„Das Mädchen, das die Milchstraße erschuf“ – Das Problem der Zugehörigkeit in Südafrika

Carin-Lee Masters
 

Überlegungen zu Rassismus und zum Problem der Zugehörigkeit in Südafrika.

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„Das Mädchen, das die Milchstraße erschuf“ ist eine von //Kabbo (einem Regenmacher vom Volk der Khoi-San) gegen Ende des 19. Jahrhunderts erzählte Geschichte. //Kabbo saß wegen eines Diebstahls längere Zeit im Gefängnis. Nach seiner Entlassung aus der Haft in der Breakwater Convict Station in Kapstadt kehrte er nicht zu seinem Volk nach Hause zurück, sondern entschied sich dafür, die ihm noch verbleibenden Lebensjahre in Freiheit der Lehrtätigkeit eines Sprachkundlers zu widmen (Bleek und Lloyd), um seine Sprache und die kulturellen Traditionen seines Volkes an andere weiterzugeben (Centre for Creating the Archive, 2011; Vollenhoven, 2016).
Ein besonders anrührendes Beispiel sind die folgenden eindringlich mahnenden Worte aus einer von //Kabbo erzählten Geschichte, die in mir Gedanken, Erinnerungen und Erfahrungen von Unzugehörigkeit wachriefen, welche ich allesamt unmittelbar mit meinem eigenen Leben als Farbige in Südafrika in Verbindung bringen konnte.

Meine Mutter ist diejenige, die mir erzählte,
wie das Mädchen sich erhob,
das Mädchen der Ur-Rasse …! Xwe-/na-sshg-!ke
 
Sie legte ihre Hände in die Holzasche,
warf sie hoch gen Himmel,
sagte zu der Holzasche:
„Du musst die Milchstraße werden,
Du musst in weißem Glanz am Himmel erscheinen“
 
Meine Mutter ist diejenige, die mir erzählte,
wie die Menschen durch die Nacht gehen.
Und wie der Erdboden erhellt wird,
wenn die Milchstraße ihr sanftes Licht erstrahlen lässt.
Sie weiß, dass sie Holzasche ist.
Sie kennt das Mädchen der Ur-Rasse.
!Xwe-/na-ssho-!ke sagte zur Milchstraße,
sie solle doch etwas Licht spenden,
damit wir hier unten bei Nacht den Weg zurück nachhause finden können.
 
Meine Mutter war diejenige, die mir erzählte,
dass das Mädchen der Ur-Rasse, !Xwe-/na-ssho-!ke,
ihre Hände in die Holzasche legte,
sie hoch gen Himmel warf
und zur Holzasche sagte:
„Du musst die Milchstraße werden“ 

Du und ich, wir sind die Holzasche, und wir gehören zu diesem Land hier, zum Leben, zu den Sternen, zur Milchstraße – wir alle gehören hierher, seit unvordenklichen Zeiten. Aber noch bevor ich mir dies vorzustellen und als meines zu beanspruchen vermochte, war ich als Südafrikanerin traurigerweise einer Umwelt ausgesetzt, in der man die farbigen Menschen mit schwarzer oder brauner Hautfarbe glauben machen wollte, dass sie nicht wirklich hierher gehörten, und dass ihre einzige Bestimmung war, der sogenannten „überlegenen Rasse“, d.h. den Europäern, zu dienen. Man hatte uns systematisch eingetrichtert zu glauben, dieses Land gehöre ihnen, was mit Vehemenz von einer totalitären und rassistischen Regierung propagiert wurde. Viele farbige Südafrikaner waren von einem tiefsitzenden Gefühl der Unzugehörigkeit durchdrungen, außer wenn sie ganz unter sich waren in ihren „hoods“, d.h. ihren eigenen „Lebensbereichen“, den – gemäß dem unter der Apartheidregierung erlassenen „Group Areas Act“ von 1950 – spezifisch für Menschen mit bestimmter Rassenzugehörigkeit vorgesehenen Gebieten [1]. Dieses Gesetz teilte bestimmten ethnischen Bevölkerungsgruppen diverse Wohngebiete zu, was einen doppelten Zweck erfüllen sollte: Erstens sollten farbige Menschen dadurch daran gehindert werden, sich in den entwickelteren Wohngebieten anzusiedeln und sich dort Arbeit zu suchen, da man diese Gebiete ausschließlich der weißen Bevölkerung vorbehalten wollte. Menschen mit schwarzer und brauner Hautfarbe wurde der Zutritt zu diesen Gebieten ausschließlich zum Zweck von „Dienstleistungsarbeiten“ gewährt; und sie benötigten dafür außerdem einen „Passierschein“, um sich überhaupt von Rechts wegen dort aufhalten zu dürfen. Und zweitens sollte das Gesetz dafür sorgen, sexuelle Beziehungen zwischen Menschen verschiedener Hautfarbe und „Rasse' und somit auch eine mögliche Rassenvermischung zu verhindern.  
 
Nach der Abschaffung der Apartheid und dann, als im Jahr 1994 schließlich die erste demokratische Regierung gewählt worden war, hofften wir alle auf einen Neuanfang. Nelson Mandela und Erzbischof Tutu verkündeten die Gründung der „Regenbogennation“. Da war die Hoffnung groß, dass dies mit einem Mal all die Wunden und Spaltungen des ehedem zutiefst rassistischen Südafrikas auf magische Weise heilen würde. Man gab sich der Illusion hin, dass die vormals Unterdrückten und ihre Unterdrücker sich nun auf Augenhöhe begegnen und umarmen würden, um dann mit einem Mal zu „Mzani“, d.h. zu einer einheitlichen Nation zu werden. Von Freud haben wir hingegen gelernt, dass das Verdrängte und dasjenige, was unerkannt bleibt, dazu tendiert unbewusst wiederholt zu werden. Long (2021) vertritt die Auffassung, wir müssten beim Konzept vom Unbewussten das politische Unbewusste unbedingt mit einbeziehen, d.h. die internalisierten Prozesse, die entstehen, wann immer Menschen jahrzehntelang einer spezifischen sozialen und politischen Lebenswelt ausgesetzt sind. Ich denke, dass der Begriff psycho-sozio-politisches Unbewusstes noch zutreffender wäre, weil darin die unterschiedlichsten Einfluss- und Erfahrungsebenen mitberücksichtigt sind – politisch/ökonomische, soziale und psychologische. Diese Einflüsse und Erfahrungen werden sowohl auf einer bewussten als auch unbewussten Ebene aufgenommen. Unser Land ist mit seinem „Mzani“-Traum gescheitert, und zwar deswegen, weil all das, was zu unerträglich ist, als dass wir uns dem hätten stellen können, zwangsläufig wiederkehrt und uns heimsucht, wodurch uns letztlich die Möglichkeit des Fortschritts und der Weiterentwicklung verbaut wird.      
 
Als ich die oben zitierten Zeilen von //Kabbo las, stiegen in mir schmerzhafte Erinnerungen an meine Kindheit auf – zutiefst verstörende, rassistische Erfahrungen des „Ausgegrenztwerdens“ zu einer Zeit, als ich noch ein Kind war. Ich möchte an dieser Stelle von einem Vorkommnis aus den frühen 70er Jahren berichten, an das ich mich noch genau erinnere: Ich war ungefähr vier Jahre alt und befand mich in Kapstadt auf einer Busfahrt von Lansdowne (damals noch ein Gebiet mit ethnisch gemischter Bevölkerung) nach Claremont. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich eine Busfahrt machen durfte. Meine Mutter war bei mir, ich war aufgeregt, mein Herz hüpfte vor Freude. Ich war für diese besondere Gelegenheit hübsch gekleidet und besonders fein gemacht – meine allererste Busfahrt! Ich sprang freudig in den Bus und ließ mich sogleich im vorderen Teil des Busses auf einen der Sitze plumpsen. Mein Herz hüpfte vor Freude … arglos, wie ich seinerzeit war, und völlig unvorbereitet auf das, was nun als nächstes passieren würde. Als ich hochschaute, sah ich, wie meine Mutter mich wütend und entsetzt anstarrte, während sie mich auch schon unsanft und schnellstens von meinem Sitz herunterzog und wegbugsierte. Ich fragte sie, weswegen sie das tat, während ich auf all die vielen leeren Sitze im vorderen Teil des Busses zeigte. Gleichzeitig sah ich, als ich mich umschaute, wie einige Weiße mit streng blickenden und versteinerten Gesichtern schweigend dasaßen. Über unseren Köpfen waren im Bus rote Hinweisschilder angebracht, auf denen geschrieben stand: „NUR FÜR WEIßE“, was besagte, dass die vorderen Sitze im Bus ausschließlich für die Weißen reserviert waren. Meine Mutter flüsterte mir in ernstem Ton zu, dass das, was wir soeben hier getan hatten, von Rechts wegen verboten war und dass wir dafür aus dem Bus hinausgeworfen werden könnten oder gar noch Schlimmeres. Das war ein entscheidender und prägender Moment in meinem Leben, der sich mir schmerzhaft und für immer ins Gedächtnis eingebrannt hat. Ich realisierte schlagartig, dass Busfahrten gefährlich sein können für den Fall, dass wir die Hinweisschilder nicht befolgen. Fortan war ich überwachsam, was das Beachten von Hinweisschildern betrifft, und das hat sich auch bis heute erhalten und nie mehr geändert.
 
Es geht hier wohlgemerkt nicht nur um eine offen ausgesprochene, üble Behauptung wie: „Du gehörst nicht dazu“, sondern, was sich viel schwerwiegender auswirkt, eine verschleierte Botschaft – die sich ganz unbemerkt und heimlich in unser Bewusstsein und unsere Seele einschleicht. Wir verinnerlichen solche Botschaften unbewusst und nehmen sie in uns hinein, bis wir schlussendlich selbst überzeugt davon sind – auf diese Weise werden sie ein stillschweigender Teil unserer Innenwelt. Aber wie Freud bereits vor einigen Jahrzehnten so hellsichtig gesagt hat und was dann später auch Long aufgreift und nicht müde wird zu betonen – das Unbewusste ist ein uns bestimmender und aktiver Teil unseres Seelenlebens, wo viele aus unserer persönlichen Lebensgeschichte stammende Erfahrungen dauerhaft aufbewahrt sind.
 
Die sich mir vermittelnde Botschaft, die aufgrund dieses Erlebnisses im Bus fortan zu einem Teil meiner Innenwelt wurde, ist also keineswegs etwas, über das ich mir seinerzeit „bewusst“ gewesen wäre. Wenn ich jetzt im Nachhinein darüber nachdenke, dann verstehe ich erst, dass in diesem Moment zu den mir zuvor bereits unaufhörlich vermittelten Botschaften eine weitere verstärkende Botschaft hinzugekommen war – nämlich, dass braun oder schwarz zu sein, soviel hieß wie bedeutungslos zu sein, wohingegen 'weiß' zu sein, etwas Ehrenwertes war und eine bevorzugte Behandlung verdiente. Bedeutungslos zu sein, nur deswegen, weil du bist wie du bist und aufgrund deiner Hautfarbe … was macht das mit einem Kind? Was für ein teuflischer Hass wird da womöglich durch solch eine perverse Botschaft in die Kinderseele eingepflanzt?
 
Es wurde allgemein von uns erwartet, weißen Menschen stets mit Ehrerbietung und Respekt zu begegnen, was vielen Farbigen damals zutiefst verhasst war, worum sie die Weißen beneideten, was sie für sich selbst ersehnten. Es kursierten Gerüchte, dass sich einige der älteren Farbigen, die „Rassenschranke“ missachtend, als Weiße ausgaben und reklassifizieren ließen, indem sie sich auf dem Amt für „Coloured Affairs“ die dafür nötigen Dokumente  besorgten. Reklassifizierung war unter dem Apartheid-Regime möglich geworden, und zwar durch das Gesetz zur Registrierung der Bevölkerung („Population Registration Act”) von 1950, wonach alle Südafrikaner entweder als Bantu (Schwarzafrikaner), als Farbige (Menschen gemischter Hautfarbe) oder als Weiße klassifiziert wurden. Zudem untersagten der „Prohibition of Mixed Marriages Act“, i.e. das Gesetz gegen Gemischtehen (1949,) sowie der „Immorality Act“, i.e. das Gesetz gegen Unsittlichkeit (1950), Heirat oder Sex zwischen den Rassen.
 
In meiner kindlichen Naivität fragte ich mich, warum wir dies nicht auch tun könnten. Ich selbst erklärte es mir schließlich so, dass eine Reklassifizierung deswegen nicht möglich war, weil mein Haar viel zu „kraus“ war, als dass es den sog. „Bleistifttest“ hätte bestehen können. Bei diesem sogenannten Bleistifttest wird ein Bleistift ins Haar der betreffenden Person gesteckt – und je nachdem, wie leicht der Bleistift wieder herausfällt, wird darüber entschieden, ob die Person den Test „bestanden” hat oder aber „durchgefallen“ ist. Tatsächlich wurde dieser Test während der Apartheid-Ära in Südafrika zur Bestimmung der rassischen Identität regelmäßig angewandt, um Weiße von Farbigen und Schwarzen zu unterscheiden.
 
Zudem war meine Mutter viel zu dunkelhäutig, als dass sie für eine Weiße hätte durchgehen können … somit war ihre schwarze Hautfarbe ein zusätzliches Problem. In jenen Jahren war die Tatsache, in einer „farbigen“ Familie dunkelhäutig zu sein, nicht gerade von Vorteil, und vielleicht ist dies auch heute noch so … Aber dunkelhäutig zu sein und zudem noch krauses Haar zu haben, das war ein doppeltes Pech. Damit war das Schicksal der betreffenden Person ein für allemal besiegelt, womöglich überhaupt nicht gesehen zu werden oder gar Schlimmeres ...
 
Auch mit dem Helligkeitsgrad der Hautfarbe war das früher – und vielleicht auch heute noch – so eine heikle Sache: „je heller desto besser“. Obwohl eine farbige Person in den der weißen Bevölkerung vorbehaltenen Gebieten in jedem Fall als Bedrohung angesehen wurde, so galt sie dann wiederum im „Hood“ (in den für Schwarze und Farbige reservierten Gebieten) als etwas Besonderes, und zwar für den Fall, dass sie nicht so schwarz, sondern eher hellhäutig aussah, was ihr mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung einbrachte. Nicht selten wurde sie dann mit Kommentaren bedacht wie etwa: „Sy is meer soes n wit kind“ („Sie ist mehr wie ein weißes Kind“) oder auch „Sie ist ebenso schön wie ein weißes Kind“. Personen mit hellerer Haut und hellen Augen wurden prinzipiell eher als „begnadet“ angesehen, was natürlich einer völlig verdrehten Wahrnehmung entspringt, gerade so, als ob „Weißsein“ an sich schon ein Ausweis für intrinsische Schönheit wäre. Trevor Noah, ein südafrikanischer Komiker, verweist in seiner Netflixshow „Daywalker“ und in seinem Buch „Born a crime“ auf eben diese rassistisch bedingte Problematik, wobei er auch immer wieder auf die Hautfarbe und die Beschaffenheit der Haare zu sprechen kommt.
 
Ich möchte noch von einem anderen Ereignis berichten: Als zehnjähriges Mädchen machte ich häufig Botengänge für meine Familie, wozu ich dann einen großen Spielplatz in Manenberg in Kapstadt durchqueren musste. Dort lungerten für gewöhnlich irgendwelche Jungs von der Straße herum und sobald sie mich sahen, musste ich ihr übliches Pfeifkonzert über mich ergehen lassen: „ow whitey, ow djy, green eyes!“ („Hey weißes Mädchen, heh Du, Grünäugige! “). Als ich einmal nicht darauf reagierte, bekam ich Folgendes zu hören: ... „kyk die fokken kind, sy hou vir haar wit, wie dink sy is sy, net vol kak, os skop haar sommer binne haar ma se poes!“ („Schaut euch dieses verdammte Mädchen an, sie denkt wohl, sie ist weiß, was glaubt die nur, wer sie ist, sie ist doch bloß ein Stück Scheiße, gebt ihr einen Tritt in ihrer Mutters Pussy!”) Völlig verstört und verängstigt machte ich mich schleunigst davon und vermied es zukünftig den Spielplatz zu betreten. Hellhäutiger zu sein, war also sowohl ein Grund bewundert als auch verachtet zu werden.
 
Unter dem Apartheidsregime hatte die Tatsache, mit schwarzer oder brauner Hautfarbe geboren zu sein unweigerlich zur Folge, als ein „Verdammter dieser Erde“ betrachtet zu werden (siehe Fanon). Um diesem Status, ein Verdammter zu sein, zu entgehen, versuchten manche farbige Menschen Weißsein nachzubilden … worin ein quälendes bewusstes, aber zumeist auch unbewusstes Verlangen zum Ausdruck kam, all dasjenige zu erreichen, was sie mit dem Umstand ein Weißer zu sein verbanden … Reinheit, Gutheit und Überlegenheit. Dazu gehörte aber auch das Verlangen nach all dem, was die Weißen ihr Eigen nennen konnten und was sie offenbar so beneidenswert machte: Hautfarbe, Haar, Akzent, Fähigkeiten und augenfälliger Status sowie Reichtum, d.h. all das, was den Körper und das Denken betrifft. Im selben Maße, wie Weißsein idealisiert wurde, so wurde im Gegenzug die Tatsache schwarz zu sein verabscheut und verteufelt (s. Clark & Clark) [2].
 
Die Apartheid-Propaganda und die tagtäglichen Mikroaggressionen vonseiten der rassistischen weißen Bevölkerung, all dies trug vermutlich dazu bei, ein perverses, bestrafendes und sich selbst hassendes Überich entstehen zu lassen.
 
Die Frage ist: Wie verkraftet man psychisch all diese Angriffe auf das eigene Selbst? Um diese Frage einigermaßen zufriedenstellend zu beantworten, müsste ein komplexes Wirkungsgefüge erörtert werden, was den Rahmen des vorliegenden Beitrags sprengen würde. Nur soviel sei noch dazu gesagt: dass es hauptsächlich zwei Möglichkeiten gab damit zurechtzukommen. Während die einen sich nur in ihren Townships „zuhause“ fühlten, versuchten die anderen durch eine „rassische“ Reklassifizierung ihrem ursprünglichen Schicksal zu entfliehen. Auch gab es solche, die Geld hatten und aufgrunddessen Südafrika verlassen konnten; doch viele traten den Rückzug an und flüchteten sich in eine Art Verrücktheit oder griffen zu Drogen oder anderen Suchtmitteln und wurden abhängig. Doch man traf auch auf solche, die sich seelisch abtöteten, d.h. die sog. Untoten. Andererseits gab es auch Positives – wie beispielsweise Resilienz und ein starkes Gemeinschaftsgefühl sowie einen gemeinschaftlichen Zusammenhalt im Kampf um die Freiheit. Was jedoch unglaublich schmerzt mitansehen zu müssen, ist der Umstand, dass selbst ein noch so großes Bemühen, uns für die Freiheit einzusetzen und uns zu wehren, letztlich nicht ausreichte, um die gebrochenen Seelen der farbigen Menschen zu heilen.
 
Ich selbst begann meine Therapie zu Beginn der 90er Jahre, weil ich Aspekte dieser Zerbrochenheit in mir auf- und durcharbeiten wollte. Aber damals waren die meisten Therapeuten Weiße und infolgedessen nicht wirklich dazu befähigt, das tiefsitzende Gefühl rassialisierter Unzugehörigkeit wirklich zu begreifen, weswegen meine damalige Therapeutin das Augenmerk in erster Linie darauf richtete, inwiefern meine persönliche Geschichte meine innere Welt geprägt hatte. Natürlich war auch das relevant – die innere Dynamik in meinem Seelenleben, meine Familiengeschichte, meine ganz individuelle Psychologie, die im Wesentlichen mein Seinsgefühl bestimmte. Aber dieses individuelle Ich war dennoch ganz wesentlich mitgeprägt von der Rassenpolitik in Südafrika und dem Identitätsgefühl, wie es mir in meiner Kindheit vermittelt worden war. Meine Identität ist eben auch zutiefst geprägt von dem Staatsterror, der mich und zuvor meine Vorfahren schließlich dazu brachte, der hasserfüllten und perversen Propaganda dieses Staates zu glauben und sie zu verinnerlichen.
 
Einige von bell hooks verfasste Zeilen kommen mir in den Sinn, in denen sie von ihrem eigenen rassialisierten Hass  spricht: 

Tief traurig und mir selber verhasst … und dennoch war da auch ein tiefes Verlangen in mir, das mich veranlasste, in Therapie zu gehen. Aber damals, zu jener Zeit, half mir die Therapie nicht, denn ich konnte keinen Therapeuten finden, der die Macht des geographischen Orts, das Erbe der Vorfahren sowie die rassistisch aufgezwungene Identität wirklich anzuerkennen und ernst zu nehmen vermochte. Doch selbst als ich das Gefühl hatte, dass die Therapie nicht wirklich hilfreich war, verlor ich nie den Glauben daran, dass Genesung und Heilung irgendwann dennoch möglich sein könnten, und zwar dann, wenn ich nur endlich die Vergangenheit verstehen würde und ihre Verbindung zur Gegenwart herzustellen in der Lage wäre.

Wie könnte eine Heilung eines solcherart in Mitleidenschaft gezogenen Landes wie Südafrika überhaupt zuwege gebracht werden?
 
Dies ist eine Frage, die nicht durch eine gesonderte Bemühung von Einzelnen erschöpfend beantwortet werden kann. Hierfür bedarf es der kollektiven Anstrengung einer ganzen Nation. Es muss in den südafrikanischen Communities eine Bereitschaft und Offenheit dafür entstehen, um sich den Gräueltaten der Vergangenheit und der Gegenwart wirklich zu stellen. Wir sollten endlich die magische Vorstellung von der „Regenbogennation“ aufgeben und hinter uns lassen. Um so etwas wie Heilung zu bewirken, müssen wir endlich den blanken, internalisierten Hass zur Sprache bringen, der uns bis auf den heutigen Tag verfolgt. Wir müssen anerkennen, wie sehr er sich auf unser Gesamtverhalten auswirkt, insbesondere darauf, wie und auf welche Weise wir uns selbst behandeln, aber auch unsere zwischenmenschlichen Beziehungen, unsere Arbeit, und wie wir unsere Kinder erziehen – also im Wesentlichen darauf, wie wir psychisch damit umgehen.   
 
Ich habe im Anfangsteil meines Beitrags aus einer alten von //Kabbo erzählten Geschichte zitiert. Die Geschichte versinnbildlicht, wie wir Menschen im ununterbrochenen Kreislauf des Lebens immer mehr verbrennen, um schlussendlich zu Asche werden. Die Geschichte erzählt davon, wie die Asche unserer Vorfahren insgesamt die Milchstraße bildet, die uns sodann mit ihrem Licht auf unserer persönlichen Lebensreise den Weg weist. Ich glaube, wir können uns von diesem Licht nur dann vertrauensvoll leiten lassen, wenn wir den Mut haben, uns wirklich und wahrhaftig mit den vergangenen Tragödien unserer Vorfahren und deren mannigfachen Folgewirkungen auf uns bis zum heutigen Tag auseinanderzusetzen. Es liegt in unser aller Verantwortung, diese schwierige Aufgabe und gewaltige Herausforderung des Erinnerns auf uns zu nehmen, um so nah wie möglich bei der Wahrheit unserer eigenen Erfahrungen zu bleiben. Authentizität und das beständige Streben, der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen, sind ein wesentlicher Bestandteil dieses Weges hin zum menschlichen Sein, wozu nicht zuletzt auch die Anerkennung des zutiefst menschlichen Bedürfnisses nach Zugehörigkeit gehört.
 
[1] Der „Group Areas Act“ (1950)  (Gesetz über die Gebietseinteilung für die Bevölkerungsgruppen)  bildete einen der „Ecksteine“ der Apartheidspolitik. Dieses Gesetz sollte bewirken, dass gemischtrassige Wohngebiete abgeschafft werden, um die Rassentrennung immer mehr durchzusetzen und es den Südafrikanern zu ermöglichen, ein sozial und ökonomisch strikt voneinander getrenntes Leben zu führen (South African Institute for Race Relations, 1950: 26).
 
[2] Die von Clark & Cark entwickelten Puppenexperimente sind ausgehend von Mamie Clarks Masterarbeit entstanden. Gemeinsam publizierten sie zwischen 1939 und 1940 drei größere Artikel über die rassisch bedingte Selbstwahrnehmung schwarzer Kinder. ... In einer mit Kindern durchgeführten Studie konnten sie mithilfe des von ihnen entwickelten Experiments nachweisen, dass weiße Puppen von sämtlichen schwarzen Kindern eindeutig bevorzugt wurden.
 
Literatur
Centre for Creating the Archive, University of Cape Town, ‘The courage of //Kabbo and a century of Specimens’ – Bleek and Lloyd conference  August 2011; http://www.cca.uct.ac.za
Fanon, F. (1963). Die Verdammten dieser Erde. Suhrkamp. Frankfurt am Main, 1981.
Freud, S.  (1914). Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten. G.W. Bd. 6, S. 109-119.
hooks, b. (aka Gloria Jean Watkins) (2003). Rock my Soul, Black People and Self-Esteem. NY: Atria.
hooks, b. (aka Gloria Jean Watkins) (2009). Belonging: A Culture of Place. NY: Routledge.
Long, W. (2021). Nation on the Couch. Cape Town: Melinda Ferguson.
Noah, T. (2017). Born a Crime - Stories from a South African Childhood. UK: John Murray Publishers.
Vollenhoven, S. (2016 ). The Keeper of the Kumm - Ancestral Longing and Belonging of a Boesmankind.  Cape Town: Tafelberg.

 

Aus dem Englischen übersetzt von M.A. Luitgard Feiks und Jürgen Muck.
 
 

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