Intersectionality and Relational Psychoanalysis: New Perspectives on Race, Gender, and Sexuality

Dr. Max Belkin
 

Eine von Max Belkin PhD und Cleonie White PhD jüngst herausgegebene Aufsatzsammlung.

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Der Verlag Routledge Press hat 2020 Intersectionality and Relational Pschoanalysis: New Perspectives on Race, Gender, and Sexuality publiziertDie von Max Belkin und Cleonie White herausgegebene Aufsatzsammlung erscheint im Rahmen von Donnel Sterns Reihe Psychoanalysis in a New Key. Die in diesem Buch zusammengetragenen Texte untersuchen allesamt die Zusammenhänge und Interdependenzen von Rassenzugehörigkeit, Gender und Sexualität aus der doppelten Perspektive von relationaler Psychoanalyse und den Theorien der Intersektionalität. In ihrer Buchempfehlung schreibt Jessica Benjamin:

Dieses Buch beeindruckt durch seine visionäre Kraft, Originalität und Tiefe, wodurch es uns als Leser tief in die grundlegende, lebenserhaltende Gedankenwelt eintauchen lässt, welche uns Einblick gewährt und transparent macht, wie wir durch unsere sozialen Erfahrungen geprägt sind und auf welche Weise dies in unserer Psyche und unserer klinischen Arbeit zum Ausdruck kommt.

Die Analyse von Gleichheit und Unterschied stand seit jeher im Mittelpunkt der psychoanalytischen Methode, um dadurch zu einem immer besseren Verständnis des Individuums, der Familie und der Gruppe zu gelangen. Neben der Anerkennung unseres gemeinsamen Menschseins haben nunmehr die Vertreter der relationalen Psychoanalyse auch die Variabilität von ethnischen und genderspezifischen sowie sexuellen Identitäten verstärkt ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Zudem ist im Rahmen psychotherapeutischer Behandlungen ein wachsendes Interesse an der Erforschung von genderspezifischen, sexuellen und rassenbedingten Unterschieden zu konstatieren. Und dennoch gibt es bisher nur wenige Psychoanalytiker, die die komplexen Wechselwirkungen zwischen Gender, Sexualität und Rasse unter Anwendung des Intersektionalitätsansatzes untersucht haben. 

Nun haben es sich zur gleichen Zeit auch die kritische Rassentheorie, der Feminismus und die Gender- und Queerforschung zur Aufgabe gemacht, diejenigen kulturellen Praktiken und Gepflogenheiten eingehender zu untersuchen, welche die auf Rassenzugehörigkeit, Gender und sexueller Orientierung beruhenden Ungleichheiten hervorrufen und in unserer Gesellschaft perpetuieren. Allerdings haben sich bislang nur wenige intersektionale Studien auf die Theoriekonzepte der relationalen Psychoanalyse berufen, sondern sie haben vielmehr bevorzugt auf die Arbeiten von Freud, Klein, Lacan und Laplanche zurückgegriffen. Angesichts dieser Situation ist bislang ein fehlendes, sich gegenseitig förderndes Zusammenwirken zwischen einem auf der relationalen Psychoanalyse und den auf intersektionalen Theorien basierenden Denkansätzen zu beklagen, die ja beide zum Problem des Umgangs mit Rassen- und Genderzugehörigkeit und sexueller Orientierung grundlegende Erkenntnisse beizutragen haben.  

Die in diesem Sammelband vertretenen Autoren und Autorinnen sind allesamt der Auffassung, dass uns die relationale Psychoanalyse einige wichtige Erkenntnisse hinsichtlich der komplexen Wechselwirkungen von Gender, Sexualität und Rassenzugehörigkeit liefert. Als erstes hervorzuheben wäre: Da die relationale Psychoanalyse sich schwerpunktmäßig damit befasst, welch entscheidende Rolle den traumatischen Erfahrungen in der Entwicklung des Menschen zukommt, ist sie geradezu prädestiniert dafür, die Mikroaggressionen, Mikroentwertungen und Mikrobeleidigungen ans Licht zu bringen und erkennbar zu machen, denen ethnische und sexuelle Minderheiten sowie Frauen in der Regel ausgesetzt sind. Zweitens können relationale Psychoanalytiker durch die Möglichkeit des Zurückgreifens auf Konzepte wie multiple Selbst-Zustände und dissoziative Prozesse die durch Gender- und Rassenzugehörigkeit sowie sexuelle Orientierung geprägten Erfahrungen einer Person sowohl vor dem Hintergrund ihrer persönlichen als auch beruflichen Beziehungen beleuchten. Und schließlich befähigt der relationale Ansatz den Kliniker, im Rahmen der psychotherapeutischen Behandlung die genderspezifischen, sexuellen und rassischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu reflektieren und entsprechend zu berücksichtigen. Für die Erreichung dieser Ziele ist es jedoch erforderlich, dass der relationale Psychoanalytiker die Rassen- und Genderzugehörigkeit sowie die spezifische sexuelle Orientierung des Patienten gleichzeitig auch von einem intersektionalen Blickwinkel her betrachtet.  

Bereits in den 1980er Jahren hat die renommierte Rechtswissenschaftlerin und Menschenrechtsaktivistin K. W. Crenshaw einen wichtigen Beitrag zur feministischen und kritischen Rassentheorie geleistet, indem sie auf die Intersektionalität, d.h. die Überschneidung und Gleichzeitigkeit von verschiedenen Diskriminierungskategorien wie Sexismus und Rassismus aufmerksam gemacht hat, ein Phänomen, von dem farbige Frauen in den USA sowohl in ihrem beruflichen als auch persönlichen Leben häufig betroffen sind. So kritisierte Crenshaw beispielsweise 1989 das bestehende Antidiskriminierungsgesetz, da es die kumulativen, nicht isoliert voneinander zu betrachtenden Auswirkungen der auf rassistischer sowie genderspezifischer Diskriminierung beruhenden Unterdrückung im Fall von berufstätigen afroamerikanischen Frauen schlichtweg ignoriert und ausgeblendet hat. Entweder betrachtete das Gesetz schwarze Frauen aus der Perspektive von schwarzen Männern oder aus der Perspektive von weißen Frauen und übersah damit die auf einer doppelten Diskriminierung basierende besondere Erfahrung der Marginalisierung von schwarzen Frauen. Im Gegensatz dazu zeigte Crenshaw ausgehend von ihrer intersektionalen Analyse, die einem Zusammenwirken diverser Diskriminierungsformen auf besondere Weise Rechnung trägt, dass die Einstellungspolitik auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt entweder schwarzen Männern oder aber weißen Frauen zugute kommt, wohingegen schwarze Frauen, bei denen sich die Diskriminierungserfahrungen aufgrund ihrer Hautfarbe und ihrer Genderzugehörigkeit überlagern – d.h. dass sie ‘sowohl als Frauen mit dunkler Hautfarbe als auch als farbige Individuen weiblichen Geschlechts’ (2013, p. 790) diskriminiert werden – in keine der beiden Kategorien passten und somit durchs Raster fielen, was wiederum dazu führte, dass viele schwarze Frauen keine legale Möglichkeit hatten, sich vor Gericht einen Arbeitsplatz einzuklagen. Doch schließlich hat die intersektionale Analyse der von Crenshaw beschriebenen Rechtsfälle von arbeitsbezogener Diskriminierung den Blick auf die ganz spezifischen Lebenswirklichkeiten und Diskriminierungserfahrungen schwarzer Fauen frei gegeben, welche zuvor ausgeblendet und kaum wahrgenommen worden waren. Nun hat das von Crenshaw entwickelte Konzept der Intersektionalität in den vergangenen 30 Jahren nahezu weltweit eine gegen gender- und rassenbedingte sowie sexuelle Diskriminierung gerichtete Protestbewegung angestoßen und auf den Weg gebracht – gegen Diskriminierungsformen, wie sie am Arbeitsplatz, bei der Wohnungssuche und im Rahmen der Rechtssprechung häufig anzutreffen sind.

Ausgehend von Crenshaws Erkenntnissen hat es sich die zeitgenössische Intersektionalitätsforschung zur Aufgabe gemacht, die komplexen Wechselwirkungen der sozialen Kategorien von Rasse, Gender und Sexualität des Individuums auf der Grundlage von historisch überlieferten sozialen Praktiken und Gepflogenheiten zu untersuchen. Aus einer intersektionalen Sicht sind Rasse, Gender und Sexualität historisch und kulturell kontingente Identitätsmerkmale – eine Betrachtungsweise, die uns ganz neue Möglichkeiten eröffnet, unsere bisherigen Vorstellungen von Heterosexualität und Homosexualität, Maskulinität und Femininität zu hinterfragen, und nochmal ganz neu zu reflektieren, wie und auf welche Weise diese normierten Vorstellungen unsere Repräsentationen von Ethnizität und rassischer Herkunft geprägt und determiniert haben.

Dementsprechend haben Sumi Cho, Kimberle Williams Crenshaw, and Leslie McCall, (2013) formuliert:

... unter intersektionaler Analyse ist zu verstehen – egal in welcher Disziplin oder welchem Betätigungsfeld – dass beim Nachdenken über Frage- und Problemstellungen von sozialen Kategorien eine intersektionale Betrachtungsweise eingenommen wird, was bedeutet, dass der Fokus auf das gleichzeitige Zusammenwirken von sozialen Gemeinsamheiten und Ungleichheiten in Beziehung zu überlieferten Machtstrukturen gelegt wird. Demnach geht es nicht allein um die Berücksichtigung verschiedener sozialer Kategorien, sondern vor allem um die Analyse ihrer komplexen Wechselwirkungen, wobei das Konzept der Intersektionalität für sich in Anspruch nimmt, dass die sozialen Kategorien einem dynamischen Prozess von sich fortwährend verändernden, sich gegeseitig durchdringenden und sich permanent re-produzierenden Machtverhältnissen unterliegen. Und deswegen zeichnet sich die Intersektionalität eher durch ihr Potential aus, d.h. sie lässt sich vielmehr durch das definieren, was sie tut und bewirkt und nicht so sehr durch das, was sie ist. (p. 795) 

Die in dem Band mit dem Titel Intersectionality and Relational Psychoanalysis enthaltenen Aufsätze untersuchen die Wechselwirkungen von Rasse, Gender und sexueller Orientierung in der Lebenswirklichkeit von LGBTQ Individuen, Immigranten und farbigen Frauen, und zwar jeweils aus dem kombinierten Blickwinkel von relationaler Psychoanalyse und der Theorie der Intersektionalität. 

 Im ersten Kapitel ‘Who is Queer Around Here? Intersections of Race, Gender, and Sexual Orientation in Psychotherapy’ [‘Wer ist hier 'queer'? Überschneidungen von Rasse, Gender und sexueller Orientierung in der Psychotherapie’] untersucht Max Belkin den Gedankenaustausch zwischen einem weißen homosexuellen Analytiker und einer heterosexuellen farbigen Analysandin. Der Autor beschreibt in diesem Kapitel, wie es im Laufe des psychoanalytischen Prozesses möglich wird, die dissoziierten, binären Formen der ursprünglichen Wahrnehmung von sich selbst und vom anderen immer mehr zu überwinden und schließlich hinter sich zu lassen. Damit ein solcher interpersoneller Prozess therapeutisch zielführend werden kann, ist es unbedingt erforderlich, dass Patientin und Analytiker die jeweiligen scham- und schuldbesetzten Aspekte in den eigenen Erfahrungen von Privilegierung und Marginalisierung realisieren und anerkennen. Der Autor vertritt die Ansicht, dass ein spielerisches, wissbegieriges und introspektives Einlassen auf und Zulassen von Enactments wesentlich zur Entstehung eines Übergangsraumes beitragen können, wo dann die Gemeinsamkeiten bzw. Parallelen sowie Unterschiede von Geschlecht, Rasse und sexueller Orientierung von Patientin und Analytiker anerkannt, hinterfragt, überprüft und gegebenenfalls neu ausgehandelt werden können.

Im zweiten, von Avgi Saketopoulou verfassten Kapitel ‘​Minding the Gap: Intersections between Gender, Race, and Class in Work with Psychotic Gender Variant Children’ [‘Die Differenz in Betracht ziehen: Überschneidungen von Gender-, Rassen- und Klassenzugehörigkeit in der Arbeit mit psychotischen gender-varianten Kindern’] erläutert die Autorin ihre analytische Arbeit mit einem Kind, das sich selbst als 'queer' erlebt. Das von der Autorin präsentierte klinische Material macht deutlich, dass der intersektionalen Betrachtungsweise in dieser Analyse eine zentrale Funktion zukommt. Die Autorin liefert Argumente dafür, weswegen gerade auch im Rahmen einer stationär durchgeführten therapeutischen Behandlung den Interaktionen von Kategorien wie Klassen- und Rassenzugehörigkeit sowie Geschlecht entsprechend Raum und Aufmerksamkeit gegeben werden sollte. Erst dadurch, dass Gender als eine Erfahrungskategorie gedacht und konzeptualisiert werden kann, ist es möglich geworden, sich Gender als eine psychisch vielfach verwend- und beanspruchbare Dimension vorzustellen; anders gesagt, als eine variable Größe, weswegen es der Autorin auch so wichtig ist, das Hauptaugenmerk in der analytischen Behandlung auf das eng verflochtene Ineinandergreifen von klassen- und ethnisch bedingter Zugehörigkeit und Geschlecht zu lenken. Die Autorin plädiert für das Einnehmen einer intersektionalen Perspektive, die es erlaubt, sich eine Vorstellung davon zu machen, wie eine bestimmte Identitätskategorie andere Identitätskategorien mit übermäßiger Bedeutung aufladen und überfrachten kann, was wiederum hilfreich ist, uns als Analytiker in dem sich zwischen Pathologie und Differenz aufspannenden Raum besser zurechtzufinden und freier zu bewegen. 

Im dritten Kapitel ‘Subordinated Selves: Integrating Intersectional Oppression and the Unconscious Mind in Prostitution Discourse’ [‘Untergeordnete Selbstanteile: Integrierung intersektionaler Unterdrückung und unbewusstes Denken im Prostitutionsdiskurs’] unternimmt Hannah Pocock den Versuch, die Intersektionalitätstheorie mit der Theorie der relationalen Psychoanalyse in eine sich gegenseitig befruchtende Beziehung zu bringen, und zwar in dem Bemühen, besser zu verstehen, wie die sich verschränkenden und überlagernden rassen-, klassen- und genderbedingten Unterdrückungen die kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Frauen prägend beeinflussen und auf einer strukturellen Ebene aufrechterhalten. In ihrem Bemühen, die Wissenslücke zu schließen und zu einem tieferen Verständnis zu gelangen, versucht die Autorin diese Lücke, die sich auftut zwischen einerseits struktureller und andererseits intrapsychischer Analyse von Prostitution dadurch zu überwinden, dass sie die Wechselbeziehung zwischen struktureller Unterdrückung und intrapsychischen Prozessen beleuchtet. Dabei gelingt es ihr herauszuarbeiten, dass Frauen, die multiplen Marginalisierungen ausgesetzt waren, von vorneherein und geradezu zwangsläufig zur Prostitution verurteilt sind. Was Pocock in Frage stellen möchte, ist die scheinbar unverrückbare Vorstellung von der universellen ‘Sex-Arbeiterin’. So zeigt Pocock auf, wie die Perpetuierung dieses Narrativs wesentlich dazu beiträgt, dass die grundlegenden rassen- und klassenbedingten Aspekte kommerzieller sexueller Ausbeutung von Frauen im Dunkeln und unerkannt bleiben. Pocock betont, dass es letzlich dem zeitgenössischen relationalen Denkansatz in Verbindung mit der intersektionalen Analyse zu verdanken ist, dass wir heute über differenzierte theoretisch fundierte Konzeptualisierungen verfügen, auf deren Gundlage es schließlich möglich geworden ist, denjenigen Fauen, die sich prostituieren und die nun therapeutische Hilfe suchen, psychotherapeutische Behandlungsmethoden anzubieten, die den besonderen Erfahrungen dieser Frauen Rechnung tragen und auch wirklich gerecht werden können, d.h. den Erfahrungen von Unterdrückung, internalisierter Unterordnung sowie komplexer und multipler Traumatisierung.

Im vierten Kapitel ‘Skin Memories: On Race, Love, and Loss’ [‘Haut-Erinnerungen: Über Liebe, Rasse und Verlust’] argumentiert Sue Grand, dass das omnipräsente Phänomen der Vergewaltigung von in die Sklaverei gezwungenen afroamerikanischen Frauen durch ihre Sklavenhalter im Wesentlichen intersektional determiniert ist: Und so kann man sagen, dass sich von Habgier, Rassismus und Sexismus geprägte Ungleichheiten von allem Anfang an in unser US-amerikanisches Wirtschafts- und Klassensystem so grundlegend eingeschrieben haben, dass sich die tradierten, heute meist längst überwunden geglaubten hierarchischen Macht-, Herrschafts- und Normierungsverhältnisse in den sozialen Strukturen, Praktiken und Identitäten bis auf den heutigen Tag in unserer Gesellschaft unbemerkt reproduzieren. Der Autorin zufolge sind diese von Rassismus und Sexismus geprägten Mechanismen einem jeden amerikanischen Analytiker zwar buchstäblich unter in die Haut gegangen, anders ausgedrückt, in die Haut eingebrannt, allerdings ohne dass diese Mechanismen den Analytikern auch nur annähernd bewusst geworden wären und folglich eine, wie Sue Grand findet, längst überfällige Analyse dieser das gesellschaftlich-kulturelle Leben prägenden Phänomene noch aussteht und somit bedauerlicherweise bisher auch noch nicht den Weg in die psychoanalytische Theoriebildung und Praxis gefunden hat. Und so begibt sich die Autorin in diesem Kapitel auf die Spuren der transgenerationellen Auswirkungen einer viele Generationen zurückliegenden Ausbeutung, wie sie sich dann im Laufe einer intensiven, intersektionalen Analyse nach und nach herauskristallisiert und zu erkennen gibt, in der die Autorin, eine russisch-jüdische Analysandin von einer hellhäutigen afroamerikanischen Analytikerin analysiert wird. Irgendwann taucht in der Übertragung die Geschichte der Slaverei auf: Die offensichtliche Hellhäutigkeit der Analytikerin fördert schließlich assoziative Gedanken zutage, die die Vorstellung von einer Vergewaltigung auf einer Plantage heraufbeschwören. Und dadurch wird transparent, dass es da untergründig einen auf gender- und klassenspezifischer Diskriminierung basierenden konfliktbeladenen Schuldkomplex gibt, der fortan in der Behandlung als roter Faden erkennbar bleibt und sich schließlich auch - gleichsam an dem roten Faden entlang – zurückverfolgen lässt bis hin zu viele Gernerationen zurückliegenden, aus rassistischen Motivationen heraus verübten Gewalttaten. Erst auf der Grundlage des Erkennens dieser komplexen Zusammenhänge wurde dann das Durcharbeiten von Themen wie Verlust, erzwungene Trennung und internalisierter Rassismus möglich. 

Im fünften Kapitel Intersectionality in the Immigant Context [‘Intersektionalität und Immigrationserfahrung’] beschreibt die Autorin Pratyusha Tummala-Narra die Überschneidungen von intrapsychischen und interpersonellen Erfahrungen von Immigranten sowie von Kindern von Immigranten. Die Autorin vertritt den Standpunkt, dass der im Zusammenhang mit einer Migrationserfahrung stehende Verlust und das Trauern darum stets aufs engste mit einer Realisierung einhergehen, nämlich, dass sich hinter der Trauer in Wirklichkeit nicht lediglich eine, sondern eine Vielzahl von verschiedenen, sich überlagernden und eng ineinander verflochtenen Verlusterfahrungen verbergen, und zwar mit Bezug auf diverse soziale Verortungen und Identitäten, Privilegierungen und Marginalisierungen; d.h. eine genauere Analyse gibt den Blick frei auf Überschneidungen von diversen schmerzhaften Erfahrungen, die in der Zeit vor sowie auch nach der Migration gemacht wurden. Dieses Kapitel macht deutlich, wie wichtig es ist, sowohl soziopolitische als auch unbewusste Prozesse zu berücksichtigen, die den komplexen Identifikationen in Bezug auf Gender, Rasse und Sexualität zugrundeliegen. 

Im sechsten Kapitel ‘Strangers in Paradise: Trevor, Marley, and Me: Reggae Music and the Foreigner Other’ [‘Fremde im Paradies: Trevor, Marley und ich: Reggae-Musik und der Ausländer-Andere’] erläutert Cleonie White, wie und auf welche Weise die Analytikerin und ihre Patientin die gegenseitigen Erfahrungen von Andersheit und Entfremdung in einem für sie beide fremden Land miteinander aushandeln und immer wieder revidieren, und zwar vor dem Hintergrund einer von ihnen beiden gemeinsam geteilten Ursprungskultur. Wie bei jedem relationalen Raum so stellt ‘Immigrant’ zunächst einmal nichts weiter dar als eine Konstruktion, ist also eine gesetzte Größe im Sinne von einem ‘Ding-an-sich’, wodurch dann allerdings ein Übergangsraum kreiert werden kann, im Rahmen dessen Andersheit auf spielerische Weise hinterfragt und einer Revision unterzogen werden kann. Die Autorin macht deutlich, dass die analytische Arbeit mit dieser Patientin im Wesentlichen darin bestand, dazu zu kommen, die alte Sichtweise – in der die sozialen Kategorien von Klasse und ethnischer Herkunft (Rassenzugehörigkeit) isoliert voneinander betrachtet und getrennt voneinander gehalten werden mussten – schließlich zu überwinden und stattdessen zu einer differenzierten Analyse ihrer ‘Überkreuzungen’ (intersections) und gegenseitigen Wechselwirkungen überzugehen. Demonstriert wird dies von der Autorin am Beispiel von zwei aus Jamaika stammenden Amerikanerinnen, die beide von der energiespendenden Kraft der Reggae-Musik fasziniert und begeistert sind, und denen es aufgrund dieses gemeinsam geteilten leidenschaftlichen Interesses für diese aus ihrer beider Herkunftskultur stammenden Musik gelingt, sich auf einen psychoanalytischen und soziopolitischen Dialog einzulassen.

Im siebten von Lynne Layton verfassten Kapitel ‘Intersectionality, Normative Unconscious Processes, and Racialized Enactments of Distinctions’ [‘Intersektionalität, normative unbewusste Prozesse, und auf Rassendiskriminierung beruhende Enactments von sozialen Ungleichheiten’] erörtert die Autorin, wie die sich überlagernden und gleichzeitig aufs engste zusammenwirkenden lokalen und globalen Unterdrückungsverhältnisse subjektiv und in der therapeutischen Beziehung typischerweise so lange reproduziert und ausagiert werden, bis sie schließlich aufgedeckt und bewusst gemacht werden können. Die Autorin plädiert infolgedessen für einen Intersektionaltätsansatz im Rahmen der klinischen Behandlung, in der sie dann auch ihre Konzeption von den normativen unbewussten Prozessen therapeutisch zielführend zur Anwendung bringen kann, was impliziert, dass in der analytischen Arbeit der Fokus vor allem auf das gleichzeitige Zusammenwirken der gemeinsam vom Kliniker und vom Patienten unbewusst reproduzierten normierten Macht- und Unterdrückungsverhältnisse gelegt wird, um diese schließlich im Laufe des analytischen Prozesses minimieren und überwinden zu können.

Im achten Kapitel ‘Intersectionality Encountering Laplanche: Models of Otherness and the Incomprehensibility of Perpetration’  [‘Intersektionalität und Laplanche: Theorie der Andersheit und unerkannte Motive für Gewalt- und Machtausübung’] untersuchen Julie Leavitt und Adrienne Harris, wie das Konzept der Intersektionalität dazu verhelfen kann, ein größeres Bewusstsein zu entwickeln für das häufig im Verborgenen bleibende Zusammenwirken von einerseits unbewussten Motivationen zur Gewaltausübung und andererseits dem Phänomen der Andersheit und Differenz. So haben es sich die beiden Autorinnen zur Aufgabe gemacht, Crenshaws Vorstellungen von Intersektionalität und Laplanches Theorie der Andersheit miteinander in eine sich gegenseitig bereichernde Verbindung zu bringen, wobei dann die interpersonellen Beziehungen ganz unterschiedliche Aspekte von Subjektivität in Erscheinung treten lassen: Gender, sexuelles Begehren, Rassenidentität, Klassen- und kulturell-basierte Prägungen, sowie geschichtliche Markierungen von Traumata. Zur Veranschaulichung dieser Konzepte analysieren die Autorinnen klinische Beispiele mit weißen Analysandinnen, deren Weiß-sein sich mit ihrem Genderstatus und ihrer Sexualität überlagert, was dann wiederum die Wirkungen ihres eigentlich 'weißen' Privilegs überschattet und in den Hintergrund drängt.

Im abschließenden neunten Kapitel ‘Intersectionality: From Politics to Identity’ [‘Intersektionalität: Von der Politik zur Identität’] erläutert Neil Altman, auf welch unterschiedliche Weise sich die sozialen Kategorien von Rasse, Gender oder sexueller Orientierung in der Sprache und in der gelebten Erfahrung strukturbildenden Ausdruck verschaffen. Altman behauptet, dass immer dann, wenn Rasse, Gender oder sexuelle Ausrichtung als isolierte und polarisierte Identitätskategorien behandelt werden, diese zwangsläufig zu Sterotypen degradiert werden und aufgrunddessen der Komplexität der gelebten Erfahrung nicht länger wirklich gerecht werden können. Tatsächlich ist Altmans Auffassung zufolge die Lokalisierung einer Person auf dem Kontinuumsspektrum von Rasse, Gender und sexueller Ausrichtung keineswegs ein für allemal determiniert und festgelegt, sondern verschiebt und verändert sich vielmehr im Laufe der Zeit immer wieder vor dem Hintergrund der jeweiligen Verschiebungen und Veränderungen im sozialen und interpersonellen Kontext. Wenn die Dimensionen von Rasse, Gender und sexueller Orientierung sich überlagern und überschneiden, was mehr oder weniger immer der Fall ist, dann ist ein exponentieller Anstieg der Komplexität von gelebter Erfahrung zu verzeichnen, und zwar entsprechend dem relativen Zuwachs von Interaktionen der einzelnen Erfahrungsdimensionen untereinander.   

Literatur
Cho, S., Crenshaw, K.W., & McCall, L. (2013). Toward a field of intersectionality studies: Theory, applications, and praxis. Signs, 38(4): 785-810.
Crenshaw, K.W. (1989). Demarginalizing the intersection of race and sex: A Black feminist critique of antidiscrimination doctrine, feminist theory and antiracist politics. University of Chicago Legal Forum, 139–67. 
Crenshaw, K.W. (1991). Mapping the margins: Intersectionality, identity politics, and violence against women of color. Stanford Law Review 43(6): 1241–99.

Aus dem Englischen übersetzt von M.A. Luitgard Feiks und Jürgen Muck
 

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