Die nekrophile Phantasie

Ilany Kogan
 

Die Vorstellung, sich in eine Puppe zu verlieben, ist ein nicht selten verwendetes Motiv in Kunst, Literatur und Musik. Die Externalisierung einer solchen Phantasie kann eine Persönlichkeitsveränderun

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Psychoanalytische Überlegungen zum Kinofilm von Craig Gillespie: Lars and the Real Girl (2007)

Bei dem vorliegenden Aufsatz handelt es sich um eine gekürzte Fassung eines Kapitels aus meinem Buch Narcissistic Fantasies in Film and Fiction – Masters of the Universe, London and New York: Routledge, 2019.
 
Lars and  the Real Girl in wörtlicher Übersetzung: Lars und das reale Mädchen) ist der Titel eines amerikanisch-kanadischen Komödien-Dramas, das 2007 in die Kinos kam. Die Drehbuchautorin heißt Nancy Oliver, der Regisseur ist Craig Gillespie. Der Film erzählt die Geschichte von Lars (gespielt von Ryan Gosling), einem liebenswürdigen, aber für das Leben in der Gesellschaft untauglichen und ziemlich unbeholfenen jungen Mann, der dann irgendwann eine romantisch-intime, allerdings ausschließlich platonische Beziehung zu einer Sex-Puppe entwickelt, einer sogenannten „Real-Puppe“ namens Bianca. Lars Lindström lebt ein zurückgezogenes Leben in einer Kleinstadt in Wisconsin. Der Film offenbart schrittweise, dass die Mutter von Lars gleich bei seiner Geburt gestorben ist, ein Umstand, der wiederum dazu führte, dass sein von Trauer und Schmerz überwältigter und untröstlicher Vater emotional immer mehr auf Abstand ging zu seinen beiden Söhnen Lars und dessen älterem Bruder namens Gus. Sobald er in der Lage ist, seinen eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, entschließt sich Gus, die Stadt, in der er aufgewachsen ist, für immer zu verlassen. Erst als sein Vater stirbt, kehrt er noch einmal nach Hause zurück. 
 
Wo immer es ihm möglich ist, meidet Lars gesellschaftliche Kontakte und Aktivitäten. Ganz prinzipiell fällt es ihm schwer, mit seiner Familie, seinen Kollegen oder den Mitgliedern der Kirchengemeinde, der er angehört, zu interagieren und in Beziehung zu treten. Eines Tages teilt er dann seinem Bruder Gus und dessen Frau Karin mit, dass derzeit eine Besucherin bei ihm zuhause wohne, die er über das Internet kennengelernt habe – tatsächlich handelt es sich dabei um eine lebensechte Puppe namens Bianca, die er auf einer Website für Erwachsene entdeckt und daraufhin für sich bestellt und gekauft hat. Gus und Karin, die sich große Sorgen um die geistige Gesundheit von Lars machen, überreden ihn schließlich, Bianca für einen Check-up mit zur Hausärztin, Dr. Dagmar Bergmann, zu nehmen, die nicht nur medizinische Ärztin, sondern gleichzeitig auch Psychologin ist. Weil Dagmar es für ratsam oder sogar dringend notwendig hält, in der derzeitigen Situation den Kontakt zu Lars aufrecht zu erhalten, rät sie ihm, die Puppe ein Mal wöchentlich zur Behandlung zu ihr zu bringen, worauf sich Lars auch tatsächlich bereitwillig einlässt. Dagmar ist der Überzeugung, dass sich hinter seinem wahnhaften Verhalten ein tieferliegendes Problem verbirgt, dem man auf den Grund gehen sollte, weswegen sie die Verwandten von Lars darum bittet, seine Therapie dadurch zu unterstützen, Bianca genauso zu behandeln, als wäre sie eine reale Person. Von nun an stellt Lars den Leuten in der Stadt Bianca als seine neue Freundin vor. Da sie sich alle große Sorgen um Lars machen, behandeln die Leute in der Stadt die Puppe dann tatsächlich so, als wäre sie eine reale Person. Nach und nach sucht Lars tatsächlich vermehrt den Kontakt zu anderen Menschen, insbesondere zu Margo, einer Kollegin, die er von seiner Arbeitsstelle her kennt. Sie lädt ihn schließlich eines Tages ein, mit ihr zum Kegeln zu gehen, was er auch tut. Als sie sich an diesem Abend nach dem Kegeln trennen, um beide zu sich nach Hause zu gehen, zieht Lars ganz spontan seinen Handschuh aus, um Margo die Hand zu geben – ein deutliches Zeichen dafür, dass er im Umgang mit anderen Menschen Fortschritte gemacht hat. Zuvor hatte er nämlich seiner Ärztin bzw. Therapeutin erklärt, dass er „bei der Berührung mit anderen Menschen stets ein unerträgliches und heftiges Brennen“ verspüre. Irgendwann fragt dann Lars seinen Bruder, was es bedeute ein Mann zu sein. Gus erklärt ihm, dass er in dem Moment ein Mann sei, wo er die richtigen Dinge aus den richtigen Gründen heraus tue, selbst wenn es weh täte. Gus sagt seinem Bruder aber auch noch, dass er ihn nie mit seinem Vater hätte allein zurücklassen dürfen, und er äußert sein tiefes Bedauern darüber, indem er sich bei Lars explizit dafür entschuldigt, so egoistisch und eigennützig gewesen zu sein und allein und ohne ihn von zuhause fortzugehen. 
 
Nicht lange nach diesem Gespräch mit dem Bruder macht Lars eines Morgens die Entdeckung, dass Bianca kein Lebenszeichen mehr von sich gibt, woraufhin er den Notarzt ruft. Der Rettungswagen bringt Bianca so schnell wie möglich ins nächstgelegene Krankenhaus, wo sie dann bald darauf „stirbt“. Bianca erhält ein richtiges Begräbnis mit allem Drum und Dran, bei dem auch zahlreiche Leute aus der Stadt zugegen sind. Bianca wird auf dem städtischen Friedhof begraben. Im Anschluss an die Begräbniszeremonie fragt Lars seine Kollegin Margo, ob sie vielleicht Lust habe, noch einen Spaziergang mit ihm zu machen, wozu sie sich nur all zu gerne einverstanden erklärt. 
 
Die nekrophile Phantasie in Lars and the Real Girl
Unter Nekrophilie, was bisweilen auch als 'Thanatophilie' bezeichnet wird, versteht man eine sexuelle Anziehung zu bzw. sexuelle Handlung mit einem toten Körper, einer Leiche. Dabei sind die von den betreffenden Personen ausgeführten Handlungen nicht unbedingt explizit sexueller Natur, aber dennoch ist zu konstatieren, dass sie einen zwanghaften, repetitiven und triebhaften Charakter aufweisen. Das vorrangige Ziel dieser Handlungen besteht darin, die Verbindung zu einem verlorengegangenen Objekt um jeden Preis aufrecht zu erhalten (Brill, 1941). Der Gegenstand eines solchen feindseligen und blockierten Trauerns ist in den meisten Fällen die tote Mutter, zu der auf diese Weise ein ambivalentes Verhältnis aufrecht erhalten wird. Das DSM-5 (Diagnostisches und Statistisches Manual, fünfte Auflage) beschreibt die Nekrophilie als eine Störung oder Pathologie, die in Verbindung mit einer „nekrophilen Phantasie“ auftritt. Dabei handelt es sich um eine narzisstische und omnipotente Phantasie, die stets mit der Allmachtsphantasie einhergeht, Leben geben bzw. schenken oder es nehmen bzw. vorenthalten zu können. Die Nekrophilie definiert sich also durch die Phantasie, sexuellen Verkehr mit einem leblosen Objekt zu haben, wobei es jedoch nicht unbedingt wirklich zu einem sexuellen Akt mit einem toten Körper bzw. einer Leiche zu kommen braucht. 
 
Meiner Ansicht nach haben wir es auch im Fall von Lars, der sich Hals über Kopf in eine Puppe verliebt, mit einer nekrophilen Phantasie zu tun. Wie im Folgenden noch auszuführen sein wird, kommt der Puppe namens Bianca dabei die Funktion eines physischen Objekts zu, welches dazu dient, Konflikte von Trennung und Individuation zu überwinden (Akhtar, 2003). Das physische Objekt fungiert somit quasi als Bindeglied (bzw. Bindfaden), um die verschwundene bzw. abhandengekommene Mutter wieder zurückzuholen, was es Lars dann auch tatsächlich erstmals möglich machen wird, die traumatische Trennung von der bei seiner Geburt verstorbenen Mutter [1] zu bewältigen. Man könnte Bianca allerdings auch als „Übergangsobjekt“[2] auffassen, das dem in seiner psychischen Entwicklung stehengebliebenen Lars zu einer verspäteten Reifung und einem nachgeholten Erwachsenwerden verhilft, was die Voraussetzung dafür ist, mit der Realität in Beziehung treten zu können (Winnicott, 1953).
 
Obwohl Biancas Funktion als der eines Übergangsobjekts zunächst durchaus plausibel und einleuchtend erscheint, so tendiere ich persönlich dazu, Bianca als ein der nekrophilen Phantasie von Lars entsprungenes pathologisches Objekt zu begreifen, was in einer ursächlichen Verbindung mit demverhinderten Trauerprozess für seine bei seiner Geburt verstorbene, tote Mutter steht. Da sich Lars von seiner Mutter zutiefst im Stich gelassen fühlte, blieb er fortan auf seine „pathologische Trauerreaktion“ ihr gegenüber (Freud, 1917) festgelegt. Infolge dieser Fixierung war es ihm nicht möglich gewesen, seinen ödipalen Konflikt einer befriedigenden Lösung zuzuführen, worauf er dann eine solide männliche Identität hätte aufbauen können. Und so konnte er sich im Laufe seines Lebens von der ambivalent besetzen toten Mutter, die für ihn sowohl das Objekt seiner erstarrten Trauer als auch seiner libidinösen Begierde und Anziehung war, einfach nicht lösen und freimachen, was dann wiederum verständlich werden lässt, weswegen er die Mutter zuerst von den Toten auferstehen lassen musste, um sich sodann mit ihr zu vereinigen. 
 
Für die vorliegende Diskussion scheint mir von den im Laufe der Jahre publizierten psychoanalytischen Arbeiten über Nekrophilie (Segal, 1953; Jones, 1951; Klaf und Brown, 1958) die von Hanna Segal verfasste Arbeit am aufschlussreichsten zu sein. Obwohl Segal für ihre Überlegungen in ihrem Aufsatz nur eine einzige Fallgeschichte heranzieht, gelingt es ihr gut nachvollziehbar zu erläutern, dass die Ursache für die Nekrophilie stets und grundsätzlich in einer problematischen Phantasie zu suchen ist.
 
Die Kindheitsgeschichte von Segals Patient lässt in vielerlei Hinsicht Parallelen zu derjenigen von Lars erkennen. Wie im Fall von Segals Patient, so ist auch Lars das jüngste Kind der Familie. Wie Segals Patient, so hatte auch Lars bereits in der Kindheit durch den frühen Verlust seiner Mutter eine übermäßige Deprivation erleiden müssen. Und somit ist es auch nicht verwunderlich, dass in beiden Fällen ein ähnlich gearteter Lösungsversuch zu beobachten ist, wo das Individuum auf die Allmachtsphantasie rekurriert, Leben zu spenden oder Leben vorzuenthalten.    
 
Im Fall von Lars hatte der Tod der Mutter eine zusätzliche Deprivation für ihn zur Folge gehabt: sein von Trauer und Schmerz überwältigter Vater war fortan unfähig gewesen, eine emotional lebendige und enge Beziehung zu seinen beiden Söhnen aufzubauen bzw. aufrecht zu erhalten. Den Tod seiner Mutter hatte Lars aller Wahrscheinlichkeit nach als absolute Bedrohung für seine Existenz empfunden, was schließlich zu einer grundlegenden Ich-Störung bzw. Verzerrung seines Selbst führte. Lars entwickelte eine schizoide Persönlichkeit und hatte ganz allgemein Schwierigkeiten, mit anderen Menschen Beziehungen einzugehen, insbesondere mit Frauen. 
 
Segal ist der Ansicht, dass die in der Kindheit erlittene Deprivation bei ihrem Patienten zu überwältigender Zerstörungswut und unersättlicher Gier geführt haben. In seiner Phantasie glaubte der Patient, alles Leben aus seiner Mutter entleert und herausgesaugt zu haben: In einer bestimmten Situation in der Analyse sagte Segals Patient: „Wenn ich mich soweit zurückerinnern könnte, weiß ich, was meine erste Erinnerung sein würde. Ich würde mich daran erinnern, dass ich die Existenz meiner Mutter erkannte und das Gefühl hatte: Entweder du oder ich.'“ (Segal, S. 217) Segal stellt in ihrem Aufsatz zusammenfassend fest, dass diese nekrophile Phantasie bei ihrem Patienten bis zum heutigen Tag hartnäckig fortbesteht.   
 
Segal ist der Auffassung, dass die Ursprünge und Ursachen für diese anhaltende Phantasie in der tiefgreifenden emotionalen Deprivation in der allerfrühesten Kindheit zu suchen sind. Normale Trennungsängste schaukeln sich so ins Unermessliche, bis sie einen solchen Intensitätsgrad erreicht haben, wo Trennung den Tod entweder für den einen oder für den anderen der beiden bedeutet, weil nämlich die innere Überzeugung vorherrscht, dass nie beide gleichzeitig, sondern immer nur einer von beiden am Leben sein kann. Und so gibt es Zeiten, da ist er tot und die Mutter lebt, und es gibt umgekehrt Zeiten, da lebt die Mutter und er ist tot.
 
Ich denke, dass Lars dadurch, dass er sich liebevoll um seine Puppe kümmern kann, die Gelegenheit geboten wird, immer wieder zwischen zwei entgegengesetzten, sich in seiner unbewussten Phantasie zunächst ausschließenden, Positionen hin und her zu wechseln, wobei dieser fortwährende Rollentausch es ihm mit der Zeit schließlich ermöglicht, Leben und Tod miteinander zu verknüpfen und in eine engere Verbindung zu bringen: das heißt, einerseits ist Lars das lebendige, liebende Kind, das sich bemüht, der todkranken Mutter (Puppe), mit der er sich als verschmolzen erlebt, wieder Leben einzuhauchen, und andererseits ist er aber gleichzeitig auch die lebende und liebevolle Mutter, die sich des toten Kindes (Puppe), mit dem Lars identifiziert ist, fürsorglich annimmt.
 
In der Beziehung zu Bianca lassen sich sowohl Aspekte von Nekrophilie erkennen, aber zugleich auch Aspekte von Muttermord. Mit der Puppe genau so umzugehen, als wäre sie seine Freundin und eine lebendige Frau, diente Lars dazu, dem toten Körper der Mutter wieder Leben einzuhauchen. Doch gleichzeitig kann man sagen, dass der Umstand, dass Lars sich letztlich dafür entscheidet, die Puppe ernstlich krank werden und schließlich sterben zu lassen, ein Indiz dafür ist, dass er sich seiner unbewussten Phantasie des Muttermordes in gewisser Hinsicht gewahr ist. Die seiner nekrophilen Phantasie zugrundeliegende Vorstellung war es, dass er alles Leben und alle lebenspendende Milch aus seiner Mutter, die ihrem Sohn das Leben schenkte, entleert und herausgesaugt hatte und sie dadurch zu einer leblosen Leiche machte. Da sein eigenes Leben in seiner Phantasie durch den Tod seiner Mutter bedingt wurde, muss unterhalb der bewussten Phantasie, die Mutter retten zu wollen, auch noch ein anderer im Unbewussten verborgen gebliebener, muttermörderische Wunsch am Werk gewesen sein, der darauf abzielte, sich der Mutter zu entledigen.
 
Es verschafft dem Nekrophilen ein Höchstmaß von Lust, Vergnügen und Erregung, wann immer er sich seiner Omnipotenzgefühle versichern kann, was er genau so erlebt, als besäße er die Macht darüber zu entscheiden, Leben zu geben oder Leben zu nehmen bzw. vorzuenthalten. Lars nimmt Bianca mit zu seiner Ärztin und lässt ihr zunächst eine fürsorgliche und liebevolle Behandlung angedeihen, aber in dem Moment, wo er nicht länger das Bedürfnis und den Wunsch verspürt mit ihr zusammen zu sein, küsst er sie zum Abschied noch ein letztes Mal zärtlich und sanft, bevor er dann ein regelrechtes Begräbnisritual mit allem Drum und Dran für sie organisiert bzw. inszeniert. Schlussendlich findet Lars ins Leben zurück, und es gelingt ihm auch, sich auf eine Beziehung mit einer lebendigen Frau aus Fleisch und Blut einzulassen, aber eben erst nachdem er Bianca – die tote Mutter, die er noch einmal von den Toten hatte auferstehen lassen – zu Grabe getragen hatte und sie so zu dem gemacht hat, was sie ja in Wirklichkeit ohnehin längst ist: ein lebloser, toter Körper. 
 
Nun stellt sich die Frage, weswegen diese nekrophile Phantasie, eine intime Beziehung mit der toten Mutter aufzunehmen, gerade zu dem Zeitpunkt in Erscheinung trat, als Lars im Begriff stand, ein junger Erwachsener zu werden. Die Ursache dafür lässt sich möglicherweise mit seiner übermäßigen Angst vor dem sexuellen Akt erklären. Ferenczi (1925) begründet die Bedeutung der nekrophilen Phantasie damit, dass 'vielen Neurotikern der Koitus direkt oder in seinen Folgen unbewussterweise als ein ihr Leben oder ihren Körper, besonders aber ihr Genital gefährdender Akt erscheint, in dem sich die Befriedigungslust mit großer Angst verbindet. Die Tötungsabsicht verfolgt, wenigstens zum Teil, den Zweck, das Angstmoment durch vorherige Unschädlichmachung des Liebesobjekts auszuschalten, um dann die Lust ohne Kastrationsangst ungestört zu genießen'. Da Bianca ein unbelebtes Objekt ist, erscheint sie Lars diesbezüglich als ungefährlich und harmlos, und infolgedessen kann er sich ungestört der Phantasie hingeben, dass der Koitus mit ihr, anders als mit einer lebendigen Frau, keinerlei Gefahren für ihn und seine körperliche Integrität in sich birgt.
 
Dass Lars sich außerstande fühlt, mit einer lebendigen Frau in körperliche Berührung zu kommen, weil ihm dies unmittelbar ein brennendes Gefühl verursacht, ist ein deutlicher Hinweis auf seine übergroße Angst, vom Feuer der Leidenschaft verbrannt und aufgezehrt zu werden, was sich direkt mit der klassischen Kastrationsangst erklären lässt. Nun deklariert Lars Bianca allerdings nicht als Sex-Puppe, was sie ja defacto schließlich ist, sondern er präsentiert seine Puppe den anderen als eine regelrechte Heilige und Missionarin. Auf diese Weise beschützt ihn die Puppe vor seiner Angst vor der Sexualität, weswegen er ja auch der Intimität mit einem leblosen Objekt derjenigen mit einer lebendigen Frau den Vorzug gibt. Die übermäßige Angst vor der Sexualität, die durch einen in sein eigenes Über-ich introjizierten imaginierten rächenden Vater heraufbeschworen wird, hat möglicherweise ihre noch tiefere Ursache in seiner unbewussten ödipalen Attraktion zu seiner toten Mutter. 
 
Erst dadurch, dass er Bianca „tötet“, gelingt es Lars, die auf seine Mutter gerichteten ödipalen Wünsche, verkörpert in der „lebendigen“ Puppe Binaca, zu überwinden. Man kann sagen, erst als es Lars gelingt, dasjenige zu betrauern, was er verloren hat und wovon er sich lösen und trennen muss, nämlich von ihr, die ohnehin schon lange tot ist, wird es ihm möglich, sich dem Leben und der sexuellen Beziehung mit einem lebendigen Objekt zuzuwenden.  
 
Obschon die Tatsache, dass Lars sich ein unbelebtes Objekt als Partnerin ausgesucht hat, an sich als pathologisch zu bewerten ist, so muss man dennoch andererseits konstatieren, dass es sich im Fall von Lars herausstellte, dass eben dieses Objekt für Lars ein entwicklungsförderndes Potential bereit hielt. Dass er sich die Puppe für seine seelische Gesundheit tatsächlich gewinnbringend zunutze machen konnte, verdankte Lars jedoch letztlich vor allem auch seiner Umwelt, die bereit und in der Lage war, sich seinen momentanen Bedürfnissen optimal anzupassen. Um nämlich die Fähigkeit zu erlangen, seine nekrophile Phantasie zu überwinden und anschließend ein lebendiges Objekt als seine Partnerin zu wählen, musste die Umwelt zuvor zwei wesentliche therapeutische Funktionen übernehmen: zum einen die mütterliche Liebe, die ihm vonseiten seiner Therapeutin, seiner Familie, sowie vonseiten der Gemeinschaft, inmitten derer er lebte, zuteil wurde. Mit vereinten Kräften gelang es ihnen für Lars eine haltende Umwelt bereit zu stellen, die Lars die Gelegenheit gab, die nekrophile Phantasie der Vereinigung mit seiner toten Mutter zunächst einmal auszuleben bzw. in Szene zu setzen, bevor er sie dann endgültig überwinden konnte. 
 
Die väterliche Liebe, die ihm vonseiten seines Bruders entgegengebracht wurde, der die Funktion eines emotional zugänglichen, liebenden Ersatzvaters übernahm, war bei all dem ein weiterer, sich auf Lars' seelische Entwicklung positiv auswirkender Faktor. Dadurch bekam Lars die Chance, sich mit einer genitalen Vaterimago zu identifizieren (Colarusso 1990; Ross 1975), das heißt, mit einem Vater, dessen Männlichkeit durch die Tatsache bestätigt wird, dass seine Frau schwanger ist und schon bald ein Baby erwartet. Diese Tatsache ist für Lars von ausschlaggebender Bedeutung, denn er will ja seine nekrophile Phantasie überwinden, sich von seiner Mutter lösen und ein Mann werden wie sein Bruder, der eine lebendige Frau liebt und kurz davor steht, selbst Vater zu werden. Die Überwindung des Ödipuskomplexes sowie die damit verbundenen Kastrationsängste, aber auch die Identifikation mit einer genitalen Vaterimago, all dies sind wesentliche Faktoren, die dazu beitragen, seine männliche Identität zu stärken und schließlich dem Tod das Leben vorzuziehen.
 
Literatur
Akhtar, S. (2003), Things: Developmental, psychopathological and technical aspects of inanimate objects. Canadian Journal of Psychoanalysis11(1):1-44.
Brill, A. A. (1941), Necrophilia. Journal of Criminal Psychopathology, 3:51-73.
Colarusso, C. (1990), The third individuation: the effect of biological parenthood on separation-individuation processes in adulthood. Psychoanalytic Study of the Child, 45:170-194.
Ferenczi, S. (1925), Über unbewusste Lustmordphantasien. (Die Psychoanalyse von Sexualgewohnheiten [mit Beiträgen zur therapeutischen Technik]). In: S.F. - Bausteine zur Psychoanalyse. Band III. Arbeiten aus den Jahren 1908-1933. Berlin: Ullstein Materialien, 1984, S. 269-272.
Fischer, N. (1991), The psychoanalytic experience and psychic change. Paper presented at the 27th biannual meeting of the International Psychoanalytic Association, Buenos Aires.
Freud, S. 1917), Trauer und Melancholie. G.W. 10.
-- (1920), Jenseits des Lustprinzips. G.W. 13.
Jones, E. (1912), Der Alptraum in seiner Beziehung zu gewissen Formen des mittelalterlichen Aberglaubens.(Schriften zur angewandten Seelenkunde. 14. Heft). Leipzig und Wien: Franz Deuticke.
Klaf, F.S. and Brown, W. (1958), Necrophilia, Brief Review and Case Report, Psychiatric Quarterly, 32: 645-652. 
Ross, J.M. (1975), The development of paternal identity: a critical review of the literature on nurturance and generativity in boys and men. Journal of American Psychoanalytic Association, 23:783-817. 
Segal, H. (1953), Eine nekrophile Phantasie. In: H. S. - Wahnvorstellung und künstlerische Kreativität. Ausgewählte Aufsätze.Stuttgart: Klett-Cotta, 1992, S. 211-217.
Winnicott, D. W. (1953), Übergangsobjekte und Übergangsphänomene. Psyche,1969, 23 (99, S. 666-682).
--(1960). Bindfaden. Eine Technik der Kommunikation. In: D.W.W. - Reifungsprozesse und fördernde Umwelt. Studien zur Theorie der emotionalen Entwicklung.Frankfurt a. M.: S. Fischer, 1993, S. 182-199.
 
[1]Winnicott (1960) und später Fischer (1991) haben beide jeweils auf eine Methode hingewiesen, die das schon etwas ältere Kind zur Anwendung bringt, um das Trennungstrauma zu bewältigen, und zwar mithilfe eines Bindfadens oder, wie im Beispiel von Fischer, eines Überseekabels. Ein weiteres berühmtes Beispiel ist Freuds (1920) Beobachtung seines 18 Monate alten Enkels, der sich in vergleichbarer Weise eines unbelebten Objekts bediente, um die Trennung von der Mutter zu bewältigen.
[2]Winnicott (1953) bezeichnet mit dem Begriff 'Übergangsobjekt' ein Objekt, das ein 4-6 bis 8-12 Monate altes Kind ständig und überall mit sich herumträgt. Es wird von dem Kind liebkost, aber dann auch wiederum voller leidenschaftlicher Erregung beschädigt und mutiliert, wobei das Kind deutlich zeigt, dass es alleinigen Besitzanspruch auf das Objekt erhebt. Das Übergangsobjekt verdankt seinen Status seiner assoziativen Verbindung mit der Mutter bzw. einem stellvertretenden Mutterersatz. Es symbolisiert die mütterliche Präsenz und ihm kommt eine entwicklungsfördernde Funktion zu.

Aus dem Englischen übersetzt von M.A. Luitgard Feiks und Jürgen Muck.
 

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