial mit Schwerpunkt Rassenzugehörigkeit und Ethnizität, womöglich ergänzt durch entsprechende Lektüre zu den fraglichen Themen, ausführlich erörtert werden kann. All dies sind zielgerichtete Maßnahmen, die gewährleisten sollen, dass ein der gelebten Multikulturalität unserer Gesellschaft gerechtwerdendes Curriculum bereitgestellt werden kann, welches es den Ausbildungskandidaten sowie den Dozenten und Supervisoren ermöglicht, sich ein vertieftes und erweitertes Wissen darüber anzueignen, welch große Relevanz der intensiven Auseinandersetzung mit Fragen zu Kultur und Ethnizität in der Ausbildung von psychosozialen Fachkräften in Wirklichkeit zukommt.

Das wahrscheinlich größte Hindernis für die meisten von uns Psychoanalytikern und Psychotherapeuten, die wir derzeit versuchen, Aspekte von Rasse und Rassenzugehörigkeit in unsere therapeutische Arbeit miteinzubeziehen, besteht darin, dass wir uns von allem Anfang an so konsequent und wohl auch leidenschaftlich dafür eingesetzt haben, „persönlich gut“ zu sein.  Wir waren somit immer schon darauf aus, Experten der Redekur zu warden - und zwar einerseits wegen unserer eigenen Traumatisierungen und andererseits aus der Motivation heraus, anderen Menschen helfen zu wollen. Nun wird allerdings durch die Beschäftigung mit Fragen von Rasse, Rassismus, Vorurteilen sowie Privilegien dieses von uns angestrebte und so sehr ersehnte Selbstbild geradezu zwangsläufig gefährdet und kompromittiert, was dann wie eine narzisstische Kränkung erlebt wird, weil wir uns eingestehen müssen, dass wir nicht so gut sein können, wie wir es uns einst vorgestellt und erhofft hatten. Bisweilen gibt es Momente, wo wir uns als Analytiker unserer Gegenübertragungsreaktionen ganz besonders gewahr warden - und zwar immer dann, wenn wir Gefahr laufen, uns gemeinsam mit unseren Patienten in einer Art von sexuellem oder aggressivem „Acting in“ zu verlieren, was uns dann vor die Herausforderung stellt, die zugrundeliegenden Ursachen durchzuarbeiten (seien sie intrapsychischen Ursprungs oder eine Projektion etc.). Nun sehen wir uns als Kliniker durch das Nachdenken über Rassenzugehörigkeit und Rassendiskriminierung plötzlich mit vollkommen andersgearteten Herausforderungen konfrontiert (Powell, 2020; Shah, 2020). Wenn es darauf ankommt, unsere eigenen verinnerlichten rassistischen Tendenzen anzuerkennen, dann schrecken wir gewissermaßen automatisch und reflexartig vor diesem Gedanken zurück. Über diese Problematik zu schweigen, wie es größtenteils immer noch innerhalb der Gesellschaft sowie auch innerhalb unserer psychoanalytischen Profession geschieht, verstärkt allerdings nur umso mehr die davon ausgehende toxische Wirkung. Die dramatischen Ereignisse im Jahr 2020 haben die komplizierte und komplexe historische Wirklichkeit Amerikas schlagartig sichtbar werden lassen, sodass sie nunmehr nicht länger verleugnet und ignoriert werden kann. Und dennoch gibt es erstaunlich viele Amerikaner und Institutionen, die diesen Trend aktiv aufzuhalten und umzukehren bestrebt sind, darunter sogar einige der ansonsten am meisten „aufgeklärten und liberal eingestellten akademischen Institutionen“, worauf Michelle Goldberg in ihrer unter dem Titel „The Campaign to Cancel Wokeness“ in der New York Times veröffentlichten Stellungnahme vom 26. Februar 2021 besonders hingewiesen hat.   

Wenn wir es schaffen könnten anzuerkennen, dass der Rassismus in gewisser Hinsicht ähnlichen Gesetzmäßigkeiten folgt wie eine sich rasant ausbreitende Pandemie, dann wäre dies vielleicht ein erster wichtiger Schritt in die Richtung auf eine Heilung bzw. Wiedergutmachung zu. Davon ein Bewusstsein zu entwickeln, ist für uns als Kliniker von besonderer Relevanz, denn in dem Moment, wo wir uns dem Patienten gegenüber als zu entgegenkommend und übermäßig hilfsbereit erleben oder schweigend über diese Probleme hinwegzugehen versucht sind, sollten wir hellhörig warden - ist dies doch ein deutliches Zeichen dafür, dass wir nun bereits selbst zu einem Teil des Problems geworden sind, anstatt therapeutisch zu seiner Lösung beizutragen. Denken wir nur einmal an die „weiße Angst“ vor der „schwarzen Wut“ und stellen uns gleichzeitig vor, dass genau diese Konstellation in der klinischen Situation auftaucht und virulent wird, und wie wir dann vermutlich automatisch darauf reagieren, indem wir eine besänftigende, wenn nicht gar abwiegelnde, jedenfalls allzu entgegenkommende Haltung dem Patienten gegenüber einnehmen, anstatt ihm auf Augenhöhe zu begegnen, darüber zu sprechen und der Frage nachzugehen, was sich hinter dieser schwarzen Wut verbirgt. Dabei zeigt sich dann vermutlich die Angst des Patienten vor neuerlichen Traumatisierungen von entweder ihm nahestehenden Personen oder von ihm selbst – oder auch die Angst davor, dass ihm die Anerkennung verweigert wird, selbst ein vollwertiges Mitglied unserer menschlichen Gemeinschaft zu sein. Schwarze Menschen wollen keine Sonderbehandlung, aber worauf sie tatsächlich heute unbeirrbar bestehen und was sie auch immer unumwundener für sich einfordern, ist gleiches Recht und gleiche Behandlung. Während wir in unserer Funktion als Analytiker dazu aufgerufen sind, eine neutrale Position einzunehmen, so kann man sagen, dass diese notwendige analytische Haltung – wo die entsprechende Distanz aufrecht erhalten wird – dem Analytiker umso leichter gelingt, desto weniger er selbst unbewusst verstrickt ist oder – anders ausgedrückt – selbst dem betreffenden Phänomen zum Opfer gefallen ist. Tatsächlich drängt sich die Frage auf: Sind wir nicht alle als Bürger dieses Landes, für das wir gekämpft und uns eingesetzt haben, dieser Erbschaft des Hasses zum „Opfer“ gefallen? Nun gehört es meiner Auffassung nach zum Rüstzeug eines jeden praktizierenden Psychoanalytikers und Psychotherapeuten, sich empathisch und einfühlsam darum zu bemühen, die spezifischen Erfahrungen unserer Patienten anzunehmen, sie auf sich wirken zu lassen und in sich auszuhalten, um auf diese Weise den Weg für eine ausreichend gute, schlussendlich gelingende therapeutische Behandlung zu ebnen.

Nun können wir uns erhebliche Unannehmlichkeiten einhandeln, wenn wir es wagen, in unserer Politik, an unserem Arbeitsplatz und auch in unserer Funktion als praktizierende Analytiker die „weiße“ Hegemonie in Frage zu stellen, was aber meiner Überzeugung nach der Mühe wert ist, weswegen ich es als „good trouble“ bezeichnen möchte und auch explizit dafür plädiere, den Mut aufbringen, die weiße Hegemonie zu hinterfragen. Ohnehin sollten Analytiker stets interessiert und neugierig bleiben und sich immer wieder selbst hinterfragen: Warum macht uns denn allein schon der Gedanke, unseren verinnerlichten Rassismus anzuerkennen, so große Angst? Gemäß meiner Erfahrung ist Rassismus aufs engste damit verknüpft, wie er einst in der Vergangenheit entstanden ist, was erklärlich macht, weswegen er uns immer auch auf die uns nahestehenden Personen verweist, d.h. darauf, auf welche Weise unsere Eltern daran beteiligt waren, dass sich so etwas wie Rassismus, Rassendiskriminierung, Privilegien und Vorurteile in unserem Land auf diese spezifische Weise etablieren konnte. Aber wir werden eben auch daran erinnert, mit welchen Argumenten unsere Eltern diesen Rassismus, möglicherweise bis heute, rechtfertigen, rationalisieren oder aber verleugnen und ignorieren. Mehr als zwölf Generationen lang lastet die Sklaverei nun schon auf den Afroamerikanern und dem restlichen Amerika, oder um es nun noch mit den Worten der Journalistin und Autorin Isabel Wilkerson zu sagen: „ ... dieses Land wird solange nicht zu einer Einheit finden können, bis es anerkennt, dass es sich hierbei nicht lediglich um ein einzelnes Kapitelin seiner Geschichte handelt, sondern vielmehr um die gesetzliche Grundlage der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Mehr als ein Vierteljahrtausend lang war es die Sklaverei, die dieses Land in ihren Fängen gehalten und geprägt hat.“ (2020, p. 43) Schweigen zu bewahren über das Thema Rasse ist bis heute das unausgesprochene Geheimnis der weißen Community. Und deswegen plädiere ich so leidenschaftlich dafür, dass die „Ich bin kein Rassist“-Haltung heute keine Option mehr sein darf, da sie unsere Defensivität nur umso mehr verstärkt, was natürlich nicht zu einer Konfliktentschärfung beiträgt. Kommen dann noch Scham, Schuld und Demütigung hinzu, so kann sich die Rassenproblematik rasch zu einem regelrechten mentalen Abszess auswachsen, was zwangsläufig zur Folge hat, dass wir alle dadurch beeinträchtigt werden, insbesondere zuzeiten, wenn die ohnehin vorhandenen Spannungen eskalieren oder sich etwa unbemerkt in die Atmosphäre eines psychoanalytischen Instituts einschleichen, ohne dass dies dann bewusst anerkannt würde und somit Maßnahmen zur Wiedergutmachung des angerichteten Schadens unternommen werden könnten. Eine rassistische Gesinnung schadet sowohl dem Rassisten selbst – indem ihm dadurch die Erfahrung der Realitätswahrnehmung verlorengeht - zugunsten eines unrealistischen Phantasiebildes davon, wie die Dinge eigentlich sein sollten; und sie schadet auch demjenigen, welcher der defensiv-destruktiven Phantasie des Rassisten ausgesetzt ist und ihr zum Opfer fällt.

Im Fall von afroamerikanischen Patienten stellt die Anerkennung des historischen Vermächtnisses sowie der aktuell immer noch vorhandenen Provokation durch institutionellen Rassismus, Ungerechtigkeit und Diskriminierung in sämtlichen Lebensbereichen einen wichtigen empathischen Schritt vonseiten des Klinikers dar, um die Folgewirkungen dieser einzigartigen, unvergleichlichen amerikanischen Tragödie abzuschwächen. Wenn man sich also als Therapeut auf diese besondere Weise in „good trouble” begibt, bedeutet dies, sich nicht zu gut dafür zu sein, die latenten Traumata und die Versöhnungsbereitschaft derjenigen Menschen, die als amerikanische Bürger systematisch misshandelt und diskriminiert wurden, anzuerkennen und somit zumindest teilweise mit auf sich zu nehmen. Wenn wir also über so etwas wie Wiedergutmachung oder Heilung nachdenken, dann müssen wir uns unbedingt klar machen, dass es nur durch diese Anerkennung des bislang nie wirklich anerkannten psychischen und physischen Traumas, das den Schwarzen vonseiten der Weißen – bewusst oder unbewusst - zugefügt worden ist, letztendlich möglich sein wird, so etwas wie einen Wiedergutmachungs- und Heilungsprozess in Gang zu setzen.  

Wenn wir uns in kultureller Demut üben angesichts der rassistischen Tendenzen in unserem Handeln und Denken, dann wird es, so bleibt zu hoffen, vielleicht möglich sein, mit einem ausreichenden Maß an Offenheit und Neugierde damit zu beginnen, unsere Institute und Ausbildungseinrichtungen so zu gestalten, dass sich in ihnen die multikulturelle, multiethnische und multirassische Vielfalt und Großartigkeit widerspiegelt, welche unsere Demokratie im Wesentlichen auszeichnet.

Oder um es abschließend noch mit den Worten von James Baldwin von 1962 zu sagen: „Nicht alles, dem wir uns stellen, kann dann auch verändert werden, doch es kann gewiss nichts verändert werden, solange wir uns ihm nicht zu stellen bereit sind.“
 
[1] Die jüngst zu beobachtenden Reaktionen auf den von Donald Moss verfassten Aufsatz „On having Whiteness“, einem von mehreren wichtigen Beiträgen, die im Journal of the American Psychoanalytic Association (April 2021) veröffentlicht wurden, lassen deutlich werden, was für eine disruptive Wirkung Diskussionen über Rassenhass in der Gesellschaft nach sich ziehen können, aber auch innerhalb unserer Berufsorganisationen, und sogar auch in der Psychoanalyse selbst. Als dann der Ruf nach Schweigen laut wurde, aus Furcht vor einer drastischen Verschärfung der Konflikte, kam mir plötzlich Timothy Snyders Buch On Tyranny in den Sinn, das über die hochgradig toxischen Konsequenzen reflektiert, wie sie ein Leben in Schweigen und Angst unweigerlich mit sich bringt.
[2] Während viele Psychotherapeuten auf die Wichtigkeit hinweisen, in der psychotherapeutischen Behandlung einen „sicheren Raum“ zu kreieren, so bin ich persönlich der Auffassung, dass die Erfahrung von psychotherapeutischer Sicherheit im Rahmen der Behandlung letztlich immer nur angestrebt, aber nie gänzlich erreicht werden kann. Die zuverlässigste Art und Weise im Laufe des therapeutischen Prozesses eine immer größere Sicherheit für den Patienten erlebbar zu machen, wird sicherlich nicht dadurch bewirkt, dass der therapeutische Raum explizit als „sicherer“ Raum deklariert wird, sondern vielmehr dadurch, dass der Patient tatsächlich die Bereitschaft seines Psychoanalytikers erlebt, in wirklicher Zusammenarbeit mit dem Patienten zu erkunden, wie und weswegen es gegebenenfalls an eben dieser Sicherheit mangelt, wodurch sie gefährdet und beeinträchtigt wird, und wie und auf welche Weise sie möglicherweise gefördert werden kann.

Bild: Mit freundlicher Genehmigung der Barack Obama Presidential Library. Offizielles Foto des Weißen Hauses von Lawrence Jackson.
 
Literatur
Baldwin, J. (1962). As much truth as one can bear. The New York Times. January 4, 1962.
Blechner, M. (2020). Racism and psychoanalysis: How they effect on another. Contemporary Psychoanalysis, DOI: 10.1080/00107530.2020.1756133.
Davids, M.F. (2011). Internal Racism: A Psychoanalytic Approach to Race and Difference. London: Springer Nature Limited.
Diangelo, R. (2018). White Fragility: Why It’s So Hard for White People to Talk about Racism. Boston: Beacon Press. 
Goldberg, M. (February 26th  2021). The campaign to cancel wokeness. The New York Times.  
Kellaway, K. (2015). Interview: Claudia Rankine: Blackness in the White imagination has nothing to do with Black people. The Guardian, December 27, 2015. 
Keval, N. (2016). Racist States of Mind: Understanding the Perversion of Curiosity and Concern. London: Karnac. 
Metzl, J.M. (2019). Dying of Whiteness: How the Politics of Racial Resentment is Klling America’s Heartland. New York: Basic Books.
Moss, D. (2021). On Having Whiteness. Journal of the American Psychoanalytic Assn. 69:2, 355-371.
Powell, D. (2020). From the sunken place to the shitty place: The film Get Out, psychic emancipation and modern race relations from a psychodynamic clinical perspective. The Psychoanalytic Quarterly. Vol 89, Issue 3.
Powell, D. (2018). Race, African Americans, and psychoanalysis: collective silence in the therapeutic situation. J. Amer. Psychoanal. Assn., 66(6):1021–1049. 
Sandler, J. and Rosenblatt, B (1962). The concept of the representational world. Psych. Study of the Child, 17: 128-145.
Sandler, J. (1960). The background of safety. IJP 41: 352-356.
Shah, D. (2020). Dangerous territory. Psychoanalytic Quarterly.
Snyder, T. (2017). On Tyranny: Twenty Lessons From the Twentieth Century. New York, Tim Duggans Books.
Wilkerson, I. (2020). Caste: The Origins of Our Discontents. New York: Random House.

Aus dem Englischen übersetzt von M.A. Luitgard Feiks und Jürgen Muck.
 

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