Die Verwendung von Hass in der Gegenübertragung zur Reparation einer fragmentierten Psyche

Dr. Justin Jones
 

Die überwiegende Zahl der von mir behandelten Patienten ließe sich der Kategorie “unanalysierbar” zuordnen.

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Die überwiegende Zahl der von mir behandelten Patienten ließe sich der Kategorie “unanalysierbar” zuordnen. Infolge ihrer fragmentierten inneren psychischen Verfassung laufen diese Patienten häufig Gefahr, dazu verurteilt zu sein, ihr Leben lang ein desintegriertes, von innerem Aufruhr gekennzeichnetes Leben führen zu müssen. Das enorme Ausmaß der inneren Fragmentierung bei dieser spezifischen Patientengruppe hat mich schließlich zu der Erkenntnis gelangen lassen, dass es notwendig und absolut essentiell ist, mich in erster Linie und auf eine radikale Art und Weise meiner Gegenübertragung zu bedienen, um sie so als Schlüsselfaktor für eine mögliche therapeutische Veränderung wirksam werden zu lassen.

Das Theorieverständnis, auf dem meine eigene analytische Arbeit fußt, verdankt sich insbesondere der von Kernberg et al. (2015) vertretenen Konzeption von der Psychodynamik, wie sie in den Objekt-Beziehungen in der Übertragungs-Fokussierten-Psychotherapie (TFP) zur Behandlung von Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen zum Tragen kommt. Im Unterschied zu Kernberg et al., die sich noch als Vertreter der klassischen Behandlungstechnik mit ihrer grundlegenden Vorstellung von Neutralität verstanden wissen wollen, favorisiere ich persönlich allerdings eine im Wesentlichen interpersonelle therapeutische Herangehensweise, die stark von der relationalen Theorie (Aron, 2001) beeinflusst ist, aber insbeswondere von Ehrenbergs Vorstellung des gemeinsamen Arbeitens von Analytiker und Analysand an der “intimen Grenze” (2010) der Beziehung.

Zur Verdeutlichung dieses von mir bevorzugten therapeutischen Ansatzes möchte ich im Folgenden einen kurzen, allerdings stark anonymisierten, Auszug aus der Analyse eines Patienten präsentieren, der meiner Ansicht nach eine recht genaue Vorstellung von der klinischen Arbeit mit dieser spezifischen Kategorie von Patienten zu vermitteln vermag.

William
William, der ebenso genial wie destruktiv war, fing bei mir eine therapeutische Behandlung an, nachdem er noch während seines ersten Jahres in der Graduiertenschule einen Selbstmordversuch unternommen hatte. Und so kam es, dass ich William erstmals im Rahmen eines stationären Behandlungsprogramms in dem Krankenhaus, in dem ich arbeitete, in meine therapeutische Obhut nahm, wohin William unmittelbar nach seinem Selbsttötungsversuch überwiesen worden war.

Wie sich herausstellte, hatte William bereits mindestens sieben Krankenhauseinweisungen hinter sich, wo er dann wiederholt versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Außerdem gab es bei ihm einen starken Hang zu selbstschädigendem Verhalten, wozu Selbstverletzungen durch Ritzen und Schneiden gehörten, sowie Sauf- und Fressexzesse mit anschließendem selbstinduzierten Erbrechen und völliger Entleerung, aber darüber hinaus auch schwerer Alkohol- und Drogenmissbrauch. In der Behandlung zeigte er sich als depressiv, und er war auch voller unterschwellig zum Ausdruck gebrachter Wut.

Zu mir als seinem hauptsächlichen Ansprechpartner und therapeutischen Betreuer hatte William ein überaus ambivalentes Verhältnis. Wenn ich in meiner Funktion als Therapeut für ihn da war, griff William regelmäßig zum Mittel der Evakuierung, wenn es dann allerdings auch nur die kürzeste Zeit der Unterbrechung in seiner Behandlung bei mir gab, nahm er sofort Zuflucht zu disruptivem sowie selbstschädigendem Verhalten.  

Einige Wochen nach Behandlungsbeginn, währenddessen ich mir die allergrößte Mühe gegeben hatte, ihm eine Art von konstruktivem Sich-Einlassen mit mir sowie auf die Behandlung zu ermöglichen, worauf er jedoch lediglich mit teilnahmslos frostigem und todesähnlich starrem Blick reagiert hatte, entschied ich mich schließlich, es zu wagen, die volle Wirkung meiner Gegenübertragung zum Tragen kommen zu lassen, indem ich ganz direkt und unverblümt zu ihm sagte: “Ich hasse Sie tatsächlich”.

Daraufhin fügte ich noch hinzu: “Ich tue hier wirklich mein Bestes, um Ihnen zu helfen, damit Sie vorankommen und Fortschritte machen, während Sie hier nichts weiter tun, als lediglich tagein und tagaus wie ein Zombie herumzusitzen.“ Außerdem sagte ich noch: “Wenn ich dann allerdings auch nur zwei Tage frei nehme, kann ich sicher sein, dass Sie nichts Besseres zu tun haben, als sich selbst zu schaden. All das zeigt mir ganz eindeutig, dass die Beziehung zu mir und zu unserer gemeinsamen Arbeit hier eine große Bedeutung für Sie hat, und nichtsdestotrotz weigern Sie sich hartnäckig, sich von mir helfen zu lassen.“ Da William meinen Worten lediglich mit einem lang andauernden, herausfordernd trotzigen Schweigen begegnete, entschloss ich mich schlussendlich, die Sitzung diesmal zwanzig Minuten früher zu beenden.  

Winnicotts grundlegendes Verständnis vom 'Hass in der Gegenübertragung' (1949) sollte sich dann als von zentraler Bedeutung in der analytischen Arbeit mit William erweisen. Wie Winnicott deutlich macht, ist es für Patienten wie William entscheidend, dass sie “einen im Anderen angesiedelten Ort des Hasses” entdecken und für sich nutzbar machen können, um davon ausgehend überhaupt erst beginnen zu können, das eigene fragmentierte Verständnis von Hass auch in sich selbst zu entdecken und möglicherweise allmächlich zu transformieren. Und genau aus diesem Grunde bekräftigt und verstärkt das Unterbleiben des Ansprechens dieser abgespaltenen Gefühle von intensivem Hass nur umso mehr die fundamentale verinnerlichte unbewusste Überzeugung, dass diese Gefühle nur auf eine selbstdestruktive Art und Weise zum Ausdruck gebracht werden können.

Dass sich bei William ein solchgeartetes Verständnis seiner selbst im Laufe seines Lebens entwickelt hatte, hing wohl hauptsächlich und unmittelbar mit der spezifischen Erziehung zusammen, der er vonseiten seiner Eltern in seiner Kindheit ausgesetzt gewesen war. Während er durch seinen narzisstischen Vater regelmäßig physischen Misshandlungen ausgeliefert war, machte sich seine masochistisch depressive Mutter am Verhalten des Vaters mitschuldig, und zwar hauptsächlich dadurch, dass sie die fortwährenden physischen Attacken und verbalen Misshandlungen ihres Mannes den Familienmitgliedern gegenüber einfach stillschweigend duldete. Im Anschluss an einen solchen Über- und Angriff vonseiten seines Vaters versuchte sich William dann stets dadurch Linderung zu verschaffen und sich irgendwie zu beruhigen, indem er sich mit Essen vollstopfte, was ihm in gewisser Weise eine Art von fragmentiertem Selbstgefühl zu verschaffen schien, welches er dann allerdings sogleich in einem Ansturm von heftiger Selbstverachtung und Selbsthass durch gewaltsam herbeigeführtes Erbrechen wieder loszuwerden versuchte. Nun hatte William im Laufe seines Lebens ganz unterschiedliche Rituale von selbst-verletzendem und selbst-schädigendem Verhalten für sich herausgefunden, die er mehr oder weniger allesamt bis weit in sein Erwachsenenalter hinein beibehielt.

Wann immer wir über sein Symptom der Ess-Brech-Sucht bzw. Bulimie miteinander sprachen, brachte ich dabei meinem Patienen gegenüber zu Beginn der Behandlung stets mein Mitgefühl und meine Empathie zum Ausdruck, bis ich dann sehr bald zu der Erkenntnis gelangen musste, dass genau diese Reaktion meinerseits bei meinem Patienten ausnahmslos intensive Gefühle von Verachtung und Hass heraufbeschwor. Und infolgedessen musste ich mir eingestehen, dass meine wohlgemeinten Bezeugungen von Mitgefühl angesichts seiner seelischen Notlage William nicht nur in keinerlei Weise halfen bzw. Linderung zu verschaffen vermochten, sondern ganz im Gegenteil zusätzlich auch noch seiner psychischen Destabilisierung Vorschub leisteten. Der Versuch, ihm in dieser besonderen Situation Trost und Unterstützung angedeihen zu lassen, war also nicht nur vergeblich und zwecklos, sondern geradezu kontraproduktiv, ließ doch genau dieser Versuch meinerseits nur umso mehr den unausweichlichen Drang in William aufsteigen, sich durch defensives Ausagieren mithilfe seiner selbstschädigenden Rituale einmal mehr seines destruktiven Selbst-Verständnisses zu vergewissern.

Und so ging ich denn dazu über, meine therapeutische Strategie dahingehend zu verändern, sie den spezifischen Bedürfnissen meines Patienten bestmöglich anzupassen. William lieferte mir im Laufe seiner Analyse unzählige Beschreibungen von seinem Selbsthass und Selbstekel, wenn er wieder einmal nicht zur Ruhe gekommen war und nicht hatte schlafen können, weil er nahezu die ganze vorherige Nacht über damit beschäftigt gewesen war, sein Erbrochenes in einem Eimer aus dem Raum, in dem er schlief, ins Badezimmer und in die Toilette zu verfrachten. Nun vermittelten mir die wiederholten und penibel bis ins Details hinein ausgeführten Schilderungen dieses Rituals stets von Neuem den unmissverständlichen Eindruck, dass William dabei mit aller Macht versuchte, einerseits jegliches Verstehen davon, was sich hinter seinen destruktiven Handlungen verbarg, von sich selbst fern zu halten, aber andererseits auch mich, seinen behandelnden Therapeuten, daran zu hindern, überhaupt in die Lage zu kommen ihm irgendwie helfen zu können, um möglicherweise doch irgend eine Veränderung in seinem Leben zu bewirken. 

Anstatt also meinem Patieten als Antwort auf seine Zurückweisung meiner ihm entgegengebrachten Hilfestellungen weiterhin ein ohnehin in seinem spezifischen Fall  sich zwangsläufig kontraproduktiv auswirkendes und von meiner Seite unaufrichtiges Mitgefühl anzubieten, entschied ich mich ganz bewusst dafür, das Wagnis einzugehen, mich aktiv in Verbindung sein zu lassen mit meinen eigenen authentischen Gefühlen von Wut, Frustration sowie Widerwille und Empörung angesichts seiner von ihm selbst absichtlich initiierten selbst-zersörerischen Handlungen und Aktionen. In einer seiner Sitzungen brachte ich dies schließlich ganz unverstellt zum Ausdruck, indem ich ihn ganz direkt fragte: “Stecken Sie sich denn eigentlich tatsächlich Ihre Finger in Ihren Rachen und Hals hinunter?” Fassungslos und entrüstet ob meiner derart direkt und unverstellt an ihn gerichteten Frage, nickte er, während ein kaum wahrnehmbares Lächeln über seine ansonsten reglos bleibende Miene huschte. Daraufhin wandte ich mich mit übertrieben gespieltem Ekel und Abscheu von ihm ab und sagte: “Es ist so krass mir vorzustellen, wie Sie Ihr Erbrochenes im Eimer durch die Wohnung tragen, und wie es sich dann über Sie und Ihre Kleidung ergießt, woraufhin Sie dann völlig verdreckt und verkleckert sind!” 

Dadurch, dass ich mich mit Absicht und ganz bewusst eben nicht von der Selbsteinschätzung meines Patienten absetzte, der sich selber im Wesentlichen als abstoßend und ekelerregend erlebte, und zudem bis obenhin angefüllt mit schlechten und unreinen Introjekten, sondern mich im Gegenteil dieser seiner abwertenden Selbsteinschätzung anschloss, gelang es mir schließlich, in seiner ihm vertrauten Welt als ein ihm altgewohntes, vertrautes Objekt Einlass zu finden. Dies sollte sich dann auch als derjenige Zeitpunkt in der Analyse herausstellen, von dem an es William allmählich möglich wurde, sich mehr auf unsere gemeinsame Arbeit einzulassen, und zwar auf eine tendenziell reflektiertere Art und Weise, wie ich das zuvor von ihm überhaupt nicht gekannt hatte.  

Nach seiner Entlassug aus dem Krankenhaus setzte William seine Analyse bei mir im Rahmen meiner privaten Praxis fort. Die ambulante therapeutische Behandlung bei mir war im Übrigen eine der Bedingungen, dass die von ihm zuletzt besuchte Schule einwilligte, ihn wieder aufzunehmen, damit er sein Studium dort fortsetzen konnte. Wie sich bald zeigte, war sich William durchaus im klaren darüber, dass mit der Rückkehr an diesen so wichtigen und vielversprechenden Ort extrem viel auf dem Spiel stand für sein zukünftiges Leben. Dennoch überstieg das interpretative Verstehen dieser veränderten neuen Lebenssituation die psychischen Fähigkeiten meines Patienten, weswegen auch das analytische Durcharbeiten der mit seinem verbesserten schulischen Status in Verbindung stehenden Gefühle nicht möglich war. Stattdessen begann sich William mehr und mehr der Behandlung zu entziehen, und auch sonst zog er sich aus wichtigen Bereichen seines Lebens zurück. Er fiel in sein früheres destruktives Verhaltensmuster von täglichem Alkoholmissbrauch zurück und überließ sich erneut immer häufiger seiner Fress-Brech-Sucht.

Es war gewiss kein Zufall, dass Williams destruktives Verhalten sich immer dann massiv zuspitzte, wenn er sich zuvor in der Sitzung erlaubt hatte, eine gewisse Nähe zu mir zuzulassen. Einer der Anlässe, bei dem dies passierte, war der erfolgreiche Abschluss der ersten Hälfte seines ersten Semesters. Nachdem ich in der Sitzung ganz vorsichtig und zaghaft seinen schulischen Erfolg lobend erwähnt hatte, erschien er prompt zu seiner nächsten Sitzung in betrunkenem Zustand. Er erzählte mir, dass er gestern den ganzen Abend lang mit einem meiner ehemaligen Patienten zusammen war, den er im Rahmen des Therapieprogramms im Krankenhaus kennengelernt hatte. Mit einer Art von überheblichem und selbstgefälligem Lächeln auf dem Gesicht prahlte er damit, dass sie beide “die vergangene Nacht mit dem Experimentieren von Heroin verbracht“ hätten.

Nachdem ich zunächst eine Weile sprachlos und wie vor den Kopf geschlagen dagesessen hatte, deutete ich ihm dann sein Verhalten nicht nur als eine Manifestation von massiver Wut, sondern auch als eine direkte Reaktion und einen Angriff auf unsere gemeinsame therapeutische Arbeit. In diesem Zusammenhang wies ich ihn darauf hin, dass ihm nicht nur jedwede positive Selbsteinschätzung ganz und gar unerträglich erscheine, sondern dass mehr noch als das, meine Absicht, ihm Zuwendung und Hilfe zukommen zu lassen, für ihn absolut grauenerregend und unaushaltbar sei. Nachdem William dann nahezu die Hälfte der Sitzung einfach nur schweigend dagesessen und widerwillig vor sich hin gestarrt hatte, forderte ich ihn schließlich auf zu gehen und erst wieder zu kommen, wenn er nüchtern sei.

William kam dann tags darauf tatsächlich in nüchternem Zustand zu seiner Sitzung, und er hatte auch bereits entsprechende Schritte eingeleitet, um bei den Anonymen Alkoholikern (AA) einen Sponsor zu kontaktieren und sich dort Hilfe zu holen. Es war ihm tatsächlich möglich, gemeinsam mit mir über seine diversen Ängste nachzudenken, die im Zuge seines beruflichen Karrierefortschritts so massiv in ihm zum Vorschein gekommen waren. Schließlich fing er zu weinen an und sagte: “Ich dachte, dass ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr am Leben sein würde; es kommt mir vor, als würde ich überhaupt nicht wissen, wie ich mein Leben leben kann.” Daraufhin sagte er mir noch, dass meine ihm gegenüber zum Ausdruck gebrachte und auf ihn abgestimmte Wut und Empörung ihm nicht nur helfe, sich einigermaßen aufgehoben zu fühlen, sondern auch eine verändernde Wirkung auf ihn ausübe. 

Meiner Auffassung nach gibt es da ganz eindeutig eine Verbindung zwischen Ferenczis Theorieverständnis (1926) und demjenigen der zeitgenössischen interpersonellen psychoanalytischen Autoren. Ich persönlich berufe mich für meine klinische Arbeit vor allem auf die Zwei-Personen Theorie (Aron, 2001), wobei sowohl die Übertragung als auch die Gegenübertagung als ein von beiden, Analysand und Analytiker, gemeinsam geschaffenes Phänomen angesehen wird und somit auch nie getrennt und unabhängig voneinander betrachtet und interpretiert werden kann. Zudem vertrete ich einen ganz ähnlichen theoretischen Standpunkt wie Ehrenberg (2010), die wie ich der Ansicht ist, dass die im Rahmen der analytischen Arbeit gemeinsam mit dem Patienten kreierten Inszenierungen bzw. 'Enactments' – insbesondere im Fall von Individuen mit einer extrem fragmentierten Psyche – nicht nur unvermeidlich, sondern im Gegenteil  sogar notwendig sind und letztlich im Dienste des analytischen Fortschritts stehen. Wenn es gelingt, dass ein solches Enactment von beiden Partizipanten seelisch überlebt werden kann, dann wird genau dieser Prozess möglicherweise maßgeblich dazu beitragen, eine psychische Veränderung beim Patienten zu bewirken.

Allerdings kann das, was zunächst wie ein seelisches Überleben aussieht, sich dann bisweilen auch als wenig dauerhaft und trügerisch herausstellen. So machte beispielsweise William mit seiner Rückkehr in seine frühere Schule zwar ab einem bestimmten Zeitpunkt dann wirklich deutliche Fortschritte in der Analyse, doch genau deswegen fand dann wiederum gleichzeitig ein Regredieren zu früheren, mehr oder weniger  überwunden geglaubten, aggressiven Gefühlszuständen und Verhaltensmustern statt. Seine Aggression manifestierte sich mit besonderer Vehemenz im Anschluss an eine Sitzung, in welcher sich William für seine Verhältnisse ungewöhnlich verletzlich gezeigt hatte, und er selber bewusst und explizit eine Verbindung hergestellt hatte zwischen seinen Selbstattacken und den ihm als Kind durch seinen Vater zugefügten Qualen. Kurz bevor er die Sitzung verließ, gab er einem Gefühl der Dankbarkeit für den in der Analyse möglich gemachten Fortschritt Ausdruck, indem er seinen Tränen freien Lauf ließ. An dem darauf folgenden Wochenende gab William sich dann allerdings wieder hemmungslos seiner Sauf- sowie Fress-Brech-Sucht hin, und er beklagte sich ausgiebig über mich, seinen Analytiker, bei einigen seiner Jugendfreunde. 

Bald darauf brachte ich in Erfahrung, dass eine seiner Freundinnen, die ich zuvor übrigens noch nie zu Gesicht bekommen hatte, sich der Mühe unterzogen hatte, auf einer der Online-Rating-Portale für Psychotherapeuten, Psychiater und sonstige psychosoziale Fachkräfte eine vernichtende Beurteilung über mich abzugeben. Kurz nachdem ich diese vernichtende Kritik entdeckt und gelesen hatte, befragte ich William, ob er davon wisse, woraufhin er widerstrebend zugab, dass er vom Tun seiner Freundin gewusst und es gebilligt habe. Wütend erklärte ich ihm, dass sein Verhalten sowie sein stillschweigendes Dulden und Billigen der Handlungen seiner Freundin eine direkte Gefährdung meiner Existenzgrundlage darstelle: “Und all das, weil ich die Kühnheit besessen habe zu versuchen, Ihnen zu einem eigenen und selbstbestimmteren Leben zu verhelfen.”
Ich bestand darauf, dass die Beurteilung über mich sofort aus dem Netz entfernt werden müsse.  

William willigte schließlich einigermaßen zerknirscht und reumütigen Herzens ein, und erinnerte sich und mich dann an die unzähligen Male davor, wo er versucht hatte, eine wütende und zornige Reaktion in mir hervorzurufen, in dem verzweifelten Versuch, sich irgendwie gehalten und verstanden zu fühlen, weil er eine solche wütende Reaktion meinerseits am ehesten mit seinem eigenen inneren Verständnis von sich selbst in Verbindung bringen konnte. Auch ließ er mich wissen, dass das direkte und unmittelbare Ausdrücken meines Ärgers ihm gegenüber es ihm immer wieder ermöglicht habe, mit den sadistischen Aspekten seiner eigenen Persönlichkeit in Kontakt zu treten, welche ihn jedoch bis heute daran gehindert hatten, wirklich von der Behandlung zu profitieren und in seinem Leben voran zu kommen. 

Dieses soeben geschilderte Szenario lässt deutlich werden, wie nicht einfach nur eine von mir gegebene Deutung, sondern viel mehr die von William und mir gemeinsam “gelebte Erfahrung” dazu beigetragen haben, dass es letztlich nicht nur möglich wurde, einen Bruch, sondern anschließend dann eben auch die Reparation des extrem fragmentierten inneren Zustands mit den diversen abgespaltenen Persönlichkeitsanteilen zu erleben, die meinem Patienten so unendlich viele Probleme und Schwierigkeiten in seinem Leben bereitet haben (Ehrenberg, 2010). 

Ich deutete nicht nur die unterschiedlichen Strategien, die William für sich selbst herausgefunden und zur Anwendung gebracht hatte, um die in seiner Psyche unzugänglichen und sadistischen Persönlichkeitsanteile, welche er von seinen primären Bezugspersonen übernommen hatte, nicht betrauern zu müssen, sondern ich schloß mich seiner Wut und Empörung regelrecht an. Und ironischerweise war es genau dies, was meinem Patienten zu einem stabileren psychischen Gleichgewicht verhalf, wodurch es ihm schließlich auch möglich wurde, eine Grenze zwischen seinem eigenen Selbst und demjenigen des Anderen zu erfahren und in sich selbst zu etablieren, wodurch ihm schließlich ihm Rahmen der Analyse die Entwicklung einer psychischen Fähigkeit gelang, die ihm in der Beziehung zu seinem gewalttätigen Vater und seiner depressiven Mutter verwehrt geblieben war.    

Als William dann allerdings auf den Abschluss seines letzten Semesters in der Schule zusteuerte, was ja auch das Ende der ihm von der Schule verordneten therapeutischen Behandlungzeit bei mir bedeutete, kam es zu einer schwerwiegenden Krise. Obwohl ich ihm deutlich zu verstehen gab, dass ich hoffte, wir könnten auch nach Beendigung seines letzten Semesters unsere gemeinsame therapeutische Arbeit weiterführen, behauptete er beharrlich, dass ich nur darauf warten würde, ihn los zu werden und gar nicht ernsthaft daran interessiert sei, die Behandlung mit ihm fortzusetzen.  

Kurz vor seinem erfolgreichen Studienabschluss bekam William eine Spitzenposition in seinem Arbeitsbereich angeboten, woraufhin sein Alkoholmissbrauch und sein selbstschädigendes Verhalten eine gefährliche Eskalation erfuhren. Nachdem ich alle Möglichkeiten ausgeschöpft hatte, diese selbstdestruktive Eskalation meines Patienten zu stoppen, gab ich mich schließlich geschlagen und stellte William ein Ultimatum, indem ich ihm  mitteilte, dasss ich unsere gemeinsame Arbeit erst dann wieder aufzunehmen bereit wäre, wenn er mit dem Trinken und dem sich selbst schädigenden Verhalten aufgehört habe. Zwei Tage vor seinem erfolgreichen Promotionsabschluss eröffnete mir William dann, er werde die Behandlung bei mir beenden.   

Über mehrere Monate hinweg hörte ich nichts von William, bevor er mich dann auf einmal telphonisch kontaktierte, um mir zu sagen, dass er mit dem Trinken aufgehört habe und sich jetzt aktiv bei den AA engagiere – und anschließend fragte er mich, ob er die Behandlung bei mir wieder aufnehmen könne. Der gegenwärtige Stand der Dinge in unserer gemeinsamen analytischen Arbeit sieht nun so aus, dass William immer noch mit slbstschädigendem Verhalten zu kämpfen hat, und auch dass es ihm überaus schwer fällt, menschliche Nähe zuzulassen. Und dennoch lässt sich in unserer Arbeit eine größere Flexibilität konstatieren, die ihm erlaubt mit seinen nach wie vor extremen, und sein psychisches Gleichgewicht bedrohenden Stimmungsschwankungen besser und unmittelbarer umgehen zu können. 

Als er vor Kurzem wieder einmal der ihm vertrauten Dynamik der Brech-Sucht nachgegeben hatte, um seine Verletzlichkeit und den aus seiner Kindheit stammenden Schmerz nicht spüren zu müssen, sagte William zu mir: “Keine Sorge, Sie müssen sich mir gegenüber nicht gleich wieder als Arschloch präsentieren und mich hier früher rauswerfen; ich versuche nämlich lediglich mir selbst Mut zu machen, es ertragen zu lernen, wie sehr Sie mir tatsächlich zu leben helfen.”

Literatur
Aron, L. (2001). A Meeting of Minds: Mutuality in Psychoanalysis. New York: Routledge.
Clarkin, J. F., Yeomans, F. E., & Kernberg, O. F. (2015). Übertragungsfokussierte Psychotherapie für Borderline-Patienten. Das TFP - Praxismanual. Stuttgart: Schattauer, 2017.g.
Ehrenberg, D. (2010). Working at the “intimate edge.” Contemporary Psychoanalysis, 46(1): 120-141. Siehe auch: Darlene Bregman Ehrenberg – Jenseits der Wörter. Stuttgart: Klett-Cotta, 1996 
Ferenczi, S. (1921/26). Weiterer Ausbau der <aktiven Technik< in der Psychoanalyse./Kontraindikationen der aktiven psychoanalytischen Technik. Beide in: S. F- Schriften zur Psychonalyse. Band II. Frankfurt a. M.: fischer taschenbuch verlag, 1982.    
Winnicott, D. W. (1949). 'Hate in the counter-transference'. The International Journal of Psychoanalysis, 30, 69-74. Dtsch: Haß in der Gegenübertragung. In: D. W. W.-Von der Kinderheilkunde zur Psychoanalyse. München: Kindler, 1976.

Aus dem Englischen übersetzt von M. A. Luitgard Feiks und Jürgen Muck, Nürtingen am Neckar.
 
 
 

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