Ist das ‘Überleben der Glühwürmchen’ das Nicht-Gegenwärtige der psychoanalytischen Praxis?

Prof. Dr. phil. Yolanda Gampel
 

Welche Position sollten Psychoanalytiker zum gesellschaftlich-politischen Bösen einnehmen, das in psychoanalytischen Sitzungen erkennbar wird?

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Ich werde drei Eigentümlichkeiten präsentieren, auf deren Basis sich die traumatischen Auswirkungen sozialer und politischer Gewalt beobachten lassen: das Böse, die als Abkömmling des Bösen gedachte soziale Gewalt und das Überleben der Lichter der Hoffnung, darunter die notwendige Existenz von Parzellen der Humanität als Träger des Wunsches nach Nicht-Zerstörung. 

I. Wozu führt Grausamkeit, das Böse, eine Realität, die sich gewaltsam aufdrängt und das Subjekt überrumpelt, und die dann Umwandlungen hervorbringt, die in der Geschichte erkennbar werden, im Kollektiv wie im Alltagsleben des Individuums? Ich möchte darüber nachdenken, wo diese katastrophalen und zugleich verschwiegenen und geheimen Umwandlungen im Rahmen unserer Arbeit als Analytiker stehen, in der Theorie und in der ‘Praxis’.

Im psychoanalytischen Denken sprechen wir nicht vom Bösen als solchem, wir wandeln es um in Konzepte wie Todestrieb, Aggression, Destruktion und Perversion, Fehlen eines beschützenden Subjekts, Objekt des Mangels und Trauma. 
 
Wir erfahren das Böse in einem einzigartigen und persönlichen Augenblick, in einem Augenblick des Angriffs oder Ansturms, aber wir können es nur nachträglich ans Licht bringen und jedes Mal, wenn wir das Ereignis des Bösen berichten, skizzieren wir einen anderen Aspekt der Situation, in der es sich uns enthüllte. Nur durch diese Vorstellungen oder Entwürfe wird es uns möglich sein, einen Weg zu finden, der unserem Denken Zugang zum Bösen gewährt. Die Erinnerung toleriert die Gestaltung des Abwesenden oder des höchst traumatisch Anwesenden in unterschiedlichem Umfang und in unterschiedlichen Dimensionen. Dies ermöglicht, dass diejenigen, die das Böse überlebt haben, eine in Worten fassliche Vorstellung davon finden, eine Metapher für das Unbeschreibliche.

Das Böse verändert beständig seine Form und seinen Inhalt; es findet Ausdruck und Äußerung in zahllosen Weisen. Dennoch ist seine Existenz eine Gewissheit, es lässt sich weder beseitigen noch ausrotten.

Im 20. Jahrhundert lernten wir eine besondere Form des Bösen kennen, welche sich in der Shoa äußerte: ein beispielloses historisches Geschehen. Die Zeugen der entsetzlichen Auswirkungen der Shoa zeichnen uns ein Bild des Bösen, das auf der Verdinglichung des Anderen beruht. Diese Verkörperung des Sadismus ist in Wirklichkeit weniger schreckenerregend als die tödliche Effizienz der ‘hervorragenden’ Ergebnisse, die ohne Furcht und mit einem einzigen Ziel angestrebt wurden: die bestehende Ordnung zu beseitigen und sie durch eine andere zu ersetzen, die in ‘Ordnung und Sauberkeit’ bestand und für die die europäischen Juden vernichtet werden mussten. Auch wenn die Shoa mit der Beendigung des Zweiten Weltkriegs endete, stellt sie einen bedeutenden Sprung im Begehen des Bösen dar, das nun nicht mehr im Absoluten ist wie es zuvor war. Welche Position müsste der Psychoanalytiker angesichts des Bösen im gesellschaftlichen und politischen Bereich einnehmen, eines Bösen, das unvermeidlich Niederschlag findet in der analytischen Sitzung? Angesichts des Umstands, dass die Taten tiefe Spuren im Individuum und in der kollektiven Geschichte hinterlassen, werden wir notwendigerweise die Auswirkungen dessen, was ich radioaktive Rückstände nenne, entdecken. Die Metapher der Radioaktivität macht absolut keinen Unterschied: wir alle können passive Empfänger sein aufgrund der einfachen Tatsache, dass wir einer Nation angehören, dass wir in der Gesellschaft leben. In ähnlicher Weise können wir alle Überträger sein durch die bloße Tatsache, dass wir soziale Subjekte sind. Die radioaktive Wirkung von gesellschaftlicher Gewalt ist dem sozialen Raum eingeschrieben. Wenn jemand diese metaphorische Radioaktivität in sich trägt, ob in seiner Psyche oder in seinem Körper, wie einen Stempel, wie einen Identifikationskern oder auf irgendeine andere Art, wird er sich irgendwann selbst begegnen, als wäre er eingezwängt, gefangen, als hätte man ihm die Fähigkeit geraubt, sein eigenes Leben zu leben (Gampel 2005, 2019).

II. Im Folgenden werde ich von gesellschaftlicher und politischer Gewalt als Abkömmling des Bösen sprechen.     Ich werde nur Ereignisse erwähnen, die sich 2014 und 2015 in Israel und in Europa ereignet haben. Als Leser können Sie beim Nachdenken von dem ausgehen, was sich in Südamerika, in Mittelamerika, in Afrika, usw. ereignet hat. 

Wenn ein Ereignis in einem Kontext von Uniformität auftaucht, erzeugt es einen Unterschied, etwas Unvorhersagbares. Dennoch verwandelte sich seit Januar 2015 die rasche Abfolge der Ereignisse in einen einförmigen Hintergrund. Wir wussten, dass das so weitergehen würde; wir konnten vorhersagen, dass neue Ereignisse auftauchen würden, nicht aber, wo sie eintreten würden. Es ist, als hätten diese Ereignisse Bedeutung und Funktion gewechselt und als hätten sie sich in einen Teil des Alltagslebens verwandelt. Was wir empfanden, war eine Form des Überlebens, nicht des Lebens.

Januar 2015 Charly in Paris, die Messerattacken in Israel, die sogenannte ‘Flüchtlingskrise’ des Sommers 2015. Viele Menschen flohen vor dem Krieg, vor Terror und Verfolgung, auf der Suche nach einer besseren Zukunft. In Europa entstand einerseits eine Welle der Solidarität seitens der Zivilgesellschaft, andererseits wurde aber auch eine heftige Debatte über Sicherheitspolitik und Grenzkontrolle entfesselt. Die ‘Flüchtlingskrise’ trug zum erneuten Aufflammen der Debatten über Grenzen als Demarkationslinien der Herrschaft bei, über Recht und Identität im Allgemeinen, über die Notwendigkeit, die Außengrenzen dicht zu machen und gleichzeitig innere Probleme niederzuwalzen und zu hinterfragen. 

Paris, 13. November 2015, 22:30. Das ungezügelte Denken des Islamismus, der Populismus, der Antisemitismus, der Hass, der zur Verfolgung der Verdächtigen führt, die Legitimierung der Verschwörungstheorie, der Terror, die Identifizierung des Feindes, der unter uns ist. Einen Feind attackieren, der unter dem Schein des Guten verborgen ist, und den Anderen, den man für verantwortlich hält für das menschliche Leid, rückhaltlos bestrafen. 

Am Freitag nach der Ermordung von drei jungen Leuten, die in einer Bar in Tel Aviv Geburtstag feierten, erhielt ich die Bitte um ein dringendes Gespräch. Eine junge Frau, die nach Israel gekommen war, um Verwandte zu besuchen, hatte Panikattacken bekommen, begleitet von Zittern, Weinen, Angst und Augenblicken der Lähmung. O. berichtet, sie habe aus beruflichen Gründen reisen müssen und an jedem Ort, an dem sie gewesen war, ereignete sich ein terroristischer Anschlag. Sie war am 13. November in Paris, nahe am Ort des Massakers. In der folgenden Woche, als sie mit dem Zug nach Belgien fuhr, wurden sie und die anderen Passagiere gezwungen, in ihren Waggons zu bleiben, weil die Stadt abgesperrt worden war. Schließlich kam sie einen Tag vor dem Attentat in der Dizengoff-Straße nach Israel.

Sie fragt mich, ob ich irgendeinen Ort auf der Welt wüsste, wo Frieden herrscht. Aus dem, was sie in den täglichen Sitzungen in dieser Woche erzählte, erfuhr ich, dass Gewalt für O. ein beständiger Lebensumstand ist, nicht nur ein schwerwiegendes einmaliges Ereignis. Das Gespräch wurde bisweilen durch ihre innere Verwirrung unterbrochen, während ihre Erzählung bei anderen Gelegenheiten äußerst assoziativ war. Durch diese Verbindungen tauchten kritische, schmerzvolle, dem Denken entzogene Momente auf, die mit politischer und sozialer Gewalt verbunden waren. 

Diese Augenblicke konnten nicht gefasst und gehalten werden und hatten als kumulative Traumen gewirkt, die sie ins Exil trieben, auf der Suche nach einem Übergangsraum auf den Planeten Erde. O. stammt aus Südafrika, sie und ihre Arbeitskollegen wurden in ihrem Büro mit Messern attackiert. Einige starben, aber sie konnte sich retten. Eine Woche danach verließ sie jedoch ihr Heimatland und begann, durch die Welt zu streifen.

Das Schaudern ließ nach. Beklemmung und Angst blieben, aber mit geringerer Intensität. Sie kann arbeiten und mit anderen kommunizieren. Während unseres fünften Treffens wurde der ängstliche Ton schwächer, aber großer Schmerz und große Zerbrechlichkeit hielten an. Sie berichtet einen Traum, der Traurigkeit auslöst. Ich merke an, dass es mir vorkommt, dass sie heute traurig sei. Sie bricht in Tränen aus und beginnt, über die Schwierigkeit zu sprechen, die es für sie bedeutet, nicht in Südafrika leben zu können. Es sei ein schönes Land, mit einer großartigen Landschaft von Bergen und Wäldern. Sie hatte geglaubt, sie würde immer dort leben, aber so würde es nicht sein. Sie berichtet von zwei weiteren entsetzlichen Episoden von Angriffen auf entlegene Berghütten durch Banden von Räubern und Mördern. Niemals wird sie frei eine Entscheidung treffen können.

Meine Arbeit als Psychoanalytikerin in den vorangegangenen Monaten, im Sommer 2014, war eine beständige Herausforderung. Mitten im Gaza-Krieg war ich in Kontakt mit meinen israelischen Patienten in meiner Praxis und mit meinen Kollegen aus Gaza, durch beständige Beratungsgespräche. Die Arbeit während dieser Zeit bedeutete eine beständige Herausforderung, eine Verflechtung übereinander gelagerter Welten (Puget y Wender, 1982), in welcher Patienten und Therapeuten zusammenleben, es gibt einen Einschnitt, und gibt ihn gleichzeitig nicht, da ist eine Synapse, eine Bindung, eine Dynamik, die sich unterscheidet von Übertragung und Gegenübertragung. In Israel gibt es einen Übergang von einem Innen zu einem Außen, das Handlung erfordert; da ist die Sirene und die Notwendigkeit, zu den Flüchtlingen zu gehen und dann wieder in eine Sitzung. In Gaza wurden unbehauste Kinder und Frauen von Israel aus der Luft angegriffen und wurden gleichzeitig von Männern, deren extremistische Opferideologie die Bereitschaft zum Tod forderte, gezwungen, an diesem Ort zu bleiben. Auf beiden Seiten gab es so viel Leid… Wie kann es weitergehen? Und doch machen wir weiter. Die Bindung, die Brücke ermöglicht es, sich von einer Seite auf die andere zu bewegen. 

Wie können wir das in der Analyse durcharbeiten? Welche Umstellungen nehmen wir in unserem Verständnis von Opfern und Tätern vor? Wie können wir die Furcht verstehen, die durch die unmittelbar bevorstehende Vernichtung durch einen Teil der Umgebung ausgelöst wird, und die Wirkung dieser Furcht auf einzelne Menschen? Wie können wir die Tendenz, auf die andere Seite zu schauen, angesichts des Leids des Anderen im Namen des sozialen Kontextes vermeiden? Wie können wir ein historisches Bewusstsein erwerben, ohne das theoretische Universum des intrasubjektiven und intersubjektiven Unbewussten der Psychoanalyse zu verlieren?

Innerhalb dieser Realität erwirbt der Rückzug (ins Behandlungszimmer) einen Hauch von Flucht vor Schmerz und Pseudo-Unabhängigkeit. Und obwohl ich spüre, dass diese Realität nicht völlig die meine ist, trage ich dazu bei, sie zu erzeugen, auch wenn ich nicht eingreife, weil ich Teil dieses Landes bin, und meine Beziehung zu Israel eine persönliche Bindung in sich trägt. Ich frage mich auch als Analytikerin: Wie kann ich vollständiges und ‘korrektes’ Erleben des historischen Bewusstseins aufrecht erhalten, ohne die Fähigkeit zu verlieren, den einzigartigen, festen Zustand zu erhalten, bestehend aus und zentriert auf dauerhafte Aufmerksamkeit, ein Zustand, der für die Psychoanalyse charakteristisch ist? 

III. Den Aufsatz von den ‘Glühwürmchen’ veröffentlichte Pasolini in Escritos corsarios (1975). Er prägte darin das poetische Bild von den Glühwürmchen, die unerbittlich ausgelöscht würden durch die Verschmutzung der Luft und der Flüsse. Eine Metapher, um auch das Verschwinden einer Form des Denkens und Fühlens der Menschen zu erklären, ein Verschwinden, das zu einer Indoktrinierung und einem Gehorsam führt, die ebenso gefährlich wie real sind. 

In seinem Buch Überleben der Glühwürmchen nimmt der französische Essayist Georges Didi-Huberman die apokalyptische Prophezeiung, die Pasolini vorgebracht hatte, wieder auf und entwirft ohne Dogmatismen eine hellsichtige Erwiderung, in welcher er noch Raum lässt für Hoffnung. Huberman meint, die totalitäre Maschine, die der italienische Dichter und Regisseur erkannt habe, will, dass wir genau das glauben, dass sie nämlich gesiegt hat, und dass sie uns von ihrem Sieg überzeugen will. Dies ist das Erste, was sie im menschlichen Denken zu verankern strebt, damit auf diese Weise jeder Widerstand erlischt, wie das Licht der Glühwürmchen. Dennoch verschwinden für Huberman die Glühwürmchen nicht, sondern fliegen weg. Wir sehen sie nicht mehr, weil wir darauf verzichten, ihnen zu folgen, sie zu suchen. Er leugnet nicht, dass es Gründe gibt, den derzeit herrschenden Pessimismus zu rechtfertigen, aber umso notwendiger sei es, mitten in der Nacht die Augen aufzumachen, unermüdlich umherzustreifen, Glühwürmchen aufzuspüren.

Und er fügt hinzu: ‘Nicht die Glühwürmchen seien zerstört worden, sondern vielmehr etwas, was zentral war für den Wunsch zu sehen’. Das Glühwürmchen als Widerstand gegen die Dunkelheit, als Licht für das ganze Denken, entschwindet schließlich unserem Blick und begibt sich an einen Ort, wo es vielleicht von jemand anderem wahrgenommen wird, dort, wo sein Überleben sogar beobachtet werden kann… Es hängt nur von uns selbst ab, schließt Huberman, dass wir die Glühwürmchen nicht verschwinden sehen, aber um dies zu erreichen, ‘müssten wir uns selbst zur Bewegungsfreiheit bekennen, zum Rückzug, der keine Einigelung ist, zur diagonalen Kraft, zur Fähigkeit, Parzellen der Humanität erscheinen zu lassen, zum unzerstörbaren Wunsch. Wir müssen uns deshalb selbst in Glühwürmchen verwandeln und so eine Gemeinschaft des Wunsches bilden’. Wir müssen uns zu Bewegungsfreiheit bekennen, damit der Rückzug nicht zu einer Einigelung wird. 

Literatur
Didi-Huberman, G. (2009). Survivance Des Lucioles, ‘Paradoxe’. Deutsch: Überleben der Glühwürmchen. München: Fink, 2012. 
Gampel, Y. (2005). Ces  Parents  qui  Vivent  a  Travers  Moi:  Les  Infantes  de  Guerres. Paris: Fayard.
Gampel, Y. (2016). La Pasión Herida: La Experiencia Subjetiva de una Analista Israeli. In De Panicos y Furias, La Clinica  del  Desborde. Ed. Alejandra  Vertzner  Marucco. Buenos Aires: Editorial SA Argentina, pp. 55-77.
Gampel, Y. (2017). Evil. In Talking about Evil Psychoanalytic, Social and Cultural Perspective. Ed. Rina Lazar. London: Routledge, pp 1-15.
Gampel, Y.  (2018). The frame as a border in a variety of settings. In Reconsidering the Moveable Frame in Psychoanalysis, Eds. I. Tylim & A. Harris. London: Routledge, pp. 167-175.
Gampel, Y. (2019). Transgenerational fallout. In The Handbook of Psychoanalytic Holocaust Studies  International Perspectives.  Ed. Ira Brener. London: Routledge, pp 103-110.
Pasolini, P.P (1978). Escritos corsarios. Sucre: Monte Avila.
Puget, J. &  Wender, L. (1982). Analyst and patient in overlapping worlds.  Psychoanalysis. 4: 502-503.

Übersetztung: Susanne Buchner-Sabithy, Wien
 

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