Tattoos psychoanalytisch betrachtet

Dr. med. Uta Karacaoğlan
 

Das Tattoo selbst wie auch der Vorgang des Tätowierens tragen neben ihrer bewusst wahrgenommenen Bedeutung auch zahlreiche unbewusste Funktionen und Bedeutungsaspekte in sich.

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Tätowierungen sind ein vielschichtiges Phänomen, nicht nur ganz konkret, indem sie in tiefe Hautschichten eingebracht werden und trotzdem von außen sichtbar sind, oder ein Teil ihrer Farbe sich im ganzen Körper verteilt, sondern in ihrer psychologischen Bedeutung und Symbolik. Sowohl bewusst als auch unbewusst haben sie vielfältige Implikationen. Es gibt eine umfangreiche soziologische, historische und psychologische Literatur zu dem Thema der Tätowierung, die sich interessanter Weise fast ausnahmslos mit der bewussten Bedeutung von Tätowierungen beschäftigt. Die Tätowierung verführt sozusagen dazu, nur das Bewusste und Konkrete wahrzunehmen. Im vorliegenden Text wird eine psychoanalytische Perspektive eingenommen, die die Frage nach den unbewussten Implikationen in den Mittelpunkt der Überlegungen stellt.
 
Jamal ist Mitte 20, als ich ihn kennenlerne. Kurz nach Beginn seiner Analyse- vierstündig, auf der Couch-, die er wegen depressiver Verstimmungen und einer vermeintlichen ADHS-Diagnose begonnen hat, muss er für ein paar Monate studienbedingt ins Ausland. In der Wohngemeinschaft hat er dort einen Konflikt mit einem Mitbewohner, er ist einsam und verlassen. Da beschließt er, sich tätowieren zu lassen: den Rahmen eines leeren Bildes. Schon während des Tätowierens und im Anschluss daran, so berichtet Jamal mir später, habe er sich besser gefühlt, innerlich ruhiger und entspannter. Das Tattoo findet er „schön“; warum er sich ein leeres Bild ausgedacht hat, weiß er auch nicht so genau. 

Fern der Heimat, einsam und verlassen von seiner Freundin und seiner Analytikerin, gleichzeitig bedrängt von der Wut auf seinen neuen Mitbewohner, fasst er den Entschluss, sich tätowieren zu lassen. Bereits der schmerzhafte Vorgang schafft Erleichterung, das dabei entstandene Bild beruhigt ihn nachhaltig. Jamal geht es vermutlich ähnlich wie vielen Seefahrern, Fussballspielern, Menschen in Gefängnissen oder psychoanalytischen Behandlungen: Durch zuviel Nähe in Beziehungen werden starke unbewusste, zB sexuelle oder aggressive, Affekte ausgelöst, gleichzeitig führt die große – innere oder äußere – Entfernung zur Ursprungsfamilie oder Heimat zu Verlassenheits- und Verlustängsten. Beides löst eine massive Erschütterung der inneren Sicherheit, der Grenzen und der Identität aus. Durch die Tätowierung kann Jamal diese Sicherheit vorübergehend zurück gewinnen und versuchen, sein Gefühl von Identität festzuschreiben. 
 
Als ich mich anhand von Patienten, die sich während der Analyse tätowieren ließen, mit den unbewussten Ursachen dieses Phänomens beschäftigte (Karacaoğlan, 2012), kam ich zu dem Schluss, dass es eine Handlungs- und eine bildliche Seite der Tätowierung gibt.

Bezüglich der Handlungsseite der Tätowierung nehme ich mit Bick (1968) an, dass die Manipulation der eigenen Haut durch die Tätowierung auf einer frühen Ebene den Versuch darstellt, ein haltendes und begrenzendes Objekt ganz konkret zu erfahren. Dabei verschiebt das Tätowieren einen unerträglichen Affekt in die schmerzhafte Verletzung des eigenen Körpers, wodurch er aushaltbar wird. Aus dieser Perspektive betrachtet, ist Tätowieren ein – wenn auch weit verbreitetes- Borderlinesymptom. Nach der Heilung der verletzten Haut ist das Tattoo taktil sensorisch im Körper integriert. Gaddini (1969) sieht, ausgehend von den Überlegungen Freuds (1923) zur körperlichen Verwurzelung des Ich, die Haut als zerbrechliche Grenze des Selbst und beschreibt, wie es in der frühen kindlichen Entwicklung in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres um eine erste Trennung von der Mutter geht, der Zeitpunkt, wenn das Übergangsobjekt (Winnicott 1951) Bedeutung bekommt. Wenn zu genau diesem Zeitpunkt eine psychische Unmöglichkeit besteht, in der Entwicklung fortzuschreiten, z. B. durch eine Kontaktstörung mit der Mutter, dann entsteht als Ausdruck dieser Problematik eine somatische Pathologie, die manifest die Haut betrifft, eine atopische Dermatitis. Gaddini interpretiert die Dermatitis als eine Abwehr, die offenbart, dass die Grenze der eigenen Haut (des getrennten Selbst) nicht imstande ist, ihren Inhalt zu „halten“ und zu schützen. Dadurch bleibt das Bedürfnis nach dem Anderen konstant und unumgänglich, aber der Andere gilt nur als funktionale Grenze des Selbst. Durch das mit Schmerzen verbundene Einspritzen von Farbe in die Haut wird bei der Tätowierung artifiziell eine Dermatitis hervorgerufen, die über einen Zeitraum von mehreren Tagen oder Wochen abheilen muss, bevor das fertige Bild entstanden ist. In diesem Zeitraum muss die verletzte Haut gepflegt, eingesalbt und besonders versorgt werden. Auf dieser Ebene kann der Vorgang des Sich – tätowieren – lassens einerseits als Versuch verstanden werden, agierend einen frühen Mangel darstellen und durch eigene Aktivität sozusagen wieder gut machen zu wollen, und andererseits könnte man es wie den Versuch einer konkreten Reparatur des Körperbildes sehen. 

Mit einer gelingenden Trennung bildet sich im Allgemeinen die Vorstellung eines inneren, von einer Grenze umschriebenen Raumes und eines äußeren unbegrenzten Raumes jenseits dieser Grenze. Voraussetzung dafür, sich tätowieren zu können, ist nun die unbewusste Vorstellung, einen eigenen Körper zu haben, der eine Einheit darstellt und nach außen abgegrenzt ist und dem man eine Bedeutung geben kann, und so eine Leinwand zu besitzen, auf die man ein unbewusstes Bild projizieren und nach außen darstellen kann. In Zuständen von Fragmentierung wie zB in einer akuten Psychose ist dies nicht mehr der Fall, das Körperbild ist in einzelne Teile zerbrochen (Pankow, 1974), die schwer oder gar nicht mehr in einen Zusammenhang gebracht werden können, so dass man annehmen kann, dass Menschen in akut psychotischer Verfassung sich nicht tätowieren lassen „können“. Der Begriff des Körperbildes geht zurück auf den Wiener Psychoanalytiker Paul Schilder (1935), der unter dem Konzept eine komplexe Funktion seelischen Erlebens zusammenfasst, die physiologisch begründet, libidinös besetzt und in die Organismus-Umwelt-Beziehungen eingebettet ist. Das Körperbild beruht auf Phantasien und Aktivitätsmustern, die in Beziehungen zur Außenwelt und den Trieben gebildet, aufgehoben und umgestaltet werden. Es handelt sich um einen aktiven, lebenslangen Prozess. Dabei ist der Begriff des Bildes nicht wörtlich, bzw. optisch zu verstehen, sondern als das Gesamt der psychischen Besetzungen und Repräsentanzen des körperlichen Erlebens. Angelergues (1975) sieht im Körperbild einen Prozess symbolischer Vorstellungen von einer Grenze, welche die Funktion eines stabilisierenden Bildes und einer schützenden Hülle hat. Aus dieser Perspektive betrachtet wird der Körper ein Objekt der Besetzung und das Körperbild das Ergebnis dieser Besetzung, welches – außer im Wahnzustand- nicht austauschbar ist und um jeden Preis intakt bleiben muss. Das Konzept des Körperbildes ist in seiner Weiterentwicklung von Gisela Pankow (1974) eine nützliche Perspektive – sozusagen eine nützliche Vereinfachung – zur unmittelbaren Übersetzung psychischer Phantasmen in Sinnzusammenhänge, die wiederum eine Repräsentation von unbewussten Zerstörungszonen erst ermöglicht. Der Körper ist in seiner Dreidimensionalität das Objekt par excellence, das eine räumliche Vorstellung fühlbar macht. Durch die aktiv interpretierte, körperliche Wahrnehmung von Sinnesdaten wird unbewusst permanent ein inneres Bild vom Körper im Raum konstruiert, das die Grundlage der inneren Orientierung, Wahrnehmung der Realität und der Generierung von Hypothesen über die Umwelt darstellt. Wenn ein unbewusstes Bild von einem einheitlichen Körper mit einer Grenze besteht, die einen inneren von einem äußeren Raum abgrenzt, kann diese äußere Hülle mit Fantasien besetzt werden, und so in Situationen psychischer Regression bei drohendem Kollaps des Übergangsraums die innere Sicherheit durch eine Tätowierung zurückgewonnen werden.

Da das Objekt, welches in Form des Tattoos geschaffen wird, ein Teil des eigenen Körpers bleibt, ist die Handlung der Tätowierung ein nur teilweise gelingender Versuch, ein Übergangsobjekt herzustellen. Der Zeitpunkt, an dem das Bedürfnis nach einem Tattoo entsteht, ist dann gegeben, wenn sozusagen der Übergangsraum zu kollabieren droht, also gerade nicht funktioniert. Wichtig erscheint dabei das Bedürfnis nach Statik und Unveränderbarkeit, als solle die Tätowierung ein Anhalten in einem regressiven Sog bewirken, dadurch einen „sicheren“ Abstand zum Objekt fixieren und so einen Halt herstellen. Ein regressiver Sog, wie er in analytischen Beziehung durch die Übertragung ausgelöst werden kann und der in Richtung zu wenig Abstand oder zu viel Abstand drängt, soll auf diese Weise angehalten werden. Das Tattoo versucht dabei, das Gefühl fehlender oder fragiler Identität zu überdecken, es tarnt sich als Ausdruck von Individualität, obwohl sich das gewählte Bild auf der Suche nach Halt unbewusst an den Bezugs- oder Übertragungspersonen, meistens den Eltern, und deren Bedeutung für den sich Tätowierenden orientiert. Das Tattoo ist eigentlich starr in sich selbst, lässt keine Bewegung zu und erlaubt fast keinen Übergangsraum.
 
Neben der Handlungsseite ist die bildliche Seite der Tätowierung von Bedeutung. Das Tattoo ist ein Bild, das neben der bewussten natürlich eine unbewusste Bedeutung hat und eine metaphorische Funktion mit sich bringt. Freud erwähnt das Phänomen der Tätowierungen in „Totem und Tabu“ (1912/13), und beschreibt dort, wie Menschen sich das Bild eines Totemtiers einritzen. Dieses Totem ist meistens eine Tiergattung, die als Stammvater und Schutzgeist fungiert. Interessanterweise ist das Totem entweder in mütterlicher oder väterlicher Linie erblich und mit Exogamie verbunden, so dass es das Inzestverbot bei den Naturvölkern regelt. Das Totemtier darf nicht getötet oder verzehrt werden. Dieses Tabu bildet den Kern des Totemismus. Die Quellen des Tabuglaubens liegen in der Furcht vor der Wirkung dämonischer Kräfte, die als in die Umwelt projizierte unbewusste Wünsche nach verbotenem Tun zu verstehen sind. Das Tabu ist an ein magisches Berührungsverbot gebunden, welches Ausdruck der Technik ist, die das animistische Denken der totemistischen Kulturen regiert. Das zugrunde liegende Prinzip ist das der Allmacht der Gedanken. Freud stellt die Verbindung zur Zwangsneurose, anderen Neuroseformen und der Paranoia her, in denen ebenfalls die Allmacht der Gedanken in magischer Weise vorherrsche. Wenn der innere Halt durch einen unbewusst befürchteten Tabubruch bedroht wird, wobei Triebwünsche und Ängste vor Verlassenheit oder Verschmelzung unerträglich werden, ist die Tätowierung ein Versuch, diesen Tabubruch magisch abzuwenden. Gleichzeitig stellt die Tätowierung unbewusst das Thema des Tabubruchs bildlich dar.
 
Jamals Bild der Leere zeigt vermutlich, wie er sich unbewusst leer und ohne Bedeutung erlebt, sich selbst nicht erkennen kann. Gleichzeitig ist es ein Bild für die Leere der fremden Welt, in der er sich aufhält. Immer geht es nur um den Rahmen, dass er gute Schulen besucht, Leistungen erbringt, nie um seine Gefühle. Auch die Analyse ist zum Zeitpunkt der Tätowierung nur ein leerer Rahmen, mit dem er nichts anfangen kann in der Ferne. So kann das Tattoo als Ausdruck der Übertragung verstanden werden. In der Tiefe zeigt es, wie Jamal sich in Bezug zu seinen Primärobjekten erlebt: leer, ohne Konturen, ohne Identität, ohne Gesicht. Jamal hat den Kontakt zu seinen Eltern fast vollständig abgebrochen, hat sich in die Leere zurückgezogen. Entlastende Leere, als wäre sein Tattoo ein Bild für seinen unbewussten Wunsch, ein unbeschriebenes Blatt zu sein, ohne Geschichte und Gefühle. Dies drückt sein „ADHS-Symptom“ ebenfalls aus: sein Gehirn bleibt leer wie das Bild, er kann kein Buch lesen und sich nichts merken. Korrespondierend dazu fühlt er sich besonders zu Beginn der Analyse sehr entfernt an und löst ein grundlegendes Gefühl von Leere bei mir aus, alles scheint an ihm abzugleiten. Er ist sehr misstrauisch und versucht, nichts von sich zu zeigen, unsichtbar zu bleiben. Erst im weiteren Verlauf der Behandlung kommt zu Tage, wie er sich permanent mit homosexuellen Phantasien beschäftigt, sich weiblich erlebt und in seiner sexuellen Identität unsicher ist. Als er den Drang nach dem Tattoo verspürte, fühlte er sich sexuell hingezogen zu eben diesem Mitbewohner, auf den er dann so wütend wurde.

So fasst das Tattoo Jamals aktuelle Situation auf dem Hintergrund seiner zentralen unbewussten, inneren Konflikte bildlich zusammen. Wie eine Momentaufnahme verdichtet es dabei dialektisch Mutter – und Vaterbeziehung, Wünsche nach Nähe und Abstand, Tabu und Tabubruch, Gleichheit und Unterschiedlichkeit, Identifizierung und Individuation. 
 
Das Bedürfnis nach einem Tattoo taucht auf, wenn der innere Abstand zum Objekt entweder zu gering oder zu groß wird – bzw. wenn beides gleichzeitig der Fall ist. Das Tattoo soll einen „sicheren“ Abstand fixieren und so einen Halt herstellen. Auf diese Weise kann der Körper erneut Ausgangspunkt psychischer Aktivität werden. Jamal kann im Laufe seiner Analyse mit zunehmender Fähigkeit, seine Affekte zu repräsentieren und Gefühle wahrzunehmen, einen funktionierenden Übergangsraum aufrecht erhalten, so dass er kein Bedürfnis nach weiteren Tattoos verspürt.
 
Literatur 
Angelergues, R. (1975). Réflexions critiques sur la notion du schéma corporel. In Psychologie de la connaissance de soi. Paris: PUF.
Bick, E. (1968). The experience of the skin in early object-relations. Int. J. Psychoanal., 49, 484 – 486.
Freud, S. (1912-13). Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker. GW 9, 287 - 444.
Freud, S. (1923). Das Ich und das Es. GW 13, 237 - 289.
Gaddini, E. (1998 [1969]). Note sul problema mente – corpo. Riv. Psicoanal, 27, 1. In: Ders.: „Das Ich ist vor allem ein körperliches. Beiträge zur Psychoanalyse der ersten Strukturen. Hg. von G. Jappe u. B. Strehlow. Tübingen (edition discord), 21-51.
Karacaoğlan, U. (2012). Tattoo and Taboo: On the Meaning of Tattoos in the Analytic Process. Int. J. Psycho-Anal., 93(1):5-28.
Pankow, G.W. (1974). The Body Image in Hysterical Psychosis. Int. J. Psycho-Anal., 55, S. 407-414.
Schilder, P. (1935): The Image and Appearance of the Human Body: Studies in the Constructive Energies of the Psyche. London (Kegan Paul, Trench, Trubner).
Winnicott, D.W. (1951). Transitional Objects and Transitional Phenomena In Playing and Reality. New York: Basic Books, S. 1-25.
 

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