Phantasien - Traum als dem Hüter des Schlafes

Psic. Miguel Calmon du Pin e Almeida
 

Was das Leben doch für ein feines Gespinst ist! Vom Traume zu leben, um schlafen zu können. Von Phantasien zu leben, um existieren zu können.

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I – Als Einleitung möge uns Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ dienen: „Und in der Tat, die wichtigsten geistigen Vorkehrungen der Menschheit dienen der Erhaltung eines beständigen Gemütszustands, und alle Gefühle, alle Leidenschaften der Welt sind ein Nichts gegenüber der ungeheuren, aber völlig unbewußten Anstrengung, welche die Menschheit macht, um sich ihre gehobene Gemütsruhe zu bewahren! Es lohnt sich scheinbar kaum, davon zu reden, so klaglos wirkt es. […] Dieses Ineinandergreifen ist ähnlich dem der großen Natur, wo alle Kraftfelder des Kosmos in das der Erde hineinwirken, ohne daß man es merkt, weil das irdische Geschehen eben das Ergebnis ist; und die dadurch bewirkte geistige Entlastung ist so groß, daß sich die Weisesten genau so wie die kleinen Mädchen, die nichts wissen, in ungestörtem Zustande sehr klug und gut vorkommen.“[1] (eigene Hervorhebung)
Freud spricht in diesem Zusammenhang vom „Traum als dem Hüter des Schlafes“[2].
Was das Leben doch für ein feines Gespinst ist!
Vom Traume zu leben, um schlafen zu können.
Von Phantasien zu leben, um existieren zu können.

Freud zitiert ein deutsches Gedicht, in dem die Frage gestellt wird, wo der heilige Christophorus „damals hin den Fuß gesetzt“ hat.
Auf welchen Boden? Gibt es einen festen, tragfähigen Untergrund, auf dem wir aufbauen können?
Meine Frau und ich waren in Istanbul. Wir beschlossen, uns eine Darbietung von Derwischen anzusehen, eine Darbietung von Sufi-Mönchen, die durch Musik und Tanz zum Einklang mit der sie umgebenden Welt gelangen. Mit einem langen, weiten Rock drehen sie sich um ihre eigene Achse, eine Hand zum Himmel gestreckt, die andere zum Boden. Sie wirbeln und wirbeln im Kreis, immer und immer wieder. Jeglicher Versuch, es ihnen gleichzutun – und es versteht sich von selbst, dass wir es sofort versuchten, als wir ins Hotel zurückkamen – endete mit Schwindel und dem sicheren Sturz spätestens nach der dritten Drehung. Sie jedoch verbrachten lange Zeit in einer Trance, die es ihnen erlaubte, sich immer und immer wieder im Kreis zu drehen, als ob es von einem bestimmten Augenblick an die Trägheit der Kreisbewegung wäre, die sie herumwirbeln ließ und in beständiger Bewegung hielt. Bewegung erzeugt Bewegung, ohne anderen Antrieb. Bewegung wird in und durch Bewegung gestützt. Wir hielten fest, dass eine solche Erfahrung nur in einer Art Trance möglich ist und hier nehme ich Zuflucht zu erfahrenen Fachleuten, damit sie mir zu verstehen helfen, was mich mit Verständnislosigkeit erfüllte.

Dies kam mir in den Sinn, als ich anfing, über Phantasien nachzudenken, über diese „übernatürliche", ganz und gar unbewusste Macht, die uns begleitet und uns stützt.
Die zweite Assoziation ist das bereits von Freud erinnerte und in „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ zitierte Gedicht:
„Christoph trug Christum,
Christus trug die ganze Welt,
Sag', wo hat Christoph
Damals hin den Fuß gestellt?“
[3]
Die in diesem Gedicht behandelte Streitfrage ist recht alt. Gibt es irgendeine Grundlage, irgendein Fundament, das sich dem Erkennen entzieht, das aber als Garantie des Erkennbaren bestehen bleibt, oder ist alles nur ein Komplott, ein Spiel, ein Geschicklichkeitsspiel? Der alte Streit zwischen Platonikern und Sophisten.
Ich möchte hier mit der Anmerkung fortfahren, die Freud uns in der erwähnten Schrift gibt. Wir werden getragen von einem Geflecht einander stützender Identifikationen, die gespeist werden von ewig vorherbestimmten Gewissheiten. Am Ort des Ursprungs herrscht eine Bedeutungsleere, die uns hilflos macht. Die Vorstellungsfähigkeit der Phantasie funktioniert jedoch so perfekt, dass ihre erlösende Verweiskraft sich sichtbar und unsichtbar in allem, was wir sind und machen, verkörpert. In gewisser Weise sind es Verkörperungen dieses „reinen Anderen“, von dem aus sich unser Ursprung weder finden noch in Frage stellen lässt.

Nachdem ich mich von dem Schreck, der den Derwischen und dem bei Freud zitierten Gedicht innewohnt, erholt habe, sollen mir diese beiden Dinge nun als Inspiration dienen. Ich will darüber nachdenken, warum die unerträgliche Vorstellung uns nicht zermalmt, dass wir kein Fundament besitzen, das uns alles, was wir sind und kennen, erklären und garantieren kann. Was uns bleibt, ist die Vorstellungskraft, eine so große und so beharrliche Vorstellungsfähigkeit, dass sie uns vor jenem Vexierbild rettet, das das antike Griechenland so gut in die Unmöglichkeit zu fassen wusste, der Medusa in die Augen zu blicken.
Es ist die Macht des Bildes oder besser, wie Jean-Claude Rolland in „Les yeux de l’âme[4] sagt, „die imaginative Macht des Bildes“, jene Kraft, die ein Bild an lebendiger Präsenz, an Andeutungskraft in sich trägt; durch die es überzeugt und die Vernunft und das Unterscheidungsvermögen seines Betrachters aus der Balance bringt.

Laut Jean-Claude Rolland ist der Bildwert („l’imageant“) eine erste Gedankenströmung, die dem Sterblichen mit seiner „Menschwerdung“ offenbart wurde; sie lässt ihn seine Götter erfinden und befiehlt ihm, sein Existenzrecht immer überzeugender und heroischer zu begründen.
 
II – Die Experten sagen, dass das Innere unseres Körpers von mehr als drei Milliarden äußerst vielgestaltigen Tierchen bewohnt wird. Bei manchen von ihnen wissen wir, was sie sind, was sie tun und wie sie interagieren; bei anderen wissen wir, dass wir nicht wissen, was sie sind, was sie tun und wie sie interagieren; und dann gibt es noch die, bei denen wir nicht wissen, dass wir nicht wissen, was sie sind, was sie tun und wie sie interagieren. Das heißt, es gibt auch solche, bei denen wir wenigstens wissen, dass wir nicht wissen und dennoch ist es möglich oder unumgänglich, dass unsere Gesundheit durch Formen der Interaktion zwischen ihnen beeinflusst wird.

Unser Körper, der menschliche Körper, ist eine strukturierte Einheit: er ist keine Ansammlung von Einzelteilen und auch keine Bewegungsmaschine, sondern ein dynamischer Organismus, dessen inneres Gleichgewicht durch interne Wandlungsprozesse und durch beständige Außenbeziehungen gewahrt wird.
Das heißt, ein solcher Prozess dynamischen Gleichgewichts kann ablaufen oder auch nicht. Er kann scheitern. Und bevor wir seine Auswirkungen spüren, kann er in einer uns völlig unbewussten Weise scheitern, ohne dass wir diese Formen des Scheiterns kennen oder sie beeinflussen können. Sicherlich wissen wir in den meisten Fällen nichts von diesem Scheitern. Da wir geboren werden, wissen wir, dass diese Prozesse erfolgreich abgelaufen sind; oder allerhöchstens, dass das Scheitern uns nicht am Geboren- und Doch-krank-Werden hindert.

In seinen „Formulierungen über zwei Prinzipien des psychischen Geschehens“ spricht Freud davon, dass „der psychische Ruhezustand anfänglich durch die gebieterischen Forderungen der inneren Bedürfnisse gestört wurde. In diesem Falle wurde das Gedachte (Gewünschte) einfach halluzinatorisch gesetzt, wie es heute noch allnächtlich mit unseren Traumgedanken geschieht.“ In der Fußnote fügt er hinzu: „Der Schlafzustand kann das Ebenbild des Seelenlebens vor der Anerkennung der Realität wiederbringen, weil er die absichtliche Verleugnung derselben (Schlafwunsch) zur Voraussetzung nimmt.[5]

Ich würde gern über dieses „einfach halluzinatorisch“ nachdenken, da dieses Halluzinieren ja „die gebieterischen Forderungen der inneren Bedürfnisse“ in sich birgt und umwandelt, indem sie sie einem Funktionsmodus unterwirft, der sie organisiert und der den Schlaf ermöglicht: dem Primärprozess.
Und dieser Transformationsprozess läuft automatisch ab, ohne dass die Interferenzen und Einwirkungen des Bewusstseins klar und offensichtlich hervortreten.

In seiner Arbeit „La fonction maternelle selon Pierre Marty“[6] betont Michel Fain, dass die mütterliche Funktion ganz und gar ohne mütterliches Bewusstsein dieses Prozesses ausgeübt wird. Dies geschieht, so Michel Fain, in einer repetitiven Weise, die Pierre Martys Konzept der Automatisierung zugrunde liegt und zwar insofern, als ein genaues Ziel - die Schaffung eines zukünftigen Subjekts - den Ablauf der Funktion steuert.
Michel Fain weist darauf hin, dass in Pierre Martys Unterscheidung zwischen Mutter und mütterlicher Funktion auch die physiologischen Prozesse, die die Schwangerschaft, das Austragen und die Existenz eines Babys ermöglichen, zur mütterlichen Funktion gehören, ohne dass sich die Mütter dieser Prozesse irgendwie bewusst wären.

Die mütterliche Funktion bezeichnet alle Vorgänge, die in den Symbolisierungsprozessen eine Rolle spielen.
In ihrer Arbeit „L’ombre du maternet“ sagt Liliane Abensour[7]: „Äußerst verstreut und kurz – aber bedeutsam gerade durch ihre Kürze – sind Freuds Verweise auf das Mütterliche, oder besser auf dessen Äußerungsformen, denn in seinem gesamten Werk wird der Faden des Mütterlichen im Schatten gesponnen. Und wenn das Mütterliche selbst nicht aus dem Schatten getreten wäre, der unseren Sinnen ihren wahren Körper raubt?“

Die wahre Natur des Mütterlichen bleibt – außer in der Phantasie – ewig unerkannt, und zwar deshalb, weil sie dem Mysterium des Ursprungs so nahe liegt und sich demzufolge nur in der Zurückgezogenheit erkennen lässt.
Abensour fährt fort: Es ist nötig, zu einem mythologischen, religiösen, poetischen oder literarischen Urgrund zurückzukehren, um das Sich-Entziehende, das Unfassbare des Mütterlichen benennen zu können. Mythen und Narrative bieten eine Unzahl tragischer, trauriger oder grausamer Figuren, die durch eine Geschichte Konsistenz gewinnen. Eine fragmentierte, verwandelte Realität gewährt Zugang zu mehr oder minder unverständlichen Anteilen des Mütterlichen. Das idealisierte Antlitz des fernen Mütterlichen hat noch eine andere Seite, die im Allgemeinen verborgen und ungezähmt bleibt, ein Antlitz, das mit Weiblichkeit verbunden ist und Erregung, Angst und Entsetzen auslöst.

Sowohl die mütterliche Funktion als auch die Funktion des Psychoanalytikers bedeuten, auf das zu hören, was ohne Worte gesagt wird; auf das Unvollendete zu hören, das uns in unserem Ursprung definiert; auf die Hilflosigkeit zu hören, die durch innere Anforderungen und deren körperliche Äußerungsformen ausgelöst wird. Die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf Sinneswahrnehmungen und deren besondere Modulationen, Zeichen eines Empfindens, die noch nicht in Phantasien organisiert sind. Die psychische Verarbeitung ist natürlich die unmittelbare Reaktion auf die Verletzlichkeit und die Hilflosigkeit des Säuglings, und diese Verarbeitung kann ursprünglich von keinem anderen Ort herrühren als einem ähnlichen, einem ähnlichen Anderen, einer anderen, in einem uns ähnlichen Anderen beheimateten Psyche. Dies nannte Freud „spezifische Aktion“. Die Spezifität dieser Erfahrung drückt sich in den Umwandlungen aus, die sie ermöglicht, indem sie einen Entwurf dessen präsentiert, was wir später ein „Ich“ nennen werden: von der Passivität zur Aktivität; von der Unlust zur Lust; von den Spannungen, die den psychischen Apparat zu sprengen drohen, zur Besänftigung. Die Besänftigung ist nicht nur eine Verringerung der Anspannung, sondern vor allem die Verdeutlichung einer Begegnung, in der das Außen mit dem Innen eins wird, was sie angenehm und lustvoll macht.[8]

In „Die Verneinung“ sagt Freud: „Das ursprüngliche Lust-Ich will [...] alles Gute sich introjizieren, alles Schlechte von sich werfen. Das Schlechte, das dem Ich Fremde, das Außenbefindliche, ist ihm zunächst identisch.[9]

Diese Identität erinnert an eine Fußnote in den „Formulierungen über zwei Prinzipien des psychischen Geschehens“, in der Freud sein Verständnis eines auf dem Lustprinzip basierenden Systems durch die Einrichtungen und Prozesse ergänzt, mittels derer der psychische Apparat mit inneren Unlustreizen umgeht: er behandelt sie so, als ob sie äußere wären, schlägt sie zur Außenwelt und kann sie auf diese Weise verdrängen oder abspalten.[10] Eine Anmerkung, die seine Schrift „Die Ichspaltung im Abwehrvorgang“ (Freud 1940) vorwegnimmt.

In dem von uns behandelten Text zeigt uns Freud, wie wir nur durch die Präsentation des Sekundärprozesses Zugang zum Primärprozess erhalten. In der zeitlichen Abfolge des Erscheinens tritt der Sekundärprozess immer zuerst auf; der Primärprozess ist immer eine nachträgliche Konstruktion. Ob er sich nun als Irrtum erweist, ob er wahr oder falsch ist, ganz egal, es sind Kompromissbildungen, sekundäre Produktionen, von denen ausgehend eine Deutung möglich wird, indem uns diese Bildungen mit etwas in Kontakt bringen, was wir schon gewesen sind, ohne es gewusst zu haben. Daher geht der Sekundärprozess dem Primärprozess in der Reihenfolge des Erscheinens voraus, ohne dass sich die beiden Prozesse in ihrer Konstituierung wechselseitig aufhöben.

Die mütterliche Funktion gewinnt – da sie in die Wechselfälle des Ödipuskomplexes gerät, da also eine väterliche Instanz eingreift – vom Primärprozess zum Sekundärprozess an Sichtbarkeit, an Vorstellungsmöglichkeit und somit an Bewusstheit,

Umgekehrt kennen wir die in den Primärprozessen wirkenden Mechanismen nur dadurch, dass der Sekundärprozess auf den Primärprozess verweist, den Blick auf ihn freigibt.
 
Was hat dies mit unserem Thema zu tun, also mit der Absicht, die „Formulierungen über zwei Prinzipien des psychischen Geschehens“ in Hinblick auf die psychoanalytische Technik zu diskutieren?
Ein Vorschlag: wo die Primärprozesse fortbestehen, geht es vor allem darum, das Unverständnis dessen aufrecht zu erhalten, was noch nicht zur Vorstellung gelangte und deshalb behandeln wir eher mit dem, was wir nicht wissen (wobei wir jedoch weiterhin aufmerksam sind. Wir sind mehr und zugleich weniger als das, was wir wissen). Jegliche Deutung ist überstürzt und naiv, denn sie spricht von dem, was noch nicht in die Welt getreten ist. Dies ist das Feld der „Gesprächskunst". Wo hingegen die Sekundärprozesse fortbestehen, behandeln wir eher mit unserer „Abwesenheit" als unserer Anwesenheit. Dies ist das Feld der Stille, aus dem das Subjekt als Produkt der Verdrängung auftaucht.

Es ist die Aufgabe des Psychoanalytikers, beständig das Territorium einzuschätzen, auf dem er sich gerade bewegt. Und es ist die besondere affektive Erfahrung einer Sitzung, die die Form seiner Intervention bestimmt: Stille, Konstruktion, Deutung.
 
Rio de Janeiro, 4. Januar 2016.
Miguel Calmon du Pin e Almeida
 
 
Aus dem Portugiesischen von Susanne Buchner-Sabathy
 
[1] Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes Buch, Rowohlt, 1999, S. 527.
[2] Sigmund Freud (1901), Über den Traum, in: GW II/III, S. 643-700. hier: S. 691.
[3] Sigmund Freud (1921): Massenpsychologie und Ich-Analyse. GW XIII, S. 71-161, hier S. 97.
[4] Jean-Claude Rolland, Les yeux de l’âme, Gallimard, Paris, 2010.
[5] Sigmund Freud (1911), Formulierungen über zwei Prinzipien des psychischen Geschehens, in: GW VIII, S. 230 - 238, hier S. 231.
[6] Fain Michel, „La fonction maternelle selon Pierre Marty“, in: Revue française de psychosomatique 2/2001 (Nr. 20), S. 47-52 (URL : www.cairn.info/revue-francaise-de-psychosomatique-2001-2-page-47.htm). DOI : 10.3917/rfps.020.0047.
[7] Liliane Abensour, A Sombra do Materno, Bericht für den CPLF – Paris, Juni 2011. L’ombre du maternel, PUF, Paris, 2013.
[8] Lina Balestrière, Freud et la question des origines, Ed. de Boeck, 2008.
[9] Sigmund Freud (1925), Die Verneinung. GW XIV, S. 11-15, hier S. 13.
[10] Sigmund Freud (1911), a.a.O., S. 232.
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