Über die Freuden und Leiden des menschlichen Bedürfnisses nach Berührung und Kontakt.

Alison Feit, Ph.D.
 

Leben oder Tod - eine Frage von sechs Fuß? Legales Richtmaß für Totenbestattung im seuchengeplagten London (1665) wie auch heute für Social Distancing in den USA (2020): Tod als Preis für Berührung.

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Die offensichtlich zu konstatierende Verdrängung von Liebe vonseiten moderner Psychologen steht in krassem Gegensatz zu der Grundeinstellung vieler berühmter,
aber auch ganz normaler Leute.
Harry F. Harlow, 'The Nature of Love', 1958

Weshalb können sich Menschen nicht einfach isolieren und voneinander fernhalten? Eine Frage, die seit einiger Zeit viele Politiker, Gesundheitsexperten und frustrierte Bürger umtreibt. Ist es denn wirklich so schwer, sich hinzusetzen, den Computerbildschirm anzumachen und uns mit unseren Freunden und Familienmitgliedern via Facetime zusammenzuschalten und so in Echtzeit miteinander auszutauschen? Auf diese Weise ist es uns sogar möglich, ein Date mit jemandem zu haben, ohne zuvor unsere alten verschwitzten Klamotten zu wechseln! Wenn nur jeder von uns seine Beziehungen ein bißchen mehr via Zoom pflegen würde, so könnten wir uns weiterhin nach Herzenslust unseren emotionalen und sozialen Interaktionen hingeben und dann auch bald diese gefürchtete, hoch infektiöse Krankheit wieder vergessen und abhaken. Es würde wohl nicht all zu lange Zeit in Anspruch nehmen bis dahin, oder? Ist dies denn wirklich bloß Wunschdenken, dass vierzehn Tage, maximal ein Monat, ausreichen würden und die gesamte Sache hätte sich von selbst erledigt und in Luft aufgelöst? Aber stimmt ja, wenn da nur nicht dieses leidige Problem mit dem Social Distancing wäre, an das sich die Menschen offenbar einfach nicht halten können. Was ist der Grund, weswegen sich die Menschen nicht voneinander fernhalten können? Ist es etwa zuviel verlangt, sechs Fuß (ca. 1,5 Meter) voneinander Abstand zu halten?

Ganz offensichtlich ist dem so. Aber warum nur?

Als Psychoanalytikerin mache ich es für gewöhnlich so, wenn ich mich mit großen, unbegreiflichen Fragestellungen konfrontiert sehe, dass ich nach den Details Ausschau  halte, in denen ja bekanntlich der Teufel steckt, weswegen ich auch in der hier vorliegenden Diskussion so hartnäckig und beständig auf die 'sechs Fuß Regel' zurückkommen werde. Diese Regel stützt sich nämlich nicht auf allgemein anerkannte und bestätigte Laborbefunde hinsichtlich der Frage, wie und auf welche Weise sich das Coronavirus verbreitet, sondern, soweit mir bekannt ist, stützt sich die Abstandsregelung einfach nur auf natürliche Gesetzmäßigkeiten der Physik, die besagen, wie weit die beim Nießen oder Husten ausgestoßenen Flüssigkeitspartikelchen reichen können. Und möglicherweise schwingt da im Hintergrund auch noch etwas anderes mit, nämlich eine in unserem Unbewussten schlummernde Redewendung 'six feet under' ('sechs Fuß tief'), wie es in einer im Jahr 1665 erlassenen gesetzlichen Verordnung für das Begraben eines Leichnams heißt, wobei es sich ursprünglich um eine gesetzliche Maßnahme handelte, die getroffen wurde, um dadurch die Weiterverbreitung der seinerzeit in London wütenden Pest einzudämmen. Ich weiss natürlich nicht, wie es Ihnen bei der letztgenannten Assoziation geht, aber mich selbst überkommt dabei erst recht das unabweisliche Bedürfnis, die Regel des Social Distancing einfach außer Acht zu lassen und durchs Zimmer zu eilen, um meiner Mutter um den Hals zu fallen! Auf diese Weise würde ich dann ein klein wenig Tod in etwas hineinprojizieren, was gemeinhin als ein notwendigerweise lebenserhaltendes Verhalten erachtet wird.

Wenn nun für Sie diese von mir hier erwähnte Assoziation all zu freudianisch klingen sollte, dann möchte ich sogleich darauf aufmerksam machen, dass ich keineswegs die einzige bin, der eine solche Assoziation in den Sinn kommt, denn die neunzehnjährige Pop-Diva Billie Eilish äußerte bereits im Jahr 2016 in einer Art von Vorahnung in einem ihrer Songs einen ganz ähnlichen Gedanken: „Unsere Liebe ist sechs Fuß tief begraben, und ich frage mich, ob dann daraus, vorausgesetzt dass unser Grab vom Regen genug gewässert wird, später wieder Rosen erblühen?“  [1]. Vielleicht ist ja genau dies die Frage, die wir uns alle gegenwärtig auch stellen: Können wir im Abstandhalten von sechs Fuß überleben? Und wenn dem wirklich so sein sollte, werden wir einander danach noch genauso lieben und genauso fürsorglich miteinander umgehen wie davor? Oder verändert dieses Verhalten unweigerlich etwas in uns, dieses voneinander Abstandhalten? Wer werden wir selbst sein und wer werden wir füreinander sein, wenn wir über diese lebensbewahrende Lücke hinweg schließlich wieder eine Brücke in der Lage zu bauen sein werden?

Diese Fragen kamen mir vor kurzem in den Sinn, als ich meiner drei Jahre alten Nichte dabei zusah, wie sie auf meinen Vater (ihren Großvater) zuging und ihm voller Stolz verkündete: „Ich bin negativ getestet und ich habe die 'Rona nicht. Alles ist in Ordnung. Du bist sicher bei mir und kannst mich in den Arm nehmen“. Ich werde nie den schmerzverzerrten, verzweifelten Gesichtsausdruck meines Bruders vergessen, als er meine Nichte behutsam bei der Hand nahm und wegführte. Aber auch den entgeisterten Ausdruck im Gesicht meines Vaters werde ich wohl nie wieder vergessen, als er zusah, wie sich seine Enkelin in ihrem Prinzessinnenkleid und ihren Prinzessinnenschühchen von ihm entfernte. In diesem Augenblick schossen mir alle möglichen Gedanken durch den Kopf: Wer werden wir sein, wenn das alles vorbei ist? Wie und auf welche Weise werden uns diese sechs Fuß Abstandeinhalten dann verändert haben? Man stelle sich vor: Unsere Körper, die mit einmal als eine lebensbedrohliche Gefährdung für unsere Mitmenschen angesehen und erfahren werden, und zudem, die gegenseitige Berührung, die nun als etwas Gefährliches und Lebensbedrohliches erlebt wird, und im Zuge dessen dann auch das Selbstgefühl von noch in der Entwicklung stehenden kleinen Kindern davon geprägt wird, eine Verkörperung von Thanatos zu sein. Wie und auf welche Weise wird sich unser aller Körperselbst wohl dagegen auflehnen, wenn wir uns irgendwann wieder so sehr nacheinander sehnen, dass die Versuchung so groß ist, das Schicksal und die Götter einfach herauszufordern? Und wie lange wird es wohl dauern, bis dieses Körperselbst von uns allen schließlich so gefühllos und abgestumpft geworden ist, dass menschliche Wärme und Liebe bestraft werden, wohingegen Kälte und Stoizismus bonifiziert und belohnt wird?

Unsere Körper, die am noch so abstraktesten Selbstempfinden stets mitbeteiligt sind, d.h. an unserem Empfindungsvermögen, ein Selbst zu sein in Beziehung zu einem anderen Selbst. Unser ureigenstes Gefühl von „Ich-sein“ entsteht ja eben erst daraus, dass wir andere berühren und fühlen – anders gesagt, aus dem Erfahrungswissen davon, wo das 'Ich' endet und wo das 'Du' anfängt. Und dann wäre da auch noch das Problem mit den fünf Millionen sensorischen Nervenrezeptoren zu bedenken. Denn dies ist die ungefähre Anzahl der Nervenrezeptoren auf unserer Hautoberfläche, denen die Funktion zukommt, Temperatur und Vibration, Schmerz und Lust, zu registrieren und wahrzunehmen. Man stelle sich vor, eine einzige menschliche Fingerspitze hat mehr als 2500 Rezeptoren, weswegen man sagen kann, dass wir aufgrund unserer bloßen Körperlichkeit durch und durch taktile Geschöpfe sind. Also ja, ein Mensch in Beziehung zu anderen Menschen zu sein, gehört zu unserer Grundausstattung, man könnte sagen, es ist Teil des Systems, zumindest des sensorischen Nervensystems. Berührung ist essentiell für unsere seelische Gesundheit.

So ist es wohl keine Überraschung, dass wir uns zunächst einmal jedwedem Versuch entgegenstellen, der uns verbietet, einander zu berühren. Wenn überhaupt etwas daran überraschend ist, dann vielleicht lediglich der Umstand, dass wir es überraschend finden. Es ist nicht das erste Mal, dass sich ein medizinisches und politisches System gegen etwas stellt, das fest in unserer menschlichen Natur und unserem innersten Wesenskern angelegt und verankert ist. So demonstrierte etwa der amerikanische Psychologe Harry Harlow in den 1950ziger Jahren am Beispiel eines Testversuchs mit ganz jungen Rhesusaffen, dass diese einer kuscheligen Stoffmutter gegenüber einer Drahtmutter, die wirkliche Nahrung (Milch) bereithielt, eindeutig den Vorzug gaben. Wie sich herausstellte, gingen die Affenjungen zwar zu der aus einem Drahtgestell bestehenden Ersatzmutter, um dort die nötige Nahrung (Milch) zu erhalten, klammerten sich dann aber die noch verbleibende Zeit an ihrer Ersatzmutter aus kuschelig weichem Stoff fest. Also selbst für Affen spielt die Berührung in der Entwicklung eine ganz wesentliche Rolle, um sich darüber zu einem liebesfähigen Wesen zu entwickeln.

Untersuchungen haben den Nachweis erbracht, dass kleine Kinder, die viel gehalten und häufig gestreichelt werden, weniger schmerzempfindlich sind, wenn sie unter Koliken oder Stuhlverstopfung leiden oder Zähne bekommen. Erwachsene, die als Kinder von ihren Eltern oft liebevoll berührt wurden, sagen zu einem hohen Prozentsatz von sich selbst, ein glückliches und erfülltes Leben zu führen. Sowohl Kinder als auch Erwachsene, die gehalten und liebevoll in den Arm genommen werden, neigen tendenziell viel seltener zu Depressionen, Angstzuständen und Aggression. Oxytocin, ein im Hypothalamus produziertes Neuropeptid, wird in großen Mengen während des Stillens im Körper ausgeschüttet, aber vor allem auch beim Eingehen von emotionalen Bindungen und Liebesbeziehungen. Zahlreiche Studien haben ergeben, dass die Ausschüttung von Oxytocin während des Kuschelns und Liebkosens uns ruhig und entspannt werden lässt. Selbst mit verbundenen Augen waren die Partizipanten in einer vor kurzem durchgeführten experimentellen Studie in der Lage, ausschließlich durch Berührung dem Gegenüber acht verschiedene Emotionen zu übermitteln, angefangen von Dankbarkeit über Ekel bis hin zu liebevoller Zuneigung, wobei eine hohe Trefferquote, i.e. bis zu 70% zu verzeichnen war [2]

Berührung kann in ganz unterschiedlichen Konstellationen und Kontexten hilfreich oder leistungssteigernd sein, auch dort, wo man es nicht unbedingt erwarten würde. So hat eine kürzlich in der Zeitschrift Emotiongeschilderte Studie gezeigt, dass je häufiger NBA-Spieler einander berührten (was vom freundschaftlichen Schlag auf die Schulter bis hin zum Chest Bumping und Austausch eines High Fiveging), umso erfolgreicher waren sie in ihren Spielen, und zwar sowohl als Individuen als auch als Team. Bei Babys, die als Neugeborene überdurchschnittlich viel Haut zu Haut Kontakt (Kraus, Huang  & Keltner, 2010) hatten, konnten noch später, als diese bereits zehn Jahre alt waren, bessere psychologische Ergebnisse nachgewiesen werden. Bei Hochschulstudenten wurde festgestellt, dass das fünfzehnminütige Spielen mit einem Hund und ihn dabei etwa zu streicheln (Feldman, Eidelman & Rosenthal, 2013), sich unmittelbar steigernd auf das psychische Wohlbefinden der betreffenden Studenten auswirkte, mit diversen nachweislich positiven physischen Veränderungen (z.B. niedrigerer Blutdruck). Die kumulativen (Pendry & Vandagriff, 2019) wissenschaftlichen Daten haben ergeben, dass im Fall von Berührung das im menschlichen Organismus produzierte Oxytocin als solches ein neurohormonales Substrat darstellt für elterliche, romantische oder auch geschwisterliche Liebe oder Verbundenheit. „Wir binden uns an unsere wichtigsten Liebesobjekte, (Feldman, 2019) indem wir sie mittels unserer eigens dafür zuständigen fünf Millionen Neurorezeptoren berühren.“

Aber obschon die zahlreichen positiven Wirkungen hinlänglich bekannt sind, welche die Berührung für unsere seelische Gesundheit hat, ist das Bestreben, physischen Kontakt zu unterbinden, nach wie vor ein Lieblingsprojekt für viele, denen es geradezu eine irregeleitete, um nicht zu sagen, perverse Lust bereitet, überall dort mehr oder weniger gewaltsam zu intervenieren, wo sie Liebe, Emotionen und menschliche Sehnsüchte vermuten oder tatsächlich antreffen, was ja normalerweise uns Menschen dann auch dazu veranlasst, einander zu berühren. Kulturübergreifende Untersuchungen diverser Religionsformen werden möglicherweise eines Tages die übereifrigen Bestrebungen ans Licht bringen, mit denen die Dogmen der unterschiedlichen Glaubensrichtungen versuchen, das leidenschaftliche Phantasieleben des frisch (oder nicht so frisch) vermählten Paares zu degradieren oder qar zu verpönen, um die fleischliche und sexuelle Lust zum geliebten Menschen ein Stück weit zu unterbinden und dadurch ihre Gedanken stattdessen auf Gott bzw. die Liebe zu Gott umzulenken (oder doch wenigstens diese fleischliche Lust um Gottes willen nicht allzu sehr zu genießen!). Da eine solche religiöse Ideologie überall auf der Welt und zu allen Zeiten propagiert worden ist, können wir davon ausgehen, dass es sich dabei um etwas handelt, das sich hartnäckig in den Köpfen einer nicht geringen Anzahl von Menschen festgesetzt hat, was sich nicht selten noch heute in der Überzeugung manifestiert, sexuelles Begehren als solches müsse beherrscht und kontrolliert werden und solle lediglich dem heiligen Zweck der Zeugung eines Kindes vorbehalten bleiben.

Nun hat es den Anschein, als ob das Begehren eines Individuums nach einem anderen Menschen unweigerlich auch unser eigenes Begehren anfacht, sodass wir dann bisweilen nicht mehr so genau auseinanderzuhalten vermögen, ob wir nun eigentlich auf das Begehren selbst antworten oder vielmehr auf diejenigen, die Autorität und Macht ausüben, und die uns dieses Vergnügen am liebsten verbieten würden, wodurch nur umso vehementer der unverwüstliche Anspruch auf unsere inneren Romeos und Julias sich aufbegehrend in uns zu Wort meldet. Allerdings wäre es unvollständig, an dieser Stelle unerwähnt zu lassen, dass das Begehren als solches von manchen Menschen als bedrohlich erlebt wird, weil sie selbst menschliche Nähe und Intimität grundsätzlich als eine Bedrohung erleben, weswegen sie unentwegt das unbezähmbare Bedürfnis in sich verspüren, über die Lust der anderen Kontrolle auszuüben, was sich bei genauerer Betrachtung jedoch als Vermeidungsstrategie herausstellt, um sich ihren eigenen Gefühlen von Eifersucht oder dem Unvermögen, Intimität zuzulassen, nicht stellen zu müssen. Doch in gewisser Hinsicht spricht die Wahrnehmung des aktiven Begehrens eines anderen Menschen stets einen in uns allen latent vorhandenen Selbstanteil an, der dort möglicherweise bereits seit Jahren am Grunde unserer Seele geschlummert hat, bevor er dann mit einmal reaktiviert wird; doch nicht alle schlafenden Ungeheuer erweisen sich dann auch als gute Kuschel-Buddies, selbst in Zeiten ohne Epidemie.

Nun übt all dies natürlich auch einen ungeheuren Druck auf die Gesundheitsexperten und Politiker aus, deren Selbstwert (ganz abgesehen von deren Jobsicherheit) darauf angewiesen ist, Antworten auf eben diese Art von Fragen zu finden und der Allgemeinheit bereitzustellen, auf die allerdings gegenwärtig tatsächlich keiner wirkliche Antworten liefern kann. Da wäre beispielsweise die Frage: Wie und auf welche Weise breitet sich das Virus aus? Nun, inzwischen wissen wir schon eine ganze Menge mehr darüber, aber, offen gestanden, noch bei Weitem nicht genügend. Wie bei allen Fragen im Zusammenhang mit der organischen und lebenden Materie, gibt es Vieles, das einfach nicht kalkulier- und vorhersehbar ist. Und so berufen sich die Entscheidungsträger der öffentlichen Gesundheitsorganisationen wie jeder andere normale Neurotiker auch zunächst einmal auf dasjenige, was als nachgewiesenes Wissen gilt – Masken tragen und Social Distancing - aber während nun die Todesrate rapide ansteigt und die Regierungsverordnungen sich weiterhin häufen, wird etwas tief Beunruhigendes im öffentlichen Bewusstsein wachgerüttelt. Es wächst nämlich die Überzeugung, dass die Wissenschaftler und Mediziner sich mit all dem selbst nicht so richtig auskennen: So gibt es etwa viele Fälle von Infizierten, die nicht registriert sind und das mantrahafte Herbeten der immergleichen Verhaltensregeln und Verordnungen läuft im Grunde genommen immer nur auf ein und dasselbe hinaus, nämlich: 'Halte dich fern von deinen Nächsten und lass sie dein Lächeln nicht sehen!' In gewisser Hinsicht weiss die Öffentlichkeit zwar, dass die Ratschläge vonseiten der Wissenschaftler wirklich begründet sind, doch andererseits vermittelt sich auf einer unbewussten Ebene eben auch, dass diese ewigen Wiederholungen etwas Obsessives an sich haben und letztlich einer tiefen Verunsicherung und Verzweiflung entspringen. Und so entsteht in der Bevölkerung der Eindruck, dass all diejenigen, die an der Macht sind und Verantwortung für die Allgemeinheit tragen, um jeden Preis kontrollieren wollen, was noch zu kontrollieren ist, dass aber all diese Strategien auch mit einem verleugneten Teil ihres eigenen unbewussten Seelenlebens zu tun haben, was dann ja zwangsläufig auch die von den betreffenden Verantwortlichen für die Öffentlichkeit getroffenen Maßnahmen mitbeeinflusst und somit unser aller Leben.

Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte, dass sich so etwas zuträgt. Aus Gründen vermeintlicher Gesundheitsrisiken für die Allgemeinheit wurden bereits im Jahr 1919, also vor hundert Jahren, vergleichbare Anstrengungen unternommen, die physischen Kontakte unter den Menschen zu kontrollieren, zu reglementieren und zu manipulieren. Nachdem man im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert die wissenschaftliche Entdeckung mikroskopischer Pathogene gemacht hatte, setzte sich in der medizinischen Fachwelt rasch die Überzeugung durch, dass Krankheiten von Menschen auf andere Menschen übertragen werden. Die Folge davon war eine regelrechte Phobie vor physischer Berührung in vielen Teilen Europas sowie der Vereinigten Staaten, also ganz ähnlich, wie wir es auch heute wieder erleben. Zur damaligen Zeit waren sich die offiziellen Vertreter im Bereich öffentlicher Gesundheit noch nicht ganz über die Übertragungswege von Krankheiten im Klaren, und so vertraten manche von ihnen sogar die Ansicht, dass jeder Mensch von einer unsichtbaren Wolke aus Krankheitserregern umgeben war. Berührung und die physische Nähe zu den eigenen Kindern war nun nicht länger Privatsache, sondern wurde als eine Frage der öffentlichen Gesundheit angesehen. Ärzte wie Luther Emmett Holt lancierten große öffentliche Gesundheitskampagnen, um die Menschen dazu zu bewegen, wenn möglich auf jedweden physischen Kontakt mit anderen Menschen zu verzichten, insbesondere auch mit den eigenen Kindern. Ein einfacher Gutenachtkuss, was ja bedeutete das eigene Baby mit seinen Lippen zu berühren, wurde nun als möglicher Auslöser und Verursacher von Krankheiten angesehen. Zugleich warnten auch die Psychologen vor den Gefahren für die seelische Entwicklung (Blum, 2011), wenn Kleinkinder zu häufig gehalten und in den Arm genommen wurden, oder wenn die etwas älteren Kinder geherzt und liebkost wurden. Der Präsident der Amerikanischen Psychologischen Vereinigung John Watson war einer der Anführer in dieser geradezu kriegerischen Kampagne gegen liebevolle Zuwendung gegenüber Kindern. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, davor zu warnen, welch dauerhafte Schäden und Narben ein Übermaß an körperlicher Zuwendung bei den Kindern in deren Psyche hinterlassen könnten, was sie infolgedessen seiner Ansicht nach zu schwachen und abhängigen Erwachsenen werden ließ.

Und so kam es, dass die psychologische und die medizinische Fachwelt regelrecht mit einem Doppelschlag gegen Körperkontakt und liebevolle Zuwendung auftrumpfte, indem sie sie als etwas der physischen Gesundheit und psychischen Entwicklung des Kindes Abträgliches und Schädliches brandmarkten. Eine beklagenswerte Folge davon war, dass damals eine nicht geringe Anzahl von Eltern ihren Kindern die physische Zuwendung versagte, und dass in Waisenhäusern (von denen es seinerzeit sehr viele gab) die Kinder häufig praktisch in physischer Isolation aufwachsen mussten. Bedenkt man die von Harlow gemachten Forschungserkenntnisse hinsichtlich der fundamentalen Bedeutung körperlicher Berührung für das Wohlergehen und die gesunde Entwicklung von Babys und kleinen Kindern, so ist es nicht verwunderlich, dass die wenigen Kinder, die diese Einrichtungen der Waisenhäuser seinerzeit überhaupt überlebten, später als Erwachsene psychisch auffällig wurden und eine Vielzahl von psychiatrischen Erkrankungen, wie etwa gravierende Bindungs- und Persönlichkeitsstörungen, aufwiesen (Blum, 2003). 

Ganz aktuell stehen wir nun abermals an einem solchen Scheideweg, wo wir uns fragen müssen, ob wir den Ratschlag wirklich befolgen wollen, uns zum Zweck der Verhütung von Infektionen von unseren kranken und sterbenden Angehörigen fernzuhalten. Doch im Unterschied zu früher verfügen wir heute über ein fundiertes Wissen darüber, dass physischer Kontakt und Berührung für unser aller Wohlbefinden von essentieller Bedeutung sind, und dass Isolation schwerwiegende seelische Leiden verursachen kann. Bedeutet das nun etwa, dass die Verantwortlichen in der Politik eine radikale Kehrtwende machen müssen? Aller Wahrscheinlichkeit nach nicht, denn, soweit wir das bislang beurteilen können, sind 'sechs Fuß' eine ziemlich gute und zweckdienliche Einschätzung des Abstandhaltens zur Vermeidung von Infektionen. Was allerdings sehr zu wünschen übrig lässt, ist die Art und Weise, wie dies der Öffentlichkeit vonseiten der Verantwortlichen mitgeteilt wird, denn es sollte in der Art der Kommunikation unbedingt ein bißchen mehr Verständnis zum Ausdruck kommen, hinsichtlich dessen, was da eigentlich von jeder einzelnen Person gefordert wird. Ja doch, man verlangt von uns allen tatsächlich, einen Teil unserer Menschlichkeit aufzugeben. Und nein, es ist grundsätzlich nichts daran auszusetzen, dass einige von uns die Implikationen ihrer Weigerung, den von staatlicher Seite erlassenen Verordnungen Folge zu leisten, rationalisieren oder dissoziieren wollen.

Abwehrreaktionen sind verständlich und nachvollziehbar, wenn die mit diesen vom Staat an uns gestellten Forderungen einhergehenden psychischen Belastungen dann nicht wenigstens von staatlicher Seite entsprechend gewürdigt oder gar noch striktweg geleugnet werden. Es ist ja generell nicht von der Hand zu weisen, dass die Politik anfällig ist für projektive Identifizierungen – in Form von Opferbeschuldigung und Reaktionsbildungen – in Form von Appellieren an Vernunft und Tugendhaftigkeit sowie Regression – in Form von Rissen und Spaltungen im politischen Diskurs. Ja, es stimmt, das Nichtwahrhabenwollen der Bedeutung von menschlicher Nähe und Intimität ist eine schmerzhafte Sache. Aber die Weigerung, die Bedeutung menschlicher Nähe und Intimität zu leugnen, ist keinesfalls ein Zeichen von Unmenschlichkeit, sondern es ist vielmehr dasjenige, was unsere Menschlichkeit erst ausmacht und definiert. 

Literatur
Blum, D. (2011). Love at Goon Park: Harry Harlow and the Science of Affection. New York, NY: Basic Books.
Feldman, R., Eidelman, A. I., & Rosenthal, Z. (2013, October 7). Maternal-Preterm Skin-to-Skin Contact Enhances Child Physiologic Organization and Cognitive Control Across the First 10 Years of Life. Retrieved from https://www.biologicalpsychiatryjournal.com/article/S0006-3223(13)00764-6/fulltext
Feldman, R. (19 January 2012). Oxytocin and Social Affiliation in Humans. Retrieved 02 November 2020, from https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0018506X12000098?via=ihub
Kraus, M. W., Huang, C., & Keltner, D. (2010). Tactile communication, cooperation, and performance: An ethological study of the NBA. Emotion, 10(5), 745–749. https://doi.org/10.1037/a0019382
Pendry, P., & Vandagriff, J. L. (2019). Animal Visitation Program (AVP) Reduces Cortisol Levels of University Students: A Randomized Controlled Trial. AERA Open. https://doi.org/10.1177/2332858419852592
 

[1] https://genius.com/Billie-eilish-six-feet-under-lyrics
[2] Emotion (2006), Vol. 6, No. 3, 528–533.

Aus dem Englischen übersetzt von M.A. Luitgard Feiks und Jürgen Muck.
 

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