Einführung
1. November 2021

In der 15. Ausgabe untersucht Psychoanalysis.today die Verbindungen zwischen Sprache und Unbewusstem. Das Sprechen erlaubt es dem Menschen, seinem Denken Ausdruck zu verleihen und mittels eines Systems konventioneller Zeichen, das in seiner Gesamtheit eine Sprache darstellt, zu kommunizieren: in Muttersprache und Fremdsprachen, was ganz unmittelbar durch das Format dieser in fünf verschiedenen Sprachen veröffentlichten psychoanalytischen Zeitschrift thematisiert wird. Die Übersetzung ermöglicht es, von einer Sprache zur anderen, von der Ausgangssprache zur Zielsprache überzugehen. Nicht immer gelingt es der Übersetzung, das wieder herzustellen, was in einer Sprache verborgen bleibt, und dessen Intensität zu übermitteln. Wenn dies für jede Übersetzung gilt, so liegt die besondere Schwierigkeit der Übersetzung psychoanalytischer Texte eher im Zusammentreffen des sprachlichen Materials mit dem Unbewussten, der „Sprache des Infantilen“. Übrigens: Sprache der Kindheit oder Sprache des Infantilen? Eine Sprache erfüllt uns unbewusst. Und in der Übertragung erkennen Analytiker und Analytikerinnen die Kraft der Sprache, die Macht der Benennung, die Bruchstücke der allerersten Sprache, die Auswirkungen von Verschiebungen. 

Und J.-B. Pontalis spricht vom Beruf des Übersetzens als „einem weiteren unmöglichen“ Beruf. Sich für die Ausgangssprache zu entscheiden, heißt mehr oder minder, die Zielsprache schlecht zu behandeln; dieser den Vorzug zu geben, heißt, jene zu opfern.  Ich wohne weder in der einen noch in der anderen, sagt uns der Übersetzer: „Ich stehe notwendigerweise zwischen beiden“[1].

Jean Laplanches Werk gibt uns hierfür ein Beispiel. Nach seinem Unterfangen, Freuds Werk möglichst textgetreu zu übersetzen, schlägt er auf Basis seines Konzepts des „Primats des Anderen“ in der Entstehung des Unbewussten ein „Übersetzungsmodell“ vor. Das Baby versucht, die – nicht unbedingt sprachlich vermittelten – rätselhaften Botschaften, die die erwachsene Bezugsperson des Kindes aussendet und die durch die infantile Sexualität derselben „kompromittiert“ sind, zu übersetzen.

Diese Überlegungen führen uns direkt zu den Artikeln von Valérie Bouville, Juan-Eduardo Tesone und Michele Piccolo, die sich in ihrer Erfahrung als Analytiker in einer Fremdsprache bewegen. Nach Bouville unterhält die Sprache eine besondere Beziehung zum Narzissmus. Das Erlernen einer Fremdsprache erlaube es, sich von der Trieblast der Muttersprache zu befreien – der Muttersprache, über die Juan-Eduardo Tesone nachdenkt.  Ist sie denn wirklich die Sprache der Mutter? Eigentlich nicht, denn die Sprache, so Tesone, ist nicht die Sprache des Aufbruchs, sondern die Sprache des Ankommens, denn sie entledige sich der inzestuösen Trieblast der Mutter, indem Fehlen und Anwesenheit eines Dritten anerkannt werden. Für Michele Piccolo stellt die Sprache einen Raum von Kreativität und Konflikt dar, den er gut illustriert, indem er den Fall von Anna O. zitiert, die ihre Muttersprache vergisst und sich nur auf Englisch ausdrückt. Der Analytiker versuche, die Spuren der traumatischen Erfahrung zu übersetzen, indem er von einer Sprache des Bildes zu einer Sprache der Worte übergeht.

Sprache besteht nicht nur aus Wörtern, sagt Eliane Rache. Wie der Trieb hat auch die Sprache ihre Wurzeln im Körper, eine Körpersprache, die dem Register der Ding-Vorstellungen entstammt. Die Vielgestaltigkeit der Sprachen des Patienten macht seitens des Analytikers ein polyphones Zuhören nötig. 

Die Autorinnen Cinzia Lucantoni und Paola Catarci wiederum interessieren sich für die schriftliche Sprache, ohne die die Psychoanalyse nicht existieren könnte. Schreiben ermöglicht es, das Denken zu entfalten, indem es klinische Erfahrung und Theorie, Erzählen und Spekulation aneinander bindet. Das Geschriebene, immer an jemanden gerichtet, trägt das Siegel der Übertragung.

Und, so Laurence Kahn, es ist gerade die Wirkung der Wörter in der Übertragung und Gegenübertragung, die die Arbeit der Redekur ausmacht. Der Analytiker versucht, in sich selbst, auf unbewusster Ebene, die Auswirkungen des Sprechens des Patienten zu entdecken und eine treffende Konstruktion vorzuschlagen. Nun gibt es in der aktuellen Psychoanalyse die Tendenz eines intersubjektiven Austauschs, der besonderen Wert auf das Teilen von Emotionen und deren Verstehen legt. Das Fernhalten jeder Triebbewegung des Hasses gegen die Analyse führt durch den Wiederholungszwang zu einer Entfremdung des Patienten von seinem Analytiker.

„Man gibt zuerst in Worten nach und dann allmählich auch in der Sache“[2]. So scheint Volney Gay den Begriff des Unbewussten auszuhöhlen, indem er sich auf René Girards These des Sündenbocks bezieht. Er untersucht die Frage der Sprache über den Umweg der Aggressivität und zieht eine Parallele zwischen der Gewalt in der Sitzung und der Gewalt, die sich in Amerika zur Zeit der Sklaverei ereignete.

Nilofer Kaul interessiert sich für die Sprache in der Literatur und hier besonders für die Interpunktion im Werk von Emily Dickinson. Die Überfülle von Gedankenstrichen vermittelt, so meint sie, psychische Bewegungen der Autorin, die sie „Vereinigungen der Innerlichkeit“ nennt. Ein Echo des Denkens von Edmundo Gómez Mango: „Poetisches Schreiben ist, wie der Traum, ein anderes Ausdrucksmittel: Es ist ein Schreiben in Bild-Wörtern, in visuellen, sonoren Bildern, die das Original zu reproduzieren versuchen, das frühkindliche Erleben, die sinnliche und seelische Erschütterung, die das Kind ergriff […]“[3]. Ein Schreiben, das sich dem Traum annähert. Wir wissen, welche Bedeutung die Literatur für Freud hatte; er stützte sich auf sie, um seine Theorie des Unbewussten zu entwickeln. Die Traumdeutung bezeugt dies: Verdichtung und Verschiebung, Mechanismen, die zum Traum beitragen, finden sich auch in literarischen Figuren wie Metapher und Metonymie. Bezüge zum Stil finden sich auch im Interview mit Laurent Danon-Boileau. Er zeigt sich empfänglich für die Qualität des Sprechens in der Sitzung. Die Art und Weise, in der sich der Patient ausdrückt, erlaubt es, nicht die Inhalte, aber den Erregungszustand und die Stellung, die der Patient zu seinen unbewussten Perspektiven einnehmen kann, intuitiv zu erfassen. Danon-Boileau unterscheidet zwischen zwanghafter und assoziativer Sprache: Erstere sei Teil des Agierens, zweitere ähnele dem Register des Traums und der Poesie.
Verweilen wir bei dieser letzten Bemerkung zu Traum und Poesie und lesen wir in diesem Sinne die Artikel dieser Ausgabe.

Chantal Duchêne-González


[1] Pontalis, J.-B. (1988). „Encore un métier impossible“, Perdre de vue. Paris: Gallimard, coll. Folio, (2002), p. 261.
[2] Freud, S. (1921). „Psychologie des masses et analyse du moi“, OCF XVI. Paris: PUF, 1991.
[3] Gómez-Mango, E. (2010). „L’infantile en langues“, Langues et courants sexuels, Annuel de l’APF 2010. Paris: PUF.
 
Übersetzung: Susanne Buchner-Sabathy