Revolution in Zeiten des Coronavirus: Libanon und kumulatives Trauma

Nayla de Coster
 

Ein aktuelles Trauma kann neben der direkten traumatischen Erfahrung auch unbewusste innere Konflikte aktualisieren.

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Ein in der Gegenwart erlittenes traumatisches Ereignis aktiviert unbewusste innere Konflikte, wird aber gleichzeitig auch als eine von außen kommende traumatische Erfahrung erlebt. Das bedeutet, dass in der Vergangenheit erfahrene Traumata und aktuelle traumatische Ereignisse ineinandergreifen und sich im psychischen Erleben überlagern. Wie wir aus der psychoanalytischen Literatur wissen, wirkt sich ein in der Gegenwart erlittenes Trauma verändernd auf die Erinnerung an in der Vergangenheit gemachte Erfahrungen aus. Im Unbewussten, wo die Vergangenheit und die Gegenwart sich vermischen, haben die Gesetzmäßigkeiten der chronologisch verlaufenden Zeit keine Gültigkeit, weswegen jede unmittelbare Bedrohung oder potentielle Gefährdung durch einen in der Gegenwart stattfindenden  destruktiven Angriff das in der Vergangenheit erlittene Trauma schlagartig reaktivieren kann.

Die Menschen überall auf der Welt müssen derzeit die schwierige und schmerzliche Erfahrung machen, wie es ist, in Quarantäne zu leben, getrennt von den ihnen nahestehenden Personen, denn je mehr die Menschen sich absondern und in den Lockdown zurückziehen, als desto eingeschränkter und reduzierter erleben sie die Gegenwart. Für die Menschen im Libanon hat die aktuelle Pandemie Erinnerungen an die traumatische Zeit während des Bürgerkriegs wachgerufen und reaktiviert, welcher in den Jahren zwischen 1975 bis 1990 im Land tobte. 

In einer aufgrund der Covid-19 Pandemie über das Telefon durchgeführten Sitzung sagte mir vor kurzem einer meiner Patienten: 

Ich habe bisher immer mit tiefem Bedauern an die Jahre des Bürgerkriegs zurückgedacht. Im Jahr 1975 war ich 12 Jahre alt. Damals brach der Krieg aus und trat in mein Leben, und er hat mich seitdem nie mehr verlassen. Wir haben heute alles verloren, wir sind gedemütigt, wir haben unsere Ersparnisse verloren und wir mussten alle möglichen Entbehrungen auf uns nehmen. Aber jetzt, mit der Pandemie, ist alles noch viel schlimmer, denn wir sind der Gegenwart unserer Mitmenschen beraubt …. beraubt derer, die wir lieben, beraubt des unmittelbaren Kontakts mit ihnen. Mit einmal sehne ich mich nach jenen Tagen in unseren Notunterkünften zurück, wo wir uns damals gemeinsam versteckt hielten und zusammen Geburtstage feierten  ... da konnten wir einander wenigstens umarmen und so einander Trost spenden  … alles stand mir schlagartig wieder vor meinem inneren Auge: die Kinder, die sich eng aneinanderkuschelten, während draußen allenthalben die Bomben fielen ...

Seit Oktober 2019 befindet sich der Libanon in einer tiefen Wirtschafts- und Finanzkrise. Die Menschen haben ihre Ersparnisse verloren, nachdem die Banken eine Kapitalkontrolle eingeführt hatten, und die heimische Währung drastisch abgewertet wurde. Zudem sind Arbeitslosigkeit und Lebenshaltungskosten stark angestiegen. Am 17. Oktober 2019 entstand dann aus einer spontanen, gegen die sozialen Missstände gerichteten Protestansammlung heraus, die möglicherweise größte Protestaktion, die das Land in seiner jüngsten Geschichte erlebt hatte, und die sich gegen die korrupte und ineffiziente Regierung richtete. Mit dem Ziel endlich den Rücktritt der Regierung und des Parlaments zu erzwingen, waren sämtliche Bürger dazu aufgerufen worden, sich an der revolutionären Bewegung zu beteiligen und sich so dem zivilen Ungehorsam anzuschließen, um das Land lahmzulegen. Das führte dazu, dass jeden Morgen die strategisch und logistisch wichtigsten Verkehrsknotenpunkte blockiert wurden, was es unseren Patienten folglich nahezu unmöglich machte, uns in unseren psychoanalytischen Praxisräumen aufzusuchen. 

Nun hat der Ausbruch der Covid-19 Pandemie jedwede Hoffnung zunichte gemacht, dass die Revolution vielleicht den Weg für die Möglichkeit freimachen könnte, die Schrecken des Bürgerkrieges zu betrauern und den Wiederaufbau einer neuen Nation erfolgreich voranzutreiben. Der Kampf gegen die tiefe Finanzkrise und die Destabilisierung der Gesellschaft ist somit nun ungewollt auch zu einem Kampf gegen die Trauer geworden. Mit dem Ausbruch der Covid-19 Pandemie hat die libanesische Bevölkerung gewissermaßen die Erfahrung eines ‘apres-coup’ gemacht, i.e. die Erfahrung eines transgenerationellen Traumas. Viele Patienten bedienen sich einer militärisch-kriegerischen Sprache, um ihrer Angst vor der anhaltenden Ungewissheit Ausdruck zu verleihen, etwa wenn sie das Haus verlassen, um einen ihnen vertrauten Ort aufzusuchen, der in ihrem Empfinden nun zu einem potentiellen ‘Schlachtfeld’ geworden ist, da das Virus sie wie ein Granatsplitter quasi aus dem Nichts heraus jeden Augenblick treffen kann. Im Unterschied zum Bürgerkrieg kann nun allerdings der übermächtige unsichtbare Feind von einem geliebten Menschen her kommen, einem engen Freund, einem Sohn oder einer Tochter, vom Vater oder von der Mutter. ‘Da der gegenwärtige Schrecken in direkter Verbindung mit in der Vergangenheit erfahrenen traumatischen Ereignissen steht, äußert sich dieser Schrecken nun in Form von kindlichen Ängsten und Alpträumen.’ (Kogan, 2007)  Das hat zur Folge, dass die Grenzen zwischen innen und außen, zwischen Phantasie und Realität immer mehr verschwimmen. Mit der Auflösung innerer Räume geht dann aber auch die Fähigkeit verloren, eine psychische Innenwelt in sich aufzunehmen und zu beherbergen.

Die meisten meiner Patienten beklagen sich in ihren via Remoteanalyse durchgeführten Sitzungen über persekutorische und furchterregende Angstgefühle. Es fällt ihnen ausgesprochen schwer, dem Virus irgendwelche Repräsentationen zuzuordnen. Einige sagten zu mir, dass die Leute, die draußen mit Masken herumliefen, ihnen wie Zombies oder gesichtslose Gespenster vorkämen. Bion spricht von ‘bizarren Objekten’, die jedwede Bedeutung zunichte machen und das Subjekt in einer rätselhaft sinnentleerten Welt zurücklassen, was tatsächlich bedeutet, ‘dass sich der Patient nicht so sehr von realen Objekten umgeben fühlt, Dingen an sich, sondern von bizarren Objekten, die nur insofern wirklich sind, als sie Reste von Gedanken und Konzeptionen sind, denen ihre Bedeutung abgestreift worden ist und die dann ausgestoßen wurden’. (Bion, 1962b, S. 157)

Meine Patienten berichteten davon, dass sie sich gefangen, eingesperrt und in die Enge getrieben fühlten, was dadurch zu erklären ist, dass ihnen für all ihre intensiven Gefühle jetzt kein innerer Container mehr zur Verfügung steht. Viele von ihnen sprachen von der Angst vor dem Zusammenbruch und anderen primitiven Ängsten, etwa von Gefühlen der Angst vor Vernichtung und Desintegration, aber auch von dem Gefühl der Fragmentierung. Es ist zu konstatieren, dass dies bei manchen Patienten – etwa vergleichbar mit den Granatsplittern bei einer Explosion – ‘zu einer “kleinteiligen Fragmentierung der Persönlichkeit” führt und die übermäßige Projektion dieser gewaltsam abgespaltenen Persönlichkeitsfragmente in äußere Objekte zur Folge hat, die dann wiederum das Selbst attackieren’ (Bion, 1967).

Die durch die Bedrohung für Leib und Leben ausgelösten Ängste vor Vernichtung stehen in einem ursächlichen Zusammenhang mit in der Vergangenheit erlittenen psychischen Traumata, was wiederum regressiven Tendenzen Vorschub leistet und psychische Beeinträchtigung und Desintegration zur Folge hat: die Regression zur analen oder oralen Lebensphase zeigt sich etwa in Hamsterkäufen von riesigen Mengen von Toilettenpapier oder anderen Lebensmitteln; ein weiteres Indiz für regressive Tendenzen sind: Dissoziations- und Spaltungsprozesse, Eßstörungen,  Panikattacken,  Alpträume, Schlafstörungen und häusliche Gewalt. Generell ist zu beobachten, dass Menschen, die überwältigenden traumatischen Erfahrungen ausgesetzt sind, häufig die Fähigkeit abhandenkommt, zwischen innen und außen, zwischen Subjekt und Objekt, zu unterscheiden. Nun stellt sich die Frage: Wie kann es uns als Analytikern gelingen, der inneren Welt des Patienten die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken, wenn die äußere Realität übermäßig beeinflusst und geprägt ist von kollektiven und kumulativen Traumata? (Kogan, 2007). Wie können wir dem Patienten die für den analytischen Prozess unerlässliche Funktion des 'Haltens' und 'Containments' auch dann noch zur Verfügung stellen, wenn sich der Analytiker selbst regressiven Tendenzen zu primitiven Ängsten unterworfen fühlt, und zwar ausgelöst durch “die Wiederkehr des Verdrängten”? Die sich dem Analytiker stellende Herausforderung besteht darin, die asymmetrische analytische Beziehung aufrecht zu erhalten, die für den analytischen Prozess von entscheidender Bedeutung ist und wesentlich dazu beiträgt, Anwesenheit/Abwesenheit von Objekt/Analytiker zu regulieren, insbesondere in Zeiten wie jetzt, in denen die Quarantänebestimmungen vielleicht zunächst aufgehoben werden, nur um bald darauf pandemiebedingt möglicherweise wieder in Kraft gesetzt zu werden, für den Fall, dass sich entweder eine zweite Welle abzeichnet oder erneut soziale Unruhen und das Schreckgespenst eines Bürgerkriegs drohen. 

Für viele Menschen impliziert die psychische Katastrophe des Krieges einen traumatischen inneren Objektverlust, wodurch ihnen der mentale und emotionale Container verlorengeht, und sie sich infolgedessen mehr oder weniger hilflos schreckenerregenden, nicht-metabolisierten, affektiven proto-mentalen Zuständen ausgeliefert fühlen. Das erklärt, weswegen in vielen Fällen Gefühle von 'namenlosem Schrecken', wie Bion es genannt hat, reaktiviert werden. Bion beschreibt in diesem Zusammenhang in seiner ‘Theorie des Denkens’ einen seiner Bedeutung beraubten psychischen Zustand, was ursächlich auf die Unfähigkeit der Mutter zur ‘reverie’ zurückzuführen ist, und wodurch sie dem Baby den für die psychische Entwicklung essentiell wichtigen psychischen Container vorenhält (Bion, 1962a, p. 116). Ein besonderes Anliegen in unserer psychoanalytischen Arbeit bestand stets darin, unseren Patienten einen Übergangsraum zur Verfügung zu stellen, und ihnen dadurch zu der Fähigkeit zu verhelfen, schöpferisch zu sein und, im Sinne Winnicotts, zu spielen, und zwar insbesondere dadurch, dass die körperliche Präsenz des Analytikers sowie das analytische Setting die Funktion einer ‘haltenden Umwelt’ erfüllte. Infolge der politischen und finanziellen Krise im Land mussten unsere Patienten mit einer sowohl inneren als auch äußeren versagenden Umwelt zurechtkommen. Inmitten der Covid-19 Pandemie trug die Anwendung der Remoteanalyse dann zusätzlich dazu bei, den ‘erratischen Rahmen’ noch zu verstärken, was zur Folge hatte, dass sich die Patienten vermehrt mit Angriffen auf das Denken und Angriffen auf Verbindungen (Bion) auseinandersetzen mussten. ‘Trauma zerstört die Fähigkeit zu denken, gleichgültig ob es einem Kleinkind widerfährt, dessen Mutter unfähig ist, ihm einen psychischen Container für seine rudimentären Gedanken zur Verfügung zu stellen, oder aber einem Erwachsenen, dessen höher entwickelte mentale Fähigkeit, seine/ihre Assoziationen in sich aufzubewahren, ihm durch ein traumatisches Ereignis verloren geht.’ (Levine, 2011) 

Die Covid-19 Pandemie machte die Träume und Hoffnungen auf eine Umwälzung der politischen Verhältnisse im Land zunichte, wovon sich die Überlebenden des Bürgerkriegs im Libanon und ihre Nachkommen erhofft hatten, dass eine solche umwälzende Veränderung ihnen die Möglichkeit eröffnen würde, die Schrecken des Krieges seelisch zu bewältigen, mental zu verarbeiten und zu betrauern, um dann den Wiederaufbau einer neuen Nation erfolgreich voranzutreiben. Aktuell stellt sich die Frage, ob die Pandemie die Hoffnung auf Integration und kreative Transformation endgültig zunichte machen wird, oder ob ein positiverer Ausgang denkbar ist.

Aus unseren klinischen Erfahrungen wissen wir, dass das Durcharbeiten eines inneren Konflikts letztlich nur unter der Voraussetzung eines internalisierten guten Elternobjekts und einer schützenden Umwelt gelingen kann. Bei uns im Libanon ist beides nicht gegeben, da wir eine korrupte Regierung haben, die auf der ganzen Linie versagt. Wird nun die Covid-19 Pandemie dazu beitragen, die tiefen Gräben zwischen den verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen noch weiter zu vergrößern und noch weitere Gewalt entflammen lassen? Oder wird die Erfahrung der Pandemie die Bürger am Ende enger zusammenrücken lassen, wo sie sich dann in einem von allen gemeinsam geteilten “Container” oder einer sog. “Ich-Haut” ihre Träume vom Wiederaufbau einer neuen und gerechteren Nation verwirklichen können? (Volkan, 1997) “Eine ängstliche und regredierte Gruppe klammert sich mehr als sonst an ihre Ethnizität, Nationalität oder Religion, weil diese Bindungen Stützen bilden, die die Gruppe vor einer tieferen Regression und Desintegration schützen.” (Volkan, 1997). Allerdings könnte sich dies umgekehrt auch als eine wirkliche Gefahr für den Libanon erweisen: nämlich dass dem Libanon als Nation in der nahen Zukunft Desintegration und eine Rückkehr zur Gewalt drohen, und zwar dann, wenn in einer Art von zwanghaftem Reenactment erneut ein Bürgerkrieg heraufbeschworen wird.

Literatur
Bion, W. R. (1962a). ‘A theory of thinking’, Int. J. Psycho-Anal. 43:306-10; republished (1967)
Bion, W.R. (1967). Second Thoughts. London: Heinemann, pp. 39-40.
Bion, W.R. (1962b). Learning from Experience. London: Heinemann. [Lernen durch Erfahrung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp].
Levine, H. (2011). “‘The consolation which is drawn from truth”: the analysis of a patient unable to suffer experience’, in Bion Today, ed. Chris Mawson, pp. 188-211. New York: Routledge.
Kogan, I. ( 2007). The Struggle against Mourning. Lanham, Maryland: Aronson. [Mit der Trauer kämpfen. Schmerz und Trauer in der Psychotherapie traumatisierter Menschen. Stuttgart: Klett-Cotta, 2011.]
Volkan, V. (1997). Bloodlines. New York: Farrar, Straus and Giroux. [Blutsgrenzen. Frankfurt a.M.: Fischer-Scherz, 1999.]

Aus dem Englischen übersetzt von M.A. Luitgard Feiks und Jürgen Muck
 

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