Autismus-Spektrum und sexuelle Diversität

Prof. Dr. Akiyoshi Okada
 

In dem Maße, in welchem das Konzept vom “Autismus – Spektrum” unser Wissen von der menschlichen Diversität erweitert, erfährt auch unser Wissen von der sexuellen Diversität eine Erweiterung.

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Es lässt sich in der Psychoanalyse stets sagen, dass es “so viele Individuen gibt, wie es Sexualitäten gibt”. Demzufolge erfährt auch die sexuelle Diversität des Menschen durch die Einbeziehung und Berücksichtigung des Konzepts vom Autismus-Spektrum nochmals eine Erweiterung.

Psychiatrie und Sexualität
Das Thema der 'sexuellen Diversität' sorgt aktuell im Rahmen von sozialen, kulturellen und politischen Diskussionen weltweit vermehrt für viele intensive und hitzige Debatten, insbesondere seit die Grundrechte für den Schutz der sexuellen Freiheit den lebischen, schwulen sowie den transsexuellen (LGBT) Menschen in der Erklärung der sexuellen Menschenrechte von 1999 und auch in der Deklaration von Montreal im Jahr 2006 international zugesichert wurde. Diese legale Zusicherung von sexuellen Rechten für das Individuum dürfen wir einerseits durchaus als einen entscheidenden Schritt hin zur Realisierung der Beseitigung der Unterdrückung von sexueller Freiheit betrachten. Auf der anderen Seite müssen wir uns jedoch auch vergegenwärtigen und eingestehen, dass diese aus jüngster Zeit stammenden gesetzlichen Veränderungen sich auf vielfältige und teilweise gravierende Weise auf unsere pychoanalytische Praxis auswirken. Vormals wurde LGBT von der Psychiatrie als eine Psychopathologie eingestuft. Nachdem nun die Homosexualität im DSM (Diagnostisches und Statistisches Manual für psychische Störungen) – II (sechste Auflage, 1974) und im ICD (Internationale Klassifikation für Krankheiten) - Version 10 (1990) von der Liste der psychischen Störungen gestrichen wurde, fällt die Homosexualität nicht länger unter die Rubrik psychopathologischer Störungen. Die Bezeichnung “Geschlechtsidentitätsstörung” wurde im DSM - 5  (2013) durch das Konzept der “Geschlechsdsdysphorie” und schließlich im ICD – 11 (2018) durch das Konzept der “Geschlechtsinkongruenz” ersetzt, was ein deutliches Zeichen dafür ist, dass dasjenige, was vormals als Geschlechtsidentitätsstörung beschrieben wurde, heutzutage nicht länger als psychische Störung angesehen wird. Demzufolge fallen also sexuelle Orientierung und sexuelle Identität heute nicht mehr unter die Definition individueller Psychopathologien sondern vielmehr unter die Definition sozio-kultureller Diversität. Diese grundlegenden Veränderungen der jüngsten Zeit haben zwangsläufig dazu geführt, dass sich die Bandbreite dessen, was als “gesunde Sexualität” angesehen und eingestuft wird, mittlerweile enorm erweitert hat. Dazu muss man nun allerdings sagen, wenn die Veränderungen lediglich bedeuten, physio-psychologische Probleme durch sozio-kulturelle Probleme zu ersetzen, so hat man dadurch vermutlich nichts weiter bewirkt, als das Kernstück der Problematik von einem Bereich auf einen anderen zu verschieben, womit letztlich nicht wirklich etwas Wesentliches gewonnen, sondern möglicherweise lediglich verschleiert wurde.
 
Abnorme sexuelle Vorlieben, die früher als paraphilische Störungen galten, wurden vormals als sexuelle Perversionen eingestuft, und im Gegensatz zu früher fallen diese heute im DSM – 5 und ICD – 11 unter die Rubrik psychischer Störungen oder Psychopathologien. Wenn die betreffenden Individuen diesbezüglich keine Straftat begingen, dann war es eher unwahrscheinlich, dass die von diesen spezifischen Psychopathologien betroffenen Individuen sich in psychiatrische Behandlung begaben. Darüber hinaus lässt sich feststellen,  dass Patienten mit Essstörungen sowie Persönlichkeitsstörungen häufig auch potentielle sexuelle Pathologien und Dynamiken in Verbindung mit ihrer sexuellen Orientierung und Ich-Identität (Okada, 2016b) aufweisen. Aufgrund der in der letzten Zeit erfolgten Ausweitung der Vorstellung von sexueller Diversität lässt sich also nunmehr im Bereich der Psychiatrie zwar vordergründig eine starke Rückläufigkeit der mit der Sexualität verbundenen Psychopathologien verzeichnen, was dann wiederum bedauerlicherweise letzlich darauf hinausläuft, dass unterschiedliche Dynamiken in der Psychiatrie unbeachtet oder gar unentdeckt bleiben.
 
Psychoanalyse und Sexualität
Einer der historisch gewachsenen Themenbereiche der Psychoanalyse ist die Entwicklung und Pathologie der menschlichen Sexualität. Der Theorie von der psycho-sexuellen Entwicklung (Freud, 1905) zufolge ist die menschliche Sexualität dazu prädestieniert im Laufe der genitalen Phaseder Adoleszenz der genitalen Sexualitätschließlich den Vorrang einzuräumen, und zwar indem eine Verschiebung der Triebbesetzung vom eigenen Körper hin zum Selbst bzw. zum Ich und zu anderen Personen vorgenommen wird. Der genitale Charakter(Reich, 1949), der also schließlich den Status des genitalen Primats erlangt, wird häufig immer noch als die ideale Form der Sexualität aufgefasst. Entsprechend der Theorie der psychosexuellen Entwicklung (Erikson, 1956), gehören Identitätsprobleme während der Adoleszenz sowie Schwierigkeiten mit Intimität und Generativität im Erwachsenenalter zu den unumgänglichen Herausforderungen im Rahmen der sexuellen Entwicklung. Freud (1905) vertrat die Ansicht, dass dieinfantile Sexualität in gewisser Hinsicht eine Art von Perversion darstellt, und dass die Neurose als eine negative Form von Perversion verstanden werden kann.
 
Da die menschliche Sexualität immer auch die Möglichkeit der Perversion in sich birgt, ist sie stets mehr oder weniger mit Konflikten und Gefährdungen behaftet; man kann durchaus soweit gehen zu behaupten, dass ihr zumeist sowohl ein pathologisches als auch ein kreatives Potential innewohnt. Man geht von der These aus, dass die Psychodynamik der Sexualität ein breites Spektrum abdeckt, angefangen von im Unbewussten verborgenen bis hin zu dem Bewusstsein zugänglichen Verhaltensweisen, was dann auch wiederum von psychologisch normal bis hin zu abnormal reichen kann. Über ein tieferes Verständnis und Wissen der Sexualität zu verfügen, das auf dem Prinzip der Kontinuität von Normalität und Abnormalität basiert, ist für die Tätigkeit des Psychoanalytikers zweifelsohne enorm hilfeich und von großem Nutzen. Des Weiteren ist es wichtig, die in der heutigen Zeit auftretenden Manifestationen sexueller Diversität von einem bio-psycho-sozio-kulturellen Bikckwinkel her zu betrachten und zu verstehen. Hierzu ist es notwendig, sich das in meinem Land vorherrschnde sozio-kulturelle Klima vor Augen zu führen, wo ich als Psychoanalytiker und Psychotherapeut praktiziere. Wenn man mitbedenkt, welche Einflüsse das im modernen Japan bestehende sozio-kulturelle Klima auf die Sexualität hat, so wird man nicht umhin können zu realisieren, dass dadurch die globale Diversität der menchlichen Sexualität nochmals eine beträchtliche Erweiterung erfährt.
 
Das moderne Japan und die Sexualität
Das traditionelle Japan wurde für gewönhnlich als eine von männlichem Chauvinismus geprägte Gesellschaft beschrieben. Allerdings sind seit Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts vonseiten der japanischen Regierung vermehrt Maßnahmen ergriffen worden, um in den unterschiedlichsten Bereichen Veränderungen in die Wege zu leiten, die den Prinzipien sowie dem Gedanken von der Gleichheit und Diversität der Geschlechter Rechnung tragen sollen. Um den Schutz und die Sicherheit von Frauen bestmöglich zu gewährleisten, wurden in diesem Sinne im städtischen Bahnverkehr erstmals spezielle Frauenwaggons eingeführt, und in der klinischen Medizin wurden in nahezu sämtlichen Krankenhäusern ambulante Dienste eingerichtet, die eine geschlechts-spezifische medizinische Versorgung für Frauen durch weibliche Fachkräfte zur Verfügung stellen. All diese Veränderungen sind zweifelsohne ein Indiz dafür, dass heutzutage in Japan vermehrt Wert auf Geschlechterdifferenz sowie auf die Gleichstellung der Geschlechter gelegt wird, auch wenn dann andererseits vermehrt Stimmen laut werden, die in diesen Veränderungen wiederum eine Benachteiligung und Ausgrenzung oder sogar Diskriminierung von Männern erkennen wollen. Die unermüdlichen und häufig Verwirrung stiftenden Bemühungen zwischen der Bedeutng von Begriffen wie “Sexualität” und “Geschlecht”zu unterscheiden, zwischen “Differenz” und“Diskriminierung”, sowie zwischen “Fairness” und “Gleichheit” zu unterscheiden, tragen zweifellos zur Komplexität der hier in dieser Diskussion zur Debatte stehenden Überlegungen über das Thema der sexuellen Diversität bei.
 
Im Japan des einundzwanzigsten Jahrhunderts tauchten irgendwann mit einmal Wortneuschöpfungen und zuvor nicht verwendete Modebegriffe auf, wie zum Beispiel “herbivore Männer”, was besagen will, dass diese jungen Männer weder Verlangen nach körperlicher Liebe noch nach Sex verspüren, und schon gar nicht nach “karnivoren Frauen”, die allerdings wiederum umgekehrt große Lust auf die Erstgenannten haben. Unisex-Kleidung kam in Mode und wurde zur Jugendkultur. Unter einem “herbivoren jungen Mann” kann man sich jemanden vorstellen, der asexuell ist bzw. asexuell lebt, und der kein oder kaum sexuelles Verlangen verspürt. Mit dem Begriff “unisex” will man auf ein “Neutrum” bzw. so etwas wie ein “geschlechtsloses Wesen” verweisen, das man sich irgendwo in einem Bereich zwischen männlich und weiblich vorzustellen hat. In Wirklichkeit können jedoch sowohl Frauen als auch Männer Herbivore oder Karnivore sein und zur bipolaren oder auch multipolaren Gruppe gehören. 
 
In den 1980er Jahren ist in Japan eine Subkultur entstanden, in der es Männer gibt, die otaku[1] genannt werden, und die vor allem auf Anime- bzw. japanische Zeichentrickfilme und Komputer-Spiele stehen. Dieses Phänomen hat dann mit der Zeit auch in der Öffentlichkeit reges Interesse auf sich gezogen, im Zuge dessen festgestellt wurde, dass einige dieser Männer sich sexuell zu weiblichen Pop-Idolen hingezogen fühlen und diesen insgeheim huldigen. In den 1990er Jahren ist die Öffentlichkeit dann auch auf Frauen aufmerksam geworden, die man als fujyoshi[2] bezeichnet, und die sich ganz darauf verlegt haben, von der homosexuellen Beziehung zwischen Männern zu träumen bzw. zu phantasieren. Dies ist nur ein kleiner Teil der heute im modernen Japan zu beobachtenden Phänomene, von denen nicht alle notwendigerweise als psychopathologisch einzustufen sind. Wenn wir uns allerdings der Mühe unterziehen, ihre jeweils spezifische Einstellung zur Sexualität von einem psychodynamischen Blickwinkel her zu untersuchen, dann werden wir feststellen, dass der Großteil der betreffenden Personen noch keine Erfahrungen in einer wirklichen Beziehung mit der genitalen Liebe gemacht hat, und dass es von dieser Perspektive aus betrachtet gerechtfertigt erscheint, ihre Sexualität als unreif und pervertiert zu bezeichnen.
 
Bruchstücke aus einigen klinischen Fällen
Psychoanalytiker sind weder Soziologen, noch sind sie Psychopathologen. Ihre Überlegungen und Sichtweisen gehen stets von der unmittelbaren analytischen Interaktion in der klinischen Situation mit ihren Patienten aus. Das Fazit aus einigen für das hier behandelte Thema relevanten klinischen Fällen wird im Folgenden kurz beschrieben.
 
Frau A war eine Frau in ihren frühen Vierzigern, die mit überwiegend unspezifischen Beschwerden zur analytischen Behandlung kam. Infolge des Prozesses der freien Assoziation als einem Enactement von Objektbeziehungen, die sich auf das Sehen, Gesehenwerden, Zeigen und Verbergen von etwas bezogen, erachtete ich es in dem betreffenden Fall ab einem bestimmten Zeitpunkt der Behandlung für angebracht, die Dynamik der phallischen Phase als diejenige einerphallisch/vaginalen Phase (Okada, 2014) zu rekonzeptualisieren. Allerdings sollte sich im weiteren Verlauf der lang andauernden psychoanalytischen Behandlung von Frau A immer deutlicher herauskristallisieren, dass es ihr überaus schwer fiel, sich in der Übertragung wirklich auf eine emotional erfahrbare Interaktion mit ihrem Anlytiker einzulassen, da es ihr offensichtlich nicht möglich war, ihren enormen Widerstand zu überwinden; anstatt sich auf eine wirkliche Beziehung einzulassen, tat sie in ihrer inneren Welt das, was sie schon immer getan und als Strategie angewandt hatte: sie schwelgte in sexuellen Phantsien mit idealen Männern und verlor sich darin. Es bot sich daher die Vermutung an, dass ihrer Hysterie das zugrundeliegt, was als Autismus-Spektrum bezeichnet wird.
 
Herr B war ein Hochschulstudent mit überwiegend herausragenden Studienleistungen. Er wurde von der Polizei aufgegriffen und festgenommen, nachdem er in einem Antiquariat in aller Öffentlichkeit auf die Bluse einer Hochschulstudentin ejakuliert hatte. Obschon es ihm nicht an dem Moralverständnis mangelte, Recht von Unrecht zu unterscheiden, war es ihm seinen Angaben nach nicht möglich gewesen, seinen plötzlich auftretenden sexuellen Drang zu unterdrücken, und so hatte er nicht anders gekonnt, als danach zu handeln. Seine sexuelle Handlung war allerdings nicht in eine Masturbationsphantasie eingebettet, und so war die Ejakulation für ihn offenbar nichts weiter als eine körperliche Tätigkeit bzw. physische Handlung. Es ist stark anzunehmen, dass seiner sexuellen Perversion eine Autismus-Spektrum-Störung zugrunde liegt.
 
Bei Frau C handelte es sich um eine weibliche transsexuelle Studentin, die ungefähr Mitte Zwanzig war. Bereits als Gymnasiastin hatte sie sich extrem unbehaglich damit gefühlt, eine Frau zu sein, und während ihres Universitätsstudiums dachte sie dann immer häufiger daran, sich einer Geschlechstumwandlung bzw. geschlechtsangleichenden Operation zu unterziehen. Gleichzeitig wurde bei ihr eine Autismus-Spektrum-Störung diagnostiziert. Es wurde ihr keine therapeutische Unterstützung angeboten, bei der ihre Transsexualität und ihre Autismus-Spektrum-Störung in Verbindung gebracht und womöglich integriert hätten werden können. Obwohl sie sich zu älteren Frauen hingezogen fühlte, die sich ihr gegenüber aufgeschlossen und empfänglich zeigten, war es in ihrem Fall dennoch so, dass es weder in ihrer äußeren noch in ihrer inneren Welt Liebes- oder Sexobjekte zu geben schien.   
 
Frau D war eine Frau in ihren späten Zwanzigern, der es für gewöhnlich extrem schwer fiel, sich auf irgendwelche Veränderungen in ihrer Umwelt einzustellen bzw. daran anzupassen. Außerdem bestand bei ihr kaum Hoffnung auf eine dringend benötigte Gewichtszunahme. Sie war weder an Nahrung, Schlaf, noch sexuellen Beziehungen sonderlich interessiert. Die bei Frau D am häufigsten auftretenden psychosomatischen Symptome waren Alexithymie und Alexisomie. Nachdem sie sich bereits über mehrere Jahre hinweg einer psychoanalytischen Psychotherapie unterzogen hatte, heiratete sie schließlich einen deutlich älteren Mann, den sie von ihrer Arbeitsstelle her kannte. Seit ihrer beider Heirat hatten sie nie Sex miteinander gehabt und sie schliefen in getrennten Schlafzimmern. Frau D erlebte diese Art von Beziehung und Arrangement in keiner Weise als unangenehm oder störend. Die Annahme lag nahe, dass ihre sexuelle Inaktivität ursächlich in dem, was unter das Autismus-Spekrum fällt, begründet liegt. 
 
Frau E ist eine Studentin, welche die Aufgabe übernommen hatte, eine “Sushi-Willkommensparty” für ausländische Hochschulstudenten zu organisieren. Da Sushi mit der Hand zubereitet wird, müssen die Hände für diese Zubereitung zuvor unbedingt gründlich mit einem antiseptischen Mittel gesäubert werden. Natürlich ist zu beachten, dass die Hände dann nach der Reinigung mit der Desinfektionslösung mit klarem Wasser abgewaschen werden müssen, um so zu verhindern, dass das Desinfektionsmittel womöglich über die Sushi später in den Mund der Gäste gelangt. Nun schien es Frau E absolut unverständlich und absolut nicht einleuchtend zu sein, weswegen das Abspülen der Hände nach der Reinigung mit dem Desinfektionsmittel notwendig war. Ihren eigenen Angaben zufolge war sie während ihrer Zeit auf dem Gymnasium einmal über einen längeren Zeitraum hinweg mit einem Jungen befreundet gewesen, mit dem sie allerdings ausschließlich per e-mail in Kontakt gestanden hatte; und offenbar hatte sie ihm auch nie eine anders geartete Beziehung in Aussicht gestellt oder versprochen, und es war niemals zu einer wirklich emotionalen oder physischen bzw. sexuellen Beziehung gekommen. Bis heute schläft Frau E im selben Schlafzimmer wie ihre Eltern und ihre vier Brüder[3]. Bemerkenswerterweise verursachten ihr ihre alltäglichen Lebensgewohnheiten keinerlei Unbehagen oder Unzufriedenheit. Man kann allerdings sagen, dass ihre Sexualität als unreif einzustufen war, und die Vermutung erhärtete sich, dass ihrem Verhalten etwas zugrunde lag, wofür die Bezeichnung Autismus-Spektrum am zutreffendsten erscheint.
 
Autismus-Spektrum verantwortlich für sexuelle Diversität in Japan
Nicht eine Psychopathologie der Patienten, denen wir als praktizierende Psychoanalytiker in unseren Behandlungszimmern begegnen, ist gleich wie die andere. Insofern erklärt sich auch der weiter oben genannte Befund von der sexuellen Diversität des Menschen. Obschon die oben vorgestellten klinischen Fälle unterschiedliche sexuelle Dynamiken und Pathologien aufweisen, so ließen sie dennoch nur geringfügig so etwas wie innere Konflikte oder Defensivität erkennen, und infolgedessen wurden sie dem Autismus-Spektrum zugeordent, was dann wiederum ursächlich auf Ich-Defizite und autistische Persönlichkeitsanteile zurückgeführt wurde. Wollte man nun die Sexualität dieser oben beschriebenen Fälle lediglich als die Dynamik einer Perversion verstehen, so würde man den einzelnen Patienten sicherlich nicht wirklich gerecht werden. In dem Moment, wo wir das Autismus-Spektrum mit in unsere Überlegungen einbeziehen und berücksichtigen,kommen wir womöglich zu dem Schluss, dass dies unser klinisches Verständnis von Sexualität erheblich erweitert, und zwar vor allem in denjenigen Fällen, wo wir früher lediglich von Defensivität und Perversion gesprochen haben.
 
Für die Vorstellung vom “Autismus-Spektrum” hält die heutige Psychiatrie ein biologisches Ich-Defekt-Erklärungsmodell bereit. Zahlreiche Menschen, auf die das Autismus-Spektrum anwendbar wäre, werden allerdings von medizinischer Seite nie mit einer Autismus-Spektrum-Störung diagnostiziert. Die Psychoanalyse vertritt gegenwärtig die Ansicht, dass das Ich eines Menschen im Wesentlichen sowohl aus autistischen als auch aus nicht-autistischen Persönlichkeitsanteilen besteht.
 
Ich habe meine Ausbildung zum Mediziner im Jahr 1991 erfolgreich abgeschlossen, und die Ausbildung zum Psychoanalytiker im Jahr 2010 (Okada, 2016). Im Laufe der letzten zehn Jahre habe ich vermehrt den Eindruck gewonnen, dass eine wachsende Anzahl von Problemen in Japan mit dem Autismus-Spektrum in eine ursächlich Verbindung gebracht werden können. Nun kann man konstatieren, dass die die Sexualität betreffenden sozio-kulturellen sowie psychiatrischen Veränderungen in der jüngsten Zeit unübersehbar dazu geführt haben, dass unsere Einschätzung dessen, was noch als zur Diversität einer “gesunden Sexualität” zu zählen ist, sich erheblich erweitert hat. In dem Maße, in welchem das Konzept vom Autismus-Spektrum unser Wissen von der Diversität des Menschen erweitert, erfährt auch unser Wissen von der Diversität der menschlichen Sexualität eine Erweiterung.
  
Literatur
Erikson, E. H. (1956), Das Problem der Ich-Identität. In: Erik H. Erikson, Identität und Lebenszyklus. Drei Aufsätze. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1974 (2.A.).
Freud, S. (1905), Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. G.W. Bd. 5.
Okada, A. (2014), Hysteria, resistance and free association, Japanese Contributions to Psychoanalysis, 4, 66-80.
-- (2016a), On becoming a psychoanalyst in Japan, Psychoanalytic Inquiry, 36(2): 155-161.
-- (2016b), The real among the fake: on the process of psychoanalysis of bulimia patient. Japanese Contributions to Psychoanalysis, 5, 75-90.
Reich, W. (1949), Charakteranalyse. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1977/1989.
 

[1]Setzt sich im Japanischen ursprünglich aus dem Honorarpräfix ound takuzusammen und bedeutet Haus oder Wohnung einer anderen Person (die nicht zur Familie des Sprechers gehört). Der Begriff wird nun seit kurzem vor allem dazu verwendet, um junge Leute mit introvertierten Verhaltensweisen zu bezeichnen, die sich zu einer bestimmten Fangemeinde rechnen, und die einem bestimmten 'insider'-Verhaltenskodex fröhnen, was besagt, dass sie bevorzugt innerhalb ihres eigenen Heimesagieren bzw. handeln.
[2]Die buchstäbliche Bedeutung im Japanischen ist “verdorbene Mädchen”. Im Englischen verwendet man für das Gemeinte den Begriff “yaoi fandom”.
[3]Die buchstäbliche Bedeutung im Japanischen ist “verdorbene Mädchen”. Im Englischen verwendet man für das Gemeinte den Begriff “yaoi fandom”.

Aus dem Englischen übersetzt von M.A. Luitgard Feiks und Jürgen Muck.
 

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