Partei ergreifen: They/them Pronomen, Gender und der Analytiker.

Dr. Ann Pellegrini, Ph.D.
 Dr. Avgi Saketopoulou, Psy.D.
 

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Um unseren individuellen Identitäten und unserem Begehren einen Ort in uns selbst zu geben … brauchen wir [Kategorien]. Die Tatsache, daß diese Kategorien niemals all die relevanten 'existierenden Dinge' abdecken und in sich aufnehmen können und gewisse Dinge ausnahmslos durchs Raster fallen, macht sie deswegen nicht nutzlos für uns; es zeigt nur, dass sie bedingt tauglich sind. Kategorien wie 'Frau', 'Butch', 'Lesbierin' oder 'Transsexuelle' sind alle mangelhaft, historisch, zeitbedingt und in gewisser Hinsicht beliebig und willkürlich. Wir gebrauchen sie, und sie gebrauchen uns.
                                                (Rubin 1992, p. 477)
Man stelle sich vor, dass nach einer längeren Zeit der auch tiefere Ebenen erreichenden psychoanalytischen Arbeit mit einer etwa 30-jährigen Patientin, diese Patientin mit Namen Kyle eines Tages zu ihrer Sitzung kommt und mit einiger Bangigkeit und Beklommenheit in der Stimme verkündet, dass sie nun den Entschluss gefasst habe, ihr geschlechtsspezifisches Fürwort zu ändern. Tatsächlich gehört Kyle zu denjenigen Patienten, wo es bereits Hinweise darauf gab, dass sie zusehends auf eine Geschlechtszugehörigkeit zusteuerte, die man als non-binär bezeichnet. Sie (they) seien jetzt bereit, so sagen sie (they), sich sprachlich auf sich selbst (themselves) mit sie/ihnen (they/them) zu beziehen, und sie beabsichtigen, von nun an auch andere dazu aufzufordern, dasselbe zu tun. Kyle gibt somit zu verstehen, dass mit jenen anderen auch du, gemeint bist - das heißt die Analytikerin. Du bist also dazu aufgefordert, dem Beispiel der anderen zu folgen. Du bist dazu aufgefordert, so könnte man sagen, Partei zu ergreifen und dich für eine Seite zu entscheiden. 

Wie soll nun ein Analytiker mit einer solchen Aufforderung umgehen und wie sie verstehen? Und für welche Seite soll man sich da eigentlich entscheiden?

Es ist der Psychoanalyse bislang stets enorm schwer gefallen, mit Geschlechtsumwandlungen bzw. Gender-Transitions von Transgender-Patienten umzugehen. Aber in dem Moment, wo wir dann erst einmal damit anfangen, uns mit Trans-erfahrungen und embodiment wirklich ernsthaft auseinanderzusetzen (Harris, 2009; Hansbury, 2011; Gherovici, 2017; Gozlan, 2019; Langer, 2016; Pula, 2015; Saketopoulou, 2014) - ein Anfang der uns, das heißt die Psychoanalyse als Ganze, womöglich erst einmal so erscheinen lässt, als wären wir total veraltet und überholt und als ginge uns ohnehin bald die Puste aus – scheint der Gender-Horizont sich auch bereits schon wieder von uns zu entfernen. Jenseits des vermeintlichen Idealzustands einer kompletten Umwandlung, die von einem klar definierten Geschlecht ausgeht und auf ein anderes klar definiertes, eindeutig identifizierbares Geschlecht abzielt (männlich zu weiblich, oder weiblich zu männlich) gibt es nämlich, wie sich herausstellt, noch eine wahres Füllhorn von Geschlechtern zu entdecken. Diese schieren Vielfalten und Diversitäten von Geschlechtern sind in der elementarsten Bedeutung des Wortes außer-gewöhnlich, eigen-artig oder fremd: sie sind Fremde, Außenseiter, aus der Fremde kommende Wesen, die in die Welt des normativen Geschlechts eindringen, was ja an sich schon eine phantasmatische Konstruktion darstellt .[1] Diese Geschlechter enttarnen nun mit einmal all diejenigen, welche sich als die 'Gender-Normalen' begreifen (unter ihnen viele Cis-Analytiker) als künstlich konstruierte Mischwesen bzw. Erfindungen, die einem letztlich Kopfzerbrechen bereiten.[2]

Gefühle von Fremdheit, Verblüffung und Unbehagen in der Gegenübertragung können schließlich in defensive Überzeugungen münden, die besagen, dass solche Genderformen ohnehin an und für sich als krankhaft oder pathologisch einzustufen sind. Ungewöhnliche Genderformen, die sich nicht eindeutig und konstant als männlich oder weiblch darstellen und sich als solche definieren lassen, sondern im Gegenteil sich in raschem Wechsel zwischen männlich und weiblich hin und her changierend darstellen, können in der Analytikerin Reaktionen von Verwirrung, Ungläubigkeit oder gar Wut hervorrufen. Bisweilen können diese in der Analytikerin ausgelösten Reaktionen sogar in Form von sie in ihrer Funktion als Analytikerin mehr oder weniger stark einschränkenden Ängsten (Hansbury, 2017) oder sogar auch als archaische Urängste (Sakedopoulou, 2015) in Erscheinung treten, was dann zur Folge hat, dass die gewohnte Fähigkeit der Analytikerin, auf im Rahmen des analytischen Prozess auftauchendes Material zu warten, so sehr in Mitleidenschaft gezogen wird, dass sie sich außerstande sieht, über ihre entsprechenden Gegenübertragungsgefühle nachzudenken. Solche Genderformen können selbst normalerweise nachdenkliche und einfühlsame Analytiker auf eine harte Probe stellen, die für gewöhnlich durchaus bereit sind, ihr diesbezügliches theoretisches Wissen zu erweitern und sich gegebenenfalls dann auch einzugestehen, dass es für manche Patienten tatsächlich besser sein kann, sich einer wie immer gearteten Umwandlung zu unterziehen (siehe z. B. Lemma, 2018). Immer mehr Analytiker kommen allmählich zu der Erkenntnis, dass soziale oder auch medizinisch unterstützte Umwandlung eine für ganz bestimmte Patienten geeignete und sinnvolle Lösung sein kann, (wodurch eine Konkretisierung psychotischer Vorgänge verhindert wird [Kubie, 1974; Chiland, 2000]), was dann wiederum der Psychoanalyse die Gelegenheit bietet, solchen Patienten, die eine komplette Umwandlung anstreben, bestmögliche Hilfestellung bei ihren Adaptionsbemühungen zuteil werden zu lassen (Gherovici, 2017). Allerdings liegt die schwierige und anspruchsvolle Aufgabe noch vor uns, auch diejenigen komplexen Genderformen, wie etwa das non-binäre Geschlecht, in unseren psychoanalytischen Aufsätzen und schriftlichen Arbeiten zu thematisieren und mit größtmöglichem Feingefühl, Einfühlungsvermögen und imaginativer Vorstellungskraft zu erörtern.    
 
Was genau haben wir uns nun aber unter einem non-binärem Geschlecht bzw. Gender vorzustellen?

Kurz gesagt, der Begriff bezieht sich auf ein breites Spektrum an Gender-Konstitutionen und 'verkörperten' Möglichkeiten. Im Unterschied zu anderen Kategorien von Gender-Außenseitern (Bronstein, 2016) lassen sich diesem Begriff keine durch allgemeine Übereinkunft festgesetzten Referenten zuordnen, was es infolgedessen so schwierig, ja nahezu unmöglich macht, das non-binäre Geschlecht in eine bestimmte, theoretisch definierte Kategorie einzuordnen.[3] Non-binäres Geschlecht lässt sich also nicht einem durch die Biologie eindeutig bestimmbaren Geschlecht zuordnen; ihm ist keine auf ein genaues Ziel hin ausgerichtete Bestimmung zuzuschreiben, und es strebt auch nicht eine einheitliche Genderdarstellung an. Wenn etwa die Geschlechterdarstellung eines solchen Individuums sich dann zufälligerweise zu einem bestimmten Zeitpunkt als männlich oder weiblich lesen oder deuten lässt, so könnte man dahinter dann womöglich eher so etwas wie eine ironische Absicht vermuten mit einem Flair von „Camp“ (Sontag, 1966). Im übrigen nehmen ja nicht alle non-binären Individuen für ihre intendierte Umwandlung medizinische Hilfe in Anspruch. Und wenn sie es dennoch tun, so streben diese Individuen nicht unbedingt eine genderspezifische Verkörperung an, um ihre Körpermorphologie derjenigen eines klar definierbaren Geschlechts anzugleichen – wie das ja bei einer kompletten Geschlechtsumwandlung für gewöhnlich der Fall ist. Stattdessen behandeln sie ihren geschlechtlichen Körper (gendered body) so, als handle es sich dabei um ein Depositum von multiplen, unterschiedlichen Bereichen, die keine einheitliche Genderdarstellung zulassen. So ist es beispielsweise möglich, dass eine Person, die mit eindeutig weiblichen Geschlechtsmerkmalen zur Welt gekommen ist (AFAB), sich aber selber als non-binäre oder trans-non-binäre Person definiert und erlebt, dafür entscheidet, einen die Brust verkleinernden chirurgischen Eingriff an sich vornehmen zu lassen, sich jedoch keiner androgenisierenden medizinischen Behandlung zu unterziehen. Eine andere non-binäre AFAB würde sich hingegen in einem vergleichbaren Fall möglicherweise für eine Hormontherapie entscheiden, um etwaige vermännlichende Nebenwirkungen zu minimieren bzw. unkenntlich zu machen. 
 
Für uns Psychoanalytiker wird es vermutlich eine besonders große Herausforderung sein, sich mit diesen Mix-und-Match Möglichkeiten der non-binären Geschlechter anzufreunden, d.h., sich damit ernsthaft auseinanderzusetzen, weil wir Analytiker es schließlich gelernt haben zu denken, dass unsere Körper dazu prädestiniert sind als ein kohärentes und einheitliches Ganzes zu funktionieren, und zwar auf der Grundlage, versteht sich, eines binären Geschlechts. Deswegen könnte ein solcher nicht um das Paradigma männlich oder weiblich herum organisierter Körper als eine de facto Manifestation einer psychischen Fragmentierung angesehen werden. Aber Gender stellt eben nicht das einzig mögliche Prinzip dar, um den Körper zu organisieren und als ein einheitliches Ganzes zusammenzuhalten. Tatsächlich verfügt die Psychoanalyse auf einzigartige und besondere Weise über das geistige Rüstzeug, auch noch andere Möglichkeiten ins Auge zu fassen, mit deren Hilfe der Körper organisiert und bewohnbar gemacht werden kann – die Sexualtät stellt dabei nämlich nur eine von diesen vielen Möglichkeiten dar. Das heißt nun natürlich nicht, dass Individuen, die sich dem non-binären Geschlecht zugehörig fühlen, weniger von psychodynamischen Faktoren beeinflusst wären oder nicht in gleichem Maße wie andere auch sich unbewussten Kräften ausgesetzt fühlen. Ganz im Gegenteil: ob binär oder non-binär wir alle sind grundsätzlich und prinzipiell diesem prozesshaften Geschehen und diesen Kräften ausgesetzt und unterworfen. Es heißt nur einfach, dass non-binär geschlechtliche Individuen eine idiosynkratische und ganz eigene Konstellation darstellen, was natürlich für deren eingehende Analyse und Erkundung ihrer Persönlichkeit eine ganz eigene Herangehensweise und spezifische Strategien notwendig macht, was dementsprechend viel Zeit und Geduld in Anspruch nimmt. Psychoanalytische Behandlungen können in dieser Hinsicht einen entscheidenden Beitrag leisten.  
 
In der Tat ist dies eine mögliche produktive Art und Weise mit Kyles Forderung umzugehen und sie vor diesem Hintergrund nun auch besser zu verstehen. Obwohl Kyle vorgibt, als wären sie im Besitz einer endgültigen Wahrheit hinsichtlich ihrer Genderzugehörigkeit, so haben wir aus unserer klinischen Erfahrung dennoch gelernt, dass man Patienten wie Kyle am besten dadurch gerecht werden kann, dass man sie als Individuen betrachtet, die sich auf den abenteuerlichen Weg zur Neubildung ihrer eigenen Repräsentationen begeben haben, wobei der Prozess der Neubildung von Gender und genderspezifischer Verkörperung nur einen kleinen Teil des Ganzen ausmacht, aber dabei möglicherweise die am meisten psychisch organisierte Dimension dieses Prozesses darstellt. Dieser Prozess wird sich im Laufe der psychoanalytischen Behandlung Schritt für Schritt aufrollen und immer mehr entfalten, vorausgesetzt die analytische Behandlung stellt dafür das nötige wohlwollende Entgegenkommen zur Verfügung. Manchmal ist es nicht anders möglich, als dass ein solcher Prozess seinen Anfang ausgehend von einer Aktion bzw. Handlug nimmt, und nicht von einer Reflexion (Perelberg, 2018) – in unserem Fall handelt es sich bei dieser Aktion um die Proklamation, non-binär zu sein, und von nun an, mit einem anderen Pronomen angesprochen werden zu wollen.   

Im Gegensatz zu all denjenigen, die die Auffassung vertreten, dass der Analytiker Kyles Forderung, sich auf Kyle mit dem Pronomen sie/ihnen (they/them) zu beziehen, zunächst einmal nicht nachkommen und die Entscheidung darüber auf einen späteren Zeitpunkt verschieben soll, bis die Dyade all diejenigen Implikationen und Bedeutungen erkundet und exploriert hat, die Kyle mit ihrer Forderung assoziiert, würden wir im Gegensatz dazu für eine 'sowohl-als auch' Lösung plädieren, und zwar in dem Sinne, dass wir Kyles Forderung dahingehend entgegenkommen, dass wir sie als ein die weitere analytische Erkundung und psychische Entwicklung förderliches Mittel ansehen. Unserer Ansicht nach gehört es zu einer der wichtigsten Aufgaben des Analytikers, ausreichend Zeit und Raum für Kyle zur Verfügung zu stellen, um den dynamischen Prozess entsprechend bearbeiten zu können, der dem zugrunde liegt, was 'Gender' für sie bedeutet. Es liegt nämlich nicht in Kyles Verantwortlichkeit, sich dem Analytiker gegenüber verbal so klar und verständlich auszudrücken, dass dieser sogleich versteht, worum es für siegeht, noch bevor dann ein solcher analytischer Arbeitsprozess überhaupt ins Rollen kommen kann.
 
Wenn wir von unseren Patienten, sei es implizit oder explizit, dazu aufgefordert werden, Farbe zu bekennen und uns für eine Seite zu entscheiden, dann haben wir als Analytiker natürlich den Anspruch, die verschiedenen damit einhergehenden Implikationen in Betracht zu ziehen und zu berücksichtigen. Beziehungsorientiertes psychoanalytisches Denken hat uns mit dem Gedanken vertraut gemacht, dass auch, etwas nicht zu tun, effizient und wirksam sein kann. Wir müssen uns einmal klarmachen, sich zu weigern, die Seite zu wechseln und damit Position zu beziehen, zeigt ja an sich auch schon an, dass man eine bestimmte (i.e. andere) Position einnimmt (Aron, 2001; Aron und Starr, 2013). Die Verwendung des Pronomens sie/ihnen(they/them) zu verweigern, wäre infolgedessen keineswegs ein neutraler Akt – es sei denn man akzeptiert vorbehaltlos die Ansicht, dass Kyles Geschlecht ja ohnehin bereits bekannt ist, und dass der Analytiker, wenn er der Bitte der Patientin stattgeben würde, sich mitschuldig macht an einer Verdrehung und Entstellung der tatsächlichen Genderzugehörigkeit von Kyle, eine Perspektive, die unserer Meinung nach vom Analytiker unbedingt zu hinterfragen ist. Egal, ob die Analytikerin Kyles Forderung stattgibt oder eben im Gegenteil nicht stattgibt, die Analytikerin spielt der Patientin zwangsläufig etwas in die Hand.    
Wenn wir nun allerdings beabsichtigen, über Patienten wie Kyle oder über Phänomene wie non-binäre Geschlechter, oder auch über die etwaige Verwendung von sie/ihnen (they/them) Pronomen von einem allgemeineren Blickwinkel aus nachzudenken, dann ist es unserer Ansicht nach notwendig, sich erst einmal klar zu machen, dass es nicht wirklich darum geht zu entscheiden, auf welcher Seite man stehen will, (d.h., zu einer definitiven Entscheidung über Kyles Genderzugehörigiket zu kommen), sondern dass es vielmehr darum geht, den mit Kyles angestrebter Veränderung verbundenen prozesshaften und zukünftigen Entwicklungsverlauf mit wohlwollender und wachsamer Aufmerksamkeit zu begleiten. Kyles plötzliche Bekanntgabe in der Analysestunde, dass sie von nun an, darauf besteht, mit einem anderen Pronomen angeredet zu werden, stellt genau genommen eine Art von fait accompli dar. Wenn Patienten dies tun, dann ist das ein Hinweis darauf, dass sie versuchen, sich einen (Frei)raum zu schaffen, in dem sie sich dann selbst neu definieren können. Ich denke, wir alle würden darin übereinstimmen, dass Kyles Bedürfnis und wachsende Fähigkeit, einen solchen Anspruch für sich zu erheben, unsere Anerkennung und analytische Aufmerksamkeit verdient. Aber anstatt unser Augenmerk auf den Inhalt der Forderung zu richten, wären wir als Analytiker in solch einem Fall besser beraten, vor allem den Bemühungen der Patientin, neue Bedeutungen über sich selbst (themselves) zu erschaffen, unsere vorrangige Aufmerksamkeit zu schenken. Vielleicht fragen wir uns irgendwann sogar, ob es da im Raum vielleicht ein heißes Eisen gibt: die Analytikerin denkt möglicherweise, dass die Patientin „zu konkret“ ist, und dass sie die Gender-Hybridität nicht dort belässt, wo sie hingehört, nämlich in den Bereich der Phantasie und Imagination. Aber wie, wenn es am Ende die Analytikerin wäre, die übermäßig konkret wird, indem sie ihren Erfahrungshorizont und ihr Blickfeld verengt und infolgedessen sich verschließt und weigert, die Patientin auf ihrem Erkundungsweg zu begleiten? Um die eigene Neugierde lebendig zu erhalten, muss die Analytikerin ihren eigenen Neigungen, in solch einem Fall konkret zu werden, widerstehen, und stattdessen die Bereitschaft aufbringen, ihren Wunsch, den festen Boden unter den Füßen nicht zu verlieren und sich an das Gewohnte zu halten, hintan zu stellen und erst einmal zu überdenken.     

Nochmals anders gesagt, wie wäre es, wenn wir uns Corbetts Anregung zu Herzen nähmen, und uns als Analytiker eher fragten: 'was ist Homosexualität?' als 'warum Homosexualität?' (2001), oder Hansburys Vorschlag folgend eher darüber nachdenken würden 'was ist trans' als 'warum trans?' (2018), dann würde es uns vielleicht auch gelingen, Kyles Pronomenwechsel als etwas zu begreifen, das uns einen Hinweis darauf gibt, dass da etwas ist, das im Werden, d.h. in einem Entstehungsprozess begriffen ist. Und was wäre, wenn wir es uns zur Aufgabe machten, nicht in erster Line dem nachzugehen, was die Forderung des Pronomenwechsels bedeutet – was ja vor allem eine Perspektive ist, die repräsentierte, wenngleich maskierte oder verdrängte Bedeutungen privilegiert – sondern im Gegenteil dem nachzugehen, was diese neue Anredeform vielleicht an neuen Möglichkeiten mit sich bringt, d.h., was für kreative Möglichkeiten daraus in der Zukunft u.U. erwachsen könnten. 

Wir wissen noch nicht, ebenso wenig wie Kyle, zu wem oder auf welche Weise sieeinmal werden wird, dadurch dass siedieses neue Pronomen für sich in Anspruch nehmen – doch irgend etwas, wenn man auch noch nicht weiß was, wird sich verändern aufgrund der Tatsache, dass sie es aussprechen und es denken, und auch andere es aussprechen und denken, und von ihnen und für sie denken. So gesehen, schließt ihre Entscheidung keine Möglichkeiten aus, sondern eröffnet vielmehr die Möglichkeiten für etwas, das sich vorerst noch in einem Prozess des Werdens und Entstehens befindet, etwas von dem wir sagen können, dass es auf zukünftige Möglichkeiten (Muñoz, 2009), d.h. auf die Schaffung von neuen Repräsentationen verweist. In diesem Sinne sind wir, um es nochmals zu sagen, als Analytiker dazu aufgerufen, uns nicht auf irgend eine Seite zu schlagen, sondern vielmehr gewillt und bereit zu sein, an etwas zu partizipieren, das noch nicht gekannt und nicht gedacht werden kann, und zwar dadurch, dass wir die Möglichkeiten für etwas offen halten, was neu, fremdartig und unbekannt ist, und was erst noch darauf wartet erkundet zu werden, damit es dann ausprobiert, verworfen, zunichte gemacht, neu geschaffen, übertrieben und schließlich erledigt und zu Ende gebrachtt werden kann.             
Es kann sehr leicht passieren, dass gerade in Situationen von Verunsicherung und Ungewissheit, wenn sich die Analytikerin mit Patienten konfrontiert sieht, die in einem elementaren Zustand des Werdensbegriffen sind, diese Analytikerin mit Ungeduld, Ängstlichkeit und Irritation, oder sogar paranoid auf solche Patienten reagiert, da diese ja wohlgemerkt nicht nur die binäre Genderordnung in Frage stellen [4], sondern darüber hinaus auch noch die Grammatik genderspezifischer Subjektivität, ebenso wie sie die bewährte psychoanalytische Diagnose bis zum Limit verbiegen und somit auf den äußersten Prüfstand stellen. Ohne ein spezifisches und erkennbares Symptom, das sich diagnostizieren ließe und an dem man sich dann orientieren kann, könnte der Analytiker zu em Schluss kommen, dass das offen erklärte, auf das Individuum hin quasi maßgeschneiderte und in Szene gesetzte Geschlecht letztlich das Symptom selber ist.

Das Wenigste, was wir immer wieder von Analytikern zu hören bekommen, ist der verhaltene Protest, dass 'sie' ('they“) doch grammatikalisch schlichtweg inkorrekt sei – und dass, vom Analytiker zu erwarten, diese eigentümliche Ausdrucksweise ständig zu verwenden, immerhin eine Einschränkung seiner Freiheit zu denken und zu träumen bedeute. Und dennoch ist es so, dass in der englischen Sprache they/them/theirs nicht so sehr neue Gender-Pronomen sind, als dass sie vielmehr im Zuge neuer Genderentwicklungen neu aufgefrischt wurden. Der Gebrauch von 'they' als einem Singular-Pronomen verweist auf eine lange Tradition, mit dem glaubwürdig erbrachten Nachweis des Gebrauchs bereits im Jahr 1315 und noch bis ins 18. Jahrhundert hinein (Baron, 2018). Außerdem benutzen englischsprachige Sprecher 'they' ('die') für gewöhnlich immer dann, wenn sie sich auf jemanden beziehen, dessen Geschlecht dem Sprecher unbekannt ist (etwa wenn gesagt wird: 'der Doktor meiner Tochter hat ihr eine Arznei verordnet, die (they) denken wohl, es hilft ihr'). Damit soll nun lediglich gesagt werden, dass die Sprache sich ebenso verändert wie sich geschlechtsspezifische Möglichkeiten verändern – wenn auch nicht immer genau aufeinander abgestimmt. Die ständige Veränderung von Sprache und von Kategorien ist nun alles andere als eine triviale Angelegenheit, wie die hitzigen Debatten in den Vereinigten Staaten, und nicht nur dort, über die neuen Gender-Pronomen beweisen. Manche bringen sogar ihre Befürchtung zum Ausdruck, dass das Geschlecht als solches im Begriff steht destruiert und entwertet zu werden, eine Behauptung, die mittlerweile schon kosmische Ausmaße anzunehmen droht, so als ob die Verwendung des Pronomens 'they' all unsere natürlichen und göttlichen Ordnungen mit einem Schlag entwerten oder gar zunichte machen könnte.[5] 

Es kann durchaus sein, dass eine Analytikerin bisweilen das Gefühl hat, ihren Verstand und ihr Realitätsgefühl einzubüßen, wenn von ihr verlangt wird, neue Geschlechtspronomen im Umgang mit einem Patienten zu verwenden, insbesondere dann, wenn sie versucht, das Material des Patienten zu mentalisieren. Nun kann man in einem solchen Fall nicht einfach sagen, dass der Analytiker lediglich falsch liegt oder dass er paranoid ist. Denn in dem Augenblick, wo das paranoide Moment auf den Plan bzw. in Erscheinung tritt, bedeutet dies für den Analytiker immer eine enorme Infragestellung, was allerdings nicht als eine von einem besonderen Patienten gegen einen bestimmten Analytiker gerichtete Infragestellung gewertet werden sollte. Paranoia mag vielleicht eine überzogene Reaktion auf eine von außen kommende radikale Infragestellung bzw.

Herausforderung sein, doch in dem Moment, wo es um Gender- bzw. Geschlechtszugehörigkeit geht, befindet sich die Welt, wie wir sie kennen, in einem Zustand des Übergangs hin zu neuen, bislang ungekannten Formen – und zwar sowohl innerhalb des klinischen Umfelds als auch außerhalb. Also ist es nicht verwunderlich, dass dies schwindelerregend sein kann, wobei dann der Boden unter der Couch und dem analytischen Stuhl nachgibt.

Das Bemühen der Psychoanalyse, mit den sich verändernden Möglichkeiten von Gender und Embodiment Schritt zu halten, findet vor dem Hintergrund von kontroversen und oftmals extrem hitzigen Debatten in der breiteren Öffentlichkeit in vielen Ländern statt. Die damit verbundenen Schwierigkeiten und Ängste mancher Analytiker sind also keineswegs nur allein ein die Psychoanalytiker betreffendes sondern vielmehr ein weit verbreitetes Problem. Und dennoch möchten wir zum Schluss unserer Diskussion nicht die Gelegenheit versäumen, unsere große Hoffnung zum Ausdruck zu bringen, dass es der Psychoanalyse gelingen möge, sich der Herausforderung zu stellen und ihren spezifischen Beitrag dazu zu leisten, für „die zahlenmäßige Zunahme“ der diversen bereits existierenden Genderformen (Foucault 1971; Rubin, 1992), eine geistig freiere und lebenswerte Welt zu kreieren. Aber auch für all diejenigen Genderformen, die in der Zukunft vielleicht erst noch auftauchen und neu entstehen werden.  
 
Fußnoten
[1]Aus Platzgründen ist es uns an dieser Stelle nicht möglich, dies eingehender zu erläutern.
[2]Ein sich in Therapie befindliches kleines Mädchen hat ihre sie beim Anblick einer atypisch geschlechtlichen Person in ihr ausgelösten aversiven Gefühlsregungen mit den folgenden Worten treffend auf den Punkt gebracht: „Der Kopf tut mir davon weh.“ (cf. Saketopoulou, 2011).
[3]Damit soll nicht gesagt werden, dass das normative Geschlecht leicht oder überhaupt theoretisch zu definieren wäre, und zwar in dem Sinne, dass es auf eine ganz bestimmte dynamische Konstitution oder unbewusste Determinanten begrifflich festgelegt werden könnte. Es soll damit lediglich hervorgehoben werden, dass das non-binäre Geschlecht genauso einen Über- bzw. Sammelbegriff darstellt wie jede andere Geschlechter-Kategorie auch, und folglich auch auf ebenso komplexe und vielschichtige Weise betrachtet werden sollte, wenn es darum geht, sich mit seinen psychischen Bedingungen tiefergreifend auseinanderzusetzen. Auf die dem non-binären Geschlecht zugrundeliegenden polyvalenten Bedingungen und dynamischen Faktoren kann allerdings im Rahmen dieser kurzen Mitteilung nicht näher eingegangen werden.
[4]Viele andere Varianten von 'trans' stellen die binäre Genderordnung in Frage, und zwar auf ganz ähnliche Weise wie dies auch viele feministische Dekonstruktionen von Gender-Stereotypen tun. Wir vertreten nicht die Ansicht, dass ausschließlich non-binäre Genderformen zu solchen Infragestellungen imstande sind, noch dass ihre eigentliche Motivation darin besteht, mit der binären Genderzugehörigkeit zu hadern.
[5]Diese Zuspitzung manifestiert sich unter anderem auch in der vor kurzem erfolgten Verurteilung der 'Gender Theorie' vonseiten des Vatikans, der 'die Reziprozität und Komplementarität in den Beziehungen zwischen Mann und Frau sowie den prokreativen Zweck der Sexualität' durch diese Theorie in Frage gestellt und somit gefährdet sieht. (Versaldi, 2019).
 
Literatur
Aron, L. (2001), A meeting of minds: Mutuality in psychoanalysis. Hillsdale: The Analytic Press.
Aron, L. & Starr, K. (2013), A Psychotherapy for the People: Towards a Progressive Psychoanalysis. NY: Routledge.
Baron, D. A Brief History of Singular ‘They.’ Oed.com (4 Sept 2018, https://public.oed.com/blog/a-brief-history-of-singular-they/#. Accessed 4 July 2019).
Bornstein, K. (2016), Gender Outlaws: On Men, Women, and the Rest of Us. New York: Vintage, revised edition.
Chiland, C. (2000), The Psychoanalyst and the Transsexual Patient. International Journal of Psychoanalysis,81(1):21-35.
Corbett, K. (2001), More life. Psychoanalytic Dialogues, 11, 313-335.
Foucault, M. (1970), The Order of Things. New York: Pantheon.
Gherovici, P. (2017), Transgender Psychoanalysis: A Lacanian Perspective on Sexual Difference. New York: Routledge.
Hansbury, G. (2011), King-Kong and Goldilocks: imagining trans masculinities through the trans-trans dyad. Psychoanalytic Dialogues, 21(2), 210-220.
-- Unthinkable anxieties: reading transphobic countertransferences in a century of psychoanalytic writing. Transgender Studies Quarterly, 4(3-4), 384-404.
-- (2018), The masculine vaginal: working with queer men’s embodiment at the transgender edge.  Journal of the American Psychoanalytic Association, 65(6), 1009-1031.         
Harris, A. (2009), Gender as Soft Assembly. New York: Routledge.
Kubie, L. (1974), The drive to become both sexes. Psychoanalytic Quarterly, 43(3), 349-426.
Langer, S.J. (2016), Trans bodies and the failure of mirrors. Studies in Gender and Sexuality,17:4,306-316.
Lemma, A. (2018), Trans-itory identities: some psychoanalytic reflections on transgender identities. The International Journal of Psychoanalysis,99:5,1089-1106.
Muñoz, J. (2009), Cruising Utopia: The then and there of queer futurity. New York: NYU Press.
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Gozlan, O. (2019), Transsexuality as an emotional situation: aesthetics and a state of mind: a question of difference. Published in http://www.publicseminar.org/2019/06/transsexuality-as-an-emotional-situation-aesthetics-and-a-state-of-mind/
Perelberg, R.J. (2018), The riddle of anxiety: Between the familiar and the unfamiliar. The International Journal of Psychoanalysis,99:4,810-827.
Pula, J. (2015), Understanding Gender Through the Lens of Transgender Experience.Psychoanalytic Inquiry,35:8,809-822.
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Saketopoulou, A. (2015), This compromise formation that is gender: countertransferential difficulties in work with transgender analysands.Paper presented at the 49thCongress of the International Psychoanalytic Association, Boston, July 23-26.
Saketopoulou, A. (2014), Mourning the body as bedrock: developmental considerations in treating transsexual patients analytically. Journal of the American Psychoanalytic Association, 62(5), 773-805.
-- (2011), Minding the gap: race and class in clinical work with gender variant children. Psychoanalytic Dialogues, 21(2),1233-1243.
Sontag, S. (1966).  “Notes on ‘Camp.’” Reprinted in Against Interpretation and Other Essays. New York: Anchor Books, 1990. 275-292.
Versaldi, G. and Zani, A.V. (2019). “Male and Female He Created Them”: Towards a path of dialogue on the question of gender in education. Vatican City: Congregation for Catholic Education (for Educational Institutions). Available at: http://www.educatio.va/content/dam/cec/Documenti/19_0997_INGLESE.pdf.

 Aus dem Englischen übersetzt von M.A. Luitgard Feiks und Jürgen Muck.
 

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