Der erotische Körper

Dr. Dianne Elise
 

Das Konzept analytischer Erotismus dient der Erforschung des erotischen Körpers und seiner Funktion bei der Förderung psychischen Wachstums im analytischen Prozess, verstanden als erotisches Projekt.

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Was ist der erotische Körper? Wenn wir als Psychoanalytiker Überlegungen über den erotischen Körper anstellen, so stellt sich die Frage, zu was für Erkenntnissen uns eine solche Untersuchung wohl führt? Beziehen wir uns dabei auf die Geschlechtsorgane, auf den geschlechtlich stimulierten bzw. stimulierenden Körper? Ist der erotische Körper überhaupt ein Körper – der eigene sowie derjenige des Anderen – von dem im subjektiven Erleben eine erotische Wirkung ausgeht? Verstehen wir darunter einen Körper, der als sexuell erregend bzw. stimulierend erlebt wird, vorausgesetzt, dass er auf ein auf das Erotische ausgerichtetes Bewusstsein trifft? Verstehen wir unter dem erotischen Körper einen bestimmten Seinszustand? Ist jeder Körper potentiell ein erotischer Körper? 

In diesem Aufsatz richtet sich das Hauptaugenmerk auf das Thema der erotischen Verkörperung innerhalb des analytischen Feldes bzw. analytischen Bereichs. Dabei möchte ich Winnicotts Betonung auf das Psychesoma mit Freuds Fokussierung auf das verkörperte libidinöse Leben miteinander in Verbindung bringen. Wenn ich mich auf den Körper beziehe, dann meine ich damit immer gleichzeitig auch das verkörperte Bewusstsein, also im weiteren Sinne das verkörperte Selbst. Dementsprechend behauptete Merleau-Ponty (1966): ‘Ich bin mein Körper’. Sich selbst ganz zu erleben, impliziert folglich auch die Erkenntnis: ‘Ich bin mein erotischer Körper’, denn ansonsten würde man das Körperselbst als kastriert erleben, und in einem solchen Fall wäre ein erfülltes ‘Ich bin’ nicht möglich. Ich werde mich im Folgenden schwerpunktmäßig mit dem erotischen Körper befassen, wie er im klinischen Material in Erscheinung tritt, und dann gegebenenfalls auf ganz unterschiedliche Bereiche verweist, wie etwa: die Eltern-Kleinkind Beziehung, die ödipale Erfahrung, die jugendliche und erwachsene Sexualität, oder aber darauf, was sich in der verkörperten Begegnung im intersubjektiven Bereich der Patient-Analytiker Dyade manifestiert. Mein besonderes Augenmerk gilt dabei der körperlichen Erfahrung in Bezug auf die subjektive Inanspruchnahme des Erotischen, und zwar sowohl als Sexualität als auch als eher allgemeine Erfahrung von Leidenschaft und Vitalität. Das von mir entwickelte Konzept vom analytischen Erotismus (Elise, 2015a, 2017, 2018, 2019) beabsichtigt, ein tieferes Verständnis und gesteigertes Bewusstsein dafür zu erzeugen, was für eine entscheidende Rolle dem erotischen Körper bei der Förderung von psychischem Wachstum und Kreativität im analytischen Prozess zukommt. 

Nun möchte ich insbesondere auch darauf verweisen, dass der erotische Körper (EK) extensiv ist in all seinen diversen Manifestationen, und dass sich seine Reichweite auf mehr als nur ausschließlich einen oder einige wenige Körperteile erstreckt. Der EK erhebt nämlich potentiell Anspruch auf den gesamten, auch noch so kleinsten Teil des Körpers. Und dabei beansprucht der EK für sich einerseits das Äußere des Körpers (Hautoberfläche – Fußgelenk, Finger, Handgelenk, Ohrläppchen, Nacken, Nasenbogen, Rundung der Hüfte oder Unterlippe, Wölbung von Brust oder Bizeps) und andererseits auch das Innere des Körpers (Erregung innerer ‘Organe ‘ – erhöhter Herzschlag, Schmetterlinge im Bauch, erweiterte Pupillen, erhöhte Atemfrequenz, Anschwellen der Genitalorgane). Und so stehen der EK und das Bewusstsein in einem gegenseitigen und fortwährenden inneren Dialog miteinander, auch wenn dieser innere Dialog vom Intellekt für gewöhnlich ‘ausgeblendet’ wird und somit der bewussten Wahrnehmung zumeist entzogen bleibt und also nicht unmittelbar zugänglich ist.

Wenn wir vom erotischen Körper sprechen, dann sind daran zumeist mehr als nur ein einziger, sondern mindestens zwei oder auch mehrere interagierende Körper beteiligt, was allerdings nicht notwendigerweise bedeutet, dass eine andere Person tatsächlich präsent ist oder dass, wenn eine andere Person anwesend ist, überhaupt irgend ein körperlicher Kontakt stattfindet. Der erotische Körper wird ganz in einem selbst empfunden und gefühlt, und zwar über das eigene Körperselbst oder auch über dasjenige des Anderen, wobei das entsprechende Interagieren und In-Kontakt-Treten möglicherweise lediglich über das Bewusstsein geschieht. Die Vorstellung (einschließlich der Phantasietätigkeit) ist dabei häufig von zentraler Bedeutung; die Art und Weise, wie wir einen Körper wahrnehmen und einschätzen, entscheidet darüber, ob er für uns ein erotischer Körper ist (oder nicht). Berührung und die kinästhetische Empfindung spielen dabei auch eine Schlüsselrolle. Beim EK handelt es sich um einen Körper, dessen Nervenenden durch ein in Erregung versetztes Bewusstsein stimuliert und angeregt werden. Ein solches mentales Erregtsein muss nicht unbedingt und zwangsläufig von etwas hervorgerufen werden, das einen spezifisch sexuellen Inhalt hat. Selbst wenn sich die Gedanken inhaltlich nicht unmittelbar und direkt auf etwas offensichtlich Sexuelles richten, so würden wir dennoch von einem erotischen Körper sprechen, für den Fall, dass er von lebenssprühender, dynamisch vibrierender Energie durchströmt wird. In diesem Sinne bin ich ganz Freudianerin, denn ich spreche hier von libidinöser Energie, die anfänglich und sozusagen von Haus aus sexuellen Ursprungs ist, um dann später generell als Eros  bezeichnet zu werden. Und somit ergibt sich folgende Formel: sexuelle Stimulation → erotische Energie → Eros = leidenschaftliches, verkörpertes Sich-Einlassen auf das Leben.

Man kann sagen, der EK ist ein Container, ein Verstärker bzw. Intensivierer sowie Verbindungskanal für das libidinöse Leben des Subjekts – um ein Leben als libidinöses Wesen möglich zu machen – und um über das Psychesoma dem wahren Selbst, dem kreativen Leben (creative living) zu seinem Recht zu verhelfen, und folglich über den lebendigen Ausdruck der Personwerdung förderlich zu sein. Klinisch betrachtet, lässt sich der EK nicht von dem das analytische Feld für sich in Anspruch nehmenden Bewusstsein trennen. Der EK ist ein Körper, der in der Lage ist, eine verkörperte Reaktion auf eine Erregung zu registrieren, die aus einem mentalen, sich gegenseitig durchdringenden Austausch resultiert. So gesehen ist der EK eine Form von Bisexualität – die Beziehung zwischen Penetrierendem und Penetriertem (Elise, 1998) – ein in libidinöse Energie verwandelter Strom bzw.

Bewegungsfluss zwischen Bewusstsein und Körper in einem Individuum und zwischen Individuen — bidirektional, i.e. zweiseitig gerichtet.

Ausdrucksformen in der Entwicklung
Der nackte schwangere Körper einer Frau ist ein erotischer Körper, dessen besonderer Erotismus dem betrachtenden Blick zumeist entzogen bleibt (Balsam, 2012). Und dennoch findet sich in der bildenden Kunst die ein oder andere ausdrucksstarke Darstellung der mütterlichen Sexualität:

Modersohn-Becker malt den sinnlich mütterlichen Körper in zärtlich inniger Umarmung mit ihrem Säugling, ein Szenario, das die noch bestehende enge Geburtsverbindung bezeugt und den Betrachter unmittelbar in die innige Mutter-Kind Beziehung mit einschließt. Das Geschlecht des Babys lässt sich nicht erkennen. Was aber umso deutlicher wahrgenommen werden kann, ist die innige Beziehung des Babys zu seiner Mutter, das auf deren Körper vollkommenen Anspruch zu erheben scheint, wie auch umgekehrt die Mutter auf  ihr Baby Anspruch erhebt; also eine Verkörperung der mütterlichen Erotik, aufgezeigt von einer Malerin dank ihres spezifisch einfühlsamen weiblichen Blicks. (Hershberg, 2020, p. 81)

Gemeinsam bildet die Mutter-Kind Konstellation einen erotischen Körper, weswegen man sagen kann, dass das nährende Paar eine erotisierte Einheit darstellt (Elise, 1998). Julia Kristeva (2014) liefert eine eloquente Beschreibung dieser besonderen Paarbildung, wobei sie den mütterlichen Erotismus als libidinöse Vitalität und libidinöse Besetzung beschreibt, welche die Mutter in ihre ganz und gar verkörperte Hingabe an ihr Kind mit einbringt. Thomson-Salo und Paul (2017) haben maßgeblich zu einer Erweiterung des Verständnisses der Sexualität des Kleinkindes beigetragen, die sich in der erotischen Beziehung zu den Elternfiguren im Laufe der Zeit immer mehr entfaltet. Der Körper des Säuglings bzw. Kleinkindes ist einer der am meisten erotisierten Körper überhaupt.

Wie Freud (1923) behauptete, so ist das Ich ‘vor allem ein körperliches’ (S. 253). Die aus der physischen Empfindung des Körpers stammende Erfahrung ist die ursprüngliche Matrix, nach welcher das kleine Kind dann ein verkörpertes Selbstempfinden und Selbstgefühl in sich entwickelt. Diese Form des Selbst bezieht die Geschlechtsorgane mit ein, und zwar auf besonders intensive Weise in Momenten von fokussierter Körperempfindung, wobei dann das Körper-ich auf die Besonderheit des Sexuellen zurückgreift und darauf aufbaut. Die sinnliche Erfahrung der eigenen genitalen Struktur birgt das Potential in sich, dem eigenen Ich Form zu verleihen – und zwar, indem es sich bestimmte ausgeprägte Konfigurationen als eine Art von innerer Landkarte des Körpers, des Selbst und der Welt zunutze macht. 

All dies lässt deutlich werden, dass der anatomische Körper eine Quelle von Ekstase sein kann. Die dem Körper des Säuglings entgegengebrachte physische Fürsorge im Rahmen einer liebevollen, libidinösen Beziehung wirkt sich stimulierend auf den Erotismus der Körperoberfläche aus. So gesehen kann man sagen, dass die Eltern den Säugling sowohl im physischen als auch im enigmatischen Sinne verführen (Laplanche, 1992). Aber umgekehrt verführt auch das kleine Kind seine Eltern (Thomson-Salo und Paul, 2017). Die spezifisch erotische Beziehung, die mit dem Reifungsprozess des Kindes einhergeht, kulminiert in der phallisch/früh-genitalen Phase und mündet schließlich in einer ödipalen Krise. Und von nun an ist nicht nur das Bewusstsein und die erotische Phantasie expandiert, sondern auch der sexuelle Körper wird davon erfasst – eine Erektion von Penis und Klitoris und Vulva (die allesamt infolge von Stimulation und stärkerem Blutandrang anschwellen) liegt jetzt durchaus im Bereich des Möglichen.

Das ödipale Kind ist erotisch erregt, jetzt allerdings unter den Bedingungen eines viel eingeschränkteren körperlichen Austausches mit den Eltern. Dieser ödipale Möchtegern-Rivale ist also erotisch begierig auf etwas aus, nur um dann mit einer reduzierten und von elterlicher Seite zurückhaltenden erotischen Interaktion konfrontiert zu werden, denn die Eltern ziehen sich nun ihrerseits zusehends von dem zuvor deutlich sinnlich-körperlichen Kontakt immer mehr zurück, dem sie sich, als das Kind noch klein war, viel unbekümmerter überlassen hatten. Das kleine Kind erleidet somit eine Art von erotischer Niederlage, und zwar dadurch, dass es sich gezwungen sieht, mit der polarisierenden Wirkung von großer Körper / kleiner erotischer Körper zurechtzukommen, was für das sexuelle Selbst des Kindes und dessen romantisches Streben in gewissem Sinne einen harten Schlag bedeutet. Widerstreitende ödipale Phantasien unterliegen zumeist der Verdrängung, wodurch die infantile Sexualität begründet wird, die dann auch im Unbewussten weiter fortbesteht und später (oftmals in entstellter Form) in der Sexualität des Erwachsenen auf die ein oder andere Weise wieder zum Ausdruck kommt. Nicht selten stellt sich Sex für den Erwachsenen als ein ausgesprochener Problembereich dar, weswegen in der analytischen Behandlung der Fokus, entweder explizit oder auch nur implizit, oftmals eben darauf gelegt wird. Die Beziehung zum erotischen Körper ist grundsätzlich prekär und stets gefährdet. Der Bereich des Erotischen, der nunmehr unweigerlich durchdrungen ist vom Stigma des Verbotenen und Unerlaubten, ist sowohl provozierend als auch verdächtig, und sowohl verlockend verführerisch als auch konflikt- und schuldbeladen. Es kommt gar nicht so selten vor, dass Kliniker diesen Konflikt in sich selbst erleben und austragen müssen, was bisweilen sogar zu einem unerwünschten Abwehr- und Vermeidungsverhalten führen kann.

Der Gebrauch des erotischen Körpers im analytischen Feld  
Wenn es zutreffend ist, wie ich in Creativity and the Erotic Dimensions of the Analytic Field (2019) postuliert habe, dass die Psychoanalyse im Wesentlichen ein erotisches Projekt darstellt, so stellt sich die Frage, welche Rolle dem erotischen Körper in dem sich sukzessiv entfaltenden psychoanalytischen Prozess zukommt? Wie wir wissen, wird das dyadische analytische Kraftfeld von zwei verkörperten Personen ‘bewohnt’, von denen eine jede wünschenswerterweise früher oder später zu ihrem eigenen erotischen Körper, und auch demjenigen des anderen, (wieder) eine lebendige Verbindung herzustellen vermag. Für meine eigene Konzeptualisierung gilt, dass der analytische Erotismus immer dann im Spiel ist, sobald der erotische Bewusstseinskörper beider Partizipanten in gegenseitiger Wechselwirkung seine Wirksamkeit entfaltet.  

Idealerweise kommunizieren die beiden – Analytiker und Analysand – verbal über den und ausgehend vom erotischen Körper, und zwar sowohl über die Stimme als auch auch non-verbal über die Körpersprache, wobei dann ganz unterschiedliche Intensitäten und Resonanzschwingungen erotischer Energie zum Ausdruck kommen. Der analytische Bereich ist also notwendigerweise angewiesen auf die Präsenz des erotischen Körpers, und zwar sowohl des Patienten als auch des Analytikers, und ebenso desjenigen zwischen den beiden, um seine Wirksamkeit auch wirklich voll zur Entfaltung bringen zu können – weswegen man sagen kann, dass vermittels des erotischen Körpers der Analyse ein fruchtbares Ambiente bzw. Umfeld geschaffen wird, in dem dann günstigenfalls ein vertieftes und authentisches Seinsgefühl entstehen kann. So betrachtet ist eine Atmosphäre libidinöser Energie ein entscheidender Faktor für die Belebung des intersubjektiven Geschehens in der Analyse. Wenn dieses verkörperte Energiepotential in beiden Partizipanten ihren authentischen Ausdruck findet, dann kann der analytische Erotismus im besten Sinne zu einem libidinös besetzten Sich-Einlassen innerhalb eines ethischen Rahmens beitragen, was wiederum insbesondere einem emotional verkörperten Denken förderlich ist, welches Veränderungen auf ganz unterschiedlichen Ebenen und in ganz unterschiedlichen Bereichen bewirken kann, darunter auch im erotischen Bereich.

Und so wird das erotische Element im Rahmen des psychoanalytischen Settings früher oder später seine Wirkung tun. Nun können Türdurchgänge, Warteräume, Korridore, oder eine im Vorbeigehen flüchtige Nähe von Körpern zusätzlich dazu beitragen, dass eine eindeutigere erotische körperliche Konfrontation/Kommunikation zwischen dem analytischen Paar zustande kommt. Und eben dadurch wird libidinöse Energie oder deren Abwesenheit augenfällig und spürbar. Zur Veranschaulichung möchte ich die folgende kurze Vignette präsentieren: Eine Analysandin, die ganz aktuell mitten in einer ödipalen erotischen Übertragung steckte, wobei ihr Körper ohnehin schon bis zum Äußersten mit erotischer Energie aufgeladen war, geht hinter ihrem Analytiker her, während dieser sie wie gewöhnlich entlang des Korridors bis zur Eingangtür zum Behandlungszimmer geleitet, wo er dann einen Schritt zur Seite macht, um die Patientin im Abstand von wenigen Zentimetern an sich vorbei, also beinahe Gesicht an Gesicht, ins Behandlungszimmer eintreten zu lassen. Nun wiederholt sich eben dieser Vorgang vier Mal pro Woche über einen langen Zeitraum hinweg, aber neuerdings hat die Patientin eine Beobachtung gemacht, die ihre Neugier entfacht hat und ihre ohnehin schon vorhandene Erregung noch steigert. Es ist ihrer angespannten Aufmerksamkeit nicht entgangen, dass ihr Analytiker seit einiger Zeit einen immer weiträumigeren Bogen um sie herum macht, wenn er sich der Türöffnung zum Behandlungszimmer nähert, um sie anschließend eintreten zu lassen, was in ihrer Vorstellung offenbar darauf hindeutet, dass er sich nicht länger ‘sicher’ fühlt, wenn er sich in dieser unmittelbaren Nähe zu ihr befindet. Insgeheim und ganz im Stillen für sich deutet die Patienten dieses Verhalten ihres Analytikers als Ausdruck seiner erotischen Gegenübertragung und infolgedessen denkt sie bei sich: ‘Du magst mir vielleicht aus dem Weg gehen, aber es ist genau dieses Ausweichen deines Körpers, das mir zeigt, dass ich Dich ertappt habe!’ Diese direkte körperliche Konfrontation im Türeingang zum Behandlungszimmer bestärkte die Patientin in ihrem leidenschaftlichen Sehnen nach erotischer Nähe mit ihrem Analytiker. Über einen längeren Zeitraum hinweg, behielt die Analysandin ihre Beobachtung für sich und sagte nichts darüber zu ihrem Analytiker, um so möglichst lange ihren erotischen Triumph – eine ödipale Bestätigung – insgeheim auszukosten.

Nun wird das Erotische am ehesten in Verbindung mit offen eingestandenen sexuellen Wünschen erkennbar. In der klinischen Praxis zeigen sich diese Wünsche bisweilen auch in all dem – aber sicherlich nicht nur darin - was man üblicherweise als erotische Übertragung und Gegenübertragung bezeichnet: verkörperte genitale Wünsche - sowohl ödipale als auch erwachsene - finden ihren Ausdruck in den libidinösen Wünschen eines oder beider Partizipanten nach einer realen erotischen körperlichen Umarmung. Diesen analytischen Erotismus am Leben zu erhalten, ohne ihn auszuagieren, gehört zu den wichtigsten Aufgaben und Herausforderungen einer analytischen Behandlung. Wenn es nämlich zu sexuellen Grenzverletzungen kommt, dann hat der erotische Körper sozusagen die Oberhand gewonnen: eine ‘reißende Flutwelle’ (Elise, 2015b) im erotisch bewegten Wellengang zieht das im Sog sexueller Anziehung befindliche Paar in ein aktuelles körperliches Geschehen hinein, in dem es dann untergeht und versinkt, anstatt in dem für den analytischen Rahmen unbedingt erforderlichen ‘als ob’ des Übertragungsgeschehens zu verbleiben. 

Was ich nun als das Gegenteil von einer erotischen Grenzüberschreitung ins Reale bezeichnen würde, ist eine leblos machende Abwesenheit von erotischen Energien in einem Patienten, oder womöglich auch in einem Analytiker, was dann früher oder später stets auch den anderen des analytischen Paares ergreift und mit betrifft, da beide einander gegenseitig im intersubjektiven Austausch fortwährend beeinflussen. Psychische Krankheit manifestiert sich stets auch in der Unfähigkeit, den Bewusstseinskörper des analytischen Bereichs mit erotischen Energien aufzuladen bzw. zu besetzen. Folgewirkungen davon sind Depression, Dissoziation, Zynismus, Obsession, rein rational abstraktes Denken, emotionale Abstumpfung, sowie diverse andere Manifestationen einer seelisch verarmenden Abkopplung vom verkörperten Selbst. Nun ist es die Aufgabe des Analytikers, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um sich nicht in diese ent-libidinisierten Zustände mit hineinziehen zu lassen, die allerdings in manchen Fällen so gravierend und absolut sein können, dass der Analytiker sich ihnen nicht völlig entziehen kann und sich unweigerlich davon ‘gefangen’ nehmen lässt. Von seinem eigenen verkörperten Erotismus abgekoppelt zu sein, manifestiert sich in der Analyse häufig als Langeweile, Schläfrigkeit, sowie in einer grundsätzlichen Gleichgültigkeit dem analytischen Prozess gegenüber, was jedwedes zaghafte Entstehen von lebendiger Bedeutung und Sinnhaftigkeit im Keim erstickt. Demzufolge ist es also von äußerster Wichtigkeit, dass der behandelnde Psychoanalytiker seinen eigenen erotischen Körper zu ‘bewohnen’ in der Lage ist, um dann davon ausgehend nach Möglichkeit zu versuchen, mit dem erotischen Körper des Patienten in Kontakt zu treten, oder gegebenenfalls dem Patienten zu helfen, eine solche libidinöse Lebendigkeit allererst in sich selbst zu entdecken oder womöglich überhaupt erst zu entwickeln (Elise, 2017). Das ist gewiss zu keiner Zeit innerhalb der Analyse eine leichte Aufgabe.  

Gegenwärtig befinden wir uns alle in einer weltweiten Krise, die uns mit einer zuvor so nie dagewesenen Erfahrung konfrontiert, die zweifelsohne der libidinösen Vitalität immens abträglich ist, und zwar ganz allgemein, aber insbesondere auch, was die psychoanalytische Behandlung betrifft. Die infolge von Covid-19 getroffenen Quarantänemaßnahmen, die verhindern sollen, dass zwei Körper in einem Raum zusammen sind, beraubt das analytische Paar der essentiell wichtigen Erfahrung, ihren verkörperten Erotismus in sich gegenseitig aufeinander abstimmender Resonanz zur Wirkung kommen zu lassen und somit zu erleben, wie das multisensorische Geschehen im intersubjektiven Austausch zwischen Analysand und Analytiker den analytischen Prozess permanent belebt und vorantreibt. Wenn wir nun, wie es aktuell häufig der Fall ist, auf Telefonsitzungen angewiesen sind, so beschränkt sich der Austausch lediglich auf die akustisch wahrnehmbare Stimme, und zwar wohlgemerkt eine übers Telefon verfremdete Stimme. Und infolgedessen kann sich Schweigen bisweilen wie vollkommene Abwesenheit anfühlen (‘Sind sie noch da?’); und ‘bedeutungsgeladene Pausen’ können kaum mehr als solche wahrgenommen und empfunden werden. Aber auch wenn Remote-Analysesitzungen per Videoschaltung zum Einsatz kommen, so geht von der Zweidimensionalität des flachen Bildschirms nicht selten eine verstörende und desorientierende Wirkung aus. Meiner Ansicht nach spielt die Ausblendung bzw. drastische Minimierung des erotischen Moments eine Schlüsselrolle dabei, dass sich in der aktuellen Situation Analytiker vermehrt über Müdigkeit oder Lustlosigkeit beklagen, kurz nachdem sie auf Telefon- oder Videositzungen umgestellt haben.

Dabei besteht nun meiner Auffassung nach die reale Gefahr, dass psychoanalytische Behandlungen eben dieser Energien verlustig gehen, welche für gewöhnlich den analytischen Prozess immer wieder aufs Neue beleben und vorantreiben. Müdigkeit ist ein deutliches Indiz für Depression, mit der bekanntermaßen eine merklich spürbare Abnahme der Libido einhergeht. Ich denke, es ist verständlich, dass beide, Analytiker sowie Patient, die sich in der gegenwärtigen Krisensituation der Pandemie notgedrungen irgendwie zurechtfinden müssen, bisweilen von depressiven Ängsten heimgesucht werden. Und so wird sich möglicherweise herausstellen, dass letztlich auch der analytische Erotismus als ein beklagenswertes Opfer von Covid-19 anzusehen ist. Die dauerhafte Unterstimulation des erotischen Körpers des Individuums, sowohl als auch des analytischen Paares, führt früher oder später zwangläufig zu einer generellen Devitalisierung. Diese tendenzielle Mutlosigkeit und fortgesetzte Entlibidinisierung des persönlichen sowie des gemeinsam geteilten erotischen Körpers stellt höchste Anforderungen an unsere Fähigkeit als Analytiker, nämlich uns immer wieder und unermüdlich mit unserer eigenen Lebensfreude tief in uns in Kontakt treten zu lassen, weil eben diese joie de vivre einen Gefühlszustand darstellt, der meiner Ansicht nach die notwendige Grundlage für unsere Fähigkeit als Analytiker bildet, den analytischen Prozess über einen ausreichend langen Zeitraum hinweg aufrecht zu erhalten und immer wieder aufs Neue zu stimulieren und zu beleben. Das In-Kontakt-Treten mit dem erotischen Körper ist quasi ein Antidepressivum, das es uns allererst möglich macht, eine lebendige Verbindung zur Welt herzustellen, was fraglos eine Fähigkeit darstellt, der wir alle in dieser schwierigen Zeit der allgemeinen Krise mehr denn je bedürfen.

Literatur
Balsam, R. (2012). Women’s Bodies in Psychoanalysis. London: Routledge.
Elise, D. (1998). Gender repertoire: Body, mind and bisexuality. Psychoanalytic Dialogues, 8: 379-397.
Elise, D. (2015a). Eroticism in the maternal matrix: Infusion through development and the clinical situation. fort da, 21(2): 17-32.
Elise, D. (2015b). Reclaiming lost loves: transcending unrequited desires. Discussion of Davies’ ‘Oedipal Complexity’. Psychoanalytic Dialogues, 25: 284-294.
Elise, D. (2017). Moving from within the maternal: The choreography of analytic eroticism. Journal of the American Psychoanalytic Association, 65: 33-60.
Elise, D. (2018). A Winnicottian field theory: Creativity and the erotic dimension of the analytic field. fort da, 24 (1): 22-38.
Elise, D. (2019). Creativity and the Erotic Dimensions of the Analytic fFeld. London: Routledge.
Freud, S. (1923). Das Ich und das Es. G.W. 13, S. 237-289. 
Herschberg, S.G. (2020). A female gaze in/on the female body in art and psychoanalysis: Paula Modersohn-Becker. Psychoanalysis, Self and Context, 15: 76-86.
Kristeva, J. (2014). Reliance, or maternal eroticism. Journal of the American Psychoanalytic Association, 62: 69-85.
Laplanche, J. 1992). Seduction, Translation, Drives. London: Institute of Contemporary Arts.
Merleau-Ponty, M. (2012). The phenomenology of perception. Trans. Landes DA. London: Routledge.
Thomson-Salo, F. & Paul, C. (2017). Understanding the sexuality of infants within caregiving relationships in the first year. Psychoanalytic Dialogues, 27: 320-337.

Aus dem Englischen übersetzt von M.A. Luitgard Feiks und Jürgen Muck. 
 

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