Selbstzustände im Übergangsbereich von Körper und Psyche

Paola Golinelli
 

In einer zunehmend virtueller werdenden Welt ist eine stetige Entfremdung von unserem Körper zu beobachten. Eine klinische Vignette wirft diesbezügliche Fragen auf, die es noch zu beantworten gilt.

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Die Menschen sehen sich gegenwärtig mit einer ‘angsterregenden’ Herausforderung konfrontiert. Mit einmal erhebt sich die Frage, ob wir überhaupt noch mit anderen Menschen in Kontakt kommen können oder dürfen, seien es nun die uns nahestehenden Personen oder auch andere Personen. Es wurde bereits viel gesagt, und es wird auch noch mehr gesagt werden müssen zum Thema der Pandemie, ein Ereignis, das uns allesamt unerwartet heimgesucht hat und mit dem keiner von uns rechnen konnte. Was die gegenwärtige Situation in uns allen wachruft, ist ein beunruhigendes Gefühl von Desorientiertheit in Bezug auf alles Körperliche. Während wir uns nach und nach an die alternativen Formen der Beziehung und Kontaktaufnahme gewöhnen, werden wir uns gleichzeitig dennoch gewahr, dass dabei irgend etwas Wesentliches auf der Strecke bleibt. Diese neuen Beziehungsformen bedienen sich ganz neuer Kommunikationswege, die uns zwar in Echtzeit miteinander in Kontakt treten lassen, aber uns gleichzeitig auch voneinander entfernen und entfremden.
 
Von all dem bleibt natürlich auch das analytische Behandlungszimmer nicht verschont, ‘mit seinen vier Wänden, die ich so sehr vermissen werde’, wie mir eine Patientin in dem Moment versicherte, wo wir uns darauf verständigten, künftig auf Sitzungen via Remoteanalyse umzustellen. Der Körper entfremdet sich uns zusehends und schützt sich vor der Begegnung mit dem Anderen, was im ungünstigen Fall zu Isolation und nahezu vollkommener ‘Autarkie’ führen kann. (Mir kommt in diesem Zusammenhang das extreme Verhalten von Jugendlichen in den Sinn, die unter dem sogenannten Hikikomori Syndrom leiden.) 


Es erhebt sich die Frage, ob das derzeit erforderliche Abstandhalten und  Unterlassen von Kontakten mit anderen unweigerlich auch eine Veränderung in unserer Selbstbeziehung bewirkt.
 
Nun widerspricht dies der klinischen Evidenz, die uns tagtäglich erkennen lässt, dass der Körper und das Selbst Depositorien von Erfahrungen sind, welche nicht integriert werden können.
 
All diejenigen, die bei einem Analytiker Hilfe suchen, tun dies aus ganz unterschiedlichen Motiven heraus, aber es gibt wohl keinen Analysanden, dem ein Gefühl von äußerster Einsamkeit vollkommen fremd wäre.
 
Nun kann Einsamkeit an dem einen Ende des Spektrums ein tiefgreifendes Gefühl sein, wie es Roussillion (2017) so eindrücklich beschrieben hat, ‘welches das Subjekt so sehr von allen menschlichen Daseins- und Lebensbedingungen fernhält, dass dadurch die Fähigkeit zur Symbolisierung eine grundlegende  Beeinträchtigung erfährt’. In solch einem Fall geht Einsamkeit mit Gefühlen von Wut und seelischer Bedrängnis einher, was stets darauf schließen lässt, dass das betreffende Individuum in der Vergangenheit traumatische und extrem schmerzliche Erfahrungen zu erleiden hatte, was dazu führte, dass diesem Individuum im Laufe der Entwicklung immer mehr die Fähigkeit abhanden kam, mit anderen und mit sich selbst in Kontakt zu treten. Was nun hingegen am entgegengesetzten Ende des Spektrums von Einsamkeit zu lokalisieren ist, kann als die Fähigkeit verstanden werden, mit sich selbst allein sein zu können, ein grundlegender Seinszustand des Selbst, den Winnicott (1975) im Blick hat, wenn er den für das psychische Wachstum wesentlichen Entwicklungsschritt des Kindes beschreibt, der eine notwendige Voraussetzung dafür bildet, um schließlich auf die Verlässlichkeit, Kontinuität und Stabilität des Objekts und des eigenen Selbst vertrauen und aufbauen zu können.
 
Die erstgenannte Einsamkeit ist das ursächliche Motiv dafür, weswegen eine Person auf der Couch des Analytikers landet, quasi so wie ein Schiffbrüchiger auf einem Korallenriff oder Atoll (Golinelli, 2003), wenn er sich durch äußere Umstände gezwungen sieht, einen Teil von sich selbst zu opfern, nur um alles andere zu retten. Im zweitgenannten Fall lässt sich Einsamkeit hingegen als eine persönliche Errungenschaft verstehen, d.h. eine Eroberung, die sich gewissermaßen wie die abschließende Krönung jahrelanger analytischer Arbeit anfühlen kann.
 
Vielleicht erhebt ja letztlich jedes Individuum insgeheim Anspruch auf diesen ausschließlich uns Menschen vorbehaltenen Seinszustand, sich als ein ganzes Objekt und in der ganzen Fülle seines eigenen Seins zu erleben. Und die Bedingung dafür ist, dass es dem betreffenden Individuum vergönnt war, sich auf ein Objekt zu beziehen, welches die Fähigkeit besaß, Containment und Kontinuität zur Verfügung zu stellen, was dann wiederum die notwendige Grundlage dafür schafft, die Objektwelt und das eigene Selbst als getrennt und verschieden voneinander erkennen zu können, aber gleichzeitig eben notwendigerweise auch als einander bedingend.
 
Bollas (2018) spricht diesbezüglich von der Einsamkeit des Selbst und er beschreibt minutiös und eindrücklich, wie sich innnerhalb dieses Selbst ein Dialog entspinnt zwischen dem Ich und seinem anspruchsvollen bzw. sozusagen ‘anmaßenden’ Streben, die innere und äußere Realität zusammenzuhalten und somit stellvertretend für das ‘M-Ich’ zu sprechen. Bollas zufolge ist das ‘M-Ich’ weder das Ich noch das Unbewusste, und es ist auch nicht das Selbst. Es ist einer anderen Dimension zuzuordnen und tritt vielmehr in einem bestimmten Bereich der Erfahrung in Erscheinung, wo das ‘Ich’ als Sprecher des ‘M-Ich’ fungiert, was uns wiederum als Depositorium bzw. Aufbewahrungsort für unsere inneren und äußeren Objekte dient.
 
In dem Moment, in dem wir nämlich aufhören würden, zu uns selbst zu sprechen, gäbe es auch kein ‘M-Ich’ mehr, d.h. diesen inneren Gesprächspartner, der fortwährend darum bemüht ist, die für unser Bewusstsein notwendige Grundlage stets aufs Neue zu konstituieren und zu konsolidieren, was die Bedingung dafür schafft – sofern es uns gelingt, mit diesem Gesprächspartner in Verbindung zu bleiben – uns als ganze Person und als uns selbst zu erleben.
 
Es handelt sich dabei um jenen ‘Bewusstseinsstrom’, der für James Joyce so bedeutsam war, jenes Artikulieren von bewussten Ideen und Gedanken, die nichtsdestotrotz aus einem tief in uns verankerten unbewussten Nährboden entspringen. Es ist vielleicht Thomas Ogden (2016), der all dies wie kein anderer Psychoanalytiker akribisch genau in seinen klinischen Vignetten beschreibt, indem er all das, was er in einem Zustand der Reverie in Erfahrung bringt, in seine klinischen Schilderungen mit einfließen lässt.
 
Wenn nun dieser innere Dialog mit uns selbst, dem wir das Gefühl verdanken, als ein einzigartiges, einmaliges Wesen zu existieren, teilweise oder sogar vollkommen unterbrochen wird, dann fühlt sich das Individuum eines wesentlichen Teils seines eigenen Selbst beraubt und begibt sich unweigerlich in seiner Umwelt auf die Suche nach affektiver, emotionaler und impulsgesteuerter Nahrung für Lebensfülle,  etwas, das uns als Mensch erst das Gefühl gibt, wirklich und tatsächlich am Leben zu sein. Und dies sind auch genau diejenigen Individuen, die dann zu uns in die analytischen Behandlungszimmer kommen, in der mehr oder weniger unbewussten Hoffnung, in einen Dialog zwischen Analytiker und Analysand einzutreten, der allererst initiiert und ganz neu geschaffen werden muss, um darüber dem Subjekt wieder zu einem Gefühl von Sinnhaftigkeit und Bedeutung zu verhelfen. Die beiden Akteure im analytischen Setting partizipieren demzufolge an der gemeinsam geteilten Illusion, nicht nur dank der ausgetauschten Worte miteinander zu kommunizieren, sondern auch dank der zwischen ihnen beiden bestehenden interpsychischen ‘Porosität’ (Neri, 1993), d.h. einer unmittelbar direkten Transmission von Selbst zu Selbst, wobei sich dann beide gemeinsam auf die Suche begeben nach der im Unbewussten angesiedelten Dimension, was nur auf der Grundlage einer kostbaren Intimität und Nähe möglich wird, die aus der Freude und Lust an der inneren psychischen Realität erwächst, und zwar einer Realität, welche sich auszeichnet sowohl durch die Getrenntheit als auch die Einzigartigkeit des Subjekts (Poland, 2018). Man kann also sagen, dass genau dies die Originalität der psychoanalytischen Begegnung ausmacht, die dem essentiellen Bedürfnis ein Selbst zu sein, in hohem Maße entgegenkommt und Rechnung trägt, und dadurch gleichzeitig anerkennt, dass wir als Menschen nicht als isolierte Individuen zu leben in der Lage sind, sondern immer nur in fortwährender Kommunikation stehend miteinander und mit der übrigen Welt. Wenn Bion (1979) eine analytische Funktion des Bewusstseins postuliert, so sind wir als Analytiker dazu aufgerufen, uns dieser analytischen Funktion zu bedienen, uns ständig aufs Neue um sie zu bemühen und sie in uns beständig weiterzuentwickeln, um dadurch der sich im Unbewussten manifestierenden Komplexität bestmöglich ins Auge sehen zu können, die sowohl Analytiker als auch Analysand zu entschlüsseln und zu verstehen bestrebt sind. Nun kommt all dies in der aktuellen Krisensituation umso deutlicher zum Vorschein, wo wir uns angesichts der uns gegenwärtig alle bedrohenden Gefahr womöglich vermehrt dazu hinreißen lassen, in diesen Zustand der Einsamkeit zurückzufallen bzw. zu regredieren. 
 
Im Folgenden möchte ich eine klinische Vignette schildern, die verdeutlichen soll, wie sich der ‘Körper’ mit seiner komplexen und vielgestaltigen Sprache als Protagonist im Rahmen der interagierenden Dynamik der analytischen Arbeit von Analysand und Analytiker in Szene setzt und somit buchstäblich eigenständig zu 'Wort meldet'.
 
Eine kleine analytische Begebenheit 
Nachdem die Patientin wie gewöhnlich schließlich zur Vordertür hereingekommen ist und dann noch den Weg in dem kurzen Korridor bis zu meinem Behandlungszimmer, wo ich auf sie warte, zurückgelegt hat, schaut sie mir ganz direkt ins Gesicht. Die Art und Weise, wie sie mich ansieht, ruft mir unmittelbar ins Gedächtnis, wie mich die Neugeborenen immer angesehen hatten, mit denen ich in der Vergangenheit hauptsächlich bei mir zuhause in näheren Kontakt gekommen war. Ich würde es am ehesten als einen durchdringenden Blick bezeichnen, der vollkommen unverschleiert und unverstellt ist, und der einen geradezu ungeschützt ganz tief im Innersten trifft. Ich darf wohl sagen, dass dieser besondere Blick meiner Patientin bisweilen ein Gefühl tiefer Besorgnis und Beunruhigung in mir hervorruft, was ich darauf zurückführe, dass ich mir gewahr bin, dass ich nichts vor ihr verbergen kann – kein Gefühl und keine noch so flüchtige Emotion, die womöglich in mir aufblitzt, nicht einmal den noch so kleinsten Anflug von Müdigkeit am frühen Montagmorgen. Ich merke jedenfalls, ihr Blick lässt keinerlei Ambivalenz gelten. 
 
Über viele Monate hinweg erwies sich insbesondere der Beginn ihrer Sitzungen als ein schwieriges Unterfangen. Dabei ist die Patientin dann gereizt und distanziert. Manchmal projiziert sie etwas in mich hinein, wie etwa, dass ich ihrer überdrüssig bin, und ist der felsenfesten Überzeugung, ich wolle einfach nicht mit ihr zusammen sein. Und so verfällt sie häufig in ein lang anhaltendes Schweigen. Doch dafür meldet sich dann ihr ‘Körper’ zu Wort und ‘spricht’: es tut ihr an der einen oder anderen Stelle weh und sie möchte nur noch schlafen und sich in einen Kokon hinein verkriechen, wofür in der Vorstellung der Patientin das Bett bei ihr zuhause steht – was sie übrigens nie explizit mit der analytischen Couch in Verbindung bringt, auch wenn … Und wenn sie dann am Ende einer solchen Sitzung der analytischen Arbeit vollends den abschließenden Todesstoß zu versetzen trachtet, dann macht sie einfach die kurze Bemerkung, nun sei die Sitzung schon wieder vorbei und ‘absolut nichts hat sich verändert!’. Mit fortschreitender Analyse verleiht sie dann immer häufiger ihrem Wunsch Ausdruck, mir bestimmte Dinge zu zeigen. Aber erst einmal dazu zu kommen, mir diese Dinge auch wirklich zu zeigen, erweist sich zunächst einmal als ein ungeheuer zeitraubendes und kompliziertes Unterfangen, wobei sie dann auch immer wieder in ein lang anhaltendes Schweigen verfällt. Ich gebe mir Mühe zu verstehen, weswegen es für sie so schwierig ist, in dieser Richtung wirklich etwas zu unternehmen, aber ich entschließe mich abzuwarten, bis sie mir schlussendlich von sich aus offenbart, dass die Schwierigkeit für sie nicht darin besteht, mir diese Dinge, die ihr tatsächlich auch wichtig sind, zu zeigen, sondern vielmehr darin, dass sie, zuvor von der Couch aufstehen muss, um sodann diese Dinge aus ihrer Tasche zu holen. Dazu muss man wissen, dass die Distanz zwischen der Couch und der Stelle, wo sich ihre Tasche befindet, ungefähr zwei Meter beträgt, was bedeutet, dass sie schätzungsweise drei oder vier Schritte durch den Raum gehen müsste, um zu ihrer Tasche zu gelangen. Später sagt sie mir, dass die Entscheidung zu treffen, von der Couch aufzustehen und diese vier Schritte zu machen, Teil ihres Problems seien, da ich sie nämlich dann beim Durchqueren des Raumes beobachten würde und sie sich nicht länger im Schutzraum der Couch befände, den sie aber unbedingt brauche, um sich vor dem Unbekannten zu schützen, das ihre den Raum durchquerenden Schritte womöglich zum Vorschein bringen könnten. 
 
Wovon sie meiner Ansicht nach spricht, sind Schritte der Trennung von einem ihr vertrauten Teil der Analytikerin, und zwar demjenigen Teil, von dem sie sich Bestätigung und Rückversicherung erhofft und auch erhält, aber in ihrer Vorstellung nur solange, wie dieser Teil gut gegen die möglichen Forderungen vonseiten des Überichs abgeschirmt und geschützt bleibt. (In der Analyse hat man während der gesamten Dauer der Sitzung auf der Couch liegen zu bleiben!) Wenn sie also auf der Couch liegt, so ist dies in ihrer Vorstellung so, als würde das elterliche Paar mit wohlwollenden und liebenden Augen auf sie schauen, aber eben nur solange, wie sie sich wie ein braves Mädchen verhält, ruhig und gefasst, und nie dem inneren Bedürfnis oder Drang nachgibt, sich zu bewegen, um für sich selbst neue Bereiche, wie etwa auch fleischliche oder sexuelle Gelüste, zu erkunden. Zunächst verstehe ich nicht, was genau es wirklich mit ihrer emotionalen Bedrängnis auf sich hat, die ich jedes Mal kurz bevor sie sich von der Couch erhebt in ihrem Verhalten wahrnehmen kann, denn inzwischen hatte sie dies tatsächlich schon das ein oder andere Mal getan, und zwar immer dann, wenn sie mir unbedingt etwas zeigen wollte. Doch ihre seelische Bedrängnis war immer noch die selbe und hatte offensichtlich inzwischen kein bisschen nachgelassen. Ich hatte ihr also gewährt von der Couch aufzustehen, und zwar zunächst in der Annahme, dass ihre seelische Bedrängnis mit dem Inhalt dessen, was sie mir zeigen wollte, in ursächlicher Verbindung stand, und nicht an sich mit der dazu notwendigen Bewegung oder Aktion.    
 
Immer dann, nachdem sie mir den Gegenstand gebracht und sich schließlich wieder hingesetzt hat, nehme ich wahr, dass sich die Patientin in eine ganz andere Übertragungsdynamik hineinbegeben hat. Sie, die für gewöhnlich so leise und fast unhörbar spricht, dass es für mich häufig kaum noch verständlich ist, wirkt nun mit einmal erstaunlicherweise viel selbstsicherer, selbstbewusster und in Verbindung mit sich selbst, nachdem ich ihr auf diese Weise entgegengekommen bin.  
 
Wie sich später herausstellen wird, ist das, was sie mir hier von sich zeigt und was sie sagt, nur der Auftakt zu einer tiefgreifenderen Transformation, wobei das ‘Inhaltliche’ lediglich als Katalysator und Türöffner fungiert hat, i.e. als eine Art von Übergang zu ganz neuen und ungekannten Räumen und Bereichen der Erfahrung und des Wissens.
 
Nicht unerwähnt bleiben soll in diesem Kontext, dass in meinem Behandlungszimmer an der Wand gegenüber des Fußendes der analytischen Couch ein 1 Meter langer und fünfzig Zentimeter breiter Wandbehang aus plissierter Rohseide mit der Abbildung einer schreitenden Gradiva aufgehängt ist. Seit die Patientin sich das erste Mal auf die Couch gelegt hat, hat sie immer wieder ihre Bewunderung dafür zum Ausdruck gebracht.
 
Erst jetzt dämmert es mir, dass sie, wie sie da von der Couch aufsteht und durch den Raum schreitet, in gewisser Weise selbst zu einer solchen Gradiva wird, und dadurch vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben einen bestimmten Aspekt von sich selbst offenbart, und zwar einen unbeschwerten und heiteren – sie, die ansonsten immer so niedergedrückt wirkt vom Schwergewicht des Negativen. Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass sie mich bis jetzt nicht weiter als bis zur Türschwelle zu ihrer inneren Welt hatte gelangen lassen, wobei sie mich dann die ganze Zeit über lediglich all ihre Langeweile, ihre Melancholie, ihre Mühsal und ihre Schwierigkeit, am Leben zu sein, spüren ließ, und schließlich nicht zu vergessen, auch ihre nicht enden wollende Spirale von Klagen.
 
Dadurch, dass ihr die Erlaubnis erteilt wurde, zu handeln, (d.h. während der Sitzung von der Couch aufzustehen), schienen ihr Körper und ihr Selbst – Depositorien von noch unintegrierten Erfahrungen – einen bis dato verborgenen und geheim gehaltenen Teil ihrer selbst zu offenbaren, der zuvor hinter der Last ihres Körpers und der von ihr für gewöhnlich verwendeten Sprache vollkommen verborgen geblieben war.
 
Dieses – gemeinsam konstruierte – Enactment, erwies sich schließlich als ein Türöffner zu etwas, das bislang unter Verschluss gehalten wurde und hinter das sie aller Wahrscheinlichkeit nach auch wieder zurückfallen würde. Und dennoch war es uns zwischenzeitlich möglich gewesen, etwas in Erfahrung zu bringen, das ganz anders als bisher war, etwas vollkommen Leichtes, das dem ‘luftigen’Teil der menschlichen Psyche zuzuordnen ist. Viel zu oft war die Patientin von der Bürde eines Körpers niedergedrückt worden, der offenbar einem psychosomatischen Anteil ihrer selbst Ausdruck verlieh, und der sich bislang in einer Art von Wiederholungszwang trotz aufmerksamer und fürsorglicher Zuwendung vonseiten der behandelnden Analytikerin dem Zugang hartnäckig und rigoros widersetzt hatte.
 
In dem Moment aber, wo sie diese vier Schritte durch den Raum machte, war es ihr für einen Moment lang möglich geworden, aus sich herauszutreten, gerade so, als ob sie augenblicksweise eine Umhüllung abgestreift hätte, in der sie sonst feststeckte. Beinahe möchte ich sagen, es wirkte auf mich, als ob sie für einmal aus ihrem steinernen Körpergefängnis herausgeschlüpft oder herausgetreten wäre, um mir etwas völlig anderes von sich als sonst zu zeigen. Und so hatte sie tatsächlich für uns beide wahrnehmbar einen kurzen Moment lang den Blick frei gegeben auf den Ariel in ihr, der sich ansonsten hinter und in dem irdischen, körperlichen Caliban verbirgt (Shakespeare, 1621).
 
Ich erlebe die Erleichterung unmittelbar in mir selbst: etwas war in diesem Moment von ihr abgefallen und dadurch war sie ganz ‘anders’ gewesen, sodass wir uns beide befreit gefühlt hatten von der Last einer niederdrückenden, bisweilen regelrecht persekutorischen Abwehr. Es war uns vergönnt gewesen, gemeinsam die Erfahrung zu machen, wie es ist, Meister einer von der Fähigkeit zur Symbolisierung getragenen Leichtigkeit zu sein.
   
‘Leichtigkeit’ lautet auch die Überschrift von der ersten und berühmtesten der wunderbaren ‘Sechs Vorschläge für das nächste Jahrtausend’ von dem italienischen Schriftsteller Italo Calvino (1988).
  
Ihm zufolge zeichnet sich wirklich gute Literatur immer auch durch Leichtigkeit aus, weil es dieser Literatur gelingt, ‘bald den menschlichen Gestalten, bald den Himmelskörpern, bald den Städten … [und nicht zuletzt] der Sprache, Gewicht zu nehmen  … Leichtigkeit und Schwere gehen stets Hand in Hand, sie sind Gegensätze, und man muss sie entsprechend gewichten können … In manchen Momenten schien mir, als sei die Welt im Begriff, ganz zu versteinern: ein langsames Versteinern, das … keinen Aspekt des Lebens ausließ.’ (S. 15/16). Es bedarf des mythologischen Helden Perseus, der sich auf Flügelsandalen durch die Luft bewegt, um die schreckenerregende Medusa, die einen jeden bei ihrem Anblick schlagartig versteinern lässt, zu enthaupten. Er verleugnet die Realität ihrer Existenz nicht, sondern erkennt im Gegenteil ihre Verletzlichkeit und Schwäche an. Er weiss jedoch auch, dass aus dem Blut der enthaupteten Medusa das Wunder von fliegenden Geschöpfen entstehen kann – wie etwa Pegasus – und aus der Berührung mit dem Medusenhaupt andere wundersame Gegenstände – wie etwa jene Korallen, mit denen sich dann die Nymphen schmücken. Auch die Analytikerin/ der Perseus unseres gegenwärtigen Jahrtausends weiss um die Ungeheuerlichkeiten und Monstrositäten in der Welt, und sie ist bereit, ihren Teil der Bürde auf sich zu nehmen. Sie verfügt sogar über die Fähigkeit, dieser Monstrosität mit Zartgefühl zu begegnen, weiss sie doch um deren tatsächliche Fragilität.  
 
Nun stellt sich die Frage: Was bedeutet Leichtigkeit für meine Patientin? Bedeutet es vielleicht, dass sie nun einen bestimmten Teil von ihrem Selbst in Erscheinung treten und erkennbar werden lassen kann, jetzt, wo sie erst einmal gespürt hat, wie es sich anfühlt, den gegensätzlichen Teil ihres Selbst kurzzeitig hinter sich zu lassen, von welchem in einer Art von zwanghafter Wiederholungsdynamik bisher ununterbrochen eine frivol euphorisierende und jedwede ernsthafte Bedeutung negierende Sogwirkung ausgegangen war? Nach einer sehr langen Zeitspanne des Durcharbeitens von depressiven Gefühlen, währenddessen die Melancholie sich schließlich ganz allmählich in eine leichter erträgliche Traurigkeit verwandelt hat, werden ihre Gedanken und ihre sprachliche Ausdrucksweise nun nicht länger wie früher unverhältnismäßig von einer massiven Abwehr niedergedrückt und gehemmt, sodass die Patientin durch all die Worte, die sie sagt und ausspricht, unweigerlich eine bedrückende Atmosphäre um sich verbreitete, und zwar nicht zuletzt deshalb, weil diese ihre Worte mit Negativität und innerem Stress aufgeladen waren und zumeist alles um sie herum in einem manisch frivolen und bedeutungslosen Licht erscheinen ließen. 
 
Später wird die Patientin dann einmal zu mir sagen, dass all die Gefühle, die Worte und die Blicke in der Analytikerin einen Zufluchtsort gesucht und schließlich auch gefunden haben, wodurch sie dann im Laufe der Zeit immer weniger beängstigend für sie selbst wurden. Wenn sie nämlich wahrnahm, dass die Analytikerin keine Angst hatte, dann konnte auch sie den Gedanken in sich zulassen, dass diese ihre Gedanken und Gefühle womöglich doch nicht so beängstigend und schreckenerregend waren, wie sie angenommen hatte.
 
Und genau dies ist das Besondere an der psychoanalytischen Methode, das heißt, sie ist dieses ‘Produkt aus Neugierde, welche sich mit der Rücksichtnahme des Analytikers auf die introspektiven Bestrebungen des Patienten verbündet und sich somit ganz in deren Dienst stellt’ (Poland, 2018, pag.43). Und dies ist auch die Ermöglichungsbedingung dafür, weswegen jenes besondere Gefühl der Einsamkeit, auf das ich am Anfang der hier vorliegenden Diskussion spezifisch hingewiesen habe, eine Linderung erfahren kann, aber eben auch die damit einhergehende seelische Bedrängnis, die bisweilen daraus entsteht, von den eigenen Angehörigen und der Umwelt, in der man lebt, nicht verstanden zu werden. 
 
So erhebt sich die Frage: Wird es künftig noch möglich sein, den eigenen Körper zu erleben und auf ihn und seine komplexen Mitteilungen zu hören – vermittels eines Bildschirms?

Literatur
Bion, W. R. (1979). Making the best of a bad job. Clinical seminars and four papers, (1979). 247–57. Abingdon: Fleetwood Press.
Bollas, Ch., (2018) Meaning and Melancholia: Life in the Age of Bewilderment. London: Routledge.              
Calvino, I. (1988) Sechs Vorschläge für das nächste Jahrtausend. München, Hanser, 1991.
Golinelli, P. (2003). ‘The Castaway Self: a psychoanalytic reading of Castaway by Robert Zemeckis.’ Int. J. Psychoanal. 84, 2003 Part 1, 169-172.
Hoffmann, I. (1998). Ritual and Spontaneity in the Psychoanalytic Process: a Dialectical Constructivist View. The Analytic Press.
Neri, C., (1993). Campo e fantasie trans-generazionali. Rivista Psicoanal., 39:43-64. Rome: Borla. 
Ogden, Th. H., (2016). Vite non vissute. Milan: Raffaello Cortina Editore. 
Poland, W. (2018). Intimacy and Separateness in Psychoanalysis. New York: Routledge.
Roussillon, R. (2017). Fondamenti e Processi dell’Incontro Psicoanalitico. In La Relazione Analitica. Rossi, N., Ruggiero, I. (a cura di) Milan: Franco Angeli, pp. 44-50 
Shakespeare, W. (1621). The Tempest. 
Spadoni. A., (2007). ‘L’oscuro oggetto del bisogno,’ in E l’analisi va...Scritti Psicoanalitici e Memorie. Rimini: Guaraldi.
Winnicott, D. (1975). Von der Kinderheilkunde zur Psychoanalyse. Gießen: Psychosozial, 2020.
 

[1]  Als ein Ganzes zu existieren, ohne dabei dem Selbst oder dem Objekt dabei Schaden zuzufügen.’ (Spadoni, 2007)

Aus dem Englischen übersetzt von M.A. Luitgard Feiks und Jürgen Muck.
 
 

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