Verfolgung angesichts des “Anderen” - Ein junges mischkonfessionelles Paar im heutigen Indien

Dr. Jhuma Basak
 

Anhand ihrer Arbeit mit einem Paar erläutert Dr. Basak, wie aufgrund einer paranoid-schizoiden Spaltung in einer Gesellschaft, ein Mitglied einer Minderheit stigmatisiert und verfolgt wird.

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Dieser Aufsatz lenkt die Aufmerksamkeit auf die inner-psychischen Vorgänge des Individuums in seinem Bemühen, sich mit Gewalt und Grausamkeiten auseinanderzusetzen, denen sich der moderne Mensch heute in zunehmendem Maße ausgesetzt fühlt. Zudem wird das Phänomen der Angst vor Vernichtung und Auslöschung erörtet, von der sich der Einzelne in seiner Existenz vor allem dann massiv bedroht fühlt, wenn er sich wie in Indien mit soziokulturellen Konflikten und religiöser Intoleranz konfrontiert sieht. Das Hauptanliegen dieses Beitrags ist es,  der Frage nachzugehen, was inner-psychisch geschieht, wenn wir uns als Mensch solchen Grausamkeiten ausgesetzt sehen. In dem Bemühen, dies besser zu verstehen, soll in diesem Beitrag die Qualität der Widerstandsfähigkeit, anders gesagt, das Ausmaß an Belastbarkeit der menschlichen Psyche bzw. des psychischen Apparats untersucht werden, wobei sowohl die inneren als auch die äußeren daran beteiligten Faktoren ins Blickfeld gerückt und erörtert werden sollen.

Eine klinische Vignette:
Sabina ist 24 Jahre alt. Nachdem sie einen Psychiater konsultiert hatte, der ihr eine therapeutische Behandlung verordnete, kam sie schließlich in Begleitung ihres Ehemannes zu mir in die Praxis, um sich von mir psychotherapeutisch behandeln zu lassen. Sabinas Ausstrahlung und ihr Wesen wirkte auf mich eher ruhig und irgenwie abgeklärt. Anfangs sprach sie kaum. Es war ihr Mann, der mir die Situation, in der sie sich aktuell befanden, zu erklären versuchte. 

Es war eine Liebesheirat gewesen. Sie heirateten zwei Jahre nachdem sie sich kennengelernt hatten, und er um sie geworben hatte. Damit ihre Heirat überhaupt zustande kommen konnte, hatte es zuvor einer recht schwierigen Konfliktvermittlung zwischen den beiden Familien bedurft, weil Sabina Muslima ist und Rahul Hindu. In beiden Familien war der Widerstand gegen die Heirat groß gewesen, doch schließlich beugten sich die Familien der Entscheidung des Paares. Nachdem Sabina in den ersten 6 Monaten nach der Hochzeit mit ihrem Mann im Haus ihrer Schwiegereltern gelebt hatte, zogen sie dann in eine Mietwohnung um, in der Hoffnung, dass ihr alltägliches Leben von nun an weniger unter familiärer und religiöser Einmischung zu leiden haben würde. Rahuls Familie, die diesen von dem jungen Paar unternommenen Schritt nicht verstehen konnte, nahm ihnen das bedauerlicherweise ziemlich übel.

Als er seine Frau zu mir in Behandlung brachte, erzählte mir Rahul, dass Sabina fast vom ersten Tag an, nachdem sie beide in die neue Wohnung in einer gutbürgerlichen Gegend mit guter Mittelklasse-Nachbarschaft gezogen waren, Sabina damit angefangen hatte, ihm alle möglichen Vorwürfe zu machen. Sie war überzeugt davon, dass Rahul früher oder später genauso wie alle anderen Mitglieder aus seiner Familie werden würde – sie war der Überzeugung, dass er sie nicht mochte, geschweige denn, dass er sie liebte. Das sei auch der Grund, weswegen er so oft von zuhause weg und auf Reisen war. Und all das nur, weil sie eine Muslima sei! Dies ging dann schließlich sogar so weit, dass sie glaubte, er lasse sie vorsätzlich allein in ihrer neuen Wohnung, weil er nämlich beabsichtige, sie mithilfe eines “langsam wirkenden Giftes” zu Tode zu bringen, (damit meinte sie nicht, dass Rahul sie notwendigerweise tatsächlich “vergiften” würde, denn wenn er sie nur lange genug seelisch quälte, würde sie ohnehin früher oder später eines 'natürlichen' Todes sterben; oder sie wäre durch seine seelische Vernachlässigung indirekt zum Suizid gezwungen). So war sie also vollkommen davon überzeugt, dass Rahul eines Tages einen Weg finden würde, sie auf die ein oder andere Weise loszuwerden und zu töten. Trotz zahlreicher Beteuerungen seiner Liebe zu ihr und wiederholter Appelle an ihr Urteilsvermögen und ihren gesunden Menschenverstand, konnte er sie nicht vom Gegenteil überzeugen. Für sie war es wahr. Er versuchte, ihr gut zuzureden und sie mit Vernunftargumenten zu überzeugen, dass das nicht wahr sei – was hätte er denn davon, wenn er jemandem, den er so sehr liebte wie sie, so etwas Furchtbares antun würde, und den er noch dazu ganz offensichtlich so sehr liebte, dass er dafür sogar in Kauf genommen hatte, dass sich seine gesamte Familie von ihm abwandte. Was seine häufigen Reisen betraf, so erklärte Rahul seiner Frau, dass dies tatsächlich damit zusammenhänge,  dass sein derzeitiges Berufsprofil höher designiert sei, was für ihn eine Zunahme der Aufträge und somit mehr Arbeit bedeute. Mannchmal war Sabina dann zwischenzeitlich wieder überzeugt von Rahuls Liebe zu ihr und seiner Hingabe und Treue, doch hielt das nie lange an. Es kam immer häufiger zu Streitereien und heftigen Auseinandersetzungen zwischen den beiden, so dass ihre Beziehung bald dauerhaft von Streit und Unfrieden überschattet wurde. 

Nach ein paar Sitzungen mit Sabina war es mir schließlich gelungen, dem Kern des Rätsels näher zu kommen. Ich erfuhr von Sabina, dass sie seit sie in ihre neue Wohnung gezogen war den “Hänseleien” der Jungen, die im selben Gebäude wohnten wie sie, ausgesetzt war. Die meisten von ihnen waren zwischen 13 und 14 Jahre alt. Obwohl sie also noch ziemlich jung waren, fiel es Sabina schwer, mit ihnen und ihrem Verhalten ihr gegenüber zurecht zu kommen. Jedenfalls hatte sie ein unbehagliches und ungutes Gefühl in diesem Mehrfamilienhaus zu wohnen. Die Jungen riefen ihr einige umgangssprachliche abfällige Bezeichnungen für Muslime hinterher. Sabina versuchte, ihnen aus dem Weg zu gehen, doch sie führten sie regelmäßig hinters Licht und spielten ihr alle möglichen Streiche. Da Sabina dachte, es sei ja nie wirklich etwas Ernstes, was die Jungen da taten, hatte sie es ihrem Mann gegenüber auch nie erwähnt. Irgendwie hätte sie es auch als beschämend empfunden, sich über ein paar kleine Jungen zu beklagen, und noch dazu wegen ein paar verbaler “Hänseleien”, die auf ihr Muslimsein abzielten. Sie wollte sich aber auch nicht bei den Müttern der Jungen beklagen, weil das nur umso mehr die Aufmerksamkeit der anderen auf die Tatsache gelenkt hätte, dass sie eine Muslima ist. Sie hatte auch immer das Gefühl, sie müsste dort, wo sie jetzt wohnt, die Tatsache, eine Muslima zu sein, irgendwie kleinreden. All das nagte an ihr und setzte ihr innerlich zu, während sie niemandem ein Wort davon sagte. Anfangs waren es nur die paar kleinen Jungen aus dem Mietshaus, in dem sie wohnte, aber bald kamen einige Jungendliche aus der Nachbarschaft dazu, die so ungefähr 20 bis 24 Jahre alt waren. Nach und nach nahmen ihre Streiche andere Dimensionen an: eines nachmittags schoben sie ihr eine Postkarte unter der Eingangstür durch in ihre Wohnung. Auf die Postkarte hatten sie Schmähworte gegen Muslime geschrieben. All das behielt sie für sich. Sie zerriss sogar die Postkarte, damit Rahul sie nur ja nicht zu lesen bekam. Bei einer anderen Gelegenheit versuchten sie ihren Sari anzuzünden, den sie zum Trocknen auf den Balkon gehängt hatte, so dass tatsächlich ein Zipfel des Kleidungsstücks verbrannte. Oft sangen sie anrüchige Lieder aus indischen Filmen. Wenn sie auf der Straße oder im Korridor an ihnen vorbei ging, kam es immer häufiger vor, dass sie gemeinsam selbsterfundene Reime sangen, in denen ihr Vorname vorkam und in denen quasi davor gewarnt wurde, zu Sabina nach Hause zu gehen und dort zu essen, was sich etwa so anhörte: “Sabina nicht essen gehen – Sabina nicht gehen nach Haus!” Damit wollten die Jugendlichen signalisieren, dass sie, weil sie eine Muslima ist, zu meiden sei, und dass man zu so jemandem nicht nach Hause ging und schon gar nicht dort aß. Während Sabina nun gleichzeitig indirekt ein inneres Verbot in sich etablierte, das ihr jegliche aktive Beteiligung am sozialen Leben der Gemeinschaft untersagte, um nur ja nicht etwa mit Menschen aus ihrer Nachbarschaft zusammenzutreffen und mit ihnen gemeinsam essen gehen zu müssen, wurde sie also schließlich selbst zur Vollstreckerin dieses verinnerlichten Verbots. 

Sabinas Ansicht nach war es unter ihrer Würde, Rahul irgend etwas von diesen 'Trivialitäten' zu sagen. Die Tatsache, dass sie eine Muslima war, war für Rahul bislang auch nie ein Problem gewesen und sie beide hatten es bis vor Kurzem nie als ein Problem empfunden, über das zu sprechen es sich überhaupt lohnte. Tatsächlich war sie selbst vielleicht am meisten davon überrascht, dass sie auf einmal Vorwürfe gegen Rahul vorbrachte, die im engeren Sinn mit dem Thema der Mischkonfessionalität Hindu-Muslim zu tun hatten. Nun gab es dann allerdings in ihren Sitzungen immer häufiger introspektive Momente, in denen sie zu tieferen Einsichten gelangte und sich wirklich darüber wunderte, weswegen sie sich ihrem Mann gegenüber auf diese Weise verhielt, d. h., warum sie ihm tatsächlich Dinge vorwarf, die er ihr nie angetan hatte. Doch gleichzeitig damit kam auch zum Vorschein, was sie sich innerlich von Rahul wirklich gewünscht hätte, nämlich dass er ihre Isolation und Ausgrenzung innerhalb dieser Nachbarschaft in diesem Mietsgebäude, auch ohne dass sie darüber sprach, hätte intuitiv erkennen und verstehen können. 

Nachdem sie dann mit Rahul gesprochen hatte, wurde ihm schließlich klar, dass anders als er es sich vorgestellt hatte, sie nicht inmitten einer Nachbarschft “gutbürgerlicher Mittelschicht” wohnten, wo Sabina sich sicher und aufgehoben fühlen konnte, sondern dass im Gegenteil diese Nachbarschaft die treibende Kraft gewesen war, die Sabinas emotionales Chaos überhaupt erst in Gang gesetzt hatte. Rahul war es überhaupt nicht aufgefallen, dass in der Gegend, in die sie gezogen waren, überwiegend 'Hindu'-MIttelklassefamilien wohnten. Er war bislang noch nie mit der Notwendigkeit konfrontiert gewesen, zu sehen und selbst zu erleben, wie es ist, wenn Hindus und Muslime gemeinsam an einem Ort ohne äußere Grenzziehungen zwischen ihnen zusammenleben. Erst mit Beginn seiner Beziehung zu Sabina bzw. seiner Heirat mit ihr hatte Rahul überhaupt so etwas wie ein Bewusstsein für die tiefe Spaltung dieser beiden konfessionellen Gruppen entwickelt. 

Nachdem Sabina mehrere Monate lang regelmäßig zu ihren Sitzungen bei mir gekommen war, und nachdem ich dann mit beiden gemeinsam, Sabina und Rahul, ein offenes Gespräch geführt hatte, gelang es Rahul schließlich, gewisse Dinge besser zu verstehen, die ihm Sabina vorgeworfen hatte. Sie hatte sich etwa häufig darüber beklagt, sie könne nicht einmal ihre Kleider zum Trocknen auf den Balkon hinaushängen, weil die anderen sie dabei beobachten und dann ihre Kleider anzünden und verbrennen würden, bis sie dann womöglich eines Tages am Ende sie selbst bei lebendigem Leibe zu verbrennen gedachten. Oder, als es ihr dann doch einmal gelungen war, sich zu überwinden und Rahul die Wahrheit über die Jungen aus der Nachbarschaft zu erzählen, die sie fortwährend ärgerten und ihr hinterher riefen, man dürfe ja nicht zu Sabina nach Hause gehen und nicht bei ihr essen, weil sie eine Muslima ist, da hatte Rahul angenommen, dass dies nur wieder einmal eine der unvernünftigen Einbildungen seiner Frau war, die für ihn keinerlei Sinn ergab. Und wenn die Jungen solche Sachen zu ihr sagen würden, so meinte Rahul lediglich, dann dürfe sie das eben nicht so ernst nehmen, da es doch schließlich nur Kinder seien, die früher oder später damit aufhören und sie vergessen würden, sobald sie ein anderes, für sie interessanteres Spiel für sich entdeckt hätten. Insbesondere diese Bemerkung hatte Sabina ihm übel genommen, weil er nur so irgendwie beiläufig und leichtfertig dahin gesagt hatte, sie sei eben derzeit nun mal der bevorzugte Gegenstand des Amusements und der Unterhaltung der Jungen, an dem sie dann sicherlich schon bald wieder das Interesse verlieren würden. 

Als Rahul mit der Zeit immer besser verstehen und nachvollziehen konnte, was da wirklich vor sich gegegangen war, war er zutiefst erschüttert darüber, und er fühlte sich auch schuldig für seine leichtfertige und gleichgültige Haltung gegenüber Sabina und auch dafür, ein Hindu zu sein. Sabina lag ihm sehr am Herzen, weswegen er sofort beschloss, in eine andere, weltoffenere Wohngegend zu übersiedeln. Er zog sogar in Erwägung, in eine überwiegend von Muslimen bewohnte Gegend zu ziehen, für den Fall, dass Sabina sich dort wohler und sicherer fühlen würde. Es war erstaunlich zu sehen, was für eine zentrale Rolle die Idee religiös motivierter Ausgrenzung – ob nun Hindu oder Muslim - bei der Entscheidung des Wohnungswechsels spielte, was mir deutlich machte, wie dies unsere eigenen, in unserem Bewusstsein tief verankerten 'Ghettos' wiederspiegelt.   

Sabina setzte ihre Therapie bei mir fort, auch nachdem Rahul und Sabina in ihre neue Wohnung gezogen waren, und zwar in eine Gegend, wo viele Familen lebten, in denen sowohl der Mann als auch die Frau arbeiteten. Sie sprach eindeutig besser auf die Behandlung an, und vor allem fühlte sie sich wohler, nachdem sie ihre eigenen persekutorischen Phantasien und Gegenaggressionen von den äußeren Faktoren zu unterscheiden gelernt hatte, während sie allerdings gleichzeitig auch durch die reale Veränderung ihrer Wohnsituation nun mit ihren neuen Nachbarn in Frieden leben konnte. Nach und nach realisierte sie, dass sie sich über Rahuls Verhalten und Motivationen tatsächlich falsche und irrige Vorstellungen gemacht hatte, zu deren Zustandekommen sie teilweise auch selbst beigetragen hatte, was nicht nur sie innerlich fast zerrissen hätte, sondern auch ihrer beider Beziehung für ein Jahr lang auf eine echte Zerreißprobe gestellt hatte. Wie kaum anders zu erwarten, brachte dies im Laufe der Behandlung tiefer liegende Inseln persekutorischer Ängste zum Vorschein, die aus einer Zeit stammten, als sie noch ein Kind und in ihrer Herkunftsfamilie aufgewachsen war.  

Sabina war als Muslima eine singuläre Repräsentantin ihrer Konfession, die sich aus einer überwiegend von Hindus bewohnten Lokalität heraushob. Aufgrund ihrer Identität als Muslima hatte sie als Nachgeborene die Bürde einer vor ihrer Zeit erfolgten historischen Teilung zu tragen (d. h.,  sie verkörperte die Erinnerung an die im Jahr 1947 erfolgte Spaltung Indiens, wo durch die politische Trennung Indiens von Pakistan auch der Konflikt zwischen Muslimen und Hindus besiegelt wurde, da Pakistan sich in erster Linie als ein muslimischer Staat verstanden wissen wollte, während Indien auch weiterhin ein säkularer Staat blieb, aber mit einer deutlichen Hindu-Mehrheit). Nun war Sabina diejenige gewesen, die man erkoren hatte, die “Andere” zu sein, anders gesagt, man hatte sie stigmatisiert und zu dem Objekt gemacht, das alle bösen Eigenschaften in sich vereinte, also zu jemandem, der von der Mehrheit isoliert, ausgeschlossen und verfolgt werden musste. In dem Versuch, das eigene Selbst zu schützen, erhob das paranoid-schizoide Selbst den Anspruch “all das Gute” in sich zu vereinigen, was massive Ängste zur Folge hatte, die sich dann wiederum in persekutorischer Vergeltung Luft machten. Wie es Stephen Mitchell formuliert hat, ist es durchaus möglich, dass Aggression eine Reaktion auf den drohenden psychischen Selbstverlusts ist, wobei die Bedrohung infolge projektiver Prozesse als von außen, d. h., vom “Anderen” kommend erfahren wird.

In dem oben von mir beschriebenen Fallbeispiel sehen wir, wie “historische Realität” und “psychische Realität” einen zusammenwirkenden Effekt auf Sabina ausüben. Es ist beunruhigend und erschreckend festzustellen, wie die besondere Qualität der Angriffe gegen Sabina alle möglichen Schattierungen von Gewalt aufweist, die alle Grenzen verwischt und zum Verschwinden bringt – seien sie nun religiöser, kommunaler oder sexueller Natur. Mit fortschreitender Therapie gelingt es Sabina ganz allmählich eine immer engere Verbindung zwischen ihrem Ich / ihrem sich entwickelnden Selbst und der depressiven Position entstehen zu lassen, was ihr schließlich dazu verhilft, einen Innenraum bzw. 'Container' in sich zu kreieren, der es ihr dann vor allem auch möglich macht, eine gewisse Belastbarkeit und Widerstandsfähigkeit gegen die soziale und kulturelle Ausgrenzung zu entwickeln. Die therapeutische Arbeit zentrierte sich natürlich vor allem auf Sabinas psychische Realität, wohingegen das Paar sich mit der unmittelbaren sozialen Wirklichkeit auseindersetzte, indem es sich etwa dazu entschloss, sich ein Appartment in einem kosmopolitischeren Stadtteil zu suchen.   

Was trotz allem zutiefst alarmierend ist, ist das Verhalten und die Gesinnung der Jugendlichen aus Sabinas Wohngegend, deren paranoid-schizoide Spaltung sich ohne irgendwelche Skrupel die Ausgesetztheit und Verletzlichkeit eines am Rande der Gemeinschaft lebenden singulären menschlichen Individuums zunutze macht, um auf seine Kosten ihr tagtägliches grausames Spiel mit ihm zu treiben und so den “Anderen” immer wieder aufs Neue in personifizierter Form in ihrer Psyche zu konstruieren und zu etablieren, wobei die Gesellschaft einfach nur tatenlos und ohne einzugreifen zusieht. Jene Gewalt, die sich hinter harmlosen Kinderspielen verbirgt, die sich hinter religiösen Opferhandlungen versteckt, oder sich als Gemeinschafts- bzw. Familienehre tarnt, ist vielleicht das gravierendste, und am schwierigsten zu durchschauende und einer etwaigen Lösung zuzuführende Problem. Dies stellt eine ganz besondere Herausforderung für die Psychoanalyse in einem sich gegenwärtig im Umbruch befindlichen Indien dar. Freud äußerte sich in “Das Unbehagen in der Kultur” dahingehend, dass die Gesellschaft für das Ausleben des individuellen Todestriebs entsprechende Möglichkeiten zur Verfügung gestellt hat, etwa unter dem Deckmantel eines vereinigten Kollektivs in ihren zahllosen Kriegen. Des Weitern findet der Todestrieb ein Ventil in Verbindung mit dem Eros, getarnt als übertriebener Patriotismus bzw. Idealismus. Auf diese Weise erfährt der Todestrieb nachgerade eine Rechtfertigung bzw. Glorifizierung für die Implementierung seiner destruktiven Impulse.

Im Anschluss an diese Überlegungen stellt sich die Frage, inwieweit die Psychoanalyse über Mittel und Möglichkeiten verfügt, die angesichts einer Situation hilfreich sein könnten, wo wir uns als Analytiker mit der Angst des Individdums vor der Vernichtung des Selbst konfrontiert sehen, sowie der Angst vor dem Beraubtwerden jedweder Würde durch eine fremde Gemeischaft oder auch einen Einzelnen, kurz gesagt, der Angst vor vollkommenem Selbstverlust. In ihrem Aufsatz 'Fundamentalism, Father and Son, and the Vertical Drive' ['Fundamentalismus, Vater und Sohn, und der der vertikale Trieb'] widmet sich Ruth Stein genau dieser Problematik, wobei sie zurecht darauf aufmerksam macht, dass die fundamentalistische Gesinnung ihren Ursprung in einer tief sitzenden Angsterfahrung hat, die das Ich in äußerster Hilflosigkeit zurücklässt. Stein ist der Ansicht: “Fundamentalismus impliziert nicht nur Rigorosität, Rigidität und ein buchstäbliches unbedingtes Festhalten an etwas, sondern diese Gesinnung ist vielmehr vollkommen durchdrungen von einer libidinösen Dimension des Begehrens.” Anhand des von mir hier geschilderten Falls können wir nachvollziehen, wie auf den ersten Blick harmlos erscheinende, vergnüglich lustvolle und unschuldige Kinderspiele und von Jugendlichen gesungene anzügliche Lieder als Initialzündung dienten, die diese zutiefst problematische libidinöse Dimension schließlich zum Explodieren brachte. 

Das heutige Indien bemüht sich auch weiterhin in Dialog zu treten, um zu einer Verständigung über gemeinsame Regeln für ein friedliches und harmonisches Zusammenleben zwischen Hindus und Muslimen zu gelangen. Ich denke, es wäre eine gute Idee, sowohl im Rahmen der Kommunen und Gemeinden sowie vielleicht auch in einem weiteren Sinne im klinisch-therapeutischen Rahmen einen festen Platz bzw. eine feste Plattform zu etablieren, um ein größeres Bewusstsein dafür zu entwickeln, wie wichtig es ist,  dass wir nicht in unserem Bemühen nachlassen dürfen, der Versuchung entschieden zu widerstehen, die Ausgrenzung des “Anderen” mit irgendwelchen romantisch verbrämten Ansichten oder leidenschaftlich überhöhten und idealistischen Vorstellungen zu rechtfertigen. 

Literatur
Freud. S. (1922), Massenpsychologie und Ich-Analyse. Gesammelte Werke 13. 
Klein, M. (1937), Liebe, Schuldgefühl und Wiedergutmachung. In: Gesammelte Schriften. Band 1. Teil 2. Schriften 1920-1945. Stuttgart-Bad Canstatt: frommann-holzboog, 1996.
Mitchell, S. A. (1988), Relational Concepts in Psychoanalysis: An Integration, Cambridge, MA: Harvard Univ. Press.
Stein, R. (2006), Fundamentalism, Father and Son, and Vertical Desire. The Psychoanalytic Review. 96: 2.
Varvin, S. & Volkan, D. Vamik Eds. (2003): Violence or Dialogue: Psychoanalytic Insights On Terror & Terrorism. London: IPA Publications.
Winnicott, D. W. (1963), Die Entwicklung der Fähigkeit der Besorgnis. In: Reifungsprozesse und fördernde Umwelt. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag, 1984. 

Aus dem Englischen übersetzt von M.A. Luitgard Feiks und Jürgen Muck, Nürtingen a. N.
 

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