Wenn wir heute an unseren Grenzen Familien auseinanderreißen, begegnen wir uns selbst

Dr. Francisco Jose González
 

Der Autor schildert die traumatisierenden Auswirkungen der aktuellen Migrationspolitik der US-Regierung, im Rahmen welcher Familien auseinandergerissen und Kinder von ihren Eltern getrennt werden.

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[Die Amerikaner] glauben an eine Welt der göttlichen Gerechtigkeit, wo die Menschheit sich der Sünde schuldig macht, aber sie glauben gleichermaßen auch an eine weltliche Gerechtigkeit, wo die Menschen prinzipiell als unschuldig gelten. Doch kann man nicht beides gleichzeitig haben. Wie die Amerikaner mit diesem Problem umgehen? Sie tun einfach so, als ob sie auf immer und ewig unschuldig wären, ganz egal wie oft sie sich schuldig machen. Das Problem dabei ist, dass diejenigen, die grundsätzlich an ihre Unschuld glauben, überzeugt davon sind, dass alles, was sie tun, gerecht und richtig ist. Wir, die wir an unsere eigene Schuld glauben, verfügen zumindest über ein Wissen darüber, zu was für abgründigen Taten und abscheulichen Handlungen wir als Menschen fähig sind.
 Aus: The Sympathizer, von Viet Than Nguyen (p. 189)

Ich weiß nicht mehr genau, weswegen mir während einer ansonsten, soweit ich mich entsinne, eher ruhigen Phase meiner Analyse, mit einem Mal meine aus der Kindheit stammende Angst vor Tornados ganz spontan wieder in den Sinn kam. Wie mir irgendwann klar wurde, stand diese Angst in enger Verbindung mit einer anderen Angst, und zwar der Angst vor den Kommunisten, wobei es sich dabei um etwas handelte, von dem ich mir noch viel weniger eine wirkliche Vorstellung zu machen vermochte als von Wirbelstürmen oder Tornados. Totzdem wusste ich unbestimmt und vage, dass die Kommunisten etwas damit zu tun hatten, weswegen meine Familie vor einigen Jahren Kuba verlassen hatte, um danach in einem anderen Land bei meiner Tante Zuflucht zu suchen und fortan dort zu leben. Tati, wie wir unsere Tante für gewöhnlich nannten, hatte ungefähr ein Jahr vor uns mein Geburtsland Kuba verlassen. Wie kurz zuvor ihr Ehemann, so hatte auch sie Kuba nach der Revolution den Rücken gekehrt und die Reise im Laderaum eines Frachtschiffes angetreten, das offiziell Bananen transportierte, in Wirklichkeit jedoch vollgestopft war mit illegalen Flüchtlingen. Ich wurde jedenfalls von der Angst geplagt, dass die Kommunisten – wer immer diese seltsamen Wesen sein mochten – mich eines Tages gewaltsam von meiner Familie wegholen würden, ganz so wie das früher einmal ein gewaltiger Tornado in Texas getan hatte, der gnadenlos die Dächer von den Häusern fortriss und, wie es hieß, sogar kleinere Tiere und selbst eine Kuh in sein leeres Innere hineinsaugte und mit sich fort nahm. 

Die Angst, die ich in der Analysestunde erlebte, wurde immer intensiver, und sie war auch ganz anders als meine sonstigen, mehr auf ein bestimmtes Ziel hin ausgerichteten Ängste. Diese Angst war diffus und unbestimmt und erzeugte eine undurchdringliche und bedrückende Atmosphäre. Die ganz spezifische, aus meiner Kindheit stammende “Angst vor den Roten” hatte sich längst verflüchtigt, aber was sich offensichtlich nicht in Luft aufgelöst hatte – etwas, was allerdings erst jetzt für mich benennbar wurde, obschon ich es bereits viele Male zuvor beim Anblick von uniformierten Grenzwachen erlebt hatte, selbst wenn diese an der internationalen Grenze mir für gewöhnlich eher wohlwollend und freundlich gegenüber traten - war die Angst vor jenem großen Objekt, das meiner Ansicht nach bislang in den Diskussionen der diversen Theorien noch viel zu wenig Beachtung gefunden hat: die Angst vor dem Staat.

Nachdem mir dies deutlicher ins Bewusstsein getreten war, begann sich unten drunter noch eine andere Woge des Gefühls bemerkbar zu machen und schließlich mit ganzer Kraft aufzubäumen – ein schreckliches Meer von Kummer und Leid. Ich hatte dieses Aufwallen der Gefühle ungefähr ein halbes Jahr zuvor schon einmal ganz intensiv und bewusst erlebt, und zwar bei der Vorführung eines Films, dessen Titel, soweit ich mich entsinne, “Havanna Sonate” lautete. Anhand einer Abfolge von Szenen und Bildern erzählt der Film die sich überschneidenden Geschichten der seelischen Notlage von Menschen, die bleiben und von Menschen, die fortgehen, wobei der Film nahezu ohne Dialoge auskommt. Im Wesentlichen besteht der Film aus einer mehrschichtigen Montage von Szenen aus der Stadt, in der ich geboren bin, und in der ich auch bis zu meinem dritten Lebensjahr gelebt habe. Ich meine mich zu erinnern, dass sich am Höhepunkt des Films ein Mann, der zunächst unschlüssig darüber ist, ob er sein Land verlassen soll oder nicht, sich schließlich dazu durchringt zu emigrieren: die betreffende Filmszene spielt auf dem Flughafen von Havanna, einem Ort, der mir von meinen späteren Besuchen in meinem Herkunftsland deutlich im Gedächtnis geblieben ist. Man sieht dort Reisende, die gerade im Begriff stehen, das Land zu verlassen, und wie sie von denjenigen, die bleiben, durch eine künstliche Glaswand getrennt sind. Obwohl sie durchsichtig ist, stellt jene grünlich getönte Trennscheibe für mich einen gläsernen Abgrund dar. Mit der Anhäufung der Bilder im Film erlebte ich schließlich in zunehmendem Maße den selben Gefühlsanstum von überwältigendem Kummer und Leid wie ich ihn dann ein halbes Jahr später auch in meiner Analyse erleben sollte. Noch während des Films war ich plötzlich aufgestanden und hatte fluchtartig den Raum verlassen, ohne meinen Freunden eine Erklärung zu geben  – ich war buchstäblich zu meinem Auto gerannt, wo ich in der Abgeschiedenheit des schwach erleuchteten Parkhauses einen heftigen und unkontrollierbaren Zusammenbruch erlebte. Und nun erlebte ich ihn also auch im Rahmen der Analyse. Nur dass mir hier in der Anaylse genügend Zeit zur Verfügung stand und ich nicht alleine war, so dass sich mir nun endlich die Möglichkeit eröffnete, von meinen Zusammenbuch, welcher sich ja bereits vor mehr als einen halben Jahrhundert ereignet hatte, zu jenem kleinen Jungen zu sprechen, der damals von seinem über alles geliebten Kindermädchen namens Laude fortgerissen und gewaltsam getrennt wurde. 

Nun ist ja meine Geschichte vergleichsweise unspektakulär und relativ rasch erzählt: meine Eltern passierten jene gläserne Tennwand gemeinsam mit mir und waren infolgedessen weiterhin für mich da, und konnten deswegen auch die Auswirkung des Risses und des gewaltigen Einschnitts, die dieses Ereignis auf mein Leben hatte, einigermaßen auffangen und in Grenzen halten. Laude war mein über alles geliebtes Kindermädchen, aber sie war eben nicht meine Mutter. Und dennoch hat jene grün getönte Glasscheibe irgend etwas Einschneidendes unauslöschlich in meiner Seele hinterlassen, das mich bis heute begleitet und zutiefst prägt. Durchaus möglich, dass es sich dabei um eine Deckerinnerung handelt, eine Verdichtung der einschneidenden komplexen Wirkung, die das Trauma, mein Herkunftsland Kuba verlassen zu müssen, auf mich und meine Familie gehabt hat. 

Doch wie ergeht es denjenigen Kindern, denen keine solche Pufferung zur Verfügung steht, und deren Eltern tatsächlich von ihnen getrennt und fortgerissen werden, denen also keine die Leere überbrückende seelische Hilfe zuteil wird, weil nämlich der Staat sich das Recht herausgenommen hat, die Trennung der Kinder von ihren Eltern zu verfügen? “Die Grenzen werden immer mehr verschärft, gerade so wie die Klinge der Guillotine,” schreibt der Dichter Patrick Chamoiseau : [1]    

”Diejenigen, die sich dort einfinden, und die als Menschen kommen, um die Hilfe anderer Menschen zu erbitten, und deren einziges Vergehen darin besteht, dass sie ein menschliches Wesen sind und aus tiefer menschlicher Not heraus an ihre Brüder und Schwestern appellieren, sehen sich mit staatlichen Systemen konfrontiert, die einen Menschen nicht länger als einen Menschen erkennen können.” 

Bereits im März 2017 erwog die Trump-Administration die Trennung illegal eingewanderter Familien zur Abschreckung gegen illegale Einwanderung einzusetzen. [2]  Im Mai erläuterte dann der Generalstaatsanwalt Jeff Sessions, dass er eine “Nulltoleranzpolitik” der Inhaftierung aller illegalen Einwanderer verfolge, in der Kinder von ihren Eltern, die illegal die Grenze überschritten hatten, getrennt und in Obhut genommen würden (ungeachtet der Tatsache, dass das Ersuchen von Asyl kein Verbrechen ist). Bis zum 9. Juni 2018 waren laut Medienberichten bereits mehr als 2300 Kinder von ihren Eltern getrennt worden. Diese Strategie war einesteils einer überhasteten und gedankenlosen Prahlerei geschludet, die den Zweck verfolgte, den Hunger einer xenophoben Basis zu befriedigen, und darüber hinaus war sie ein machiavellistischer Schachzug, der Druck auf den Kongress ausüben sollte. Aber in jeden Fall zeugte dieses politische Vorgehen von menschenverachtender Inhumanität und unverhohler Grausamkeit. [3]  Es ist gewiss nicht notwendig, in diesem Beitrag eigens darauf einzugehen, welch nachteilige und schädigende Auswirkungen ein solches Trauma auf eine in der Entwicklung befindliche, kindliche Psyche haben kann. Tatsächlich ging dann auch prompt ein lauter Aufschrei durch die Öffentlichkeit. Im Juni ergab eine Quinnipiac-Umfrage, dass zwei Drittel der wahlberechtigten Amerikaner mit dieser Politik nicht einverstanden waren. [4]  Doch obschon es uns schwer fiel, bemühten wir uns weiterhin, uns der Barbarei der Trump-Regierung irgendwie unterzuordnen und anzupassen. Und so beklagten wir uns einfach weiter darüber, was denn bloß aus unserer Nation geworden war. Doch bereits im Dezember 2017 postete die Senatorin Kamala Harris auf Facebook, was viele von uns insgeheim dachten: “In solchen Augenblicken müssen wir in den Spiegel schauen und uns fragen: Was ist aus uns und unserem Land geworden?”

Und in der Tat, müssen wir uns fragen: Was ist aus uns geworden? 

Der Einwanderer, der “Fremde”, der Andere, stellt unweigerlich immer eine Infragestellung der vermeintlich intakten Identität der “Einheimischen” dar. Wenn wir nur lange genug in den Spiegel schauen, so lehrt uns die Psychoanalyse, dann platzt früher oder später unsere Illusion von der Unhinterfragbarkeit unserer Selbstidentität; dann zeigt uns nämlich der Spiegel, wie fremd wir uns eigentlich sind und offenbart uns auch den unserer Selbst-identität immer und ausnahmslos zugrundeliegenen Fremden.

Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis dann schließlich eine ganze Flut von Artikeln in der Presse erschien, die sich allesamt mit der langen Geschichte der Familientrennungen in der US-Politik befassten. [5] Die Dezimierung und Schwächung von schwarzen Familien während der Zeit der Sklaverei, als Kinder wie Vieh verkauft und ihren Familien einfach weggenommen werden konnten, wobei der Staat gegenüber den Banden des Blutes und der Verwandschaft vorsätzlich Augen und Ohren verschloß. Oder die Zwangsassimilierung der Kinder der amerikanischen Ureinwohner, welche häufig unter Anwendung von Gewalt von ihren Familien fortgenommen wurden, nachdem der Kongress im Jahr 1819 den 'Civilization Fund Act' verabschiedet hatte, dessen Vorgabe darin bestand, die Ureinwohner zu “zivilisieren”, und zwar gemäß einer von dem Armeeoffizier Richard Pratt aufgestellten Formel: “Töte den Indianer in ihm, und du rettest den Menschen.” [6] Oder auch während der sogenannten Repatriierung von Mexikanern in den 1930er Jahren, als infolge der “Großen Depression” Mexikaner sowie Amerikaner mit mexikanischen Wurzeln, die in den USA lebten (und zumeist auch Bürger dieses Staates waren), massiv unter Druck gesetzt wurden, wieder “zurück” nach Mexiko zu gehen, im Zuge dessen dann viele Familien auseinander gerissen wurden. [7] Ganz zu schweigen von den Internierungslagern für Japaner, wobei die Familien zwar nicht systematisch auseinandergerissen, aber dafür systematisch “ausgegrenzt” und “eingesperrt” wurden, was implizit Rückschlüsse auf eine Angst vor einer unbekannten, fremden Bedrohung zulässt, die abgesondert und auf Distanz gehalten werden muss, damit wir uns nicht infizieren. [8] Oder – etwas, was ich selber unmittelbar im Zuge meiner Arbeit in psychosozialen  Gemeindezentren erlebt habe – die unverhältnismäßig häufige “Trennung” farbiger Kinder aus armen Verhältnissen von ihren Eltern und ihrem Zuhause durch Fürsorge- bzw. Wohlfahrtsorganisationen, die zweifellos zumeist mit den besten Absichten vorgingen, um diese Kinder zu schützen, die aber nicht selten in einem völlig verdrehten Rechtssystem feststeckten, überschattet von rassischen Vorurteilen und kulturellen Missverständnissen. [9]   

Kurz gesagt, “wir” haben schon über einen enorm langen Zeitraum hinweg aus politischen und ökonomischen Zweckmäßigkeitsgründen Familien auseinandergerissen und Kinder immer wieder von ihren Familienangehörigen getrennt. Und so sehen wir, dass es sich bei der Familientrennung nicht eigentlich um ein erst jüngst entstandenes Phänomen handelt, das heißt, um ein Abweichen vom gewohnten Gang der Geschichte, sondern vielmehr um eine sich rasch ausbreitende, befremdliche Frucht einer besorgniserregenden und dissoziierten Geschichte (wie übrigens so vieles andere mehr, das von dieser in Schieflage geratenen, überaus problembeladenen sowie zutiefst beunruhigenden Regierung in den vergangenen 20 Monaten ausgegangen ist).   

Ich schlage vor, die gesamte Problematik nunmehr nochmals genauer aus dem Blickwinkel einer sozialen Psychoanalyse heraus zu betrachten. Damit will ich allerdings nicht nur für eine neue Form bzw. Methode der Psychoanalyse plädieren, bei der ein Individuum nicht länger unabhängig von seinem sozialen Umfeld [10]  verstanden werden kann, sondern bei der das persönliche Leiden eines Individdums auch Aufschluss über die im Zusammenhang mit sozialen Missständen stehenden gesellschaftlichen Symptome gibt. Dabei hätten wir es dann mit einer Psychoanalyse zu tun, die das Unbewusste nicht ausschließlich im organismischen Leben des Individuums lokalisiert, sondern die das Unbewusste als einen genauso wirkmächtigen Faktor in den historischen Strukturen vermutet, denen das Individuum bzw. Subjekt buchstäblich immer unterworfen ist, anders ausgedrückt, in den “Pathologien der Macht”. [11]  Dies allerdings würde bedeuten, uns nicht lediglich zu fragen, was für einen Schaden – womöglich über viele Generationen hinweg – eine an der Landesgrenze auseinandertgerissene Familie davonträgt, sondern uns darüber hinaus die noch viel heiklere Frage zu stellen, was es für die amerikanische Gesellschaft als Ganzes bedeutet, dass wir im Laufe unserer Geschichte wieder und wieder die Trennung von Familen verursacht oder zumindst hingenommen haben.   

Wie man zu sagen pflegt, Blut ist dicker als Wasser. Aber nichtsdestotrotz werden die Verwandschaftsbande vom Staat mitbestimmt und entweder abgesegnet oder eben nicht (man denke etwa an das Erbe, an Rassenvermischung, oder die Homo-Ehe). Wenn die Grenze allerdings buchstäblich, d.h., in einem materiellen Sinn, unseren Lebensbereich als ein Volk ab- und eingrenzt, dann würde die Anerkennung des Staates gegenüber den als unantastbar geltenden Familienbanden eine andere, ideelle Art der Grenzdefinierung bedeuten. Die systematische Trennung von Familien als eine politische Maßnahme wurde nicht wahllos eingesetzt. Die scharfe Klinge der Guillotine an der Grenze fiel nicht einfach auf irgendeine Familie herab. Kann es denn wirklich bloßer Zufall sein, dass sich bei genauerer Betrachtung herausstellt, dass diese schmerzvolle Geschichte der Familientrennungen die Geschichte der farbigen Sklavenfamilien, der amerikanischen Ureinwohner, der mexikanischen und asiatischen Familien ist? [12] Die Parole der sich selber als überlegen wähnenden weißen Bevölkerung von “Blut und Boden” ist Ausdruck einer Ideologie, wo nur eine bestimmte Konsanguität anerkannt und gewürdigt wird, wohingegen alle anderen diffamiert eind diskriminiert werden. Ist denn nicht das perniziöse Phantasma, welches das amerikanische Unbewusste fortwährend heimssucht, der Mythos von der weißen Familie? Ein Mythos, der die Tatsache zu verschleiern und zu eliminieren versucht, dass die amerikanische Geschichte seit jeher in einem tief reichenden Multikulturalismus wurzelt, der von seinen allerersten Anfängen an von Vielsprachigkeit und rassischer Vielfalt geprägt war. Und war dieser Multikulturalismus, der ja nicht zuletzt ursprünglich auch durch die Vielzahl von Einwanderern zustande gekommen ist, und den es tatsächlich seit den Anfängen der Vereinigten Staaten von Amerika gibt, nicht immer schon vom Blut jener getränkt, die keine weiße Hautfarbe hatten? Diese Geschichte für sich in Anspruch zu nehmen, würde bedeuten, sich endlich von einer Genealogie loszusagen, die lediglich vom Myhos der Weißheit eines “Leave it to the Beaver”-Amerikas geprägt ist. 

Von diesem Blickwinkel aus betrachtet sind die in jüngster Zeit vonseiten der Regierung an den Grenzen veranlassten Familientrennungen nicht ausschließlich ein Horror für die unmittelbar Betroffenen, sondern sie stellen in gewisser Hinsicht auch eine Wiederkehr unserer abgespaltenen Vergangenheit dar. Sie sind ein Symptom – ein leidvoller Botschafter – dafür, wie wir gewisse Familienbande einfach für irrelevant und vernachlässigbar erklärt haben, und wie wir dadurch gleichzeitig um all diejenigen Familienbande eine leuchtende Grenzlinie gezogen haben, die wir aufgrund einer kollektiven Phantasie der mythologischen amerikanischen Familie für unantastbar, heilig und unveräußerbar halten. Ich denke, dass wir die soziale Psychoanalyse dringend nötig haben, um eben dies mit aller Deutlichkeit zu erkennen: die Geschichte, die sich hinter dem gegenwärtigen Symptom verbirgt; und außerdem, wie die Abspaltung von dieser unserer Geschichte die Funktion hat, eine ganz spezifische kollektive Identität weiterhin aufrecht zu erhalten. Die soziale Psychoanalyse kann uns dabei helfen, unseren geistigen Horizont zu erweitern, was dann allerdings zur Folge haben wird, dass wir uns mit einer enormen Komplexität konfrontiert sehen und uns mit einer Unmenge von bislang nicht gestellten, überaus schwierigen Fragen auseinandersetzen müssen. Es ist dringend an der Zeit, dass wir unsere Beziehung zu dieser unserer kollektiven Identität hinterfragen, und darüber nachdenken, was wir selber davon in uns tragen, für gewöhnlich zumeist unbewusst. Dies wirft wiederum die Frage auf: Inwiefern tragen wir selbst Verantwortung dafür und wo liegen die Grenzen unserer Verantwortlichkeit, d.h., die Grenzen unserer Möglichkeiten, uns diese kollektive Erbschaft bewusst zu machen, um fortan die Bürde dieser kollektiven Identität verantwortungsvoll auf uns zu nehmen? Die Psychoanalyse gesteht uns nicht zu, dass wir uns mit irgendwelchen Idealisierungen oder reaktionären Verleumdungen zufrieden geben. Vielleicht sehnen wir uns alle in gewisser Weise nach einer harmonischen globalen Familie, doch die Psychoanalyse verpflichtet uns dazu, über die komplexen Vorgänge nachzudenken, die im Fall von jedweder Grenze eine wichtige Rolle spielen, und so auch im Fall von der von staatlicher Seite eingerichteten Grenze, derjenigen Zone, die begierig darüber wacht, das Innen vom Außen abzugrenzen. Wenn ich die Schreie des an der Grenze von seinen Familienangehörigen getrennten Kindes höre, dann ist es genau dieses sozial-psychoanalytische Gewissen in mir, das meine Verstörung nur umso mehr verstärkt. Und dies ist nicht ausschließlich deswegen, weil ich mich mit dem Kind identifiziere, oder weil ich mir eine Vorstellung von den unheilvollen Auswirkungen des erlittenen Traumas machen kann, oder etwa weil ich infolge meiner täglichen psychoanalytischen Arbeit in meiner Praxis über ein stärker entwickeltes Gefühl von Empathie verfüge, sondern es ist vielmehr hauptsächlich deswegen, weil meiner inneren Einstellung nach diese mit nichts zu rechtfertigende Vorgehensweise nicht einfach den Händen jener Rohlinge und Empathielosen überlassen werden darf, die gegenwärtig zufällig gerade an der Regierung sind.

Soziale Psychoanalyse zwingt uns zu handeln und etwas gegen die Misstände zu unternehmen, und zwar auf eine ganz ähnliche Weise wie viele Psychoanalytiker es seit langem schon tun: dabei müssen wir lernen, Asylanträge zu evaluieren; wir müssen unseren professionell fundierten Protest gegen den aufgrund von Familientrennungen angerichteten Schaden laut und deutlich in der Öffentlichkeit zum Ausdruck bringen; und wir müssen uns um die betroffenen Familien, Gruppen und Gemeinschaften kümmern und mit ihnen zusammenarbeiten. Und ganz im Sinne der traditionellen Psychoanalyse, so müssen wir uns auch hier nach Kräften dafür einsetzen, dass all das zur Sprache kommt, was nicht anerkannt und nicht erkannt wird, und insbesondere auch für das, wovon wir lieber nichts wissen wollen, damit wir endlich die sich aus unserer Geschichte ergebenden Probleme und Schwierigkeiten zur Diskussion stellen und in die öffentliche Debatte einbringen. Nur so, durch unser unvoreingenommenes Fragen und mutiges Nachforschen wird es uns gelingen, unseren geistigen Horizont zu erweitern, um endlich unsere rigiden Gewissheiten und widerständigen irrigen Überzeugungen zu überwinden und hinter uns zu lassen. So entsetzlich die Familientrennungen in jüngster Zeit waren (und die Folgen immer noch sind, denn viele Kinder warten noch auf die Wiedervereinigung mit ihren Eltern), so ist es doch dringend notwendig, dass wir nicht ausschließlich auf die drakonischen Maßnahmen der gegenwärtigen Regierung schauen, sondern versuchen, den tieferen Ursachen einer langandauernden Geschichte auf den Grund zu kommen, die wir lieber vergessen und verleugnen würden.   
 
[1]  Chamoiseau, P. (2018). Migrant Brothers: A Poet’s Declaration of Human Dignity. Yale University Press, p. xiv.  
[3] Kim, S. M. June 19, 2018. “7 questions about the family-separation policy, answered.” Washington Posthttps://www.washingtonpost.com/politics/q-and-a-understanding-the-controversy-over-separating-families-at-the-border/2018/06/19/8a61664a-73fb-11e8-be2f-d40578877b7b_story.html?noredirect=on&utm_term=.822ccc84001b
 [4] June 18, 2018 - Stop Taking The Kids, 66 Percent Of U.S. Voters Say, Quinnipiac University National Poll Finds. https://poll.qu.edu/national/release-detail?ReleaseID=2550
[5] See for example: Contreras, R., June 20, 2018. “Other times in history when the U.S. separated families.” Chicago Tribunehttp://www.chicagotribune.com/news/nationworld/ct-family-separation-history-20180620-story.html ; White, B. S., June 25, 2018. “Our Long History of Family Separation.” The Aspen Institute. https://www.aspeninstitute.org/blog-posts/our-long-history-of-family-separation/ ; Kaur, H., June 24, 2018. “Actually, the US has a long history of separating families. CNN. https://www.cnn.com/2018/06/24/us/us-long-history-of-separating-families-trnd/index.html
[6] Bear, C., May 12, 2008. “American Indian Boarding Schools Haunt Many.” NPR. https://www.npr.org/templates/story/story.php?storyId=16516865
[7] Gross, T., September 10, 2015. “America’s Forgotten History Of Mexican-American ‘Repatriation’: Interview with Francisco Balderrama.” Fresh Air. https://www.npr.org/2015/09/10/439114563/americas-forgotten-history-of-mexican-american-repatriation
[8]  Takei, G., June 19, 2018. “’At Least During the Internment …’ Are Words I Thought I’d Never Utter.” Foreign Policy. https://foreignpolicy.com/2018/06/19/at-least-during-the-internment-are-words-i-thought-id-never-utter-family-separation-children-border/
[9]  Racial Disproportionality and Disparity in Child Welfare. November 2016. Child Welfare Information Gateway. https://www.childwelfare.gov/pubPDFs/racial_disproportionality.pdf
[10]  Layton L. (2006). Attacks on Linking. In: Layton L, Hollander NC, Gutwill S, editors. Psychoanalysis, Class and Politics: Encounters in the Clinical Setting. New York: Routledge.
[11]  Farmer, P. (2004). Pathologies of Power. Berkeley: Univ of California Press.
[12]  Selbst die Einwanderungsgesetze, die ausdrücklich dem Familienzusammenhalt Vorrang geben, haben sich als problematischer erwiesen, als dies auf den ersten Blick scheinen mag, da sie als Mittel eingesetzt wurden, ein Quoten-System durchzusetzen, das die Einwanderung von vielen Farbigen drastisch einschränkte oder verhinderte. Siehe: Wolgin, P. E., February 12, 2018. “Family Reunification Is the Bedrock of U.S. Immigration Policy,” Center for American Progress. https://www.americanprogress.org/issues/immigration/news/2018/02/12/446402/family-reunification-bedrock-u-s-immigration-policy/

Aus dem Englischen übersetzt von M.A. Luitgard Feiks und Jürgen Muck, Nürtingen am Neckar.
 

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