Sexuelle Selbstbestimmung und der melancholische kulturelle Körper

Amrita Narayanan
 

Um kollektive Mysogynie betrauern zu können und nicht lediglich deren melancholische Auswirkung zu perpetuieren, müssen wir die im kollektiven Bewusstsein verankerten Formen des Eros berücksichtigen.

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Im Anschluss an die ausführliche Berichterstattung über die Gruppenvergewaltigung und den Mord in Dehli im Jahr 2012 hat das weltweite Medienecho die Aufmerksamkeit eines internationalen Publikums auf das Thema Misogynie bzw. Frauenfeindlichkeit in Indien gelenkt, wobei dann gleichzeitig auch ein allgemein weit verbreitetes Gerücht in Umlauf gesetzt wurde, dass es da einen ursächlichen Zusammenhang gebe zwischen sexueller Unterdrückung von Frauen und der soziokulturellen Besonderheit Indiens. Ganz anders als in den angelsächsischen, europäischen und südamerikanischen Ländern, stellt die Auseinandersetzung mit dem Thema der sexuellen Selbstbestimmung der Frau tatsächlich in Indien nach wie vor eine frappierende Lücke im internationalen Bewusstsein dar: hier im Bereich der Sexualität, wo vor allem ein gewisses unvoreingenommenes Interesse angebracht wären, ist weltweit eine einseitige Parteinahme für den Kampf indischer Frauen gegen Unterdrückung zu beobachten. 

Einseitige Anteilnahme oder Mitleid, so wissen wir inzwischen aus der psychoanalytischen Praxis, ist häufig ein Indiz für Projektionen, wobei dem Subjekt stillschweigend die Selbstbestimmtheit abgesprochen wird. Obschon es durchaus zutreffend ist, dass die traditionelle indische Gesellschaftsordnung auf die sexuelle Unterwerfung bzw. Kontrolle von Frauen gegründet ist, so manifestiert sich in dem Umstand, dass in der allgemeinen Vorstellung so etwas vorherrscht wie eine tendenzielle Gleichsetzung von Vergewaltigung von Frauen und Indiens Gesellschaft mit ihren ganz spezifischen soziokulturellen Strukturen, eine unreflektierte Unterstellung, die uns unbedingt stutzig machen sollte. Das Bild vom indischen Mann als unbeherrscht und gewalttätig, und dasjenige von der indischen Frau als jemand, die vor diesen Übergriffen des Mannes geschützt werden muss, erinnert auf fatale Weise an das Bild vom wilden Eingeborenen, welches in der Zeit des Kolonialismus' entstanden ist. Es ist unbestritten, dass mit der sozialen Zugehörigkeit der indischen Frau zu einer gesellschaftlichen Ordnung, die auf der Kontrolle der weiblichen Sexualität basiert, unweigerlich ein traumatischer Kern verbunden ist. Doch andererseits muss auch darauf hingewiesen werden, dass den Frauen und ihrem berechtigten Anspruch auf sexuelle Selbstbestimmung keineswegs dadurch geholfen wird, dass in der Öffentlichkeit ausschließlich auf die durch die frauenfeindlichen soziokulturellen Verhältnisse verursachten Traumata abgehoben wird, weil dadurch das innerhalb eben dieser politischen Systeme aktuell steigende Engagement für die sexuelle Selbstbestimmtheit von Frauen und ihr Recht auf körperliche Lust vollkommen aus dem öffentlichen Bewusstsein gedrängt und damit quasi für nicht-existent erklärt wird.

Die allgemeine Vorstellung darüber, was als sexuelle Selbstbestimmtheit der Frau angesehen wird, ist oftmals kulturell determiniert: es besteht eine allgemeine Tendenz dahingehend, die sexuelle Selbstbestimmtheit mit etwas gleichzusetzen, das die psychoanalytische Autorin Jacqueline Rose als das ‘Internet-Modell des globalen Feminismus’ bezeichnet hat, repräsentiert durch ‘eine emanzipierte westliche Frau in Pumps und schickem Rock, und überdies ausgerüstet mit einem Laptop auf dem Weg zum Flughafen’ (Rose, 2004, 33-36). Mit diesem Frauenbild vor Augen fällt es natürlich nicht schwer, sich unmittelbar davon überzeugen zu lassen, dass wir es hier mit einem selbstbestimmten sexuellen Subjekt zu tun haben, doch bedauerlicherweise schließt es Formen sexueller Subjektivität aus, die möglicherweise weniger individualistisch und kapitalistisch determiniert sind. Auf eine vergleichbare Weise verhält es sich mit den kulturellen Zwängen zur Unterdrückung der Frau, einschließlich ihrer Sexualität. So legen diesbezüglich etwa die allgemein anerkannten empirischen Untersuchungsergebnisse von Baumeister und Twenge (2002) nahe, dass eine 'sexuelle Revolution' – wie sie in Europa und Nordamerika stattgefunden hat – immer auch indirekterweise Auswirkungen auf die nahezu in allen Kulturen weltweit zu beobachtende Unterdrückung der weiblichen Sexualität hat. Die Meta-Analyse ihrer kulturübergreifenden Studien hat eindeutig ergeben, dass immer dann, wenn in einem bestimmten Land eine sexuelle Revolution stattgefunden hat, die Frauen sich in der Folge dazu bekennen, dass sie mehr Sex haben wollen (Baumeister & Twenge, 2002, pp. 166-203). Auch wenn der Beurteilung prinzipiell zuzustimmen ist, dass die sexuelle Revolution den Frauen in den betreffenden Ländern eine grundsätzlich bessere Ausgangsposition verschafft hat, so sollten wir uns dennoch nicht dazu verleiten lassen, der gemeinhin daraus abgeleiteten Schlussfolgerung unhinterfragt und unreflektiert Glauben zu schenken, dass die Frauen infolge der sexuellen Revolution in der westlichen Welt sich in Sachen Sexualität und sexuelle Selbstbestimmtheit automatisch freier fühlen und sich somit in einer vergleichsweise besseren Lage befinden, weswegen ich dafür plädieren möchte, zunächst einmal einfach zu konstatieren, dass es kulturell bedingte Unterschiede gibt. Weshalb die Forscher den Frauen in bestimmten Ländern einen vergleichsweisen Vorteil attestieren, lässt sich meiner Ansicht nach dadurch erklären, dass sie sich in erster Linie für diejenige Art von sexueller Subjektivität interessieren, bei der die betreffenden Frauen sich dann auch ganz offen und unverhohlen zu ihren jeweiligen sexuellen Wünschen zu bekennen in der Lage sind.    

Nun müssen wir uns fragen, auf welche Weise und mit welcher Begrifflichkeit sich am besten über die sexuelle Selbstbestimmung  der Frau sprechen lässt, wenn die Frau in einer innigen und intimen Beziehung lebt, die sie sexuell durchaus genießen kann, und dabei aber in einer Gruppe bzw. Gemeinschaft integriert ist, welche sich prinzipiell etwas darauf zugute hält, über Frauen in sexueller Hinsicht Kontrolle auszuüben. Im Hinblick darauf erscheint es mir als Psychoanalytikerin überaus wichtig, der Frage genauer nachzugehen, wie und auf welche Weise es einer Frau gelingen kann, die in einem Land lebt, wo die Kontrolle über die weibliche Sexualität tief in der Gesellschaftsstruktur verankert ist, die Misogynie zu betrauern, während sie dabei gleichzeitig ihre eigenen erotischen Bedürfnisse anerkennt und sich selbst zugesteht, diese ihren ganz individuellen Wünschen entsprechend auch zu leben. Ein lineares Modell körperlicher Autonomie wäre meiner Ansicht nach grundsätzlich unvereinbar mit dem auf absoluten Zusammenhalt und Zugehörigkeit gegründeten Gruppenideal, wie es die Inder in der Regel von klein auf verinnerlicht haben (Kakar, 1996), einschließlich ihrer Präferenz für Gesellschaftsstrukturen, die sich eher auf Gruppenharmonie und Inklusion und weniger auf den individuellen Akt der Selbstbestimmtheit stützen (Sinha, Sinha, Verma & Sinha, 2001, p. 133-145). Individuelle Formen des Eros wie auch Gruppenformen des Eros sind stets beide im Körper lebendig und können nicht voneinander getrennt werden. In ihrer Arbeit über das verkörperte Wesen des gesellschaftlichen Gemeinschaftslebens der Inder schreibt der Psychoanalytiker Sudhir Kakar: ‘Individuelles und Gruppenselbst werden im Inder im gleichen Atemzug geboren, ein "Wir sind" gleichzeitig mit einem "Ich bin"’ (Kakar, 1996, p. 361). Der physische Eros, von dem das Gemeinschaftsleben in Indien geprägt ist, wird bereits durch den engen und intensiven Kontakt in der frühen Kindheit begründet und gefestigt, wie etwa dadurch, dass das Kleinkind häufig lange gestillt wird und auch nach dem Abstillen der orale Kontakt übergangsweise durch das Füttern mit der Hand noch über einen längeren Zeitraum hinweg aufrechterhalten wird. Obwohl wir der sexuellen Unterdrückung infolge von Frauenfeindlichkeit auch weiterhin den Kampf ansagen müssen, so müssen wir uns gleichzeitig klar machen, dass es in Indiens Gesellschaft auf unterschiedlichen Ebenen tief verankerte affiliative Wertvorstellungen gibt, die geprägt sind von engen verwandschaftlichen Beziehungen, und insbesondere auch von so etwas wie einer inneren Verbindung zu früheren Generationen, zu einem kollektiven Gedächtnis und zu mit kultureller Bedeutung ausgestatteten sexuellen und ästhetischen Einstellungen und Wertvorstellungen, die nicht so einfach abgeschafft bzw. grundlegend verändert werden können.

Ich als Frau, die in Indien psychoanalytische Behandlungen mit Frauen durchführt, erachte es als äußerst hilfreich, einerseits von einem individuellen Körper mit seinem ganz spezifischen erotischen Triebleben auszugehen, das autonom und unabhängig entsteht, und andererseits gleichzeitig auch von einem intergenerationell übermittelten Triebleben, das aus dem in Indien spezifisch strukturierten Gemeinschaftsleben heraus entsteht und meiner Ansicht nach ebenfalls als erotisch bezeichnet werden kann. (Wenn ich hier von ‘Frau’ spreche, dann muss ich sogleich hinzufügen, dass die Frauen, die zu mir in Analyse kommen, allesamt der urbanen Bevölkerungsschicht und der oberen Mittelklasse oder Mittelklasse entstammen.) Der schwerer ins Gewicht fallende kulturelle Körper, welcher im individuellen Körper aufgehoben ist, bewahrt die Tradition und Geschichte der indischen Gesellschaft mit ihrer starken Tendenz zur Kontrolle der Sexualität der Frau sowie mit ihrer gleichzeitig bestehenden Tendenz zur gesellschaftlichen Idealisierung weiblicher Keuschheit und Mütterlichkeit, was beides deutlich erkennbare Auswirkungen auf die den Körper betreffende Vorstellungswelt des Individuums hat. Nun ist es allerdings so, dass der weniger schwerwiegende kulturelle Körper, welcher vorwiegend geprägt ist von der Erinnerung an die liebevoll fürsorglichen Verbindungen zu Familienmitgliedern, die dem Individuum all die tradierten Ideale nebst Identifikationen mit der globalen modernen Welt auf eine liebevolle Weise vermittelt haben, es der betreffenden Person zumeist ermöglichen, die Auswirkungen des schwerer wiegenden kulturellen Körpers vom Bewusstsein fernzuhalten, sodass dieser für gewöhnlich im Unbewussten verbleibt.

Hier drängt sich nun die Frage auf, was für Implikationen es hat, wenn eine seit langem so sehr herbeigesehnte sexuelle Befreiung schließlich tatsächlich möglich wird und dann aber mit einer intergenerationellen Gruppenidentifikation kollidiert, deren Ideale auf der Verleugnung sexueller Selbstbestimmtheit der Frau basieren. Genau dies passierte einer Patientin, die ich in meiner Schilderung des nun folgenden Fallbeispiels Shibani nennen möchte, und die im Alter von 26 Jahren aufgrund eines extrem starken psychischen Leidensdrucks, der sie ganz unerwartet heimgesucht hatte, zu mir in Behandlung kam. Nachdem sie sich freiwillig und aus eigener Initiative für ein flüchtiges sexuelles Abenteuer mit einem Mann entschieden hatte, eine Erfahrung, die sie nach eigenen Angaben im übrigen durchaus genossen hatte, stellte sie im Anschluss daran fest, dass sie sich dazu veranlasst, ja geradezu gedrängt fühle, dem Mann zu verstehen zu geben, er solle sie, nachdem sie jetzt beide Sex zusammen gehabt hatten, nun doch auch heiraten. Die dem Mann gegenüber vorgebrachten Forderungen, sie zu heiraten, vermittelten den Eindruck eines Interesses an ihm als möglichem zukünftigen Lebenspartner, wie sie es aber in Wirklichkeit gar nicht in sich verspürte. Wie sie mir selber mehrfach sagte, empfand sie ihn eher als langweilig, patriarchalisch, und als jemanden, der mehr oder weniger nichts anderes anzubieten hatte als ‘Stabilität und Sicherheit’, was sie aber nicht von jemand anderem brauche, weil sie ja selbst über ‘genügend eigenes Geld’ verfüge. Als er ihr dann allerdings zustimmte, reagierte sie schockiert und vollkommen durcheinander. Sie beteuerte immer wieder, dass es ihr weniger darum gegangen sei, ihn für sich zurückzugewinnen, als vielmehr darum, ihm zu verstehen zu geben, dass er nur ja nicht denken solle, sie sei ‘diese Sorte von Frau’. Als ich nachfragte, was sie denn mit ‘dieser Sorte von Frau’ eigentlich meine, gab sie schließlich zu, sie denke dabei an ‘eben jene Frauen, die ständig auf einen One-Night-Stand’ aus sind. Als sie dies ausgesprochen hatte, realisierte sie plötzlich die unfreiwillige Komik, die mit ihrer Begründung verbunden war. Ganz plötzlich drehte sie sich demonstrativ zu mir um und schaute mir ins Gesicht, bevor wir dann einen Moment später beide herzhaft lachen mussten angesichts der Ironie mit welcher Hartnäckigkeit sie zu beweisen versucht hatte, dass sie nicht das war, was sie doch eindeutig war, nämlich genau jener Typ von Frau.

Nun deutete ich Shibanis Inszenierung als eine Form der Kommunikation, mit der sie sich nicht eigentlich an den Mann, mit dem sie geschlafen hatte, richten wollte, sondern vielmehr an ein ganz anderes Publikum, nämlich an ihre sehr traditionell eingestellte Punjabi Herkunftsfamilie, welche die Sexualität einer Frau als Gruppensymbol erachtete, das vor allem immer auch die Ehre der Gemeinschaft repräsentiert. Der Umstand, dass Shibani von dem Mann einforderte, er möge sie doch nun gefälligst heiraten, nachdem er Sex mit ihr gehabt hatte, war also keineswegs dem Eros individuell empfundener Liebe geschuldet, sondern vielmehr dem Eros der Gemeinschaft, welcher sie sich zugehörig fühlte, und der die sexuelle Selbstbestimmtheit der Frau grundsätzlich ein Dorn im Auge war. Offenbar waren beide Formen von Eros in Shibanis Körper präsent und lebendig. Wenn sie sich gelegentlich ein sexuelles Abenteuer erlaubte und diese körperliche Erfahrung auch durchaus genießen konnte, dann identifizierte sie sich mit ihrem individuellen Körper, doch bald darauf identifizierte sie sich wieder mit ihrem Gemeinschaftskörper, der sich aufbegehrend zu Wort meldete und ihr Gefühlsleben, post-koital sozusagen, vollkommen in Aufruhr versetzte und in Beschlag nahm. Wenn sie sich in diesem Gemütszustand befand, fühlte sie sich von einem unabweislichen Drang getrieben, ihren Bettgenossen nun unbedingt auch zu ihrem Lebensgefährten zu machen, wobei sie sich ausgeklügelte Strategien zurechtlegte – die sie anschließend auch im realen Leben ausagierte – und die jedenfalls allesamt dazu dienen sollten, den Mann auf irgend eine Weise an sich zu binden, wozu ihr nahezu jedes Mittel, das ihr in den Sinn kam, recht zu sein schien. So scheute sie sich beispielsweise nicht davor, Kontakt mit diversen Mitgliedern seiner Familie aufzunehmen, ihnen Geschenke zu machen, oder auch sich bei ihnen darüber zu beklagen, wie schlecht er sie behandle. Was bei all dem allerdings unberücksichtigt blieb, waren ihre eigenen, tatsächlich empfundenen Gefühle bezüglich einer Heirat mit dem betreffenden Mann, die sie offensichtlich im Interesse der Familienehre vollkommen hintanzustellen bereit war, d.h. ganz so, wie es in ihrer Ursprungsfamilie seit jeher gehalten wurde.

Eine anachronistische Regression zu den sexuellen Wertvorstellungen früherer Generationen wird im Körper als ein drängendes Bedürfnis erlebt, das in gewisser Hinsicht ähnlich wie ein sexuelles Bedürfnis erlebt wird, das aber in Wirklichkeit eher als erotisierte Aggression zu bezeichnen wäre, wie sie für Misogynie typisch ist. Nun tritt dieser Gemeinschaftskörper in der Übertragungssituation auf ganz unterschiedliche Weise in Erscheinung. Die behandelnde Analytikerin erlangt möglicherweise selbst Zugang zu ihren eigenen verleugneten lustvollen individuellen Gefühlen von sexueller Selbstbestimmung, wie sie etwa beim Ausleben der eigenen sexuellen Selbstbestimmtheit bei der Patientin zum Vorschein kamen; oder die Analytikerin identifiziert sich unmittelbar mit der sanktionierenden verinnerlichten Instanz, d.h. mit der strafenden Gemeinschaft, oder aber sie erlebt – wie es bei mir der Fall war – ein verunsicherndes Hin- und Herpendeln zwischen Mitgefühl für beide Seiten, das der spezifischen Hilflosigkeit nicht unähnlich war, wie sie von der Patientin selbst in Situationen erlebt wurde, wo sie sich auf eine verinnerlichte Kontrollinstanz zurückgeworfen fühlte, die sie eindringlich an die Reglementierungen weiblicher Sexualität durch die Gemeinschaft gemahnte. Wenn Shibani dann hingegen von ihren Gefühlen von Verlassenheit, Scham und Schuld zu mir sprach, von denen sie im Anschluss an ihre gelegentlichen sexuellen Abenteuer regelmäßig eingeholt wurde, so war ich jedesmal zutiefst berührt von ihrer offensichtlichen Hilflosigkeit. Doch als sie mir dann erzählte, wie sie dem Mann zusetzte, ja ihm geradezu nachstellte, um ihn dazu zu bringen, sie seinen Eltern und seiner Familie als künftige Ehefrau vorzustellen, fand ich mich mit einmal in einer auf meine Teenagerzeit bezugnehmenden Reverie wieder, wo ich mich seinerzeit von einem Mann verfolgt gefühlt hatte, der zwar äußerlich nicht wirklich bedrohlich wirkte, aber vor dessen unberechenbarem Verhalten man mich gewarnt hatte, und mir infolgedessen den Ratschlag gab, ihn ‘einfach zu ignorieren’. Als ich Shibani dann so weitersprechen hörte, verspürte ich zu meinem Erstaunen ab einem bestimmten Zeitpunkt eine seltsame Bewunderung für die aggressive Lust, mit der sie mit geradezu unerbittlicher Beharrlichkeit ihr Ziel verfolgte, bevor mich dann wiederum ein beklemmendes Unbehagen überkam angesichts ihrer hartnäckigen Versuche, sich dem Mann aufzudrängen und von seinem Leben Besitz zu ergreifen, bis ich am Ende schließlich nur noch ein Gefühl von Mitleid für den Mann empfinden konnte, dem sie regelrecht verfolgte. Meinem Empfinden nach befand ich mich jetzt nicht länger in der Gegenwart der im Stich gelassenen jungen Frau, die mir ihre Geschichte zu erzählen versucht hatte, sondern ich befand mich momentan in der Gegenwart ihres erzürnten Vaters oder Bruders und erlebte, fast möchte ich sagen, am eigenen Leib, wie es sich angefühlt haben würde, wenn diese sich selbst - so wie einstmals ihre Vorfahren – zum Schiedsrichter ermächtigt hätten, um sodann eine solche Form der Bestrafung über den potentiellen Liebhaber ihrer Tochter bzw. Schwester zu verhängen. Ganz besonders bemerkenswert dabei war der Ton ihrer Stimme, mit der sie zu mir sprach. In Shibanis Stimme schwangen weder Zuneigung, Kummer noch Sehnsucht mit. Was ich vielmehr heraushören konnte, war so etwas wie eine Mischung aus gewaltbereiter Aggression (‘Er täte besser daran, mich nicht so zu behandeln’) und einem zweckmäßigen, rationalen Kalkül (‘Er besitzt ein Familienunternehmen, ich wäre bestimmt fein heraus, wenn ich ihn heiraten würde, denn dann hätte ich ein für allemal ausgesorgt ...’). Die Tatsache, dass Shibani in ihrem beruflichen Leben selbst finanziell sehr erfolgreich war, war vorübergehend völlig in der Hintergrund getreten, als sie nur noch Argumente gelten ließ, die den Marktwert des potentiellen künftigen Ehegatten evaluierten, also ganz so wie bei einer 'Fleischbeschau' zum Zweck einer arrangierten Hochzeit. 

Im Laufe des analytischen Prozesses kristallisierte sich immer mehr heraus, dass die bei der Patientin im Anschluss an ihre gelegentlichen sexuellen Abenteuer regelmäßig ausgelösten intensiven Gefühle von Verunsicherung und Angst nicht ursächlich darauf zurückzuführen waren, dass sie sich von ihrem jeweiligen Sexualpartner im Stich gelassen fühlte – denn dieser war als Person für sie zumeist ziemlich uninteressant – sondern vielmehr darauf, dass dadurch ihr eigenes verinnerlichtes Selbstbild erschüttert wurde, wie es ihr durch den sexuell sehr konservativ eingestellten Familienverbund im Laufe ihrer Sozialisation vermittelt worden war. Während die sexuellen Erfahrungen ihrem individuellen Körper einen großen Lustgewinn verschafften, verdarb ihr der kulturelle Körper – dessen Verlust sie bislang nicht zu betrauern vermocht hatte -  hinterher regelmäßig die Freude und das Vergnügen an ihren Erfahrungen von sexueller Selbstbestimmtheit, sodass sie dann jedes Mal in einen beklagenswerten Zustand hineinschlitterte, in dem sie unter einem inneren Zwang, genauer gesagt, unter einem fremdbestimmten Diktat zu stehen schien und infolgedessen in einer Art von misogynistischer Mimikry Handlungen ausführte, die sie vor dem vermeintlich drohenden Verlust des kulturellen Körpers bewahren sollten, den sie nun fürchtete, nachdem sie es gewagt hatte, bei ihren flüchtigen sexuellen Abenteuern auf ihrer sexuellen Selbstbestimmtheit als Frau zu bestehen. Wenn es ihr nun aus irgend einem Grund nicht möglich war, solche von erotisierter, sakralisierter Aggression angetriebenen Handlungen in Szene zu setzen - was ich als misogynistische Mimikry bezeichnet habe – dann wurde Shibani auf sich selbst zurückgeworfen und erlebte die Misogynie in ihrem Inneren, was sich in quälenden und ihr gesamtes Leben beeinträchtigenden Symptomen manifestierte, wie etwa Schlaflosigkeit und Depression, sowie Angst vor Bestrafung für ihre sexuelle Selbstbestimmtheit. Über all das sprach sie dann auch zu mir mit einer Stimme, deren Ton unverkennbar als melancholisch zu bezeichnen war.   
Die Psychoanalyse hat uns gezeigt, dass Misogynie zumeist auf einen misslungenen Trauerprozess über den Verlust des Eros zu einem frühen Zeitpunkt im Leben zurückzuführen ist. Der mütterliche Körper ist im kulturellen Körper aufgehoben und kann sich somit dessen umhüllenden Schutz zunutze machen. Der misogynistische Akt der Vergewaltigung ist in der Tat ein Aufbegehren gegen die zunehmende Selbstbestimmtheit der Frauen, aber die Berichterstattung darüber wirkt sich unbewusst häufig eher dahingehend aus, das Motiv des rachedurstigen Gemeinschaftskörpers zu perpetuieren und dadurch dem Anspruch auf die männliche Vorherrschaft immer wieder Geltung zu verschaffen. Wenn wir uns nun auf der anderen Seite die Berichte darüber anschauen, wie Frauen in Indien mit ihrer eigenen Sexualität umgehen, während sie sich gleichzeitig mit einer kollektiven Geschichte sexueller Unterdrückung und Kontrolle von Frauen auseinandersetzen müssen, so wird deutlich, dass es paradoxerweise durchaus möglich ist – wie der Fall von Shibani anschaulich macht - dass sich Frauen einerseits ungewöhnlichen misogynistischen Handlungen überlassen, einschließlich solcher, die sich gegen sie selbst richten, und dass sie andererseits gleichzeitig – möglicherweise gerade dadurch angespornt und innerlich angetrieben – auf ihrer eigenen sexuellen Selbstbestimmtheit bestehen und diese auch zielstrebig zu leben versuchen. Die analytische Couch ist ein Ort, wo auf der einen Seite die Misogynie auf unterschiedliche und komplexe Weise betrauert wird, und wo auf der anderen Seite aber auch die diversen Erfahrungen sexueller Selbstbestimmtheit der Frauen zu Gehör gebracht werden: die Frauen in Indien stehen aktuell vor der schwierigen Aufgabe, sich inmitten einer von mehreren Generationen gleichzeitig geprägten Sexualethik zurechtzufinden, wobei sie sich dann je nach dem, was in ihren Vorstellungen und Phantasien gerade im Vordergrund steht und an die Oberfläche drängt, für ihre eigenen individuellen Wertvorstellungen, für diejenigen der Gemeinschaft, oder aber diejenigen ihrer Eltern entscheiden müssen.  

Literatur
Rose, J. (2004). Go Girl. The London Review of Books. Vol. 21, No. 19, 30 September 1999. pages 33-36.
Baumeister, R. & Twenge, J. (2002) Cultural Suppression of Female Sexuality Review of General Psychology. Copyright 2002 by the Educational Publishing Foundation 2002, Vol. 6 No. 2, pp. 166-203.
Kakar, S. (1966). Intimate Relations. In Indian Identity (2007 edition). Penguin Books: India.
Sinha, J.B.P., Sinha, T.N., Verma, J., & Sinha, R.B.N. (2001). Collectivism coexisting with individualism: An Indian scenario. Asian J. Soc. Psychol., 4: 133-145.
Kakar, S. (1996). The Colours of Violence. In Indian Identity (2007 edition). Penguin Books: India. p. 361.

Mein besonderer Dank gilt der Autorin Amruta Patil für ihre Graphic Novel 'Sauptik: Blood and Flowers' (Harper Collins India, 2016).

Aus dem Englischen übersetzt von M.A. Luitgard Feiks und Jürgen Muck.
 

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