Europa am Scheideweg: der Flüchtlingskrise mit Solidarität oder mit moralischer Panikmache begegnen

Dr. Kinga Göncz
 

Ein durchschnittlicher ungarischer Staatsbürger hat im Laufe seines Lebens mehr UFO-Sichtungen, als dass er Einwanderer zu Gesicht bekommt

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1)    „Ein durchschnittlicher ungarischer Staatsbürger hat im Laufe seines Lebens mehr UFO-Sichtungen, als dass er Einwanderer zu Gesicht bekommt”

So lautet der Slogan bzw. die Parole auf einem der Poster während der ungarischen Poster-Kampagne, die vor dem Referendum im Oktober 2016 stattfand. Dieses Poster einer ungarischen Satire-Partei hatte aber durchaus ein ernsthaftes Anliegen, indem es nämlich indirekt zu verstehen gab, dass die Regierung die Flüchtlingskrise für ihre eigenen Zwecke und Machtinteressen missbrauchte, und zwar dadurch dass sie die Wirklichkeit vorsätzlich entstellte, und auf diese Weise innerhalb der ungarischen Bevölkerung der Angst, der Paranoidität sowie der allgemeinen Ablehnung der Asylsuchenden Vorschub leistete: dazu muss man wissen, dass es allein auf die Initiative der ungarischen Regierung hin geschah, dass überhaupt ein Referendum, d. h. eine Volksabstimmung, durchgeführt wurde. Und im Zuge dessen forderte die ungarische Regierung die ungarischen Staatsbürger auch dazu auf, dabei mit zu helfen, “Ungarn vor illegalen Einwanderen zu schützen” und die durch die europäischen Bestimmungen sanktionierte und “erzwungene Niederlassung von Fremden in Ungarn zu verhindern”, indem sie mit einem “nein” stimmten. Die verpflichtende Ouoten-Regelung der EU zur Aufnahme von Flüchtlingen, gegen die sich Orban – der ungarische Ministerpräsident – so vehement zur Wehr setzte, zielte nun allerdings zunächst einmal lediglich darauf ab, Asylsuchende (wohlgemerkt nicht illegale Einwanderer!) auf die verschiedenen Mitgliedsstaaten der europäischen Union zu verteilen. (Die Ouoten-Regelung verpflichtete die einzelnen europäischen Mitgliedsstaaten nicht dazu, den Asylsuchenden automatisch dauerhaftes Wohnrecht zu gewähren). Diese Quoten-Regelung sollte zunächst einmal vor allem dazu dienen, das in jedem einzenen Fall durchzuführende Verfahren zur Anerkennung als Asylbewerber zu beschleunigen.
Die Art und Weise, wie in Ungarn tatsächlich mit der Migrationsproblematik umgegangen wurde, einschließlich der Durchführung des Referendums, stand jedoch ohne Zweifel in erster Linie im Dienste der politischen Interessen der ungarischen Regierungspartei, die soeben im Begriff war, mehr und mehr an Popularität einzubüßen, wofür sicherlich nicht nur die zahlreich bekannt gewordenen Korruptionsfälle verantwortlich zu machen waren, sondern darüber hinaus auch die weit verbreitete Günstlings- bzw. Vetternwirtschaft innerhalb der Partei sowie deren Unempfänglichkeit und Gleichgültigkeit gegenüber den sozialen Belangen der ungarischen Staatsbürger.

Als im vergangenen Sommer ein gewaltiger Strom von Flüchtlingen und Migranten die ungarische Grenze überquerte, ergriff die Regierung prompt diese Gelegenheit beim Schopf und nutze diesen Umstand zu ihrem eigenen Vorteil, indem sie darauf hin arbeitete, dass eine Situation entstand, die die ohnehin schon bestehende prekäre Flüchtlingsproblematik nur umso weiter verschärfte und dann eben auch umso krasser erscheinen ließ: zunächst einmal sorgte die Regierung dafür, dass der gesamte Flüchtlingsstrom durch die Innenstadt von Budapest geleitet wurde, ohne den betreffenden Menschen zuvor irgend eine Erklärung bzw. Information, Hilfe oder Unterstützung mit auf den Weg gegeben zu haben. Im Anschluss daran ließ sie die Menschen dann zu Fuß auf der Autobahn in Richtung Österreich marschieren - dazu muss man wissen, dass bei all dem von Anfang an klar war, dass diese Menschen überhaupt nicht vorhatten, in Ungarn zu bleiben und sich dort nieder zu lassen - sondern dass sie sich lediglich auf der Durchreise befanden. Es dauerte nicht lange, bis die Zivilbevölkerung Ungarns - die das Leid und Elend der Flüchtlinge und Migranten sah – sich in Eigeninitiative organisierte, um den sich auf der Flucht befindlichen Menschen auf privater Basis Hilfe, d. h., Nahrung, Schutz und Unterkunft, sowie medizinische Versorgung, zukommen zu lassen.

Orban machte sich diese – man darf wohl sagen erschütternde Situation – kurzerhand zunutze, indem er sich selber als denjenigen deklarierte und präsentierte, der als Einziger in der Lage wäre, Ungarn (und in der Folge dann auch ganz Europa ) vor der mit dieser neuzeitlichen Migrationsflut und der damit einhergehenden Gefahr zu beschützen. 

Orban ließ um das ganze Land herum einen Stacheldrahtzaun errichten und initiierte ein Referendum.
Schließlich ließ es sich Orban nicht nehmen, die Publikmachung des Referendums selbst zu übernehmen, und zwar genau an dem Tag, als eine andere Referendumsinitiative sattfinden sollte, (die Orban und seinen Machtinteressen unter Umständen hätte gefährlich werden können, weil sie von einer oppositionellen Partei durchgeführt wurde), deren Zustandekommen dann allerdings illegal und durch physische Gewaltanwendung von Seiten einer Neo-Nazi Gruppierung verhindert und vereitelt wurde. 

Da die regierende Partei in der Lage ist, die gesamten öffentlichen Medien zu kontrollieren und darüber hinaus auch so gut wie alle privaten Fernsehanstalten, einschließlich der Printmedien und Zeitungen, machte sie sich diesen Umstand auch in diesem Falle umgehend zunutze und ließ die Asylsuchenden in ihrem Sinne, d. h. in einem völlig verfälschten Licht, erscheinen.

Und so kam es also, dass Flüchtlinge schließlich als 'illegale Einwanderer' bezeichnet wurden und mehr noch, dass sie als 'potentielle Terroristen und Gewalttäter' diffamiert wurden, die 'unsere Töchter belästigen und bedrohen', und die uns obendrein 'unsere Jobs wegnehmen' und 'unser Land in Besitz nehmen'. Dasjenige visuelle Bild – das uns im öffentlichen Fernsehen alle 15 Minuten vorgespielt und wieder und wieder vor Augen geführt wurde – zeigte uns einen endlosen Flüchtlingsstrom, bestehend aus einer gesichtslosen Menschenmenge, allesamt junge Männer mit dunkler Hautfarbe und dunklem Haar, die sich unaufhaltsam auf den Straßen Ungans vorwärts bewegte. Darüber hinaus bekam man zu hören, dass sich bereits jetzt eine weitere Million Menschen hierher zu uns auf dem Wege befänden.

Von nun an hatten die Menschen in Ungarn nicht länger leidende Frauen und Kinder vor Augen, sondern nur noch eine schrecklich bedrohliche, unendliche Menschenmenge, die dabei war, ganz Europa zu überrollen.
Während der gesamten drei Monate vor dem Referendum, wurden auf die Initiative der Regierung hin überall im ganzen Land riesige Poster aufgehängt, die allesamt darauf abzielten, die Menschen dazu aufzurufen mit einem “nein” zu votieren, genauer gesagt, sich zu entscheiden zwischen Budapest (das die gegenwärtige bedrohliche Situation richtig einschätzte) und Brüssel (welches Ungarn dazu zwingen wollte, diese gewaltbereiten, gefährlichen Leute aus der Fremde bei sich aufzunehmen). Den Menschen in Ungarn wurde außerdem die Botschaft vermittelt, dass sie dafür bestimmt und auserkoren seien, das europäische Christentum vor fremden Einflüssen zu bewahren, was natürlich gleichzeitig implizit soviel besagte wie, dass sich Gott auf “unserer”, d. h., auf Ungarns Seite befindet, und dass folglich die Vorgehensweise der ungarischen Regierung absolut legitimiert und gerechtfertigt sei.

Die Kosten für diese von der Regierung initiierte und durchgeführte Kampagne waren drei Mal höher, als das sonst im Durchschnitt bei irgend einer nationalen Wahlkampagne der Fall ist - was darauf hindeutet, wie viel für die ungarische Regierung bei all dem auf dem Spiel stand.

Die Auswirkungen dieser Kampagne schlugen sich dann auch deutlich im Wahlergebnis des Referendums nieder: 98 % der Bürger, die sich an der Wahl beteiligt hatten, stimmten mit einem “nein”, bei einer Wahlbeteiligung allerdings von nur 40 %.

Was das Referendum jedoch schließlich tatsächlich und vor allem bewirkte, war die rasante Zunahme der Xenophobie – die Angst vor Migranten ist unter allen EU-Ländern in Ungarn am größten, und zwar trotz der Tatsache, dass so gut wie keine Asylsuchenden und Migranten in Ungarn bleiben, um sich dort auf Dauer nieder zu lassen.

2)    Moralische Panikmache als politische Strategie

Wenn wir uns gegenwärtig in der Welt umschauen, dann können wir allenthalben ein Phänomen beobachten, das man als moralische Panikmache bezeichnen könnte – gemeint ist eine Art des Reagierens auf etwas, die sich nicht mehr mit rationalen bzw. vernünftigen Beweggründen erklären läßt. Und genau hier an dieser Stelle kann uns möglicherweise die Psychoanalyse weiterhelfen und uns die ein oder andere Erklärung oder Einsicht liefern.

Moralische Panik bzw. moralische Panikmache ist ein Terminus, den wir immer dann verwenden, wenn wir es mit einer gesellschaftlichen Reaktion auf eine bestimmte Situation oder einen Umstand zu tun haben, die uns als “irrational” erscheint. Ist dann die betreffende Situation uneindeutig und unklar oder gar widersprüchlich, wie das ja häufig der Fall ist, so tun die Medien das ihre dazu, die Situation tendenziös und in einem ganz bestimmten, d. h. einseitigen Licht erscheinen zu lassen. Aber das Mittel der moralischen Panikmache wird bisweilen auch von Politikern ganz bewusst strategisch eingesetzt mit der Absicht, soziale Ängste zu schüren, um auf diese Weise die Aufmerksamkeit der Bürger von anderen bestehenden drängenden Problemen abzulenken (Rohloff & Wright, 2010).

Obwohl moralische Panik für gewöhnlich nur eine zeitlich begrenzte, also vorübergehende Erscheinung ist, übt sie dennoch auf den gesellschaftlichen Prozess oftmals eine langfristige Wirkung aus.

Zeiten moralischer Panik führen dann häufig dazu, dass irgendwelche Gesetzesänderungen eingeführt werden – wobei diese Gesetze sehr oft lediglich dazu dienen, eine repressive Wirkung auszuüben. Diese Gesetzesänderungen führen zwar in der Regel tatsächlich dazu, dass die Ängste innerhalb der Gesellschaft in gewisser Hinsicht reduziert und abgeschwächt werden, tragen aber letztlich nicht wirklich zu einer Aufarbeitung oder Lösung der betreffenden Krisensituation bei. Da wir es im Fall von moralischer Panik mit einem Phänomen zu tun haben, das aus “irrationalen” Beweggründen heraus entstanden ist, sind auch die Lösungsversuche zumeist “irrationaler” Natur.

Man kann wohl mit Fug und Recht behaupten, dass die Art und Weise, wie Ungarn mit der Flüchtlingsproblematik strategisch umgegangen ist, es verdient, 'moralische Panikmache' genannt zu werden, was schließlich zu einer Situation geführt hat, aus der die politische Elite Ungarns sich einen Vorteil zu verschaffen erhoffte.

Die Angst und Besorgnis innerhalb der ungarischen Bevölkerung erfuhr eindeutig einen massiven Anstieg, nachdem die ungarische Regierung ihre unmissverständlich warnende Botschaft über eine mögliche von der Migrationswelle ausgehende Bedrohung auf dem Wege über die unterschiedlichsten Medien verkündet hatte.
In dem Moment, wo die Unsicherheit wächst, neigen die Menschen immer sehr schnell dazu, auf primitive Abwehrmechanismen wie etwa Spaltung zurück zu greifen, wobei dann zwangsläufig die negativen Selbst- und Objektanteile nach draußen projiziert werden.

Die gesichtslose, bedrohliche Menschenmenge junger Männer, als die die aus fremden Ländern kommenden Migranten in den Medien präsentiert und wiederholt abgebildet wurden, bildete schließlich eine optimale Projektionsfläche für die negativen Selbst- und Objektanteile der Einheimischen.

Man kann also sagen, je tiefgreifender die Spaltung und Projektion, desto bedrohlicher erscheint der “Andere”, was wiederum das Schutzbedürfnis und den Wunsch nach Sicherheit nur umso größer werden lässt.
Der Stacheldrahtzaun, den Orban an den Außengrenzen von Ungarn errichten ließ, brachte diese psychologischen Abwehrmechanismen geradezu perfekt auf einer konkrekt materiellen Ebene zum Ausdruck.  Orban errichtete eine undurchlässige Sperre bzw. Barriere zwischen den ”Guten” (repräsentiert durch die Ungarn als die vermeintlichen Bewahrer des Christentums) und den “bösen Anderen” (repräsentiert durch die Migranten). So gesehen ist der Stacheldrahtzaun nicht einfach nur ein Schutzwall, sondern er ist gleichzeitig auch ein Indikator für das immense Ausmaß der Angst: durch diesen Stacheldrahtzaun kommen regelmäßig Tiere zu Tode, wenn sie den Versuch unternehmen, den Zaun zu überwinden.

Um für den grausamen und zutiefst politisch motivierten Charakter der Vorgehensweise der ungarischen Regierung in dieser Krisensituation eine mehr als schlagende Evidenz zu liefern, sei hier an dieser Stelle noch folgende Information hinzu gefügt: während sich die ungarische Regierung einerseits strikt weigerte, der Forderung von Seiten der EU, 2000 Flüchtlingen vorübergehend im Land Aufenthalt zu gewähren, nachzugeben und stattdessen die Außengrenzen hermetisch abriegelte, verkaufte die ungarische Regierung andererseits dann mehrere tausend langfristige Aufenthaltsgenehmigungen an Personen, die über die entsprechenden finanziellen Mittel verfügten und also sehr teuer dafür bezahlten. Darunter befand sich auch ein Milliadär aus Saudiarabien, gegen den ein internationaler Haftbefehl vorlag, weil er im Verdacht stand, terroristische Organisationen finanziell unterstützt zu haben, und der gegenwärtig mit der Familie des ungarischen Premierministers Geschäfte macht.

3) Der Prozess der Zivilisation und die dezivilisierende Wirkung moralischer Panikmache

Norbert Elias befasst sich in seinem “Prozess der Zivilisation” (1976) mit der Beziehung zwischen den “langfristigen Wandlungen des Verhaltens” und dem Prozess der “Staatenbildung”: in der modernen Welt gibt es aufgrund des Bevölkerungswachstums und der zunehmenden Arbeitsteilung eine wachsende Interdependenz zwischen den Individuen – die von Norbert Elias verwendete Grundbegrifflichkeit dafür lautet: die überindividuell fixierte “Figuration” von interdependent agierenden Menschen. 

Der Demokratisierungsprozess bzw. Zivilisationsprozess erfordert wachsenden “Selbstzwang” und wiederholt vollzogene wechselseitige Identifikation der Akteure: von den Menschen wird erwartet, Selbstdisziplin zu üben oder, wie Elias es ausdrückt, sich selbst zu disziplinieren, ihre Triebe (Aggression, sexuelles Begehren) zu unterdrücken (Elias verwendet dafür den Terminus: “Dämpfung der Triebe”) und sich jede offene Äußerung von Aggressivität gegenüber anderen zu versagen.

In psychoanalytischer Terminiologie ausgedrückt könnte man es vielleicht folgerndermaßen formulieren: im Zuge des Zivilisationsprozesses können die verdrängten Sexual- und Aggressionstriebe entweder in den Dienst gesellschaftlich positiver Zielsetzungen gestellt werden, oder aber es kann – in (wirklichen oder auch nur vermeintlichen) Krisenzeiten -  zu einem Regressionsschub innerhalb der Großgruppe kommen, wobei dann frühe (mehr archaische und primitive) Abwehrmechanismen unweigerlich die Oberhand gewinnen.

Als Folge des fortschreitenden Zivilisationsprozesses ist die Gesellschaft Europas im Wesentlichen durch eine unterdrückte Sexualität und zudem durch Überalterung geprägt. Vor diesem Hintergrund betrachtet repräsentiert die endlose Menge junger männlicher Flüchtlinge und Migranten eine dynamische Großgruppe junger Männer mit einer starken maskulinen Ausstrahlung, was im Betrachter nolens volens Gefühle von Neid und Ambivalenz hervor ruft angesichts der vermeintlich überlegenen sexuellen Potenz, in der die verbotenen sexuell aggressiven Triebe der jungen Männer aus der Fremde zum Ausdruck kommen. Mit ihrem destruktiven Potential sind diese Männer sowohl Vater- als auch Sohnrepräsentanzen. Und so stellen sie als Männer einerseits ein Objekt des Begehrens und andererseits ein Objekt der Angst dar.

Die Fälle von sexueller Belästigung, von denen die Medien stets bevorzugt und mit großer Ausführlichkeit berichten, und die dadurch beim Zuhörer bzw. Zuschauer ausgelösten Vergewaltigungsphantasien sind ein deutliches Indiz für diese Ambivalenzgefühle, die auf diese jungen Männer aus fremden Ländern projiziert werden. (Cohen, 2002)

Der Prozess der Zivilisation, wie er von Norbert Elias beschrieben wird, verläuft nicht linear – von Zeit zu Zeit kommt es zu Dezivilisierungsschüben im Laufe dieses Prozesses, wobei moralische Panikmache infolge einer erhöhten Gefahrensituation eine solche mögliche Episode von Dezivilisierung darstellt.

Im Fall von moralischer Panikmache wird die real existierende Gefahr künstlich hochgespielt und willentlich aufgebauscht; und dabei wird dem Staat dann gleichzeitig unterstellt bzw. vorgeworfen, er ergreife nicht länger die geeigneten Maßnahmen, um diese aktuellen Gefahren effektiv zu bekämpfen. Wenn moralische Panik erst einmal angefangen hat um sich zu greifen, dann besteht natürlich immer die Gefahr, dass den Menschen ihre zuvor zivilisierten Verhaltensweisen abhanden kommen, und dass das Gewaltmonopol des Staates mehr oder weniger in Gefahr gerät praktisch ausgehebelt zu werden.

Ein überaus sprechendes Beispiel für solch einen Dezivilisierungsprozess konnten wir im Verhalten einer Journalistin beobachten, deren Aufgabe es war, darüber zu berichten, wie die Flüchtlinge die ungarische Grenze überquerten: nun war es so, dass diese junge Frau den auf der Flucht befindlichen Migranten ab einem bestimmten Zeitpunkt immer wieder Fußtritte und Stöße versetzte, unter anderem auch einem Vater, der seinen Sohn auf der Flucht in den Armen trug. Die internationalen Medien verbreitenen später dieses Video, welches die dezivilisierenden Auswirkungen moralischer Panikmache evident werden ließ, aber natürlich auch den Hass, der dadurch gegen all jene geschürt wird, die fortan nicht länger als Mitmenschen angesehen werden und nunmehr die Bürde all der in sie hinein projizierten schlechten Selbst- und Objektanteile zu tragen haben.

4) Globalisierung und das Anwachsen des reaktionären Nationalismus als Nährboden für das Aufkommen von moralischer Panik in Europa

Ungarn war das erste Land, welches für ein Volksreferendum plädierte und im Zuge dessen seine Bürger dazu aufrief dafür zu stimmen, den Flüchtlingen das Recht auf Asyl zu verweigern. Dabei diente dann der Regierungspartei das Abstimmungsergebnis wiederum als Legitimierung für die Errichtung eines massiven Stacheldrahtzauns an den Außengrenzen von Ungarn.

Ungarns Ministerpräsident war der erste Regierungschef in Europa, der blitzschnell erkannte, dass die Flüchtlinge sich hervorragend dafür eigneten als Sündenbock her zu halten; genauer gesagt, mit ihnen bot sich Orban endlich eine “perfekte Zielscheibe”, auf die die allgemeine Unzufriedenheit der ungarischen Staatsbürger mit, einschließlich ihrer Wut auf, die Regierung umgelenkt werden konnte.

Aber dennoch dürfen wir bei all dem nicht aus dem Blickfeld verlieren, dass Ungarn zwar dasjenige europäische Land ist, welches zuerst und am offensichtlichsten diese Richtung einschlug, mit den Flüchtlingen und Asylsuchenden umzugehen, dass aber auch andere Länder oder Staaten nicht davor gefeit sind so oder ähnlich zu handeln. Aus diesem Grunde ist es auch so wichtig, sich mit der psychologischen Dynamik eingehender auseinander zu setzen, um so gut als möglich zu verstehen, was genau solchen dezivilisierenden Prozessen zugrunde liegt, und zwar weil uns doch allen daran gelegen sein muss, solche dezivilisierenden Tendenzen und Prozesse anderswo, wenn irgend möglich, erst gar nicht entstehen zu lassen, zumal sie sich – sind sie erst einmal in Gang gekommen – rasch verselbstständigen und u. U. wie ein Lauffeuer um sich greifen können.
Wenn man sich die mit der aktuellen Flüchtlingskrise in Zusammenhang stehende Problematik einmal ausschließlich von europäischer Sicht aus betrachtet, so trifft es natürlich durchaus zu, dass all die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit ein gewaltiger Schock für die Menschen in Europa gewesen sind: man denke an all die vielen in den letzten Jahren weltweit verübten Terroranschläge, bei denen regelmäßig so viele unschuldige Zivilisten zu Tode gekommen sind, und dann eben auch an die über eine Million Flüchtlinge und Migranten, die auf der Balkanroute nach Europa herein drängten, um sich auf den Weg zu machen nach Deutschland oder in eines der skandinavischen Länder, wo sie Zuflucht zu finden hofften.

Obwohl der Mittlere Osten schon seit einigen Jahren ein brodelnder Krisenherd ist, hat es Europa dennoch zu lange verabsäumt, auf die damit einhergehenden Herausforderungen angemessen zu reagieren (man könnte im Gegenteil sagen, dass Europa vermutlich eher noch zu einer Verschärfung der bestehenden Probleme beigetragen hat). In jedem Fall hat Europa die Augen so lange vor der Realität des Mittleren Ostens verschlossen, bis die Auswirkungen der dortigen Krisensituationen schließlich den europäischen Kontinent direkt und ganz unmittelbar ereicht und eingeholt haben, und zwar eben in Form des nach Europa herein drängenden Flüchtlingsstroms, der Massenmigrationswelle und der terroristischen Anschläge. Erst diese aktuelle Krisensituation führte dann - allerdings sehr schnell - dazu, dass einer der fundamentalsten kollektiven Abwehrmechanismen des Europäers – nämlich die Verleugnung – nicht länger aufrecht erhalten werden konnte.
Wie wir inzwischen wissen, kommt es in einer globalisierten Welt unweigerlich zu einer Schwächung der sozialen Bindungen, und zwar vor allem infolge einer vermehrten Tendenz hin zur Individualisierung und Isolation. Aber eine komplexer werdende Welt begünstigt notgedrungen immer auch das Aufkommen von Gefühlen der Angst und der Unsicherheit. In dem Bestreben der Menschen, erneut so etwas wie Sicherheit und Verlässlichkeit zu finden, bietet sich ihnen dann möglicherweise die Gelegenheit zur Identifizierung, und zwar fatalerweise zur Identifizierung mit einer nationalen Partei oder national gesinnten Gruppierung. Dies impliziert jedoch, dass sich die Einheimischen, von dem Moment an, wo sie sich zu einer solchen nationalen Gruppe bekennen, umso entschiedener von den Fremden und all jenen, die 'anderswo hingehören' absetzen und abgrenzen, weil sie diese von nun an lediglich als die bedrohlichen “Anderen” erleben.

Populistische und extrem rechtsgerichtete politische Bewegungen machen Versprechungen auf ein politisches Programm, das vorgibt, die Garantie dafür zu liefern, dass das verlorene Paradies mit einer Welt, wo noch alles sicher, in Ordnung und einfach war, mit ihrer spezifischen politischen Strategie wieder hergestellt werden kann. Vor allem wollen sie den Bürgern die Illusion vermitteln, dass das Chaos der Globalisierung zu vermeiden wäre, wenn man nur begreifen würde, dass die Flüchtlinge draußen bleiben müssen und gar nicht erst hereingelassen werden dürfen.

Diese neue Form des Nationalismus' suggeriert eine neue Möglichkeit der Identifikation, der Zusammengehörigkeit, sowie der Sicherheit. Aber diese neue Bindung des Individuums an die Nation, mitsamt dem dazugehörigen gesteigerten Zugehörigkeitsgefühl, fordert vom Einzelnen einen hohen Preis: eine narzisstische Besetzung des Ideal-Selbst.

Wie Vamik Volkan zu Recht argumentiert: in Krisenzeiten tendieren die Menschen dazu, ihre unterschiedlichen Identitäten mitsamt ihren reiferen Abwehrmechanismen aufzugeben und über Bord zu werfen, um sich dafür lieber gemeinsam mit anderen unter das “riesige Zelt” einer Großgruppe zu begeben, der sie sich nunmehr zugehörig fühlen, und wo sie sich dem Gefühl vereint zu sein anheim und hingeben können, was allerdings nur unter der Bedingung möglich ist, dass das Individuum in primitive, längst überwunden geglaubte  Abwehrmechanismen zurück fällt, wie etwa Spaltung, Projektion und Externalisierung, was dann allerdings wiederum ganz generell einer paranoiden Seelenverfassung Vorschub leistet. Auch wenn dieses Verhalten, sich gemeinsam unter ein “riesiges Zelt” zu begeben, den Menschen zunächst einmal erneut das Gefühl von Sicherheit verschafft, so entsteht damit doch auch gleichzeitig das starke Bedürfnis nach einem mächtigen Führer, zu dem sie aufschauen können und der ihnen Geborgenheit und Sicherheit garantiert. Man könnte sagen, dass die unbewussten Bedürfnisse des potentiellen Führers und die unbewussten Bedürfnisse der Großgruppe einander gegenseitig bekräftigen und verstärken, aber gleichzeitig auch den Narzissmus auf beiden Seiten nähren. (Volkan, 2014).

Im Fall von Ungarn konnten wir ganz deutlich solch einen regressiven Prozess der Großgruppe registrieren und ebenso das Wechselspiel der Bedürfnisse der Großgruppe mit den psychologischen (und politischen) Bedürfnissen ihres Führers. Dabei bedient sich Orban – der Führer – der moralischen Panikmache, und zwar mit der Intention, das Zusammenhaltsgefühl der Großgruppe zu stärken, was ihm ganz einfach dadurch gelingt, dass er beim ungarischen Volk vorsätzlich die Angst vor den Flüchtlingen und Migranten schürt. In dieser vermeintlich bedrohlichen Situation ersehnen und erhoffen sich die Menschen dann wiederum einen “Retter” oder “Erlöser”, und da scheint er, Orban, genau der Richtige dafür zu sein, d. h. derjenige, der für die nötige Sicherheit und den notwendigen Schutz seiner Bürger sorgen kann. Dieser ins Rollen geratene Dezivilisierubngsprozess – das heißt, die Regression der Großgruppe – garantiert die Externalisierung sämtlicher schlechter Selbst- und Objektanteile (einschließlich der schlechten Anteile des Führers), die nunmehr auf die “Feinde”, i. e. die “illegalen Migranten”, projiziert werden und wo dann der ungestörten emotionalen Vereinigung von Führer und seiner Anhängerschaft nichts mehr im Wege steht.

5) Wie kann man der Entstehung von regressiven Großgruppenprozessen in Europa entgegen wirken oder diese verhindern?

Europa ist zu Recht stolz auf seine fundamentalen Werte, als da sind: Menschenwürde, Gleichheit, Antidiskriminierung, Religionsfreiheit, etc. Diese Werte stehen im krassen Gegensatz zu denjenigen, wie sie für die regressiven Großgruppenprozesse typisch sind, deren Idealvorstellung es ist, eine möglichst klare Unterscheidung zu treffen zwischen “uns” und den “Anderen”. Die Anhänger einer solchen regressiven Großgruppe insistieren auf Distanz und Demarkation, und sie errichten konkret materielle Barrieren, in dem Bestreben sich ihr Ideal-Selbst sowie die Illusion von absoluter Sicherheit mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu bewahren. Es scheint mithin zwei entgegengesetzte Möglichkeiten zu geben, mit der aktuellen Problematik umzugehen, wobei die Meinungen in Europa hinsichtlich des einzuschlagenden Lösungsweges zweigeteilt sind:
·        Einer der möglichen – allerdings äußerst gefährlichen – Wege besteht darin, die Flüchtlinge weiterhin zu dehumanisieren, in dem Bemühen, ihre Diskriminierung zu legitimieren und zu rechtfertigen, einschließlich die Tatsache, dass wir ihnen kaum mehr als ein Minimum an Nahrung, Obdach und Menschenwürde zugestehen. Allerdings müssen wir uns bewusst machen, dass wir bei solch einem Verhalten Gefahr laufen, unserer eigenen fundamentalen westlichen Werte früher oder später verlustig zu gehen, und dass wir, indem wir Zäune errichten, unsere eigene Freiheit aufs Spiel setzen und damit dem Fortschreiten der die Großgruppenregression Vorschub leisten, was wiederum dazu führt, dass wir nach omnipotenten Führen Ausschau halten müssen, die wir dann nicht mehr kontrollieren können. Die fatale Folge von all dem wäre, dass wir unser rationales Denken einbüßen und uns irgendwann in einer Realität vorfinden, die vollkommen verzerrt und entstellt ist.

·        Die andere Möglichkeit besteht darin, dass wir uns ernsthaft darum bemühen, unsere Solidarität und Identifikation mit all jenen zum Ausdruck zu bringen, die aus einem Kriegsgebiet geflohen sind und bei uns Zuflucht suchen, und dass wir uns aktiv und tatkräftig für die soziale Integration dieser Menschen einsetzen (was gleichzeitig bedeutet, dass wir unsere eigenen schlechten Selbst- und Objektanteile re-integrieren). Je mehr es uns nämlich gelingt, Ambiguität, Unsicherheit und Ungewißheit in uns selber auszuhalten und zu ertragen, desto eher sind wir davor gefeit, dem Sog und der Versuchung der regressiven Großgruppenprozesse zu erliegen. Wenn es uns wirklich ernst damit ist, die moralische Panikmache mitsamt den “irrationalen” Reaktionen darauf zu verhindern, und auch zu verhindern, dass etwas Vergleichbares wie in Ungarn auch in anderen europäischen Ländern passiert, und vielleicht sogar irgendwann in ganz Europa um sich greift, dann müssen wir alles daran setzen, die zugrunde liegenden Prozesse und Mechanismen zu verstehen und zu erkennen; und darüber hinaus auch unseren Mitmenschen dabei helfen, diese Prozesse besser zu durchschauen, damit sie der Gefahr entgehen, sich von irgend welchen omnipotenten, nationalistischen und populistischen Führern, die sich als “Retter” ausgeben, in die Irre führen und täuschen zu lassen.

Auch die politischen Strategien der Terroristen rechnen mit der Unsicherheit und der Angst der Menschen. Insgeheim hoffen sie nämlich darauf, dass die als Reaktion auf die verübten Terroranschläge ergriffenen Maßnahmen so unverhältnismäßig restriktiv ausfallen, dass am Ende nicht mehr viel von unseren in Europa so hochgehaltenen Grundwerten und Grundlagen unserer westlichen Kultur übrig bleibt: Werte wie Toleranz, Freiheit und Vertrauen würden dann nicht länger existieren. Wenn nun einige der europäischen Regierungschefs dieser Intention der Terroristen unbewusst oder bewusst zuarbeiten und quasi deren insgeheime Wünsche auf Zerstörung der westlichen Werte ungewollt unterstützen, dann werden sich die Terroristen letztendlich ins Fäustchen lachen können und sagen: Mission erfüllt!
Es steht nunmehr in unser aller Verantwortlichkeit, diesem Trend nach Kräften zu widerstehen ...

Literatur:
Cohen, P. (2002). Psychoanalysis and racism – reading the other scene.  In: A Companion to Racial and Ethnic Studies. (Eds. Goldberg, D. T. & Solomos, J.) Wiley-Blackwell. Pp. 170 - 201.
Elias, N. (1976). Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. 2 Bände. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.,
Rohlof, A. & Wright, S. (2010). Moral panic and social theory: Beyond the heuristic.  Current Sociology, 58. (3), 404 - 419.
Volkan, V. (2014). Psychoanalysis, International Relations and Diplomacy. A Sourcebook on Large-group Psychology. Karnac.
Aus dem Englischen übersetzt von M. A. Luitgard Feiks und Jürgen Muck, Nürtingen am Neckar.

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