Einleitung​ 
Ursula Burkert, 14 Dezember 2020

Der Körper und die Psychoanalyse
„Das Ich ist vor allem ein körperliches“ schreibt  Sigmund Freud 1923 in Das Ich und das Es [1]. Und Eugenio Gaddini (1998) führt diesen Gedanken weiter, indem er beschreibt, wie in der intrauterinen Situation der Fötus konstant sich selbst, seine eigenen Körpergrenzen, durch den Kontakt mit der Uteruswand wahrnimmt, die Teil des mütterlichen Körpers ist. Mit der Geburt geht diese stabile Grenze verloren und somit zunächst auch die Selbstgrenze des Kindes. Dies stellt für Gaddini einen der stärksten Anreize für die Entwicklung einer psychischen Funktion dar, die die Erfahrung der körperlichen Grenze auf einer autonomen, vom mütterlichen Körper unabhängigen Ebene rekonstruiert (siehe Gaddini 1998, S. 35) [2].  Der physische Körper der Mutter wird in seiner psychischen Aneignung zu einem Teil des psychischen Selbst des Kindes.  Das ist vielleicht, wie alles beginnt. Das Kind trennt sich durch psychische Funktionen vom Körper der Mutter, aber Körper und Psyche bleiben für immer untrennbar verbunden und durch vielfältige Mechanismen und Verbindungen ineinander verwoben. So spielt der Körper auch in der Psychoanalyse eine wichtige Rolle. 

In unserer 12. Ausgabe befassen sich neun Autoren mit einigen dieser Verbindungen. 

Wenn es um den Körper geht, stehen häufig Erotik und Sexualität im Fokus des psychoanalytischen Denkens. Spielt doch die erotische Besetzung des Körpers vom Beginn des Lebens an eine bedeutsame Rolle in der psychischen Entwicklung. 

Dianne Elise zeichnet in diesem Sinne die Entwicklung  des erotischen Körpers des Kindes in der Beziehung zu den Eltern nach und begreift die Psychoanalyse als „erotisches Projekt“.

Amrita Narayanan beschäftigt sich mit der weiblichen Sexualität und schildert anhand des Beispiels einer indischen Frau den inneren Konflikt zwischen deren persönlicher Entwicklung und ihrer Gruppenidentität, d.h. die psychische Auseinandersetzung ihres individuellen Körpers mit ihrem „Gemeinschaftskörper“. 
Mit der körperlichen Erfahrung von reproduktionsmedizinischen Behandlungen und/oder Schwangerschaft und damit im Zusammenhang stehenden Gefühlen beschäftigt sich Rhona Kaplan in Ihrer Arbeit . Deutlich wird hier, dass erst die körperliche Erfahrung im Verlauf der Psychoanalysen komplexe innerpsychische Konflikte ans Licht bringt. 

Natürlich sind manche Gedanken auch in dieser Ausgabe noch von den Auswirkungen der Covid 19 Pandemie geprägt, von den Irritationen und Brüchen, die wir erleben. 

So denkt Alison Feit in ihrem Beitrag über Bedeutung und mögliche Folgen des ungewohnten Gebotes des Abstand Haltens nach, und bringt hier über die Assoziation „six feet under“ den Aspekt des Todes ein. Sie thematisiert auch die Angst, dass Aspekte von Nähe in unserem Zusammenleben unwiederbringlich verloren gehen könnten. 

In der Psychoanalyse wird die Bedeutung  des Körpers ganz unmittelbar spürbar. Paola Golinelli verdeutlicht in einer eindrücklichen Fallvignette, wie in einem gemeinsam konstruierten Enactment im Behandlungszimmer zuvor nicht sichtbare, nicht integrierte Aspekte einer Patientin sichtbar und in der Analyse präsent wurden, nämlich Leichtigkeit und Lebendigkeit. Es wird hier deutlich, dass der Analyse eine bedeutsame Dimension fehlt, wenn eine Präsenz auf der Couch – unter den Bedingungen der Pandemie - nicht mehr möglich ist. 

Es kann aber auch geschehen, dass durch das Zurücktreten körperlicher Aspekte in Remote Analysen eine psychische Entwicklung akzentuierter ins Auge fällt. So wird der Analytikerin in der von Cláudia Carneiro geschilderten Vignette durch das Verblassen der sichtbaren Attribute des weiblichen Körpers des Analysanden in der analytischen Online- Situation die Verwandlung des Analysanden in einen Mann deutlicher wahrnehmbar und damit dessen unbewusstes Körperbild.
Anknüpfend wiederum an Gaddini beschreibt Uta Karacaoglan die Funktion des Tätowierens als Möglichkeit, den Abstand zum Objekt zu regulieren, solange keine anderen Möglichkeiten hierfür vorhanden sind. Das Tattoo vermag sowohl die Körpergrenze des Patienten zu markieren, als auch die Inhalte seiner inneren Konflikte zu symbolisieren. Der Patient in ihrer Fallvignette entwickelt im Verlauf der Analyse einen symbolischen Raum, der weiteres Tätowieren entbehrlich macht. 

Christoph Dejours widmet sich in seinem Beitrag den pychosomatischen Phänomenen und Erkrankungen ausgehend von Freuds Triebtheorie und einigen Weiterentwicklungen.

Schließlich präsentiert uns Fernando Orduz ein Kunstwerk aus 44 Gedanken zum Körper, welche diesen aus den unterschiedlichsten Perspektiven immer wieder neu betrachten.
 
Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen!


[1] Freud, S. (1923/1999). „Das Ich und das Es“ in GW 13, Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag, S. 253.
[2] Gaddini, E. (1998). „Bemerkungen zum Psyche-Soma-Problem“ in Ders: Das ich ist vor allem ein körperliches. Hrsg. von G. , Jappe und B. Strehlow, Tübingen: edition diskord.