Wer sieht denn schon, wie es in mir aussieht? Anmerkungen zur Diversität

Dr. Rodrigo Lage Leite
 

Auf Basis zweier vor kurzem erschienener kulturwissenschaftlicher Veröffentlichungen zur Frage der Identität reflektiert der Autor über die Schwierigkeiten der öffentlichen Debatte über die Diversität

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Kürzlich sprach sich der Minister des  Obersten Bundesgerichtshofs, Celso de Mello, dafür aus, Homophobie in Brasilien unter Strafe zu stellen. Einleitend sagte er warnend: 

Ich weiß, dass ich wegen dieses Votums und wegen meiner bekannten Position zugunsten der Rechte von Minderheiten (den sogenannten "verwundbaren Gruppen") unvermeidlich auf den "Index" gesetzt werde, der von den Anhängern der Intoleranz erstellt wird. Ihre düsteren Gemüter wissen nichts von der bedeutung eines harmonischen und respektvollen Zusammenlebens von Menschen mit unterschiedlicher Weltsicht!

Diese Einschätzung des Ministers ist ein Widerhall der weltweiten Zuspitzung von Intoleranz gegenüber der Diversität und der in den letzten Jahren ständig zunehmenden Unnachgiebigkeit gegenüber dem Anders-Sein. In Brasilien brach im November 2019 ein wahrer Kulturkrieg aus, als konservative Gruppen zu verhindern versuchten, dass die Philosophin Judith Butler an der öffentlichen Veranstaltung “Os fins da democracia” ("Das Ende der Demokratie") in São Paulo teilnahm. Das symbolhafte Kulturzentrum SESC Pompeia wurde zur Bühne eines dantesken Schauspiels, bei dem unter Gegröle Puppen von Judith Butler verbrannt wurden, und Butlers Thesen über Genderidentität  sofort umgeleitet wurden zu Themen wie Pädophilie, sexuellem Missbrauch und ideologischer und moralischer Manipulation von Kindern und Jugendlichen. 

In dieser Situation und in anderen, ähnlichen Situationen zeigt die Art und Weise, in der Liebes- und Hassaffekte mobilisiert werden, dass die menschliche Sexualität – die wir hier in Freuds erweitertem Sinne verstehen, wie der Begriff auch von Jean Laplanche wieder aufgegriffen wurde – eine mächtige psychische Wirkkraft ist, die Individuen in einen Alarmzustand versetzen kann, so dass sie sich bereit finden, etwas zu verteidigen, was sie als strukturierend und sehr wertvoll verstehen (oder empfinden). Diese von bewussten und unbewussten Bedeutungen durchdrungene psychische Wirkkraft macht die Debatte um bestimmte Themen oft zu einem Mienenfeld.

In seinem berühmten Artikel "Le genre, le sexe, le sexual" aus dem Jahr 2003 fragt Jean Laplanche, ob die Einführung des Begriffs "Gender" in die Psychoanalyse, als Gegensatz zum Sexus "Freuds wichtige Entdeckung 'kaltstellen' könnte oder ob dies, ganz im Gegenteil, ein Mittel sein könnte, um "den Intimfeind des Gender, das Sexual", zu bestärken. Das Sexual, auch in Sprachen ohne Nominal-Großschreibung mit großem "S" geschrieben, zeugt demnach von Respekt für Freuds revolutionäre Entdeckung: die pervers-polymorphe infantile Sexualität, die Freud in den "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" postulierte.  Das Sexual ist das Ergebnis der infantilen Sexualität, welches in der Sicht des Erwachsenen abstoßend ist und von diesem verurteilt wird. 

In einer Kritik an Robert Stoller bekräftigt Jean Laplanche, dass in dessen Gender-Konzept dieser Begriff nichts anderes enthalte als die Überzeugung, einer der beiden als männlich und weiblich definierten sozialen Gruppen anzugehören. Wenn man, einer vorgeblich libertären Forderung folgend, welche jedem einzelnen ein Wahlrecht zwischen männlich und weiblich zusichern will, diesen Begriff in die Psychoanalyse  einführte, würden dadurch die Möglichkeiten von Freuds Sexual nicht erheblich beschränkt? Würde ein solcher Schritt nicht die uneingeschränkte Vielfalt der Identitäten und der Orientierungen des Verlangens begrenzen, die Freuds Entdeckung umfasst, und würde damit nicht der ganze Konflikt, welcher der infantilen Sexualität innewohnt, in riskanter Weise "theoretisch" verdrängt? Wir werden später auf Laplanches Frage zurückkommen. 

Zuvor wollen wir untersuchen, welche Wege das infantile Sexual gehen muss, bis es sich zu dieser "mächtigen psychischen Wirkkraft" wandelt, die in Abhängigkeit von den von ihr eingerichteten symbolischen Anordnungen, das Subjekt in mehr oder minder komfortable Positionen zur eigenen Sexualität und zu der der anderen bringt. Könnte dies in einigen Fällen zu rigiden Abwehrbildungen führen, in denen das Sexual sich in Intoleranz verwandelt, da es heftig abgewehrt wird? Weshalb kann sexuelle Diversität dermaßen bedrohlich werden?

Die Formung durch komplexe Variable – die frühe "Bestimmung des Genus, die dem Kind sogar schon vor der Geburt übermittelt wird, die Sexualisierung im Kontext des Ödipus- und des Kastrationskomplexes und die daraus resultierenden Identifikationen – lässt sich als Gerüst der symbolischen Welt  und des psychischen Apparates verstehen, welche, durchtränkt von den unbewussten Rückständen der infantilen Sexualität, die Art und Weise bestimmen werden, in der das Subjekt sein eigenes erotisches Leben und das der anderen wahrnehmen wird.

Wie soll man angesichts dieser Komplexität und einer heterogenen Außenwelt voller widersprüchlicher religiöser, politischer, wirtschaftlicher und  gesellschaftlicher Vorstellungen Wege finden, über die Unterschiede und die Diversität nachzudenken und mehr noch sich in fruchtbarer Weise damit auseinanderzusetzen? Wie soll man dieses Minenfeld durchqueren?

Das technische Angebot der Psychoanalyse – nämlich dem Subjekt einen sicheren Ort zu bieten, an dem es über sich selbst sprechen kann – ermöglicht eine psychische Arbeit, die zu den eigenen Phantasien hinleitet. Es ist das Subjekt, das, ausgehend vom Rohmaterial seines Unbewussten, etwas über sich selbst sagen kann. Wenn das psychoanalytische Zuhören auf diese Weise im privaten Bereich der psychoanalytischen Sitzung seine Wirkung entfaltet, ist vorstellbar, dass die Psychoanalyse zur öffentlichen Debatte über die Diversität beitragen könnte, indem sie eben dieses Instrument des Zuhörens dem Diskurs der Minderheiten anbietet und dieses Verfahren auch als  ethische und klinische Herausforderung versteht.

In ihrem Buch King Kong Theorie  (2006) beschreibt die feministische Autorin Virginie Despentes ihre Suche nach Antworten auf radikale Fragen ihrer Singularität. "[…] war ich bei Analytikern, Heilern, Magiern – sie hatten nicht viel gemeinsam. Nur eines wiederholten all diese Männer: 'Sie werden sich mit ihrer Weiblichkeit versöhnen müssen.'"[1](in der vom Autor benutzten portugiesischen Ausgabe S. 104).

"In diesem abenteuerlichen Unterfangen, den psychischen Ort herauszubilden, an dem sich Frauen in einer machistischen und patriachalen Gesellschaft befinden, durchsucht Despentes die kollektive Imagination der französischen Gesellschaft nach Themen wie Vergewaltigung, Prostitution, Pornographie und Macht. Sie untersucht die subjektiven Möglichkeiten für eine Frau in den Netzen unbewusster Phantasien, die die Gesellschaft durchweben. Und sie erhebt dabei eine gerechte und wohlüberlegte Forderung, die sich gegen das Massaker an den Möglichkeiten erotischen Ausdrucks richtet, die Frauen im Vergleich mit Männern in viel geringerem Maße offenstehen. "Wir sind so formatiert, dass wir den Kontakt mit unserer eigenen Wildheit meiden." (Despentes, portugiesische Ausgabe, 2006, S. 89).

"Dabei ist meine Libido doch komplex, was sie über mich sagt, gefällt mir nicht unbedingt, stimmt nicht immer mit dem überein, was ich gern wäre. Aber vielleicht will ich es lieber wissen, als den Kopf abzuwenden und das Gegenteil von dem zu sagen, was ich über mich weiß, um ein beruhigendes gesellschaftliches Image zu bewahren." (Despentes, portugiesische Ausgabe, 2006, S. 79).

In Zusammenhang mit dem Begriff der Sicherheit zeigt die Autorin, wie die "Vergewaltigungskultur" und andere Formen des Zwangs und der Exklusion für Frauen die Freiheit der Selbstbestimmung untergraben, welche, wie die Autorin meint, Männern viel eher zugestanden wird. So prangert sie an, dass die Wünsche von Frauen in vorgefertigte und vage Erwartungen von etwas gefasst werden, das man "Weiblichkeit" nennt.

Sie sprachen […] von Weiblichkeit. "Was meinen Sie denn damit?" Ich erhielt keine klare Antwort. Meine Weiblichkeit… Ich war nicht verärgert, vor allem, weil man es mir immer wieder mit großer Überzeugung und deutlichem Wohlwollen gesagt hat. Also habe ich versucht zu verstehen. Ganz ehrlich. Was mir fehlt. (Despentes, portugiesische Ausgabe, 2006, S. 104)

Die abschließende Bemerkung lenkt die Aufmerksamkeit auf zahllose Vorurteile über Frauen. All diese Vorurteile stehen mit dieser rätselhaften Weiblichkeit in Verbindung, welche den Gegenpol bildet zur Männlichkeit, und welche Frauen in subjektiven Positionen einsperrt, zu allererst und ganz grundlegend in ihren eigenen Phantasien und in der Folge auch im sozialen Raum.

Komplexe haben, das ist weiblich. Unauffällig sein. Gut zuhören.. Nicht mit dem Verstand brillieren. (...) Alles, was keine Spuren hinterlässt. Was häuslich ist, jeden Tag wiederholt wird, keinen Namen hat. (...) Mit allen vögeln wollen: männlich. Brutal auf alles reagieren, was einen bedroht: männlich. (...) alles, was einen überleben lässt, ist männlich, alles, womit man Boden gutmacht, ist männlich. (Despentes, portugiesische Ausgabe, 2006, S.107).

Despentes' scharfe Aussagen führen uns zurück zu der Prämisse, die Freud formuliert hat hinsichtlich der Rolle von kulturellen Vorurteilen bei der Entstehung von Konflikten und Symptomen. In analoger Weise können wir uns die Rolle dieser Vorurteile bei der Strukturierung der Theorien und der Arten des Zuhörens denken, was sich überprüfen und vertiefen lässt, wenn wir diesen Subjekten aufmerksam zuhören., 

Eine weitere Debatte, in welcher ein solches Zuhören fundamentale Elemente ansammeln könnte, dreht sich um Transsexualität. Im Januar 2019 wurde auf der Facebook-Seite der Sociedade Brasileira de Psicanálise de São Paulo ein Interview mit den Psychoanalytikern Marco Antonio Coutinho Jorge und Natália Pereira Travassos veröffentlicht, in der Zeitschrift O Estado de S. Paulo, anlässlich des Erscheinens des Buchs: Transexualidades: o corpo entre o sujeito e a ciência. [Transsexualitäten: der Körper zwischen Subjekt und Wissenschaft]. Obwohl Buch und Interview die Transsexualität in nicht pathologisierender Perspektive zeigten, löste das Nachdenken darüber, wie die Medizin geschlechtsangleichende chirurgische Eingriffe entwickelt hat, in den sozialen Netzwerken Äußerungen  aus, die alarmierend sind durch ihre potentiell falschen Sichtweisen von Teilen der Psychoanalyse, und zwar weil diese von konservativer Seite genutzt werden könnten, um chirurgische Eingriffe zu verhindern.

Die Autoren des Buches betonen, dass aus psychoanalytischer Sicht "jede transsexuelle Erfahrung strikt singulär ist, da es unmöglich ist, sie auf Basis einer psychologischen Verallgemeinerung zu erfassen." (Jorge & Travassos, 2018, S.13)In ihrer Annäherung an Transsexualität als soziales Phänomen hinterfragen die Autoren jedoch auch die Positionen der Medizin, welche die Komplexität der Frage ignoriert und den chirurgischen Eingriff anbietet als objektive und endgültige Lösung für einen bestehenden Identitätskonflikt. "[…] der ursprüngliche Mangel lässt sich niemals durch Prothesen und Nähte beheben. […] Die Wissenschaft verschärft noch die Tendenz, den Körper als Objekt zu behandeln, und nähert sich ihm als einer Maschine, ohne einer psychischen Verarbeitung irgendwelchen Raum zu lassen." (S. 24-25).

Coutinho Jorge und Travassos wenden sich dann einer eingehenderen Betrachtung des "Schubs Richtung Chirurgie" zu, wobei sie unterschiedliche Aspekte berücksichtigen: die "Selbstdiagnose und die Selbstverschreibung einer Therapie", die mögliche Beziehung zwischen Homophobie und dem Drang, den Körper einer hygienistischen chirurgischen Korrektur zu unterziehen und die biologischen Hypothesen über Transsexualität.

Auf Basis dessen schlussfolgern sie, dass

(...) es die Vorstellung des wahrhaft Transsexuellen  ist, die den gesamten Prozess der Transsexualisierung in Brasilien lenkt, wie es das Gesundheitsministerium empfiehlt – und dieses verhindert in der Mehrzahl der Fälle, dass der Kandidat für den Prozess seine Subjektivität entdecken kann, ohne sich um Formularen und Gender-Ausdrücke kümmern zu müssen. (Jorge & Travassos, 2018, S. 91) 

Aber für die Psychoanalyse gibt es niemanden, der 'wahrhaft transsexuell ist, weil es kein in sich wahrnehmbares Wesenhaftes gibt, das sich auf eine Identität reduziert. (Jorge & Travassos, 2018, S. 103).

Die Autoren nähern sich dem Thema der Transsexualität als Wissenschaftler – vom sozialwissenschaftlichen oder psychoanalytischen Standpunkt aus – und stellen hierzu relevante Fragen. Es lässt sich jedoch hinterfragen, ob sie durch die Art und Weise, wie sie an bestimmten Stellen über Transsexualität in Lacan'schen Begrifflichkeiten des Realen, Symbolischen und Imaginären sprechen, indem sie das Real des vorgeblich in Transsexualität verstrickten Körpers den symbolischen Auswegen in andere Ausdrucksformen von Transgendern wie etwa Transvestiten gegenüberstellen, nicht reduktionistischen und generalisierenden Lesarten rund um eine Erfahrung, die, wie die Autoren ja selbst betonen, immer einzigartig und singulär ist, Raum geben. 

Wir kommen nun zum Ende dieses Artikels, es bleibt die Empfindung, dass wir auch in der theoretischen Debatte über die Diversität ein Minenfeld betreten. Sowohl die Frage Laplanches zum Gebrauch des Begriffs "Gender" in der Psychoanalyse als auch  die Fragen von Coutinho Jorge und Travassos zum "Schub Richtung Chirurgie" betreffen verschiedene Dimensionen. Einerseits bilden sie die Basis von Grundprämissen der Psychoanalyse, wie etwa das "Sexual" mit großem S (Laplanche, 2003) oder die Ablehnung einer "Falle universeller Wahrheiten, die mit dem Ansatz des Subjekts nicht kongruent sind" (Jorge; Travassos, 2018).  

Andererseits müssensie  unter sozialem, politischem und kulturellen  Blickwinkel aufmerksam sein für die Räume, die sich im Diskurs der Minderheiten öffnen und in denen geeignete Kenntnisse über den Ort keimen, an dem diese Subjekte sprechen können. Der bekannte Begriff des "gender fucker" zum Beispiel demontiert die ausschließlich binäre Perspektive des Gender, von der Laplanche fürchtet, sie werde Freuds Entdeckung "kaltstellen", wobei jedoch dem Subjekt die Möglichkeit einer Identifikation nicht entzogen wird, auch nicht die Möglichkeit der Standardidentifikationen, die wir "männlich" und "weiblich" nennen. Die Äußerungen im Internet, die wegen möglicher falscher Lesarten der Aussagen der Experten und Expertinnen auf der Facebook-Seite der SBPSP alarmierten, entwerten nicht deren kluge Arbeit, sondern verdeutlichen die Angst, dass diese Arbeit verwendet werden könnte, um chirurgische Eingriffe, die eine wichtige Errungenschaft für einen Teil der Transsexuellen darstellen, völlig zu verhindern. Diese Errungenschaft sollte durch diskutierbare theoretische Standpunkte nicht undurchführbar gemacht werden.  Das aufmerksame Hören des Minderheitendiskurses kann Gewaltakte und Iatrogene in Theorie und Klinik vermeiden helfen, Vorkommnisse, die in der Geschichte der Psychoanalyse nicht selten sind.
 
Literatur
Despentes, V (2016), Teoria King Kong [King Kong Theory]. São Paulo, n-1 edições.
Freud, S. (1905). Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. GW V, 27, pp. 33-145.
Jorge, M.A.C. & Travassos, N.P. (2018), Transexualidade: o corpo entre o sujeito e a ciência [Transsexualities: the body between subject and science]. Rio de Janeiro: Zahar.
Laplanche, J. (2015), O gênero, o sexo e o Sexual [Gender, Sex and the Sexual]. In: Sexual – a sexualidade ampliada no sentido freudiano [Freud and the Sexual]. Porto Alegre: Dublinense.
 
​* Der Titel des Aufsatzes zitiert einen populären brasilianischen Song.
[1]Anm. d. Übers.: Ich zitiere aus der deutschsprachigen Ausgabe in der Übersetzung von Kerstin Krolak, erschienen im Berlin Verlag, 2007. Leider kann ich keine Seitenzahlen angeben.

Übersetzung: Susanne Buchner-Sabathy, Wien
 

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