In der Übersetzung verloren gehen und ankommen Wenn Worte für Erfahrungen von Ferne und Nähe stehen

Dr. Michele S. Piccolo
 

Die Metapher vom Fischen zeigt: Wir können je nach emotionalen Motiven „nahe oder ferne Worte“ aus dem Unbewussten fischen oder merken, dass die Angelleine infolge einer Traumatisierung gerissen ist.

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Nach Worten aus dem Unbewussten fischen

Als ich als italienischsprachig aufgewachsener und heute in New York City praktizierender Psychoanalytiker, der im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit tagtäglich mit und durch „Übersetzung arbeitet“, gefragt wurde, diesen Beitrag aus meiner ganz persönlichen Sicht und Erfahrung heraus zu schreiben, da dachte ich im ersten Moment, ich hätte nicht wirklich viel dazu zu sagen. Dank des psychoanalytischen Diskurses ist zu diesem Thema ein breites Spektrum von relevanter Literatur geschrieben und publiziert worden, die mehr Zeit zu rezipieren erfordern würde, als uns aufgrund unserer klinischen Praxis, wo wir ja vor allem damit beschäftigt sind, die Kommunikationen unserer Patienten zu „übersetzen“, tatsächlich zur Verfügung steht. Die Anregung für den Titel meines Aufsatzes verdanke ich Eva Hoffmanns im Jahr 1989 erschienenem biografischen Buch, bei dessen Lektüre insbesondere das von ihr beschriebene Gefühl des „Verlorenseins“ auf der Landkarte einen bleibenden Eindruck in mir hinterlassen hat. Ich selber möchte die Metapher eines inneren Raumes verwenden, in dem wir immerfort nach Worten suchen, man könnte auch sagen, auf Wortfang aus sind – vergleichbar einem Fischteich, woraus Fische gefangen und dann auf dem Markt gehandelt und verkauft werden.

In dem die psychoanalytische Dimension von Mehrsprachigkeit aus unterschiedlichen Blickwinkeln erörternden Buch von Amati Mehler et al. (1990) kommen die Autoren schließlich zu der Auffassung: 

Wir können uns nicht der Meinung anschließen, dass Mehrsprachigkeit lediglich als die Summe mehrerer, separat nebeneinander existierender Einzelsprachen aufzufassen ist. Des Weiteren sind wir der Ansicht, dass es das Phänomen der diskursiven Pluralität auch im Fall von monolingualen Individuen gibt, obschon in solch einem Fall die Koexistenz von verschiedenen Diskursen ausschließlich in einer Sprache zum Ausdruck gebracht wird, und zwar nicht nur, weil es stets eine Vielzahl von unterschiedlichen Möglichkeiten gibt, sich innerhalb ein und derselben Sprache auszudrücken, wie etwa durch die Verwendung von Umgangssprache oder Dialekt, von Babysprache bzw. Baby Talk, von  Liebessprache und von Familienvokabular, sondern auch weil ein und derselbe sprachliche Ausdruck je nach emotionalem und kulturellem Kontext und der jeweiligen Beziehungs- oder Gesprächssituation ganz unterschiedliche Bedeutungen annehmen kann. 

Unter diskursiver Pluralität könnten wir uns demnach einen „Wasserteich“ vorstellen, der eine Vielfalt von Sprachidiomen in sich birgt, etwa so wie ein riesiges Wortreservoir, welches sich ausgehend von den seit frühester Kindheit gemachten vielfältigen Erfahrungen gebildet hat. Tatsächlich steht einer bilingualen Person meiner Ansicht nach grundsätzlich ein größerer Wortschatz zur Verfügung, anders gesagt, ein größerer „Wasserteich“, aus welchem sich ein umfangreicheres Spektrum von Worten „herausfischen“ lässt. Aber dennoch darf man sich dies nicht so vorstellen, als gäbe es da zwei voneinander getrennte Teiche im Kopf des betreffenden Individuums, wie monolinguale Personen sich dies irrtümlicherweise für gewöhnlich vorstellen.

Auch das bilinguale Individuum hat ebenso wie das monolinguale nur ein einziges, auf seinen ganz persönlichen Erfahrungen beruhendes Unbewusstes, das allerdings durch die spezifisch gemachten emotionalen Erfahrungen aus einer größeren Anzahl von geographischen Regionen gespeist wird. Ein altes Sprichwort besagt: „Die Welt ist ein Buch, und wer nie reist, sieht nur eine Seite davon“ (Augustinus von Hippo). So gesehen wäre das Übersetzen eine Tätigkeit, die hervorragend dazu geeignet ist, all denjenigen, die weder 'in sich noch draußen in der Welt zu reisen' die Gelegenheit hatten, einen weiteren Erfahrungs- und Verstehenshorizont zugänglich zu machen.   

In diesem Sinne erachte ich es für hilfreich, uns vorzustellen, dass wir, in dem Moment, wo wir auf der Suche nach Worten sind, sie uns „aus ein und demselben Teich das eine Mal an einem nahegelegenen und ein anderes Mal vielleicht an einem entfernteren Ort herausfischen“ – sozusagen „Ferne vs. Nähe“ im Hinblick auf unsere jeweilige Wortwahl. Nun könnte man sagen, das Überbrücken dieser Entfernung zugunsten und zum Wohle einer aufmerksam lauschenden Zuhörerschaft, ist genau das, was das Übersetzen im eigentlichen und besten Sinne ausmacht. Übersetzen bedeutet, anderen Personen Dinge mithilfe von Worten zugänglich und verständlich zu machen, die wir ganz mühelos aus dem „Wasser des Teichs von anderswoher“ herausfischen, und die wir mit unseren eigenen Erfahrungen assoziieren, welche wir einst weit entfernt von den aktuellen Wassern unserer momentanen Zuhörerschaft gemacht haben – doch die Wasser von dann-und-dort und die Wasser von hier-und-jetzt sind heute in ein und demselben Reservoir bzw. „Teich in unserem Kopf“ zusammengemischt.


Den Fisch an die Oberfläche des Vorbewussten befördern

Mit dem Übersetzen zu arbeiten und zu leben, wie es für mich ganz selbstverständlich ist und wie ich es ständig tue, ruft bei meinen New Yorker Kollegen nicht selten Erstaunen und Bewunderung hervor, zumal dann, wenn sie selber nur eine Sprache fließend sprechen können. Aber tatsächlich war es vor hundert Jahren für die meisten Menschen eher der Normalfall (und ist es auch heute noch für gar nicht so wenige Menschen auf der Welt), dass sie in ihrer Lebenswirklichkeit einer Vielzahl von Sprachen oder Dialekten ausgesetzt waren, und dass infolgedessen das Jonglieren und Umgehen mit zwei oder mehreren Sprachen ganz selbstverständlich zu ihrer tagtäglichen Erfahrung gehörte. Auf der Suche nach Beispielen beginnen wir für gewöhnlich mit Freud: wir könnten zunächst etwas über seinen Umzug von Mähren nach Wien sagen, als er noch ein kleiner Junge im Vorschulalter war; oder wir könnten etwas von Freud als Schulkind berichten, der sich zuhause in einer ganz anderen Sprache mit seiner Familie verständigte als in der Schule; wir könnten aber auch über Freud als Erwachsenen sprechen, der häufig amerikanische und französische Patienten in analytischer Behandlung hatte; außerdem könnten wir uns an Freuds Reise nach Amerika erinnern, wo er Vorlesungen auf Englisch hielt; und schließlich wären da auch noch Freuds Wandertouren über die italienischen Alpen zu erwähnen, etc. ... Dies zeigt exemplarisch, dass es früher beinahe der Normalfall war, sich in einer Vielfalt von Sprachen auszudrücken und zurechtzufinden. Es ließen sich weitere Beispiele anführen, wie etwa das von Melanie Klein, die in Wien geboren und aufgewachsen ist. Später war sie dann bei Ferenczi in Budapest in Analyse (wo bekanntlich keine indo-europäische Sprache gesprochen wird!). Danach ging sie zu Karl Abraham nach Berlin, wo sie ihre Ausbildung zur Psychoanalytikerin machte, woraufhin sie schließlich nach London übersiedelte und sich dort einen Namen als eine herausragende britische Psychoanalytikerin machte.

Nun sind dies zugegebenermaßen zwei Namen von Personen, von denen wir uns entweder ziemlich weit entfernt fühlen, oder mit denen wir uns übermäßig identifizieren. Allerdings war es für die gewöhnlichen Menschen in der präkolonialen Zeit überhaupt nichts Ungewöhnliches, dass sie nicht weit entfernt von Gegenden lebten, wo die dort ansässige Bevölkerung eine andere Sprache sprach. In der Ära des Kolonialismus hat sich dies dann geändert. (Beispielsweise wurden in der Zeit vor dem Kolonialismus in bestimmten Gegenden von England in relativ geringer Entfernung voneinander verschiedene englische Dialekte gesprochen; wohingegen danach über große koloniale Regionen hinweg eine „Decke“ mit nur ein und demselben „Englisch für alle“ gebreitet wurde.) In jedem Land auf der Welt, das flächenmäßig kleiner als die ausgedehnten Kolonialstaaten von Amerika oder Australien war, musste ein Kind häufig nur wenige Stunden Landweg zurücklegen, um sich an einem Ort wiederzufinden, wo die Menschen eine andere Sprache sprachen und wo sie dann auch auf Verwandte oder Freunde der Familie trafen, die wie selbstverständlich zwischen zwei Dialekten oder Sprachen hin und her wechselten. Mir kommt in diesem Zusammenhang in den Sinn, dass der junge Sigmund Freud einmal seine Halbbrüder in Manchester besuchte. Wenn das Gebiet, wo eine fremde Sprache gesprochen wurde, sozusagen gleich um die Ecke vom eigenen Wohnort gelegen war, so scheinen die Menschen sich viel leichter damit getan zu haben, sich mit der Multilingualität anzufreunden (etwa in kleineren Ländern wie Belgien oder der Schweiz). Ganz anders war es im Fall von Menschen, die am Ende einer langen, aufreibenden Reise fern von ihrem Herkunftsland irgendwo ankamen (etwa Einwanderer, die von weither nach Amerika oder Australien immigriert waren), und die sich dann im Ankunftsland ohnehin schon vollkommen entwurzelt fühlten, weswegen sie auch den durch die Konfrontation mit der fremden Sprache erlittenen Kulturschock umso tiefgreifender und schmerzhafter erlebten. Mir scheint, dass Vertrautheit oder Unvertrautheit mit verschiedenen Sprachhorizonten in einem unmittelbarem Verhältnis stehen zum Erleben von Nähe oder Distanz auf einer psychischen Ebene. Was ich zuvor als 'Ferne vs. Nähe' auf einer sprachlichen Ebene bezeichnet habe, wird nun mit Blick auf die psychische Dimension zu „Unvertrautheit vs. Vertrautheit“ auf einer emotionalen Ebene.

Dies macht verständlich, weswegen meine New Yorker Kollegen, ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein, ein Gefühl der „Ferne“ bzw. Fremdheit von sich preisgeben, wenn sie mir die Frage stellen: „Träumen Sie auf Englisch oder auf Italienisch?“ Ein ganz ähnliches Gefühl von „Fremdheit“ muss auch den Waliser Ernest Jones beschlichen haben, als er nach Wien kam und dort gleich während der ersten Begegnungen mit seinen Kollegen in der Mittwochsgesellschaft in der Berggasse 19 zur Kenntnis nehmen musste, dass alle dort Anwesenden wie selbstverständlich dazu in der Lage waren, „lateinische und griechische Textpassagen auswendig zu zitieren und in die Konversation einfließen zu lassen und sich dann nicht genug über 'mein stummes Staunen' wundern konnten“ (Jones, 1959, p. 35). An dieser Stelle möchte ich auch noch kurz ein aus meiner eigenen persönlichen Erfahrung stammendes Beispiel für das Gefühl von „Ferne“ bzw. Fremdheit erwähnen. Als ich hin und wieder psychoanalytische Aufsätze zusammen mit italienischen Kollegen übersetzte, die sich vollkommen auf die behandlungstechnische Bedeutung von Bions Begriff „reverie“ festgelegt, fast könnte man sagen, eingeschworen hatten, da war ihre Verwunderung groß zu erfahren, dass das Wort „reverie“ auch schon vor Bion in der englischen Sprache gebräuchlich war – man denke etwa nur daran, auf welch vielfältige Weise die romantischen Dichter das Wort „reverie“ verwendeten. Und natürlich kannten meine italienischen Kollegen Winnicotts Begriff „holding“ als ein sehr hilfreiches, theoriegesättigtes Konzept, aber es mangelte ihnen, wie sich herausstellte, an erfahrungsbezogener „Nähe“ zu diesem Begriff, was seine Verwendung im Alltags-Englisch betrifft.

Dass der spezifische Umgang  mit „Nähe und Ferne“ klinisch relevant werden kann, zeigt auf eindrückliche Weise das bereits 1893 von Breuer in den 'Studien über Hysterie' beschriebene Fallbeispiel der Patientin Anna O. (Breuer, 1893). Während ihrer hysterischen Episoden bediente sie sich zeitweise ausschließlich der Zweitsprache und verbannte währenddessen die Erstsprache vorübergehend aus ihrem Kopf, um durch diese temporäre Abspaltung all diejenigen Emotionen von sich „fern“ zu halten, die sie aufgrund ihrer für sie typischen Neurose mit der Erstsprache assoziierte. Aber dennoch beherbergte das Reservoir bzw. der 'Teich' des Unbewussten der Anna O. auch weiterhin beide Sprachidiome, nur dass die Patientin zu gewissen Zeiten aus inneren emotionalen Motiven heraus auf bestimmte Sprachidiome nicht zurückgriff und es stattdessen vorzog einen Sicherheitsabstand dazu einzuhalten.

Ein weiteres Beispiel bezieht sich auf die Erfahrung aus meiner eigenen Kindheit, die ich in Italien verbracht habe. Ich wurde als Kind bei mir zu Hause Zeuge von einem ständigen Hin- und Herwechseln meiner Eltern zwischen italienischer Standardsprache und dem besonderen von ihnen aktiv gepflegten Dialekt aus ihrer Herkunftsregion, wohlgemerkt eine lediglich mündlich gesprochene Sprache mit einem ganz eigenen Wortschatz, der sich erheblich von demjenigen unterschied, der in der Schule üblich war. Dieses Wechselspiel von Mehrsprachigkeit ist eine Erfahrung, die ich vermutlich mit vielen ungefähr zur gleichen Zeit wie ich in Italien aufgewachsenen Italienern teile. Denn nur eine Generation zuvor bekam ein Kind nicht zu Hause, sondern erst in der Schule als Erstklässler zum allerersten Mal von seinem Lehrer Standarditalienisch zu hören – wozu mir ganz unmittelbar Elena Ferrantes Romanfiguren in den Sinn kommen. Sämtliche von mir soeben angeführten Beispiele verweisen auf die enge Verwobenheit der Psyche mit der Sprache: wenn eine Person einer anderen Sprache „ausgesetzt“ ist, muss stets die psychische Dimension mitberücksichtigt werden, da es immer auch affektive Faktoren sind, die über das emotionale Erleben von „Ferne vs. Nähe“ bestimmen. Manchmal ist der Weg dahin, wo wir einer anderen Sprache „ausgesetzt“ sind, kurz (von Wien bis nach Budapest), und bisweilen ist er lang (etwa im Fall von weither nach Amerika ausgewanderten Menschen).

Heutzutage haben meiner Ansicht nach vor allem die erwachsenen Kinder, die der dritten Generation von nach Amerika (oder anderen Kolonialstaaten) eingewanderten Menschen angehören – also die Nachkommen der ursprünglichen Einwanderergeneration, die selber einen „langen“ Weg hinter sich gebracht hat – den größten Respekt davor, wenn sie etwa auf einer Reise durch die Schweiz oder Belgien Leuten begegnen, die sich in ihrem eigenen Land nur eine „kurze“ Wegstrecke von ihrem Wohnort entfernt mit einer ganz anderen Sprache konfrontiert sehen, ohne deswegen gleich einen Kulturschock zu erleiden. In der Regel ist es jedenfalls so, dass Amerikaner und Australier sich weitaus mehr als etwa die Menschen aus der Schweiz oder aus Belgien darüber wundern, wenn jemand zweisprachig ist. Es gibt einen schlechten Scherz bei uns in Italien, der so geht: „Wie nennst du jemanden, der zwei Sprachen sprechen kann? Zweisprachig. Wie nennst du jemanden, der nur eine Sprache sprechen kann? Amerikanisch.“ Ich denke, dass Strachey seinerzeit eine viel kleinere Hürde zu überwinden hatte, um Freud ins Englische zu übersetzen, als dies für viele Psychoanalytiker der Nachfolgegenerationen der Fall war. Manche New Yorker Psychoanalytiker behandeln die Standard Edition so, als ob sie von Freud ursprünglich selber in englischer Sprache geschrieben worden wäre, da ihrem Empfinden nach die GESAMMELTEN WERKE „erfahrungs-fern“ sind. Hat Freud etwa akzentfrei English gesprochen, als er seine Vorlesungen an der Clark University hielt?
 

Der Tausch von unserem Fisch auf dem Markt der Idiome

Zu meiner persönlichen Lebenserfahrung gehört, dass ich nahe der schweizerisch-italienischen Grenze geboren wurde, und zwar von Eltern, die aus dem Süden von Italien stammen, und dass ich in Standarditalienisch erzogen, unterrichtet und ausgebildet wurde. Meinen Doktor habe ich bei italienischsprachigen Professoren gemacht mit englischsprachigen Zuordnungen. Schließlich emigrierte ich nach New York, wo ich mit meiner italienisch erzogenen amerikanischen Frau Italienisch spreche, wohingegen ich mit meinen italienisch-amerikanischen Kindern Englisch spreche. In meiner psychoanalytischen Praxis in New York sprechen etwa 30% der von mir behandelten Patienten Italienisch. Die übrigen meiner Patienten sind Amerikaner. Die meisten meiner italienischen Patienten streuen mehr oder weniger häufig englische Wörter in ihre Rede mit ein. Einer meiner italienischen Patienten spricht allerdings aus Gründen der Abwehr und des Selbstschutzes fast ausschließlich Englisch mit mir – gerade so, als wollte er eine bestimmte Art von Fisch – die er mit seiner Mutter assoziiert – nicht aus dem Teich seines Unbewussten herausholen, obschon er durchaus ein tieferes Gewahrsein dafür hat. dass er darin viele verschiedene Arten von Fisch beherbergt.

Der Prozess der Wortfindung in einer analytischen Sitzung wird von Bucci mithilfe ihres Konzepts von der „referenziellen Aktivität“ auf sehr nachvollziehbare Weise beschrieben. Sie macht anschaulich, dass der Patient in der Sitzung darum bemüht ist, „die emotionale Erfahrung, einschließlich der abgewehrten Erfahrung, verbal zum Ausdruck zu bringen“ (Bucci, 2001, S. 40). Meiner Ansicht nach liefert sie uns damit ein umfassendes Konzept, das impliziert, dass wir in dem Moment, wo wir auf der Suche nach Worten sind, bereits im Begriff stehen, etwas zu übersetzen --- i.e. einen inneren Zustand in etwas Kommunizierbares und für den Zuhörer Verständliches zu übertragen. Unsere Patienten versuchen also etwas von dem, was sie in sich tragen und wahrnehmen, in Sprache zu übersetzen, weil sie das Bedürfnis verspüren, sich von einem Anderen verstanden zu fühlen (oder auch, weil sie aus inneren Motiven heraus etwas verbergen müssen) – Nähe vs. Ferne. Nun ist sowohl der monolinguale als auch der bilinguale Patient in der Sitzung auf der Suche nach einer verbalen Entsprechung für diejenige Erfahrung, die er zu kommunizieren bestrebt ist. Dabei besteht aber auch die Möglichkeit, dass der Patient sich in Schweigen hüllt, wenn er das Gefühl hat, dass das, was er in sich spürt und eigentlich gerne mitteilen würde, unaussprechlich ist, oder auch, wenn die Erfahrung so traumatisch war, dass es seinem Empfinden nach keine Worte dafür gibt. Mithilfe der Metapher vom Fischen kann deutlich gemacht werden, dass der Patient die Möglichkeit hat, seinen inneren emotionalen Beweggründen folgend entweder „nähere“ oder „entferntere Worte“ aus seinem eigenen Wortreservoir bzw. Teich herauszufischen oder aber, sich dessen gewahr zu werden, dass die Angelleine infolge von traumatisierenden Erfahrungen gerissen ist. Das soeben Gesagte gilt wohlgemerkt nicht nur für eine bilinguale, sondern auch für eine monolinguale Person, da auch ihr der Zugang zum Erleben von einer Vielfalt von Idiomen und Sprachhorizonten grundsätzlich offen steht, und zwar stets in Anlehnung an ihre früheren Erfahrungen, wo sie emotional je nachdem eine längere oder kürzere Wegstrecke hinter sich gebracht hat. Wie ich in einer früheren Publikation ausgeführt habe (Piccolo, 2019), bin ich der Auffassung, dass es beim Sprechen in der analytischen Sitzung darum geht, die auf unserer persönlichen Erfahrung beruhenden und in unserem „Körper dauerhaft eingeschriebenen“ Erinnerungsspuren in etwas zu verwandeln bzw. zu übersetzen, das wir vermittels unserer Stimmbänder dem Anderen schließlich buchstäblich zu Gehör bringen können. Dabei bildet die Bildsprache den medialen Umschlagpunkt bzw. vermittelnden Übergangsbereich zwischen somatischer Erfahrung und gesprochener Sprache – oftmals wählen meine italienischen Patienten, um sich verständlich zu machen, bestimmte Bilder, die sie unmittelbar aus ihrem amerikanischen Leben in New York entlehnt haben, doch hin und wieder gibt es auch Zeiten, wo sie sich dafür bevorzugt Bilder aus ihrer ferneren Vergangenheit in Italien aussuchen. Nun würde ich sagen, dass wir in dem Bestreben, die „Bildsymbole“ in sinn- und bedeutungsvolle Sprach- und Wortsymbole zu übersetzen, uns bereits in einen psychischen Modus hineinbegeben haben, wo wir sozusagen auf Wortfang aus sind; oder anders und ausführlicher formuliert, wo wir knapp unterhalb der Oberfläche des Vorbewussten nach Worten, bildlich gesprochen, nach Fischen „haschen“ – eben dort in demjenigen Bereich unterhalb der Wasseroberfläche, wohin der uns von unserem Vorbewussten zur Verfügung gestellte Bestand an Fischen befördert wurde, und zwar genau in dem Moment des Übergangs vom „Bild“ zum „Wort“, ein Prozess, der initiiert und virulent wurde infolge der defensiven und konflikthaften Neuaufmischung der Unterströmungen in dem in uns befindlichen „See, der angefüllt ist mit Bildsymbolen, noch bevor diese dann erst noch zu Wortsymbolen werden können“.   

So gesehen geht es beim Übersetzen um die Überbrückung von zwei voneinander getrennten Bereichen, die entweder näher beieinander oder weiter voneinander entfernt liegen. Der Übersetzer kann durch die Beherrschung mehrerer Sprachen die „verbindende“ Überbrückung zwischen diesen beiden Bereichen als Erfahrung von Nähe erleben, wohingegen der monolinguale Leser eher die Erfahrung von Ferne und Unverbundenheit machen wird. In wissenschaftlichen Publikationen wurde verschiedentlich darauf hingewiesen, dass bilinguale Patienten das Übersetzen durch die Beherrschung zweier oder mehrerer Sprachen im Zuge des Hin-und-Her-Pendelns zwischen den diversen Sprachen als gewinnbringenden Kreativitätszuwachs erfahren können: „Es kann im Zuge dieses Übersetzungsprozesses etwas verlorengehen, aber andererseits kann es auch eine Chance für einen Neuanfang sein und als Vehikel dienen, sich ansonsten allzu schmerzhaften Emotionen erstmals anzunähern und sich gleichzeitig leichter davon zu distanzieren, wodurch sich ganz neue Möglichkeiten und Horizonte auftun können“ (Byford, 2015, S. 338). Behandlungstechnisch gesprochen könnte man sagen, „die Auswahl an Sprachen wird in den tieferen intra- und inter-psychischen Konflikten abgebildet“ (S. 333). Oder anders ausgedrückt: Es gibt immer - wie weiter oben bereits beschrieben – in einem jeden von uns, zumindest bis zu einem gewissen Grad, eine „diskursive Pluralität“, was meiner Ansicht nach bedeutet, dass „die untergründigen Strömungen des Wassers immer wieder neu aufgemischt werden, wodurch uns dann neues, zuvor ungekanntes Kreativitäts – sowie auch Konfliktpotential“ verfügbar gemacht wird. Kurz gesagt, wenn meine Kollegen mich fragen: „Träumen sie auf Italienisch oder Englisch?“, so würde ich ihnen erwidern: „Ich träume auf Italienisch und auf Englisch. Wie schade, dass manche Menschen nicht die Wahl haben, anders als monolingual zu träumen!“

Literatur
Amati-Mehler, J., Argentieri, S., Canestri, J. (1990). Das Babel des Unbewussten. Muttersprache und Fremdsprachen in der Psychoanalyse. Gießen: Psychosozial-Verlag, 2019.
Breuer, J. (1893). Fräulein Anna O, In: Josef Breuer / Sigmund Freud. Studien über Hysterie. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag, 1991, S. 42-65.  
Bucci, W. (2001). Pathways of emotional communication. Psychoanalytic Inquiry, 20, 40–70.
Byford, A. (2015) Lost and gained in translation: the impact of bilingual clients' choice of language in psychotherapy. British Journal of Psychotherapy 31: 333-347.
Hoffmann, E. (1989) Lost in Translation. Ankommen in der Fremde. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2004
Jones, E. (1959). Free Associations: Memories of a Psycho-Analyst. New York: Basic Books.
Piccolo, M. S. (2019). Listening to somatosensory states in psychoanalysis: body, trauma, and poetry. Psychoanalytic Inquiry, 39: 8, 557-570.

Aus dem Englischen übersetzt von M.A. Luitgard Feiks und Jürgen Muck
 

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