​Corona-Virus und Erzeugung von Subjektivität. Das Ich und die Menschheit vor dem Unerwarteten.

Marcelo N. Viñar
 

0
Comments
141
Read

Als es noch Zeit gab für gelassenes und harmloses Sprechen, tauchte in einer der letzten Plaudereien mit meinem hochbetagten Vater ein Satz auf, der mittlerweile testamentarischen Wert erlangt hat. Feierlich sagte er etwa folgendes zu mir:
 

Ich war ein vorausschauender Mann: immer kümmerte ich mich darum, das Morgen vorauszusehen und es vorzubereiten. Aber dieses Morgen hielt sich beinah nie an meine Vorhersagen, es kam anders, es brachte Überraschungen, gute oder böse … daher habe ich nun nicht mehr den Mut, dir zum Vorausplanen zu raten.

Die Emigration aus fernen Ländern und Kulturen hinterließ im kindlichen Gemüt gewiss ein tiefes Gefühl von Unsicherheit oder Zerbrechlichkeit, in welchem die Reaktionsbildung des Vorsichtig-Seins keimte. 

Mit diesem Vermächtnis glaube ich, zum Think-Tank über die Zukunft der Psychoanalyse beitragen zu können, nach einem Leben, dessen Logik und Bestreben mich im erfreulichen Bereich der Conditio humana platzierten, die Abgründe von Unsicherheit und Exklusion, von Arbeitslosigkeit und Marginalisierung blieben mir erspart. 

Heil und gesund gelangten wir in unseren Lebensabend, und dann brach Covid19 ein in unseren Alltag, stürzte Gewohnheiten um, durchkreuzte Sehnsüchte und Pläne, die wir für das laufende Jahr entworfen und erarbeitet hatten; mit Ausnahme von Mariano Horestein befinden wir anderen uns zudem in der am stärksten gefährdeten Altersklasse, was es umso notwendiger macht, die einzige Maßnahme zu befolgen, welche sich bei der Minimierung des Kontakts als wirksam erwiesen hat: Selbstisolation und Rückzug. Jonathan Sklar hatte in dieser Situation den guten Einfall, zu schreiben, um die Isolation zu lindern und damit spontan und unmittelbar Zeugnis abzulegen über eine Erfahrung, die wir alle gerade erleben. 

Alain Badiou nennt ein Geschehen Ereignis, das das Erhoffbare entgleisen lässt und uns zwingt, andere Lebenspfade zu erfinden und zu entwerfen. Lernen, sagt Heidegger, bedeutet nicht, jemanden über etwas in Kenntnis zu setzen, was er zuvor nicht gewusst hatte, sondern aus ihm jemanden zu machen, der zuvor nicht existiert hat. Sich zu verlieben oder ein Kind zu bekommen sind universelle Modelle für diese Erfahrung. Die Gefangenschaft in der Diktatur und das Exil waren für mich Erfahrungen dieser Art, ich nehme an, dass der Ausbruch einer schweren Krankheit dieser Liste hinzugefügt werden könnte. 

Die soziale Isolation ist eine dringende Notwendigkeit und eine schmerzliche Erfahrung, sie drängt uns in die Lage der Aussätzigen des Mittelalters; der Preis für die Rettung der Gesundheit verstümmelt uns im zutiefst Menschlichen der Conditio Humana, nämlich in unserer Eigenschaft als Beziehungswesen. Vielleicht erweist sich der Wechsel der Kommunikationscodes für die Jungen, die mit der digitalen Revolution aufgewachsen sind, als weniger gewaltsam. Für mich ist die virtuelle Begegnung radikal verschieden von der persönlichen Begegnung. Aber wenn es kein Brot gibt, so muss man Torten essen, und dank IT ist es heute möglich, dass wir weniger allein sein können als früher. 

Die erste Reaktion auf die Epidemie ist egoistisch, selbstbezüglich, so, als sei diese ersonnen worden von einem teuflischen Wesen, um Sehnsüchte und Pläne zu durchkreuzen, welche mir das Gefühl des Lebendigseins gegeben hatten. 

Zwischen Verneinen und Ableugnen wissen wir doch, dass Altwerden und Sterben zum Leben gehören, aber diese Erfahrung gehört – wie die Liebe – in die Singularität. Die Pandemie hat die Grenzen der Singularität eingerissen und überflutet uns mit dem Empfinden, Teil einer Masse zu sein, eine anonyme Nummer zu sein, die Pandemie hat mich meiner Singularität beraubt, hat sie zumindest verdünnt. 

Beinah sofort tritt Scham auf wegen der Ich-Bezogenheit dieser ersten Reaktion, Schamröte steigt ins Gesicht, weil man sich einzigartig (und privilegiert) fühlt im tilgenden Wirken der kollektiven Dimension eines historischen Traumas … Nach kurzem Schweigen hoffen wir, in der Menschlichkeit ein Heilmittel gegen die abstoßende Ich-Bezogenheit zu finden. Ich habe ein Haus, Lebensmittel, Bücher, Geld, um die tragische Situation zu überstehen, in der sich mit mir Millionen von Menschen befinden, die das, was ich habe, entbehren müssen. Der Trost ist nötig, aber kaum genossen, drückt uns die Vorstellung der Menschheit in ihrer ungeheuren Masse und ihrer schmachvollen Ungleichheit nieder, eine Ungleichheit, die die Pandemie noch verschärft. 

Ich glaube, dass Selbstisolation im Slum nicht dasselbe ist wie Selbstisolation in einem bequemen Haus; ich denke an die Armenviertel von Bolivia unter der Diktatur, wo auf Plakate geschrieben und laut geschrien wird: ‘Lieber getötet vom Virus als vom Hunger!’ Wie den Blick auf das Intime und den Blick auf die Welt verbinden, ohne in humanistischen Kitsch zu kippen? Da die menschliche Vielfalt unendlich ist, hat jeder einzelne ein Recht auf seine eigene Version. 

Wie Bifo Berardi in der Sammlung von Reflexionen rund um die Pandemie ‘La Sopa de Wuhan’ [‘Die Wuhan-Suppe’]sagt, wird die extreme Erfahrung der Pandemie unauslöschliche Spuren im globalen Dorf hinterlassen und es ist anzunehmen, dass das globale Dorf vor und nach dieser extremen Erfahrung nicht dasselbe sein wird, Jair Bolsonaros ‘kleine Grippe" wird tiefe Spuren hinterlassen. Ich überlasse es Politologen und Soziologen, die aktuellen Phänomene zu analysieren, welche uns dazu zwingen, uns neu zu entscheiden zwischen den Schäden einer auf Ausbeutung der Natur und ständiger Expansion beruhenden Wirtschaft und ihrer Ersetzung durch eine heikle Balance zwischen Ökologie und nachhaltiger Ökonomie. 

Ich habe gelesen, dass Epidemiologen die Entstehung der letzten Pandemien einer Verbindung von menschlichen Faktoren zuschreiben, einer ständig wachsenden Weltbevölkerung und einer ständig expandierenden Weltwirtschaft, die Regenwälder und deren ökologische Vielfalt zerstört, um landwirtschaftliche Produktion und das exponentielle Wachstum von Großstädten zu fördern, in denen sich Millionen von Einwohnern auf spärlichstem Raum drängen. Ich überlasse dieses Spezialwissen den Epidemiologen, Virologen, Politologen und Ökonomen. Kehren wir auf das besondere Feld der Konstruktion der Subjektivität zurück. Michel Foucault gibt uns in seinem Buch Überwachen und Strafen einige Hinweise oder zeigt uns einige Modelle: die Schule, die Fabrik, das Spital, die Irrenanstalt – gemeinsame Räume oder Szenarien, die Uniformität beurteilen; Denken besteht darin, diese Barriere der Uniformität zu durchbrechen und die Grenzen und Schmerzen des Eingeschlossenseins auf sich zu nehmen, und diese für kreatives Durcharbeiten zu nutzen. 

Die Erfahrung der realen und gefühlten Zeit der Selbstisolation ist langsamer. Zwischen Vergnügen und Überdruss wird uns bewusst, wie sehr wir süchtig waren nach den epileptischen Rhythmen, die uns verschlungen haben, und nun werden uns wieder Augenblicke der Stille und des Alleinseins zuteil. Auch wenn uns Bücher, Musik und Kinofilme begleiten – es lebe die Moderne! –, so stillen diese Mittel nicht allen Schmerz, trösten nicht hinweg über den ganzen Verlust. Verboten bleiben Körperkontakt, Umarmungen, Küsschen, gerade auch im Kontakt mit jenen, die wir lieben. Hier wollen wir uns an Walter Benjamins Überlegungen erinnern: Erfahrungen und Erlebnisse zu teilen und von ihnen zu erzählen ist ebenso notwendig für die Seele wie Essen und Trinken für den Körper notwendig sind. 

Vielleicht ist der Moment gekommen in der Psychoanalyse des 21. Jahrhunderts, in dem wir uns nicht mehr in die Welt der inneren Objekte zurückziehen sollten, welche die psychische Realität begründet, sondern uns für die vielfältige Determiniertheit kultureller und soziopolitischer Realitäten öffnen und dabei die Grenzen zwischen beiden Registern aufrechterhalten sollten.

Aus dem Spanische übersetzt von Susanne Buchner-Sabathy, Wien 
 

Star Rating

12345
Current rating: 5 (1 ratings)

Comments

*You must be logged in with your IPA login to leave a comment.