Brasilien ist nackt

Psic. Wania Maria Coelho Ferreira Cidade
 

Die Situation Brasiliens in der Pandemie und die Lebensbedingungen der schwarzen Bevölkerung zeigen, dass Rassismus erkannt werden muss, damit es soziale Veränderungen und Demokratie geben kann.

0
Comments
432
Read

Im Laufe der Zeit machte die Menschheit Fortschritte, schuf raffinierte Weisen des Überlebens, entwickelte Technologien, tat aber wenig gegen Armut, soziale Unterschiede, Kriege, die globale Erwärmung, den Klimawandel. Plötzlich wurde sie von einem tödlichen Virus getroffen, der der Welt bedeutende Einschränkungen aufzwang, gesellschaftliche Begrenzungen, beginnend mit den großräumigsten wie Grenzschließungen bis hin zu den intimsten wie der Isolation von Personen, die wir lieben, die wir gern haben, all das in der Absicht, die öffentliche Gesundheit zu garantieren.

Als Subjekte, die zu Begehren, Hass, Liebe und Angst fähig sind, sehen wir uns im Zentrum einer noch nie dagewesenen Prüfung, ohne dass wir die Möglichkeit hätten, auf Basis unserer Erfahrung zu verstehen, was wir jetzt erleben. 

Wir sind von anderen Menschen abhängig, um existieren zu können, und daran gewöhnt, in Gemeinschaft zu leben, auch wenn wir mit unserer Einsamkeit und mit der unsichtbaren Verantwortlichkeit für unsere Taten umgehen müssen, und nun stoßen wir auf eine Realität, in welcher diese beiden Seelenzustände – abhängig sein und allein sein (W. Bion, 1995) – in ihrer Radikalität angesprochen werden. Einerseits ist es der Mitmensch, der trotz der körperlichen Isolierung weiterhin unsere Existenz unterstützt, andererseits erleben wir eine geschichtliche Periode, in der es unvermeidlicher Weise gefährlicher wurde, uns untereinander näher zu kommen, was bewirkte, dass wir mit unserer Hilflosigkeit konfrontiert werden, mit unserer Verletzlichkeit, mit dem Gedanken der Endlichkeit und der Erfahrung des Alleinseins, und wir müssen in dieser Situation nicht nur mit unseren eigenen Gefühlen umgehen, sondern auch mit dem, was von außen kommt. Mit jedem Tod, der bekannt gegeben wird, sterben auch wir ein bisschen. 

Ohne zu wissen, welche Richtung wir einschlagen werden, sehen wir, dass es hier um ein neues Modell globalen Zusammenlebens geht, um ein Modell politischer Reorganisation, in dem die Investition in Wissenschaft und Gesundheit Gewicht hat, in dem es nötig ist, darüber zu reflektieren, wie neue Richtungen des Lebens entstehen können, darüber zu reflektieren, wie wir die großen Potentiale der Welt und die Politik der Nachhaltigkeit in Wirtschaft und Umwelt umsetzen können. 

All das ist auf der Tagesordnung, in Brasilien stehen wir in einem noch komplexeren Kontext, der der ungeheuren sozialen Ungleichheit und der alarmierenden Situation der öffentlichen Gesundheit geschuldet ist, wir befinden uns in einem Vakuum der Verantwortungslosigkeit, da es keinen Minister gibt, der Aktionen in Zusammenhang mit der Pandemie anordnet, und der Rassismus macht alles noch schlimmer. 

Das Programm ‘Política Nacional de Saúde Integral da População Negra’ (Nationale Strategie für die umfassende Gesundheitsversorgung der schwarzen Bevölkerungsgruppe in Brasilien), dessen Ziel die Verbesserung der Gesundheitssituation dieser Bevölkerungsgruppe ist, wurde, obwohl es 2009 vom Parlament angenommen wurde, Jahr für Jahr in eine immer prekärere Lage gedrängt. So ist in Zeiten von COVID-19 die schwarze Bevölkerung diejenige, die am meisten leidet und am meisten stirbt. Es fehlen ihr sanitäre Vorsichtsmaßnahmen, Vorsorge im Bereich des Wohnens, der Sicherheit, der Ernährung, und so weiter. Zusätzlich zu all diesem Mangel fehlt es ihr an Tests, an ganz grundlegenden Informationen und am Lebensunterhalt angesichts einer Krise, die sich verschlimmert durch das hohe Maß an staatlicher Gewalt in ihren Wohngebieten: alle 23 Minuten wird ein schwarzer Jugendlicher in Brasilien ermordet. In einer der Tageszeitungen mit der landesweit größten Reichweite wurde berichtet, dass es in São Paulo ‘bei den von den Polizeikräften im Bundesstaat zwischen Jänner und April begangenen Tötungen einen Anstieg von 31% gab, dass von den 381 in den ersten vier Monaten dieses Jahres durch Polizeikräfte getötete Menschen allein im April, während der Quarantäne, 119 getötet wurden’ (O Globo, 17/06/ 2020, erstes Heft). Um sich eine Vorstellung von der Größe des Problems zu machen: ein bedeutender Teil der schwarzen Individuen, die mehr als 56% der brasilianischen Bevölkerung ausmachen, verfügt nicht über die Mittel, Seife und Desinfektionsmittel zu erwerben und hat zuhause kein fließendes Wasser. 

Die Situation wird noch beträchtlich komplizierter wenn wir an die seelische Gesundheit denken. Wie soll man für das Gefühlsleben sorgen, wenn man ums Überleben kämpft, in Häusern von 20m², 30m², im denen gewöhnlich mehr als vier Personen wohnen? Die angekündigte Nothilfe von 100 bis 240 Dollar, abhängig von der Anzahl der Familienmitglieder, erreichte die schutzloseste Bevölkerungsgruppe nicht, weil es an wirksamen, politischen Strategien mangelt, was tausende Menschen in tiefer Armut zurücklässt. Wie soll man diese Leiden fassen, die das psychische Vermögen des Subjekts übersteigen, dem, was es erlebt, Bedeutung zu geben? Wie das Erlebte in Worte fassen? In diesem Bild holen die aufeinanderfolgenden disruptiven und traumatischen Episoden das Leid auf einem dermaßen traumatischen Niveau wieder in die Gegenwart, dass die Menschen häufig krank werden. Um das Problem noch schwieriger zu machen, sind Schwarze und Arme mehrheitlich vom digitalen Bereich ausgeschlossen, was in der Folge ihre Kinder vom Zugang zur Schule und der digitalen Teilhabe ausschließt. 

Die Covid-19-Pandemie macht den strukturellen Rassismus sichtbar und unwiderlegbar; er ist in allen Einrichtungen unserer Gesellschaft vorhanden und wird unterstützt von der politisch-wirtschaftlichen Macht und von der Nekropolitik, die festlegt, wer ein Recht auf Leben hat und wer sterben muss, womit die Gesellschaft in zwei Kategorien von Subjekten gespalten wird. 

In dem einen Extrem straucheln Individuen über ihre Zugehörigkeit zur ‘zweiten Klasse’, Individuen, die mit Leib und Blut die Arbeitskraft dieses Landes aufbauten und jetzt aufrecht erhalten; sie sind ihrem Schicksal ausgeliefert, müssen außer Haus gehen, um schlecht bezahlte Dienstleistungen zu erbringen und um etwas zu essen zu haben, wobei sie unter einer Exklusion der primitivsten Affekte leiden, welche durch den völligen Mangel an staatlicher Mäßigung hervorgerufen wird. 

Im anderen Extrem und an der Spitze der rassistischen Hierarchie stehen die Bürger erster Klasse, die Kolonisatoren des Denkens und der Kultur, die bequem im Home-Office arbeiten, auch wenn sie in derselben Weise die Wechselfälle einer neu enthüllten Welt erleiden und deren Verwundungen ausgesetzt sind; auch wenn wir gerade Schwierigkeiten erleben, haben wir doch Unterstützung und ein gewisses Auskommen, um das Unwetter zu überstehen. Wir Psychoanalytiker laufen Gefahr, uns im Bequemen festzusetzen, wenn wir diese Probleme unbeachtet lassen.

Dieses zerstörerische Bild wurde von einer Strömung der Solidarität gemildert, welche von einem Blick geleitet wurde, der Alterität und Diversität anerkennt und fähig ist, grausame Unterschiede zu sehen, die unsere Gesellschaft strukturieren, ein Blick, der Subjektivitäten entstehen lässt und prägt. Aber die Frage, die sich aufdrängt, ist: bis wann?

In seiner von Zwängen befreienden Funktion muss der Psychoanalytiker auch den Diskurs der Spaltung hören, den Diskurs, der krank macht und der mit dem Raum der Träume bricht, Narrative, die mittels Auslassung und Gewalt den schwarzen Subjekten die Möglichkeit zu entziehen versuchen, ihre zurückgewiesene und in Institutionen und gesellschaftlichen Strukturen verweigerte Biografie an die Oberfläche zu bringen. Dies ist keine individuelle und moralische Frage, es ist eine kollektive und politische Frage, die als Wahrheit anerkannt werden muss, um die Realität verändern zu können.

Zurückgeworfen auf unsere Geschichtlichkeit und Endlichkeit, mit der Tradition Freuds, die in unserer täglichen Praxis präsent ist – wie soll man da ruhen, ohne dem Weinen und den Zeugenaussagen der Leidenden zu ihrem Recht zu verhelfen? Wie können wir die Tore unseres kolonisierten Denkens öffnen und diese rohe Gewalt hereinlassen, wie können wir dabei helfen, sie in Worte zu fassen, und sie für das Leben zu retten? Die Psychoanalyse muss sich dafür engagieren, die Kultur zu sehen und sich mit dem Unbehagen einer Gesellschaft zu konfrontieren, die schwarze Subjekte unterdrückt, statt Bedingungen dafür zu schaffen, dass diese in Freiheit leben können, andernfalls werden wir weiterhin daran scheitern, unsere Geschichte aufzuarbeiten, welche bis in unsere Tage beständige Löschungen erleidet. Brasilien ist nackt: und es findet kein Aufbau der Zukunft statt. Solange es Rassismus gibt, wird es keine Demokratie geben. 

Literatur
Bion, W. (1995). Seminário Clínico. Revista Ide São Paulo. 1995.

Übersetztung: Susanne Buchner-Sabathy
 

Weitere Artikel von:
 


Star Rating

12345
Current rating: 0 (0 ratings)

Comments

*You must be logged in with your IPA login to leave a comment.